Vielseitiges Gedenken: Zum 100.
Geburtstag des Baden-Badener Schriftstellers
Reinhold Schneider. Feierlichkeit im
Münster.
Eine moralische Instanz der
Nachkriegszeit
"Das ist der Stock von Reinhold
Schneider und das sein Weinglas." Der Freiburger
Maler und Bildhauer Hans-Günter van Look zeigt
die Gegenstände den Besuchern seiner privaten
Schneider-Gedenkstätte. Bis zu seinem Tode
1958 hatte der Schriftsteller, der um die Ecke
wohnte, enge Kontakte zu der Familie van Look.
In diesem Jahr wäre der am 13. Mai 1903
geborene Schneider, der zu den wichtigsten
christlichen Autoren des 20. Jahrhunderts
gezählt wird, 100 Jahre alt geworden.
Anlässlich des Jubiläums findet am
kommenden Sonntag, dem 45. Todestag Schneiders, im
Freiburger Münster ein ökumenischer
Gottesdienst statt.
Der 1939 geborene van Look schwärmt noch heute
von dem 2,04 Meter großen "Onkel Reinhold".
Ein Raum der Wohnung, die Schneider während
seiner Freiburger Jahre regelmäßig
besuchte, ist Privatmuseum geworden. Bilder, Fotos
und Plakate zeigen den Schriftsteller oder weisen
auf Schneider-Tagungen hin. Ein großer
Schrank ist voll mit seinen Handschriften. Noch hat
sich van Look nicht entschieden, welcher
Institution er die kostbaren Aufzeichnungen
zukommen lassen wird. Von 1938 bis zu seinem Tode
am 6. April 1958 lebte Schneider in Freiburg in der
Mercystraße 2. Dort erinnert eine Gedenktafel
an den Schriftsteller.
Viele Menschen, vor allem junge, werden mit seinem
Namen nichts anfangen können. Vielleicht sind
die Veranstaltungen zum 100. Geburtstag Schneiders
für manchen ein Anstoß, eines der
Bücher Schneiders in die Hand zu nehmen. Schon
im Februar hatte es in der Katholischen Akademie in
Freiburg eine Tagung zum Thema "Religion und
Kultur. Die Aktualität Reinhold Schneiders
für die Gottesfrage heute" gegeben.

Reinhold Schneider - Büste von Albert
Schilling, 1954
Auf dem von der Reinhold-Schneider-Gesellschaft aufgelisteten
Jubiläums-Programm steht für 9. April in
der Badischen Landesbibliothek Karlsruhe die
Eröffnung einer Sonderausstellung
zu Leben und Werk des
Schriftstellers. Im Mai erscheint eine
Sonderbriefmarke der Deutschen Post zu Schneiders
100. Geburtstag, die Schneider-Gesellschaft
verleiht ihre Reinhold-Schneider-Plakette, in
Schneiders Geburtsstadt Baden-Baden findet ein
öffentlicher
Festakt statt und eine Gedenktafel wird
enthüllt.
Am Geburtstag selbst, dem 13. Mai, finden in
Karlsruhe und Freiburg Gedenkveranstaltungen statt.
Eine Studientagung beschäftigt sich neun Tage
später in Nürnberg mit dem Thema
"Reinhold Schneider - Die Frage nach Gewalt und
Gewissen". Ob diese Veranstaltungen helfen,
Reinhold Schneider wieder aktuell werden zu lassen,
ist ungewiss. Ein volkstümlicher
Schriftsteller war Schneider nie. In der NS-Zeit
übte er geistigen Widerstand. Gedichte von ihm
wie das Sonett "Der Antichrist" mit seiner
unübersehbaren Anspielung auf Adolf Hitler
gingen von Hand zu Hand. Schneiders Literatur des
inneren Widerstandes gegen den Nationalsozialismus
und seine Rolle als geachtete moralische Instanz in
der Nachkriegszeit und den ersten Jahren der
Bundesrepublik sind heute vor allem eine Sache von
Fachleuten.
© BT, 3. April 2003
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