Vielerorts, vor allem im
südwestdeutschen Raum, wurde dieses Jahr des
100. Geburtstags des Schriftstellers Reinhold
Schneider (13.5.1903 – 6.4.1958) aus Baden-Baden
gedacht. Die Glocken der Stiftskirche von
Baden-Baden tragen seine Inschriften, eine Strasse,
Sackgasse, weist auf den Schriftsteller Reinhold
Schneider hin. Doch schon beim örtlichen
Gymnasium macht die Verehrung des bereits zu
Lebzeiten, ob vor oder nach der NS-Ära,
weitgehend isolierten Schriftstellers halt. Sein
dichterisch-schriftstellerisches Werk steht im
Banne von Glaube, Liebe, Hoffnung. Daneben spricht
Schneider wiederholt von Schuld und Sühne, von
Übeltat und Strafe in der Geschichte. So im
Falle von Portugal, das als Strafe Gottes für
seine "bacchantische" Ostindien-Eroberungen 60
Jahre als identitätslose Kolonie des
Nachbarlandes Spanien leben musste. In Bezug auf
die vielerörterte Liebe spricht man im Falle
Reinhold Schneiders besser von der christlichen
"Caritas", der Nächstenliebe. Die weltliche
Spielart der Liebe lässt ihn eher kalt.
Schneider besaß wohl eine
Lebensgefährtin in Marie Baumgarten, doch war
sie rund 20 Jahre älter als er und zuvor seine
Zimmerwirtin. Als solche hatte sie ihm das Leben
gerettet, aus dem er – wenig katholisch ! – durch
Selbstmord scheiden wollte. Aber dadurch beschwor
sie seine lebenslängliche Anhänglichkeit
an sie herauf. Am besten gedieh ihm die Hoffnung,
vor allem als Erlösung vom Leid, als
Analgetikum gegen körperliche oder geistige
Lebensschmerzen. Jedoch : Seinen Non-Konformismus
in Sachen christlicher Religion stellte er noch
1954 unter Beweis, als er – wiederum sich
öffentlich abgrenzend, auch innerhalb der
katholischen Kirche Deutschlands – gegen die
Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, d.h. gegen die
Einführung der Bundeswehr, Stellung bezog.
Hotelpalais "Messmer"
Das Mysterium Reinhold Schneider
wird verständlich, greift man aus seiner
Biografie wesentliche Begebenheiten, Orte und
Menschen, heraus. Zunächst sein Elternhaus,
das zur Kaiserzeit florierende Hotelpalais
"Messmer". Bei seinen Großeltern Messmer, die
Ruf und Ansehen der Nobelherberge in Baden-Baden
begründeten, verbrachte alljährlich Prinz
Wilhelm von Preußen gemeinsam mit Gattin
Augusta seine Sommerfrische. Man stelle sich vor :
Ausgerechnet der "Kartätschenprinz", wie ihn
die 1848er badischen Revolutionäre historisch
verunglimpften, der den Aufstand im
Großherzogtum Baden militärisch mit Blut
und Eisen, juristisch mit drakonischen
Gefängnisstrafen niederwarf, stieg
regelmäßig in Reinhold Schneiders
großelterlichem Hotel ab! Diese Kämpfe
im aufständischen Baden 1848 können sich
durchaus mit den Geschehnissen während der
Pariser "Commune" 22 Jahre später messen. Der
Enkel Reinhold Schneider berichtet autobiografisch
sogar von einem Besuch Wilhelms II., der seinem
Großvater gern den Beinamen "Wilhelm der
Große" verliehen hätte, im elterlichen
"Messmer". Im Gegenzug besuchte der badische
Schriftsteller den abgedankten Kaiser Wilhelm II.
kurz vor dessen Tod 1940 im holländischen Exil
in Doorn. Mit Fürsten, Grafen, wohlhabenden
Bürgern und königlich-kaiserlichen
Majestäten war das "Messmer" emporgekommen. So
ging es nach 1918 rasch bergab mit ihm, nachdem die
Weimarer Republik die Adelsprivilegien abschaffte.
Rasch verkaufte der Vater das Hotelpalais. Es wurde
1921 gar versteigert und wohl aus Gram über
die Schande und Mittellosigkeit, in der die Familie
jetzt leben sollte, nahm sich Wilhelm Schneider das
Leben. Der Sohn, von Privatlehrern erzogen,
Abiturient 1912 am Realgymnasium Baden-Baden, ohne
Beruf, zog nach Berlin, dann Potsdam. Zunächst
ohne feste Anstellung lernte er rasch Spanisch und
Portugiesisch, wurde vorübergehend
Übersetzer in einer Handelsfirma. Doch schon
bald ging er auf ausgedehnte Reisen nach
Südeuropa, wurde nach der Rückkehr freier
Schriftsteller und Übersetzer.
Strafe und Vergeltung
Der Autor Reinhold Schneider war
ein Leidender. Das Wunder Gottes war für ihn
der Kranke, d.h. der leidende Mensch. Immer
stärker und mächtiger wird dieses den
Menschen Reinhold Schneider zuletzt allein tragende
Gedankengebäude der katholischen Lehre: Strafe
und Vergeltung, Schuld und Sühne. Im Jahr 1944
läßt er illegal vom Verleger Joseph
Rossé im Elsass seine "Sonette" drucken, die
als Gebetbücher in Deutschland wie auch an der
Ostfront unter Soldaten zirkulieren. Ein knappes
Jahr später wird er als "Defätist" und
Widerstandskämpfer des Hochverrats angeklagt,
doch rettet ihn das Kriegsende Mai 1945 vor Strafe.
Wieder ein Jahr später, 1946, schreibt er, der
politisch tiefenttäuschte, jedoch wieder neu
hoffende Schriftsteller, von der "Heimkehr des
deutschen Geistes". Er kämpft nun nicht mehr
gegen das übermenschlich starke Böse,
sondern für das Gute, das Richtige. Deshalb
wendet er sich so entschieden gegen die
Wiederbewaffnung der Bundesrepublik, gegen die
Bundeswehr. Nun ist er erneut isoliert in Freiburg
i. Breisgau., wo er nun lebt. Sein politisches
Credo lautet : Der Mensch dürfe sich nicht
soviel anmaßen, keiner glaube, er könne
den Weg eines ganzen Volkes allein und richtig
bestimmen. Dafür bedürfe er der Hilfe und
Gnade Gottes. Schwer war der Schicksalsschlag, als
er Ende März 1958 erfuhr, dass das dem inneren
Sehen nie entschwundene väterliche Hotel
"Messmer" nun endgültig vom Abriss bedroht
war. Eigens kehrte er in Begleitung seiner
Lebensgefährtin Marie Baumgarten nach
Baden-Baden zurück, in seine alte Heimat, sah
Tag für Tag den Arbeitern zu, wie sie
Stück für Stück, Stein für
Stein abtrugen vom großen väterlichen
Erbe : Das Heim seiner Väter war
unwiederbringlich verloren. Nur wenige Tage
später, am Ostersamstag 1958 stürzte der
baumlange Mann, nicht einmal 55 Jahre alt, auf den
Straßen Freiburgs. Er zog sich einen
Schädelbasisbruch zu und verstarb am Tag
danach, Ostersonntag, dem 6. April 1958 im
Freiburger Loretto-Krankenhaus. Sein Herz hatte
eine neue Heimat in der Ewigkeit gefunden.
Dieser Beitrag von Richard E.
Schneider (Tübingen) ist am 27.12.2003 in der
Zeitung "L'Alsace" (Mühlhausen/Elsass)
erschienen.
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