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9.12.2006-25.2.2007
LOST & FOUND
UNGARN IM SPIEGEL SEINER ZEITGENÖSSISCHEN
KUNST
»Dass die Ungarn nicht wissen, wer sie sind,
steigert ihr Bedürfnis nur umso mehr, es
Nicht-Ungarn erklären zu wollen.«
(Lászlo Márton, 2004)
Einen besonderen Hang zur Selbstbefragung hat
Lászlo Márton den Ungarn bescheinigt.
Allzu häufig würden sie über die
eigene Identität grübeln. Wenn die Ungarn
jedoch jemandem zutrauen, Abhilfe aus diesem
Dilemma zu schaffen, so ist es mit
größter Wahrscheinlichkeit ein
Schriftsteller. In der aktuellen Diskussion sind
Literaten und Künstler viel gefragte Fachleute
in der Deutung der politischen Geschichte und - eng
damit verknüpft - der
Mentalitätsgeschichte ihres Landes. So wie in
Ungarn »ohne Gedichte keine Revolution«
(György Konrád) zu bestreiten sei, so
sehr vertraut man sich Künstlern an, wenn es
heute darum geht, die eigene Vergangenheit ins
rechte Licht zu rücken und das
gegenwärtige Leben zu reflektieren. Denn
ungarische Künstler und Literaten sind bekannt
dafür, dass sie sich wie einst in ihren
Budapester Kaffeehäusern in einer
»doppelten Kunst« üben: Sie nehmen
die Umstände des Lebens durchaus ernst und
weisen sie gleichzeitig mit ironischer Geste von
sich. Auf produktive Weise verbinden sie ihre
Innenperspektive in intimer Kenntnis der
Verhältnisse einerseits, mit einer aus
ästhetischer und mentaler Distanz bezogenen
Außenperspektive andererseits.
Diese doppelte Perspektive scheint verinnerlicht
und wird insbesondere von einer jüngeren
Generation von Künstlern in Ungarn heute
wieder fruchtbar gemacht. Gerade in der 1989
eingeleiteten Phase des Umbruchs, in der sich die
ungarische Gesellschaft erneut auf die Suche nach
der eigenen Identität macht, hinterfragen
junge Künstler ihre Rolle innerhalb der
Gesellschaft. Die Positionen der Ausstellung
vermitteln ein gebrochenes Selbstbild der
Künstler und entsprechend vertiefte Einblicke
in die Gesellschaft. Einige Arbeiten dienen der
individuellen Bewältigung der Vergangenheit -
von der Zerschlagung der k.u.k-Monarchie (Ilona
Lovas) bis zur Aufarbeitung des Lebens im
kommunistischen System (Gábor Gerhes).
Andere Exponate legen den Fokus auf die Gegenwart,
die politischen und gesellschaftlichen
Entwicklungen und Veränderungen seit der
Wende.
In einem heutigen Umfeld existentieller
Unsicherheit bot Zsolt Keserue 2003 den Stimmen der
Bewohner der Industriestadt
Dunaújváros ein Forum. Seine
»Klagemauer« ist ein Stück
künstlerisch initiierter Basisdemokratie, ein
Ansatz zu einer konstruktiven Klage-Kultur, die im
Kommunismus systematisch unterdrückt bzw.
systemkonform gelenkt wurde.
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»Lost & Found«
präsentiert 18 künstlerische Positionen
mit teils für die Ausstellung konzipierten und
realisierten Arbeiten. In Gemälden, Objekten,
Installationen, Foto- und Videoarbeiten setzen die
beteiligten Künstler mit Scharfsinn und Humor
Akzente auf gewöhnlich-ungewöhnliche
Situationen und Gegenstände des ungarischen
Alltags. Wer in dieser Ausstellung Marika
Rökk, Paprikawurst oder Kaffeehaus-Romantik
erwartet, wird enttäuscht werden. Sein
altvertrautes Bild von Ungarn wird der Besucher
nicht wieder finden. Im besten Fall kommt ihm
dieses Bild in der Auseinandersetzung mit den
ausgestellten Werken Schritt für Schritt und
in dem Maße abhanden, in dem er ganz neue
Eindrücke gewinnt: Lost and Found.
Die von Fritz Emslander kuratierte Ausstellung wird
mit Mitteln des Ministeriums für Wissenschaft,
Forschung und Kunst, Baden-Württemberg und des
Ministeriums für Bildung und Kultur der
Republik Ungarn unterstützt. Sie findet statt
im Rahmen von »Ungarischer Akzent«, des
ungarischen Kulturjahres in Deutschland 2006/2007.
(PR)
Zur Ausstellung erscheint ein Katalogbuch mit
Essays von László Beke und Fritz
Emslander sowie einleitenden Texten zu allen
Künstlern und Exponaten (Snoeck Verlag,
Köln, 136 Seiten, ca. 220 Abbildungen.
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Staatliche Kunsthalle
Baden-Baden
Lichtentaler Allee 8,
76530 Baden-Baden
Telefon 07221-30076-3
Telefon (Kasse) 07221-18360
Öffnungszeiten:
Dienstag–Sonntag 11–18 Uhr, Mittwoch 11–20
Uhr, Montag geschlossen.
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