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Geschichte der Kunsthalle
Baden-Baden
Der Ostersonntag des Jahres 1909,
der 3. April, war ein ganz besonderer Tag für
Baden-Baden. Das großherzogliche Paar reiste
mit Gefolge an, um der Stadt erstmals einen
offiziellen Besuch abzustatten und darüber
hinaus der feierlichen Eröffnung der I.
Deutschen Kunstausstellung im neu erbauten Haus an
der Lichtentaler Allee beizuwohnen.
Großherzog Friedrich I., ein großer
Kunstförderer, hatte das Vorhaben
unterstützt. Da er am 28. September 1907
verstorben war, blieb es seinem Sohn
Großherzog Friedrich II. vorbehalten, durch
seine Anwesenheit dieser Ausstellungseröffnung
die Aufmerksamkeit einer breiten
Öffentlichkeit zu sichern. Die Chronisten
berichten, dass vom Baden-Badener Bahnhof, wo das
großherzogliche Paar mit einem Sonderzug
angekommen war, durch die Kaiserallee bis zur
Kunsthalle Militärvereine, Gesangvereine,
Schützenvereine, Feuerwehrmänner,
Sanitäter und mehr als 2000 Schülerinnen
und Schüler Spalier standen und dem
großherzoglichen Paar zujubelten.
Fanfarenklänge und Militärmusikzüge
begleiteten das Eröffnungsgeschehen
musikalisch.

Welch ein Ereignis, das ohne den in Baden-Baden
ansässigen Kunstmaler Robert Engelhorn und
seine Künstlerkollegen nie stattgefunden
hätte.
Bereits in den 1890er Jahren war in Karlsruher
Künstlerkreisen der Wunsch nach einem
selbstverwalteten Galeriegebäude mit
wechselnden Verkaufsausstellungen aufgekommen, um
der deutschen nationalen Kunst eine dauerhafte
Bleibe zu schaffen und ihr mehr Gewicht
gegenüber den großen Ausstellungen
ausländischer Kunst wie etwa in München
oder Berlin zu verschaffen. Wegen der
größeren Publikumswirksamkeit sollte
Baden-Baden Standort dieser Galerie werden.
Im Jahr 1906 hatte Robert Engelhorn das "Projekt
einer permanenten Deutsch-Nationalen
Kunst-Ausstellung in der Stadt Baden-Baden"
publiziert. Die Planung für das
Ausstellungsgebäude war dem dem Karlsruher
Künstlerbund angehörenden
Privatarchitekten Hermann Billing übertragen, der sich mit
kühnen avantgardistischen
Wettbewerbsentwürfen über die
Landesgrenzen hinaus einen Ruf als "Moderner"
erworben hatte.
Drei verwaltungstechnische Schritte waren
notwendig, um das Vorhaben auf eine solide Basis zu
stellen.
1. Gründung der "Freien
Künstlervereinigung Baden e.V." (1906)
2. Abfassung eines Gesellschaftsvertrags der
finanziellen Träger für das "Gebäude
für permanente Kunstausstellung in
Baden-Baden" (1907)
3. Formulierung eines Mietvertrags für das
Baugelände zwischen dem Großherzoglichen
Ministerium des Innern als Vermieter und der
Trägergesellschaft als Mieter. (1907)
Robert Engelhorn, Sohn des Mitbegründers der
Badischen Anilin- und Sodafabrik (BASF), wurde
Vorsitzender der "Freien Künstlervereinigung
Baden e.V." und mit einer Einlage von 140000 Mark
Hauptgesellschafter der
Trägergesellschaft.
1908 konnte mit dem Bau begonnen werden, wobei
dessen Ausführungspläne mehrfach
geändert wurden. Für die stilistische
Bauausführung zeichnete Hermann Billing
verantwortlich, während technische Fragen,
sowie Ausschreibungen und Bauüberwachung
seinem Partner Wilhelm Vittali oblagen. Als das,
wie sich im Laufe der Jahrzehnte herausstellte,
äußerst funktionstüchtige
Ausstellungsgebäude fertig gestellt war,
schieden sich daran die Geister. Die einen lobten
es als einen Tempel, die anderen wollten in ihm ein
Krematorium oder gar einen Stall erkennen. Das aus
hellem Sandstein asymmetrisch gestaltete
Gebäude, geschickt in den Hang zwischen
Friedrichstraße und Lichtentaler Allee integriert, entsprach wegen des
Verzichts auf opulente Fassadenzier keineswegs dem
damals vorherherrschenden Geschmack. Die klare
Gliederung der Frontseite nimmt mit ihren
Einzelelementen wie Dreiecksgiebel und Pilaster
Anleihen bei der klassischen griechischen und
römischen Architektur. Eine Freitreppe
führt zu dem im linken, etwas herausreichenden
Gebäudeteil eingelassenen Portal. Die beiden
sie flankierenden vom Karlsruher Bildhauer Hermann
Binz geschaffenen Frauenskulpturen "Malerei" und
"Plastik" laden zum Eintritt ein. Ein Café
und eine Skulpturengalerie befinden sich heute im
Untergeschoss von dessen Foyer eine beeindruckende
Treppenschlucht direkt in die durch Oberlicht
bewirkte strahlende Helligkeit des
Hauptausstellungsraums führt. Von dort gelangt
man nach rechts über eine Folge von sieben
unterschiedlich gestalteten Oberlichtkabinetten
wieder in ihn zurück.
In diesen Räumen wurden von 1909 bis 1934 von
April bis Oktober/November Kunstausstellungen
präsentiert, wofür keineswegs
reaktionslos in Zeitungen bis nach Übersee
geworben wurde. 1912 wurde der Außenbereich
für Ausstellungen von Plastiken ebenfalls nach
Vorgaben Hermann Billings gestaltet.

Der Erste Weltkrieg und seine - auch
wirtschaftlichen - Folgen ließen Robert
Engelhorn mittellos werden und die Kunsthalle in
den Besitz des badischen Staates übergehen.
Spezielle Regelungen brachten es mit sich, dass die
Karlsruher Künstlerschaft die Geschäfte
der Baden-Badener Kunsthalle bestimmte.
Die nationaldemokratische Machtübernahme
brachte nicht nur das Aus für die "Freie
Künstlervereinigung Baden e.V." sondern auch
eine Wandlung des Ausstellungsprogramms mit
sich.
Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Kunsthalle von
der französischen Besatzungsmacht als Centre
de Documentation und Bibliothek genutzt. Der
Wiederaufnahme des Kunsthallenbetriebs im Jahr 1951
folgte ein heftiges Ringen um die Nutzungsrichtung.
Im neu gegründeten Bundesland
Baden-Württemberg formierten sich zwei
Interessensgruppen: der "Künstlerbund
Baden-Württemberg" und die "Gesellschaft der Freunde junger
Kunst e.V. Baden-Baden" Gründungsmitglied Letzterns
war Dietrich Mahlow, von 1956 bis 1967 Direktor der
Kunsthalle, der gewissermaßen als Bindeglied
zwischen der Kunsthalle und der Gesellschaft der
Freunde junger Kunst, die fortan maßgeblich
am Aufbau des internationalen Rufs der Kunsthalle
beteiligt sein sollte, fungierte. Der Nachholbedarf
an "Neuem" in der Kunst war in Deutschland enorm.
Die Kunsthalle befriedigte diesen Bedarf, indem sie
in Gemeinschaft mit der Gesellschaft der Freunde
junger Kunst Ausstellungen über Künstler,
die während der NS-Zeit als entartet aus der
deutschen Kunstwelt ausgeschlossen waren,
organisierte. Die Verleihung von Jugendkunstpreisen
sorgte für weitere Popularität. Das
Ausstellungsverzeichnis jener Zeit spiegelt das
Kaleidoskop wieder, das getragen war vom Ziel der
Gesellschaft der Freunde junger Kunst,
Künstler und Kunstinteressierte
gleichermaßen ansprechen zu wollen. Hatten
diese ursprünglich lediglich die gesamte
Bundesrepublik im Blick gehabt, so sorgte die die
Qualität der Ausstellungen recht bald für
internationale Resonanz. Die
Salvador-Dali-Ausstellung des Jahres 1971
zählt unter anderem ebenso dazu wie des
damaligen Leiters Klaus Gallwitz Projekt "14 mal
14", durch welches in den Jahren 1968 bis 1973
jeweils während 14 Tagen junge Künstler
in einem offenen Atelier arbeiteten. Heute zu
Weltruhm gekommene Künstler zählten dazu
wie Georg Baselitz, Anselm Kiefer, Markus Lüpertz, Gerhard Richter und Günter Uecker.
Anspruchsvolle und geschmackvoll gestaltete
Kataloge geben nicht nur Aufschluss
über das jeweilige realisierte Vorhaben,
sondern sind eine bleibende Dokumentation des
Einfallsreichtums der Kunstschaffenden und der
Kunsthallen"macher".
"Dialog\diagonal" war seit 1997 bis 2006
Bestandteil des Kunsthallengeschehens mit
Vorträgen, Diskussionsrunden.
Künstlergesprächen, Lesungen, Konzerten,
Filmvorführungen sowie weiteren mit dem
gewählten Ausstellungsthema in Verbindung zu
bringenden Veranstaltungen und weitet damit den
Interessensspielraum nicht nur beträchtlich
aus, sondern bindet in diesem Rahmenprogramm
örtliche Einrichtungen wie beispielsweise den
Südwestrundfunk, das Theater und hiesige
Bildungswerke ein. Somit zeichnet sich die
Staatliche Kunsthalle, deren Träger
mittlerweile das baden-württembergische
Ministerium für Forschung, Wissenschaft und
Kunst ist, als dynamisches Element im
städtischen Kulturgeschehen aus.
Unterstützt wird das vielfältige
Engagement seit dem Jahr 2000 vom Förderverein
"Freunde der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden e.
V.", wodurch Einheimische mit ihrem privaten
Eintreten nicht nur die Bedeutung der Kunsthalle
unterstreichen, sondern die Unverzichtbarkeit
dieses wichtigen Bestandteils des Baden-Badener
Kulturlebens hervorheben.
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
Ausstellung
Deutsche Kunst in Baden-Baden
vom
19. März bis 31. Oktober
1921
Staatliche Kunsthalle Baden-Baden
Lichtentaler Allee 8A
76530 Baden-Baden
Telefon: 07221-30076-401
Telefax: 07221-30076-500
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