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Kunst und Kultur entlang der Oos

Baden-Baden
Kunst und Kultur entlang der Oos
Herausgegeben von Manfred Söhner
96 Seiten, 90 Fotos, durchgehend vierfarbig, Broschur, Aquensis Verlag

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kunsthalle -baden-baden by Wolfgang Peter

Architektur und Ausstellungen der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden

Der Konzertsaal der Wiener Gesellschaft der Musikfreunde ist weltberühmt wegen seiner unübertroffenen Akustik. Was der Konzertsaal in Wien für die Musik ist, ist die Kunsthalle in Baden-Baden mit ihren harmonischen Raumproportionen als Ausstellungsraum für die bildende Kunst. Mit dieser Architektur kann kein Ausstellungskurator etwas falsch machen.
Eberhard Garnatz, Kunstsammler

Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden gehört als international renommiertes Ausstellungsinstitut zu den ältesten Kulturinstitutionen der Stadt und der Region. Seit ihrer Gründung im Jahr 1909 ist sie Schaufenster für klassische, moderne und zeitgenössische Kunst. Träger ist das Ministerium für Forschung Wissenschaft und Kunst des Landes Baden-Württemberg. Vier bis sechs Ausstellungen pro Jahr sind einzelnen Künstlerpersönlichkeiten und aktuellen wie historischen Fragen von Kunst und Kultur gewidmet, stets begleitet von anspruchsvollen Katalogen und Veranstaltungen. Als Haus ohne eigene Sammlung hat die Staatliche Kunsthalle große Freiheit in der Gestaltung des Programms und kann wendig und sehr flexibel auf neue Strömungen reagieren. So ist sie in den letzten Jahren zu einem vielbeachteten Forum geworden, in dem lebensweltliche Fragen aktuell und historisch fundiert in den Zusammenhang bildkünstlerischer Analysen gestellt werden. Dadurch ist es gelungen, weite Besucherkreise und Interessensphären zu bündeln.


Die Architektur

Die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden ist mit ihrem raffinierten Wechsel kleiner und größerer Räume bei wunderbarem Oberlicht in ihrer zurückhaltenden Klarheit und vornehmen Bescheidenheit der Architektur von all den vielen sogenannten Stars der späteren Generationen nicht in den Schatten gestellt! Im Gegenteil bei vielen exaltierten Neubauten wünschte man sich die Ruhe und Konzentration der Räume der Kunsthalle Baden-Baden.
Professor Dr. Wulf Herzogenrath, Kunsthistoriker

Am Eingang der Lichtentaler Allee erhebt sich die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden auf einem Hügel. Nach außen erscheint der asymmetrische Baukörper geschlossen, umgeben von offenen Terrassen. Lediglich im Untergeschoss öffnet sich eine Fensterreihe zur Allee hin. Zwar im späten Jugendstil entworfen und realisiert, zitiert das Gebäude im Stil des Klassizismus die Architektur und Bauornamentik der klassischen, griechisch-römischen Antike.

Billing

Dafür sprechen der Dreiecksgiebel, die Wandpfeiler mit ionischen Kapitellen, das umlaufende und verkröpfende Kranzgesims mit Eierstab, der auch neben den Voluten und der Jahreszahl 1908 in römischen Ziffern über dem markant überwölbten Portal erscheint. Die Gliederung der Architektur besticht durch vornehme Zurückhaltung und eine gewisse Hermetik. Billing zitiert mit dem hochrechteckigen Portal im Mittelrisalith mit Dreiecksgiebel den Typus griechischer Schatzhäuser in Delphi, Zudem variiert er in das Portal am ionischen Erechtheion auf der Akropolis in Athen der Gestaltung des Eingangs als Vorbild.


Dem Kanon des römischen Baumeisters Vitruv entsprechend verleihen die zurückhaltenden, ionisierenden Ornamente dem Bau sinnliche Leichtigkeit, was seiner Funktion als Haus der Kunst nahe kommt. Durch die Pilastergliederung scheint dabei aber durchaus der Eindruck eines Tempels auf. In der nach dem Vorbild des englischen Landschaftsgartens gestalteten Lichtentaler Allee setzt Billing so durch die Zitate griechischer Vorbilder auf romantische Vorstellungen einer arkadischer Idylle. Zudem nimmt die Architektur auch Bezug auf Friedrich Weinbrenners klassizistisches Baden-Badener "Kur- und Konversationshaus", mit Casino und Konzertsälen.

Über die Freitreppe gelangt man ins Untergeschoss der Kunsthalle, in der sich jetzt ein Café, die Kasse und Räume der Verwaltung befinden. Hier öffnet sich seitlich die Skulpturengalerie. Im Hauptgeschoß stehen für Ausstellungen und Veranstaltungen zwei große Säle und eine Folge von rechteckigen und achteckigen Kabinetten im Umgang zur Verfügung. Sie bieten im Wechsel unterschiedlichster Raumeindrücke und Durchblicke eine Vielzahl von reizvollen Inszenierungsmöglichkeiten.

Kunsthalle Baden-Baden

Der Bau selbst stößt (stieß) zu Zeiten seiner Gründung auf Unverständnis. "Mancher Besucher legte den weitgehenden Verzicht auf schmückende Ornamente abschätzig als Ärmlichkeit aus, andere bemerkten spöttisch, sie fühlten sich angesichts der strengen Fassade eher an ein Krematorium als an eine Stätte der Kunst erinnert." Im Badischen Landtag ist (war) noch neun Jahre später von einem Stall die Rede, der sich da in die Lichtentaler Allee hinein schob. Die strenge Architektur gilt heute als ein frühes Beispiel für Tendenzen der Vereinfachung des Jugendstils, wie man sie auch bei dem schottischen Architekten und Designer Charles Rennie Mackintosh und den Wiener Werkstätten um Josef Hoffmann beobachten kann.


Seit nahezu hundert Jahren bis in die Gegenwart hinein hat sich bei Kuratoren, Architekten und vor allem Künstlern der Ruf der Kunsthalle als eines Ausstellungsinstituts von hohem Rang erhalten. Die Ausstellungsräume mit ihren eingewölbten, gerasterten Lichtdecken sind bis auf den hoch schwebenden Fries im großen Saal frei von jeglichen ornamentalen Hinzufügungen. Das besondere Licht, die Raumproportionen und Raumfolgen mit wechselnden Perspektiven haben sich über die vielen Jahrzehnte seit 1909 als ideal für die Präsentation von Kunst erwiesen. Bis heute bieten diese Räume den raffiniert einfachen, zurückhaltenden Rahmen, den eine Ausstellungshalle wie ein Museum benötigt, um der Kunst und ihren Betrachtern vorbildlich zu dienen.


Zur Geschichte des Ausstellungshauses

Als Kunsthalle Baden-Baden geht das Haus aus einer privaten Stiftung des Malers Robert Engelhorn hervor, der 1906 das "Projekt einer permanenten Kunstausstellung" für Baden-Baden vorstellt. Die Architektur verantwortete der Karlsruher Architekt Herrmann Billing, einer der umstrittenen, gleichwohl führenden badischen Architekten. Nach der Verwirklichung der Mannheimer Kunsthalle (1905), dem Kollegiengebäude der Freiburger Universität und zahlreicher Kunst- und Ausstellungshallen gilt Billing als erfahrener Museumsarchitekt. Den Direktauftrag für die Kunsthalle erhält er durch seinen engen Kontakt zur Karlsruher Künstlerschaft, der Stadtregierung und den Stadthonoratioren.

Billing hatte die Kunsthalle 1906 bis 1907 zusammen mit seinem Partner Wilhelm Vittali (1859–1920) geplant. Im April 1909 wird sie mit einer ersten Ausstellung eröffnet, 1912 entsteht die Terrassenanlage im Außenbereich. Herrmann Billings Entwurf sieht für Baden-Baden zunächst eine Zweiflügelanlage mit Mittelrisalith über dem Eingang vor. Aus Kostengründen wird das Gebäude mit der Option reduziert, den östlichen Flügel zu einem späteren Zeitpunkt zu realisieren.

Unter dem Titel "Ständige Kunstausstellung Baden-Baden" finden bis in die 1930er Jahre zumeist zwei Ausstellungen pro Jahr statt, teils kritisiert aufgrund der oft überdurchschnittlichen Beteiligung der Mitglieder der "Freien Künstler-Vereinigung" aus dem benachbarten Karlsruhe. In staatliche Obhut überführt wird die Kunsthalle mutmaßlich in den 1920er Jahren, verursacht durch die Vermögensverluste, die der Stifter Robert Engelhorn durch die Inflation erleidet.

Die Kunsthalle hat im Zuge ihrer Geschichte zahlreiche Umbauten und ständige Verbesserungen der technischen Ausstattung erfahren. Im Lauf der Jahre ist so aus einem Ausstellungshaus mit Hausmeisterwohnung ein leistungsfähiges, den Erfordernissen des zeitgenössischen Kunstbetriebs angemessenes Institut entwickelt worden. Zuletzt noch 2004 wird – parallel zur architektonischen Angliederung des Museums Frieder Burda – deutlicher besucherorientiert das "Café Kunsthalle" im Foyer eingerichtet. Büroflächen werden teilweise aufgegeben und die Leitung und die umfangreiche Bibliothek der Kunsthalle in einer separaten Büroetage untergebracht.


Kunst am Bau

Hermann Binz

Die Freitreppe flankieren programmatisch die weiblichen Personifikationen von "Malerei" und "Bildhauerei", zwei Skulpturen des Karlsruher Bildhauer Hermann Binz (1876–1946).


Richard Serra

Die aus zwei quer liegenden Rechtecken bestehende, in den Hang vor der Kunsthalle eingetiefte Stahlskulptur des amerikanischen Bildhauers Richard Serra konnte anlässlich der Ausstellung 1978 realisiert werden. Sie gehört zu den wenigen öffentlichen Werken dieses international renommierten Künstlers, welche die Landschaft miteinbezieht.


Dan Flavin

An der Fassade wird 1989 eine Lichtinstallation des amerikanischen Lichtkünstlers Dan Flavin "To the People of Baden-Baden" in roten und gelben Leuchtstoffröhren angebracht. Eine weitere, seitlich installierte Arbeit aus blauen Leuchtstoffröhren hat der Künstler als Dank für die Ausrichtung der großen Einzelausstellung den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden gewidmet.



Ausstellungen in der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden

Ursprünglich als Ausstellungshalle für die Badische Künstlerschaft initiiert, entwickelt sich die Staatliche Kunsthalle Baden-Baden seit den späten 1950er Jahren zu einem Institut von internationalem Rang.

Die Geschichte der Ausstellungstätigkeit in der Staatlichen Kunsthalle ist stark durch Persönlichkeit, fachliche Interessen und entsprechende inhaltliche Akzente ihrer Direktoren geprägt.

Unter der Leitung von Dietrich Mahlow (1957–1967) wird die Staatliche Kunsthalle zu einem Schaufenster der Weltkulturen. Ausstellungen wie "Amerikanische Keramik"(1960), "Das naive Bild der Welt"(1961), "Schrift und Bild" (1962/63) oder "Primitive Textilwirkereien aus Ägypten" (1963), neben zahllosen monografischen Werkschauen von Hans Arp bis Jean Tinguely entwerfen eine neue Vision für dieses Haus.

Mit Klaus Gallwitz (1967–1974) halten die ersten Blockbuster-Ausstellungen Einzug in Baden-Baden: "Revolutionsarchitektur" (1970), "Salvador Dali"(1971), "Hans Makart"(1972), "Russische Realisten"(1972/73). In der Reihe "14 x 14" (1968–1973) wird für jeweils zwei Wochen die Staatliche Kunsthalle dem Publikum als offenes Atelier dargeboten. Damals junge Künstler sind beteiligt, die heute Weltruhm genießen, u. a. Georg Baselitz, Gerhard Richter, Günter Uecker, Markus Lüpertz und Anselm Kiefer.

Hans Albert Peters (1974–1980) sichtet Positionen in der Klassischen Moderne mit "Juan Gris"(1974), "Aristide Maillol"(1978), "Robert Delaunay"(1976), "Richard Serra"(1979) und "René Magritte"(1976). Zu Gast ist die Mailänder Brera mit exquisiten Werken der oberitalienischen Malerei des 16. bis 18. Jahrhunderts von "Bembo bis Guardi"(1975).

Unter der Leitung von Katharina Schmidt (1980–1985) werden große Deuter der menschlichen Existenz entdeckt: "Bruce Nauman"(1981), "Rebecca Horn"(1981), "Dany Karavan"(1982), "Jannis Kounellis" (1982), "Karel Appel"(1982), "Cy Twombly"(1984). In Erinnerung bleiben auch die Zeichnungen von "Georges Seurat"(1984), japanischen Pinselzeichnungen in der Ausstellung "Aus der fließend vergänglichen Welt"(1984) und Chinesische Malerei der Ming und Quing-Dynastien in "Im Schatten hoher Bäume"(1985).

Jochen Poetter (1985–1997) dokumentiert minimalistische Strategien, welche die Architektur zur jeweiligen künstlerischen Inszenierung ins Verhältnis setzen, mit Künstlern wie Gerhard Merz(1987), Donald Judd(1989), Dan Flavin(1989), Reiner Ruthenbeck(1993) und Richard Tuttle(1993). Für Deutschland werden amerikanische Künstler wie ChuckClose (1994)und Alex Katz (1995), Cindy Sherman(1997) neu entdeckt.

Margrit F. Brehm (1997–1999) setzt als Kommissarische Leiterin Akzente mit "Impressionismus und Symbolismus – Malerei der Jahrhundertwende aus Polen"(1997), "Highlights aus dem Haags Gemeentemuseum"(1998), "Minimal-Maximal"(1999), mit kosmischen Visionen in "… einerseits der Sterne wegen"(1999) und Einzelausstellungen wie "Erwin Gross"(1997), "John Armleder"(1998/1999) und "Dieter Krieg"(1999).

Kunst dient Matthias Winzen (1999–2005) als Erkenntnismittel aus eigenem Recht. In Trilogien wie "Du sollst Dir ein Bild machen"(2001/02) und "Multiple Räume: Seele – Park – Film"(2004/05) gewinnt die Kunsthalle unter seiner Leitung das Profil eines Forschungsinstituts zur Frage des Ortes der Kunst im Leben. Überblicksausstellungen zu "Thomas Ruff"(2001/02), "Georg Herold"(2004), "Marlene Dumas"(2005/06), "Thomas Schütte"(2006) und "Stephan Balkenhol"(2006) wechseln mit thematischen Einblicken in Privatsammlungen. Aktuelle Positionen aus bildender und darstellender Kunst werden in "Dissimile– Prospektionen: Junge Europäische Kunst" vorgestellt, neue Dimensionen der Zeichnung werden in "Gegen den Strich"(2004) erkundet und nationale Kunstszenen von Russland, Polen, Japan und der Türkei vorgestellt.

Fritz Emslander (2005–2006) bringt als Kommissarischer Leiter mit "Tiefenschärfe – Bilder vom Menschen"(2006) Schätze der Fotografiegeschichte aus bislang wenig bekannten französischen Sammlungen ans Licht. In "Ballerina in a Whirlpool"(2006) werden anhand von bedeutenden Werken der Installationskunst aus der Sammlung Hauser & Wirth menschliche Wahrnehmungsstrukturen untersucht. "Lost and Found"(2006/07) widmet sich der wenig bekannten aktuellen ungarischen Kunst.

Karola Grässlin (ab Herbst 2006) wird ihren besonderen Interessen an den Klassikern konzeptueller Kunst im Dialog mit künstlerischen Positionen der achtziger und neunziger Jahre des 20. Jahrhunderts nachgehen.

Die Ausstellungen werden in der Regel entwickelt aus Kunstwerken, die aus Museen und privaten Sammlungen zusammengetragen werden. Die besondere Struktur der Architektur und die Raumfolgen bieten immer wieder auch Möglichkeiten, in Zusammenarbeit mit dem Team der Kunsthalle vor Ort Installationen und Wandgemälde zu realisieren, die dann zeitlich begrenzt nur für die Dauer der Ausstellung zu sehen sind. Zu den im Wandputz verborgenen Gemälden gehören Werke von Helmut Middendorf, Gerhard Merz, K. R. H. Sonderborg, Hamish Fulton, Corinne Wasmuht, Holger Bunk, Nic Hess und Paul Mac Carthy.

Weitere Aufgaben der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden sind die Ausrichtung des Hans Thoma Staatspreis für Bildende Kunst des Landes Baden-Württemberg in Bernau im Schwarzwald, die Beratung der Kunstkommission der Oberfinanzdirektion Karlsruhe/Freiburg im Bereich Kunst am Bau und seit 2004 die Betreuung des Stipendiums Brenner´s Artist in Residence.

Die ambitionierten Kataloge der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden erweisen sich als aktuelle, für den Kunstdiskurs hoch relevante Publikationen, in denen kunsthistorische Forschung und Dokumentationsmaterialien zu den einzelnen Ausstellungen in ansprechender Weise dargeboten werden.

Seit 1999 sorgt der engagierte Förderverein "Freunde der Staatlichen Kunsthalle Baden-Baden, e.V." für eine weitere Vernetzung der Kunsthalle in die Stadt hinein.

Neuer Nachbar der Staatlichen Kunsthalle ist seit 2004 das Museum Frieder Burda des Architekten Richard Meier, mit der sich Herrmann Billings Vision auf eigene Weise im 21. Jahrhundert vollendet. Die gemeinschaftliche Präsenz von öffentlichem und privatem Engagement für die Kunst an der Oos macht Baden-Baden einmal mehr zu einem attraktiven Ort der Kultur der Gegenwart.

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© by WAEPART, Baden-Baden/Germany. All Rights Reserved. Text: Fritz Emslander, Dirk Teuber, Staatliche Kunsthalle Baden-Baden. Fotos: Wolfgang Peter

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