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Anselm von Feuerbach: Memoire über Kaspar Hauser

Wer möchte wohl Kaspar Hauser sein?

Die Rechtsgelehrten haben bei der Entscheidung über Verbrechen einen Beweis aus dem Zusammentreffen der Umstände. Auch ich unternehme einen solchen aus einer Reihe nebeneinander gestellter Vermutungsgründe zusammengesetzten Beweis, welcher freilich vor keinem Richterstuhle ein entscheidendes Gewicht haben würde, gleichwohl aber hinreichend sein dürfte, um eine sehr starke menschliche Vermutung, wo nicht vollständige moralische Gewißheit zu begründen.

Die lange Kette dieses Vermutungsbeweises bildet sich durch folgende Glieder, welche, so fein sie sind, fest ineinander greifen.

I. Hinsichtlich des Standes desselben im allgemeinen ergibt sich aus den zu den gerichtlichen Akten gekommenen oder sonst bewahrheiteten Umständen folgendes:

1. Kaspar Hauser ist kein uneheliches, sondern ein eheliches Kind. Denn wen auch Kaspar, wenn man sich ihn als uneheliches Kind denkt, zum Vater oder zur Mutter gehabt haben möge, so gab es, wenn es darauf ankam, die Paternität oder Maternität zu verheimlichen, weit leichtere, weniger grausame und bei weitem weniger für die Beteiligten gefährliche Mittel als die ungeheuere Tat der vielleicht 16-17 Jahre lang fortgesetzten, geheimen Gefangenhaltung und endlichen Aussetzung des Kindes. Je vornehmer eines der Eltern gewesen, desto leichter konnte das Kind auf andere Weise entfernt werden, ohne daß es hierzu einer solchen Tat bedurfte. Leute geringen Standes und geringer Mittel hatten noch weniger Ursache, auf so gefahrvolle, bedeutende Anstalten und Vorrichtungen erfordernde Weise ihr uneheliches Kind zu verheimlichen. Das Brot und Wasser, das Kaspar heimlich zugebracht wurde, hätte man ihn öffentlich dürfen verzehren lassen. Kurz, man denke sich Kaspar als uneheliches Kind vornehmer oder geringer, reicher oder armer Eltern, so steht das Mittel außer allem Verhältnis zu seinem Zweck. Ganz ohne Ursache, gleichsam bloß zum Scherz, übernimmt niemand die Last eines schweren Kapitalverbrechens, zumal wenn er dabei noch obendrein die qual- und angstvolle Mühe hat, dieses Kapitalverbrechen 16-17 Jahre lang sorgfältig fortsetzen zu müssen.

2. Bei den Verbrechen, die an Kaspar begangen wurden, sind Personen beteiligt, die über große, außergewöhnliche Mittel zu gebieten haben. Daß sowohl die Aussetzung Kaspars als auch der später an ihm verübte Mordversuch in einer Stadt wie Nürnberg, am hellen Tage, gleichsam öffentlich geschehen konnte, dann aber alle Spuren des Täters auf einmal verschwanden, daß alle Nachforschungen, die seit nun beinahe drei Jahren mit dem rastlosen Eifer, geleitet vom vereinten Scharfsinn der erfahrensten Justiz- und Polizeimänner, nach allen Richtungen hin unternommen wurden, in der Art fruchtlos gewesen sind, daß kein juristisch geltend zu machender Umstand entdeckt werden konnte, der auf einen bestimmten Ort der Haupttat oder auf eine bestimmte Person geführt hätte, daß alle öffentlichen Aufforderungen, daß das große Interesse, welche fast alle Herzen in und außer Deutschland an dem Schicksale des unbekannten Unglücklichen genommen haben, daß ein auf die Entdeckung ausreichender Spuren öffentlich ausgeschriebener Preis von 1000 fl. keine einzige befriedigende Anzeige herbeigeführt hat: all dieses wird nur daraus erklärbar, daß mächtige und sehr reiche Personen dabei beteiligt sind, die durch Furcht, außerordentliche Vorteile und große Hoffnungen willige Werkzeuge in Bewegung zu setzen, Zungen zu fesseln und goldne Schlösser vor mehr als einen Mund zu legen die Macht besitzen.

3. Kaspar muß eine Person sein, an deren Leben oder Tod sich große Interessen knüpfen. Dies beweist unwidersprochen der ebenso listig angelegte als keck ausgeführte Mordversuch. Das Ungeheuere des Mittels nötigt jeden gesunden Verstand, auf einen mit dem Mittel im Verhältnis stehenden großen Zweck zu schließen. Wer hätte Interesse haben können, an einem armen, von fremder Barmherzigkeit lebenden Findling den Tod auf dem Schafott zu wagen, wäre nicht an diesem Findling weit mehr gelegen, als an irgendeinem Findling gelegen sein konnte? Er muß eine Person sein, deren Leben, selbst bei der entfernten Gefahr, es könne einmal ihr Stand und wahrer Name entdeckt werden, die Existenz anderer, und zwar so hoch bedeutender Personen bedrohte, daß er, um jeden Preis, auf jede Gefahr hin, aus dem Wege geräumt werden mußte und daß zugleich Menschen gefunden werden konnten, die solch ein Wagstück unternahmen.

4. Nicht Rache, nicht Haß konnten Motive zur Einkerkerung und zur versuchten Ermordung dieses unschuldigen, harmlosen Menschen gewesen sein. Es bleibt kein anderer Beweggrund denkbar als der Eigennutz. Er wurde entfernt, damit anderen Vorteile zugewendet und für immer gesichert würden, die von Rechts wegen nur ihm gebührten. Er mußte verschwinden, damit andere ihn beerben. Er sollte ermordet werden, damit jene in der Erbschaft sich behaupten konnten.

5. Er muß eine Person hoher Geburt, fürstlichen Standes sein. Dafür sprechen - seltsam genug, doch auf die überzeugendste Weise - merkwürdige Träume, die Kaspar zu Nürnberg gehabt hat, Träume, die nichts anderes gewesen sein können als wiedererwachte Erinnerungen aus seiner früheren Jugend. Ich bemerke hierbei zuvorderst im allgemeinen, daß Kaspar, als er diese Träume hatte, noch auf sehr niedriger Stufe geistiger Entwicklung stand, nur noch sehr unvollkommen sich äußern konnte und Träume von wirklichen Erscheinungen und Erinnerungen noch nicht zu unterscheiden vermochte. Es ist ferner zu bemerken, daß von den Gegenständen und Szenen, die Kaspar im Traum gesehen haben will, ihm zu Nürnberg nichts Ahnliches vorgekommen sein konnte. So hatte er folgenden Traum, den ich ihn selbst dieser Tage niederschreiben ließ:

"Den 15. August 1828 hatte ich nachstehenden Traum. Es kam mir vor, als wäre ich in einem sehr großen, großen Haus. Da schlief ich in einem sehr kleinen Bett. Als ich aufstand, kleidete mich ein Frauenzimmer an. Nachdem ich angekleidet war, führte sie mich in ein anderes großes Zimmer, in dem ich eine sehr schöne Kommode, Sessel und ein Sofa sah. Von da führte sie mich in ein anderes großes Zimmer, worin Kaffeetassen, Schüsseln und Teller waren, die wie Silber aussahen. Von diesem Zimmer aus führte sie mich in ein größeres Zimmer, in dem sehr viele und sehr schön gebundene Bücher standen. Von diesem Zimmer aus führte sie mich einen langen Gang vor und über eine Treppe hinab. Nachdem wir die Treppe hinuntergegangen waren, gingen wir im Innern des Gebäudes einen Gang herum, an dessen Wand Porträts hingen. Aus den Bogen dieses Ganges konnte man in den Hof hinaussehen. Ehe wir den Gang ganz umgangen hatten, führte sie mich zu einem mitten im Hofe befindlichen Springbrunnen hin, an dem ich eine sehr große Freude hatte. Von da führte sie mich wieder zu demselben Bogen, durch welchen wir zum Springbrunnen herausgegangen waren. Dann kehrten wir auf dem Bogengange denselben Weg wieder zurück bis zur Treppe. Als wir zur Treppe kamen, sah ich ein Bildnis stehen. Das war in Ritterkleidung ausgeschnitten oder ausgehauen. Das Bildnis hatte auch ein Schwert in der linken Hand. Oben am Handgriff war ein Löwenkopf angebracht. Dieser Ritter stand auf einer viereckigen Säule, die mit der Treppe verbunden und angemacht ist. Nachdem ich den Ritter eine Zeitlang angesehen hatte, führte mich das Frauenzimmer die Treppe hinauf, den langen Gang vor und wollte mit mir zu einer Türe hineingehen. Diese Türe war aber verschlossen. Sie klopfte an. Allein man machte nicht auf. Darauf ging sie mit mir schnell zu einer anderen Türe, und während sie dieselbe öffnen wollte, erwachte ich."

Das Haus in diesem Traum ist offenbar ein Schloß, ein Palast, der nach seiner äußeren Beschaffenheit und innern Einteilung so genau beschrieben ist, daß ein Baukünstler einen Aufriß danach entwerfen könnte. In der Reihe der Zimmer, die Kaspar beschreibt, ist besonders das Bibliothekszimmer und das mit den Silberschränken bemerkenswert, welches letztere entweder eine Silberkammer oder ein fürstliches Tafelzimmer mit Bufetts sein soll. All das hatte Kaspar, als er dieses träumte, nirgendwo in Nürnberg zu sehen Gelegenheit gehabt. Träume aber erfinden nichts und schaffen nichts. Sie bilden und verarbeiten nur Stoffe, die sie von außen empfangen haben. Das Schloß mit diesen Zimmern existiert daher gewiß irgendwo. Daß Löwenköpfe oder Löwen in jenem Traumbild öfters mit vorkommen, ist sehr bezeichnend.

Aus der Verbindung aller obigen Umstände geht nun zuvörderst die dringende Vermutung, ja die moralische Gewißheit hervor:

"Kaspar Hauser ist das eheliche Kind fürstlicher Eltern, das hinweggeschafft worden ist, um andern, denen er im Wege stand, die Sukzession zu eröffnen."

II. Die Gefangenhaltung Kaspars insbesondere betreffend, so stellt sie sich, von einer Seite betrachtet, als das an dem Unglücklichen begangene Hauptverbrechen und derjenige, der ihn gefangen hielt und ernährte, als ein Bösewicht dar. [Bei diesem Gesichtspunkt blieb von Feuerbach in seinem neuerlich erschienenen Werkchen "Kaspar Hauser" stehen, weil er dem Publikum hierüber nicht zu viel sagen durfte, um nicht noch mehr sagen zu müssen. Er erlaubte nur auf das Wahre, das hinter dem Schein des dem Auge zunächst sich hervorkehrenden Verbrechens verborgen ist, hinzudeuten. Die weiteren Schlüsse daraus überließ er dem Scharfsinn des Lesers.] Die ganze Wahrheit aber, ohne Schminke und ohne teilweise Verhüllung, zeigt sich jetzt offen im folgenden:

1. Kaspar wurde freilich gefangen gehalten und spärlich ernährt. Aber man hat auch Beispiele von Menschen, die nicht in verbrecherischer, sondern in wohltätiger Absicht gefangen gehalten wurden, nicht um sie zu verderben, sondern um sie zu retten, ihr Leben gegen ihre Verfolger in Sicherheit zu bringen. Die Art und Weise, wie Kaspar gefangen gehalten wurde, hat offenbar diesen Charakter.

Kaspars Verwahrungsort war ein kleines, gewölbtes Gemach, das sehr gesund gewesen sein muß, weil Kaspar sich nicht erinnert, jemals krank gewesen zu sein oder Schmerzen empfunden zu haben. Dieses Gemach war sehr reinlich gehalten; denn Kaspar, der außer seinem Wächter kein anderes lebendiges Geschöpf kannte, hat nicht einmal mit einem lebenden Ungeziefer Bekanntschaft zu machen Gelegenheit gehabt. Keine Ratte, keine Maus, keine Spinne, keine Fliege ist ihm während seiner Haft jemals zu Gesicht gekommen. Auch an seinem Körper wurde er äußerst reinlich gehalten. Es wurde ihm, während er schlief, die Wäsche gewechselt. Es wurden ihm die Nägel beschnitten. Er wurde wahrscheinlich auch von Zeit zu Zeit gewaschen. Kaspar erinnert sich nicht, jemals lange Nägel gehabt oder irgendeinen Schmutz an seinem Körper oder an seinen Hemden, die immer blendend weiß und von nicht grober Leinwand gewesen, bemerkt zu haben. Er erhielt immer regelmäßig sein Brot und Wasser. Das Brot aber bestand in einem sogenannten Kipf von gemischtem Mehl, mit Fenchel und Koriander bestreut, und war mit Einschnitten versehen, damit er bequem die einzelnen Stückchen abbrechen konnte. Es war sogar für einige Beschäftigung und Unterhaltung des Kindes gesorgt.

Zwei hölzerne Pferde und ein hölzerner Hund und seidene, bunte Bänder waren ihm zum Spielzeug gegeben. All das beweist Sorgfalt, Milde und Menschlichkeit. Wäre die Absicht gewesen, den Unglücklichen für immer der Welt zu entziehen, warum hat ihn dann der Geheime, der ihn in seiner Gewalt hatte, nicht lieber ganz aus der Welt geschafft? Jener Unbekannte, der den Kaspar verborgen hielt, mischte zuweilen Opium unter das Wasser, damit er fest schlafe, wenn er gereinigt werde. Warum nicht einige Gran Opium mehr, damit er auf ewig einschlafe? In dem Kerker, in dem der Lebende so lange verborgen war, konnte noch leichter der Tote verborgen liegen.

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Aber warum so karge Kost? Warum nur Wasser und Brot? Höchst wahrscheinlich nur darum, weil derjenige, der den Unglücklichen verborgen hielt, ihn auf andere Weise nicht ernähren konnte, ohne Aufsehen zu erregen. Wasser und Brot konnte er unbemerkt bei Nacht seinem Gefangenen heimlich zutragen, nicht aber warme Speise. Daß Kaspar für den Mann, "bei dem er immer gewesen", noch immer eine große Zuneigung fühlt, mit Liebe und Dankbarkeit über ihn sich äußert, immer nur bittet, man möge diesen Mann, wenn man ihn entdecke, mit Strafe verschonen, ist ebenfalls ein Umstand, der, mit den obigen Tatsachen zusammengenommen, den sicheren Schluß begründet: Der Mann, der unseren Kaspar gefangen hielt, war sein Wohltäter, sein Retter. Er hielt ihn gefangen, um ihn vor seinen Verfolgern, vor denen, die ihm nach dem Leben trachteten, zu verbergen.

2. Wenn in Kaspars Person, aus irgendeiner hohen oder nur aus einer vornehmen, angesehenen Familie ein Kind verschwunden wäre, ohne daß man über dessen Tod oder Leben und wie es hinweggekommen, etwas in Erfahrung bringen könne, so müßte längst offiziell bekannt sein, in welcher Familie dieses Unglück sich ereignet habe. Denn das Verschwinden eines Kindes ist eine offenkundige, aufsehenerregende Tatsache. Da nun aber seit Jahren, und unerachtet Kaspars Schicksal weltbekannt geworden, nicht das mindeste von einer Familie bekannt geworden, aus der vor ungefähr 17-20 Jahren ein Kind heimlicherweise abhanden gekommen und verschwunden sei, so ist Kaspar nur unter den Toten zu suchen.

Ein Kind wurde für tot ausgegeben, wird noch jetzt für tot gehalten, lebt aber noch in der Person des armen Kaspar.

Dieser Umstand, mit den vorhergehenden zusammengereiht, kombiniert sich zu folgender mutmaßlicher Geschichte: Das Kind, in dessen Person der nächste Erbe oder der ganze Mannesstamm seiner Familie erlöschen sollte, wurde heimlich beiseite geschafft, um nie wieder zu erscheinen. Um aber den Verdacht eines Verbrechens zu entfernen, wurde diesem Kinde, das vielleicht, als es beseitigt wurde, gerade krank zu Bette gelegen hatte, ein anderes, bereits verstorbenes oder sterbendes Kind unterschoben. Das wurde alsdann als tot ausgestellt und begraben und Kaspar so angeblich in die Totenliste gebracht. War der Arzt des Kindes mit im Spiel, hatte er den Auftrag, das Kind umzubringen; fand er jedoch entweder in seinem Gewissen oder in seiner Klugheit Gründe, den Auftrag scheinbar zu vollziehen, aber das Kind heimlich beim Leben zu erhalten, so konnte dieser fromme Betrug auf das leichteste vollzogen werden.

Zwischen dem Zeitpunkte des vorgespiegelten Todes und der Einkerkerung Kaspars liegt übrigens, wie sehr wahrscheinlich, ein nicht unbeträchtlicher Zwischenraum. Mancherlei führt nämlich auf die dringende Vermutung, daß Kaspar, nachdem er zum Schein in Deutschland gestorben war, nach Ungarn geschafft worden ist, dort die ersten Kinderjahre in der Freiheit verlebt hat und erst dann, um ihn vor naher Todesgefahr zu retten, eingekerkert worden ist.

III. Was die Frage betrifft, in welche hohe Familie Kaspar gehören möge, so ist nur ein Haus bekannt, auf das nicht nur mehrere zusammentreffende allgemeine Verdachtsgründe hinweisen, sondern das auch durch einen ganz besonderen Umstand speziell bezeichnet ist, nämlich - die Feder sträubt sich, diesen Gedanken niederzuschreiben - das Haus Baden.

Auf höchst auffallende Weise, gegen alle menschliche Vermutung, erlosch auf einmal in seinem Mannesstamme das alte Haus der Zähringer, um einem aus morganatischer Ehe entsprossenen Nebenzweig Platz zu machen. Dieses Aussterben des Mannesstammes ereignete sich nicht etwa in einer kinderlosen, sondern - seltsam genug! - in einer mit Kindern wohlgesegneten Familie.

Was noch verdächtiger ist: Zwei Söhne waren geboren, aber diese beiden Söhne starben. Und nur sie starben, während die Kinder weiblichen Geschlechts insgesamt bis auf den heutigen Tag noch in frischer Gesundheit blühen. Die Frau Großherzogin Stephanie ist eine wahrhaft zweite Niobe, nur mit dem Unterschiede, daß Apollos tötendes Geschoß ohne Unterschied Söhne und Töchter traf, dort aber der Würgengel an allen Töchtern vorüberging und nur die Söhne erschlug.

Und nicht bloß seltsam, sondern einem Wunder ähnlich ist es, daß der Würgengel schon gleichsam an der Wiege beider Knaben steht und diese mitten aus der Reihe seiner Schwestern herausgreift. Zwischen den beiden Prinzessinnen Luise und Josephine stirbt der erstgeborene Prinz N. N. am 16. Oktober 1812, zwischen den Prinzessinnen Josephine und Marie stirbt am 8. Mai 1817 der Prinz Alexander. Diese Sterbefälle widerstreiten jeder physiologischen Wahrscheinlichkeit. Wie wäre es erklärbar, daß eine Mutter demselben Vater lauter gesunde Töchter und als Söhne nur Sterblinge gebiert?! In dieser ganzen Begebenheit scheint so viel System, so viel Berechnung hindurch, wie sie nicht dem Zufall, sondern nur menschlichen Absichten und Plänen zuzutrauen ist. Oder man müßte glauben, die Vorsehung habe einmal in den gewöhnlichen Lauf der Natur eingegriffen und Außerordentliches getan, um einen coup de politique auszuführen.

Wer bei dem Aussterben des Mannesstammes in der Linie des Großherzogs Carl das nächste, das unmittelbarste Interesse hatte, war unstreitig die Mutter der Herren Grafen Hochberg mit ihren Söhnen. Denn waren ihre Kinder aus morganatischer Ehe für sukzessionsfähig anerkannt, und war der Mannesstamm im Hause des Großherzogs Carl untergegangen, so mußte wohl nach kurzer Zeit die Sukzession an die Hochbergsche Familie kommen. Die Gräfin Hochberg wird überdies als eine Dame bezeichnet, die gegen die Gemahlin des Großherzogs Carl tiefen Haß getragen, dabei von unbegrenztem Ehrgeiz und eines solchen Charakters sei, der sie um die Mittel zu ihrem Zwecke wenig verlegen mache.

Nun aber komme ich zu einem Umstande, der an sich selbst so klein und unbedeutend ist, daß er sich lange Zeit der Aufmerksamkeit entzog, bis er durch Zusammenhaltung mit einigen genealogischen Tatsachen, nach denen der Verfasser dieser Schrift lange vergebens gestrebt hatte, seinen Verdacht bis zur moralischen Gewißheit steigerte.

In dem Brief, der dem armen Kaspar bei seiner Aussetzung in die Hand gegeben worden ist, in Verbindung mit der Einlage zu jenem Briefe, sind unter anderem folgende Angaben enthalten:

1. Kaspar sei am 30. April 1812 geboren.

2. Er sei dem Unbekannten gelegt worden am 7. Oktober 1812.

Hiermit treffen nun bis auf unbedeutende, leicht erklärbare Abweichungen die verhängnisvollen Epochen der Geburt und des Todes beider Prinzen, besonders aber des erstgeborenen N. N., wunderbar zusammen. Nämlich:

1. Der Prinz N. N. ist geboren im Jahre 1812, gestorben im Jahre 1812. Im selben Jahre 1812 ist, nach jener Angabe, Kaspar geboren und auch in demselben Jahre 1812 angeblich als Findelkind dem Unbekannten gelegt worden, also aus seiner Familie verschwunden und in die Gewalt des Unbekannten gekommen.

2. Selbst der Monat des Todes des Prinzen N. N. trifft mit dem Monat der angeblichen Aussetzung des Kindes Kaspar bei dem Unbekannten überein. Der Oktober ist für beide verhängnisvoll. In diesem Monat desselben Jahres stirbt Prinz N. N. und wird Kaspar ausgesetzt.

Nun ist zwar

3. nicht nur eine kleine Differenz in dem Monatstag, dort der 16. Oktober, hier der 7. Oktober, sondern auch eine Abweichung in den Geburtstagen, indem der Prinz am 29. September geboren wurde, Kaspar aber am 30. April zur Welt gekommen sein soll. Allein jene Differenz zwischen dem 7. und 16. desselben Monats ist an sich höchst unbedeutend und leicht erklärbar, dagegen ist wieder

4. der 30. April, der dem Kaspar als Geburtstag beigelegt wird, von höchster Bedeutung. Dieser ist nämlich gerade der Geburtstag des zweiten Prinzen, Alexander.

Die Ursachen dieser Übereinstimmungen und Abweichungen sind nicht schwer zu erklären. Es ist leicht möglich, daß der Unbekannte, der von dem Geburts- und angeblichen Todesjahr Kaspars im allgemeinen gute Kenntnis hatte, in den einzelnen Daten sich im Irrtum befand, den Geburtstag des zweiten Prinzen (30. April) mit dem des ersten verwechselte und sich, während ihm der Oktober als Sterbemonat noch im treuen Gedächtnis war, nur in dem Monatstag vergriff. Statt des 16. Oktober der 7. Ein unbedeutender Unterschied von 8 bis 9 Tagen. Indessen scheint mir die Abweichung ganz absichtlich aus guten Gründen geschehen zu sein. Derjenige, der unsern Kaspar in Gewahrsam hatte, ihn nach Nürnberg brachte und den Brief nebst Beilage schrieb oder schreiben ließ, war höchstwahrscheinlich ein katholischer Geistlicher. Vielleicht ein Klostergeistlicher, der auch, wie die mitgegebenen geistlichen Büchlein bekunden, für Kaspars Seelenheil besorgt war. Ihm mußte es als eine große Verruchtheit dünken, den Unglücklichen ohne allen Ausweis über seine Geburt in die Welt zu stoßen. Wäre aber dieser Mann dem rechten Datum in allem vollkommen getreu geblieben, so mußte er mit Recht eine nur zu schnelle Entdeckung befürchten. Um daher in der Hauptsache bei der Wahrheit zu bleiben, ohne das Geheimnis zu verraten, mußte der Wahrheit etwas Lüge beigemischt werden. So wurde denn, um auch noch von der Wahrheit so wenig als möglich abzuweichen, bloß ein Datum im richtig angegebenen Monat (Oktober) um einige Tage zurückgeschoben und ihm nebenbei der 30. April aus dem Leben seines Bruders beigelegt. Nicht unbedeutend ist es, daß nicht lange nach dem Erscheinen Kaspars zu Nürnberg sich das Gerücht, und zwar von Baden her, verbreitete: Kaspar sei ein für tot ausgegebener Prinz des Badenschen Hauses, und zwar ein Sohn der Großherzogin Stephanie. Daß dieses Gerücht von Zeit zu Zeit wieder laut geworden ist, am lautesten aber in der neuesten Zeit, daß neuerlich unter der Form einer angeblichen Geistererscheinung, von der öffentliche Blätter erzählten, die Behauptung angedeutet wurde, die Familie Hochberg besitze durch Usurpation den Thron, es sei noch ein echter Prinz am Leben, daß sogar erst vor einigen Tagen in einem Augsburger Blatt die Behauptung, die aus einer Stuttgarter Zeitung entnommen, zu lesen war:

"Kaspar Hauser sei der mutmaßliche Prätendent von Baden."

Gerüchte sind freilich nur Gerüchte. Sie sind aber darum nicht zu verachten. Oft fließen sie aus sehr echten Quellen. Sie haben, so es geheimen Verbrechen gilt, häufig darin ihre Entstehung, daß der eine oder andere Mitwissende geplaudert hat, mit seinem Vertrauen zu freigebig war oder sonst eine verräterische Unvorsichtigkeit begangen hat oder aber auch, weil ein Mitschuldiger, um sein Gewissen zu erleichtern oder um sich wegen getäuschter Hoffnungen zu rächen, im stillen die Entdeckung der Wahrheit herbeizuführen sucht, ohne an sich selbst zum Verräter werden zu müssen. Aus diesen Gründen zählen die Rechtsgelehrten auch Gerüchte (die famam publicam) zu den Anzeigungen (Indizien) von Verbrechen und deren Urhebern oder Teilnehmern.

Anselm Ritter von Feuerbach

Anselm Ritter von Feuerbach, Kaspar Hauser oder Beispiel eines Verbrechens am Seelenleben eines Menschen, Stuttgart 2002, S. 76 ff.

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