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Die Erbprinzentheorie
Sollte Kaspar Hauser wirklich ein
Mitglied des Hauses Baden gewesen sein, so
wären vornehmlich sechs Personen für sein
"Schicksal" verantwortlich:
Karl Friedrich von
Baden und seine zweite Frau Luise Karoline, Karl von Baden und seine Frau Stéphanie und Leopold von Baden und seine Frau Sophie.
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts war ganz
Mitteleuropa von Aufbruchstimmungen und Kriegen
erschüttert. Die französische Revolution
war im ersten Französischen Kaiserreich
untergegangen. Macht, Einfluss und
Besitzstände des über Jahrhunderte das
Leben in Europa bestimmenden Adels und Klerus waren
in Frage gestellt und existenziell bedroht.
Die Markgrafschaft Baden stellte keine Ausnahme
dar.
Karl Friedrich von Baden-Durlach hatte 1771 den
katholischen Teil der bis 1535 zusammengehört
habenden Markgrafschaft "geerbt", da mit August
Georg von Baden-Baden der letzte männlich
Nachkomme der katholischen Linie der badischen
Markgrafen gestorben war.
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Karl Friedrich + Luise
Karoline
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Karl Friedrichs erste Frau Karoline Luise war 1783
gestorben. 1787 ging der 59jährige Karl
Friedrich eine so genannte "Ehe zur linken Hand"
mit der damals 19jährigen Luise Karoline Geyer
von Geyersberg ein. Diese Form der Ehe bedeutete,
dass weder Luise Karoline noch ihre Nachkommen
Anspruch auf Aufnahme in den erblichen Adelsstand
hatten.
Von Karl Friedrichs Kindern aus erster Ehe lebten
zu jenem Zeitpunkt: Erbprinz Karl Ludwig, der mit
Amalie von Hessen Darmstadt verheiratet war, sowie
die kinderlosen Prinzen Friedrich und Ludwig.
Karl, der einzige Sohn Amalies und Karl Ludwigs,
war designierter Nachfolger seines Vaters als
Landesfürst. Karl Ludwig starb jedoch 1801 zu
einer Zeit, als Karl Friedrich noch die
Regentschaft über Baden innehatte und sich mit
seiner zweiten Frau, die zur für dynastische
Ansprüche unmaßgeblichen
Reichsgräfin von Hochberg avanciert war,
bereits an vier Kindern, darunter drei Söhne,
erfreuen konnte.
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Karl +Stéphanie
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1811 übernahm Karl, der Enkel
Karl Friedrichs nach dem Tod des 1806 zum
Großherzog erhobenen Badener
Landefürsten, als zweiter Großherzog des
Landes die Regierungsgeschäfte. Seine Ehe mit
Stéphanie de Beauharnais war zu jenem
Zeitpunkt lediglich durch die Geburt einer Tochter
gesegnet. Dem Zähringer
Adelsgeschlecht, das seit 1218 nur noch durch die
Seitenlinie der badischen Markgrafen
repräsentiert war, drohte das Aus mangels
männlicher Nachkommen.
Karl Friedrichs Kinder aus der "Ehe zur linken
Hand" waren 1811 zwischen 15 und 21 Jahre alt.
Leopold, der älteste, hätte ihm Falle des
Aussterbens der Zähringer das
Großherzogtum weiter regieren können,
wenn entsprechende Voraussetzungen geschaffen
gewesen wären.
Am 29. September 1812 gebar Großherzogin
Stéphanie einen Sohn, der allerdings am 16.
Oktober 1812 namenlos starb. Der offizielle
Sektionsbefund sprach von "Gichtern und Steckfluss"
als Todesursache. Krämpfe und Gehirnblutungen
sollen zum Tod des Säuglings geführt
haben. Es gab Gerüchte, der Säugling
wäre zu retten gewesen, wogegen sich der
großherzogliche Leibarzt mit Billigung
Großherzog Karls in der Staatszeitung
öffentlich verwarte.
Am 2. Mai 1816 kam ein weiterer Sohn des
großherzoglichen Paares zur Welt, der den
Namen Alexander Maximilian Karl erhielt. Ein Jahr
später erkrankte das Kind schwer an einer
unbekannten Krankheit und starb am 8. Mai 1817.
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Großherzog
Karl erließ ein Hausgesetz über die
Erbfolge der Söhne aus der zweiten Ehe seines
Großvaters Karl Friedrich. Beim
Fürstenkongress von Aachen wurde dieses Gesetz
am 20. November 1818 ebenso unterzeichnet wie die
Unteilbarkeit des badischen Territoriums
festgeschrieben wurde.
Am 8. Dezember 1818 starb Karl von Baden. Sein
Onkel Ludwig wurde dritter badischer
Großherzog und regierte Baden bis zu seinem
Tod im Jahr 1830. Das Jahrhunderte alte Geschlecht
Zähringer war in der Manneslinie
ausgestorben.
1830 schlug die Stunde der Hochberger, der Kinder
Luise Karolines Geyer von Geyersberg,
Reichgsräfin von Hochberg, speziell ihres
ältesten Sohnes Leopold.
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Leopold +Sophie
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Leopold von Hochberg hatte 1819 die
schwedische Prinzessin Sophie, eine Nichte des
verstorbenen Großherzog Karls, geheiratet.
Das Paar hatte bereits drei Söhne, als Leopold
der vierte Großherzog Badens wurde.
Kaspar Hauser war am 26. Mai 1828 in Nürnberg
aufgetaucht. Gerüchte und Vermutungen rankten
sich um seine Person. Seine Ähnlichkeit mit
Mitgliedern der großherzoglich badischen
Familie nährte den Verdacht, er sei in
Wirklichkeit das leibliche Kind von
Großherzogin Stéphanie und
Großherzog Karl. Das Kind, das am 16. Oktober
1812 gestorben und in der Familiengruft in
Pforzheim beigesetzt worden ist, müsse ein
anderes gewesen sein.
Luise Karoline von Hochberg soll den neugeborenen
Knaben gegen ein todkrankes Kind ausgetauscht und
den gesunden Zähringerspross an einen Major
weiter gegeben haben. Dieser wiederum soll den
Jungen einem ehemaligen Soldaten überantwortet
haben. Darüber hinaus soll dieser Major den
Sachverhalt bei einer Befragung durch
Großherzog Leopold zugegeben haben.
Schriftliche Zeugnisse hierfür gibt es
nicht.
Kaspar Hausers Vormund Paul Johann Anselm Ritter
von Feuerbach versuchte systematisch, Licht ins
Dunkel der Herkunft Kaspar Hausers zu bringen, und
hatte bereits 1832 die These aufgestellt, Kaspar
Hauser sei der
legitime Erbe der badischen
Großherzogswürde.
Dem widersprach der britische Lord Stanhope, ein
Freund und Förderer Großherzog Leopolds,
der öffentlich erklärte, Kaspar Hauser
sei ungarischer Abstammung und stehe in keiner
verwandtschaftlichen Beziehung zum Hause Baden.
Paul Johann Anselm Ritter von Feuerbach ließ
verlauten, einen untrüglichen Beweis für
die Abstammung Kaspar Hausers zu haben. Antreten
konnte er diesen Beweis nicht mehr, da er am 29.
Mai 1833 starb. Ein stichhaltiger Beweis wurde in
seinem Nachlass nicht gefunden. Sein Tod ließ
Gerüchte aufkommen, er sei vergiftet worden,
um einen Nachweis zu verhindern.
Am 14. Dezember 1833 erlitt Kaspar Hauser
tödliche Stichwunden.
Großherzogin Sophie von Baden wurde
gerüchteweise als Anstifterin zum Mord
angeprangert. Die Furcht vor einem Thonverzicht und
der damit einhergehende Macht- und Stellungsverlust
soll ausschlaggebend für ihr Vorgehen gewesen
sein. Sophie von Baden soll ihrem Gemahl Leopold
nach dem Mord die Anstiftung hierzu gestanden
haben. Dieser habe die Tat zwar nicht gebilligt,
aber den Mantel des Schweigens darüber
gebreitet - aus Angst vor einem Skandal.
Die Vermutungen, Anklagen und Gerüchte
verstummten jedoch nicht und mündeten
während der badischen Revolution von
1848/49 in dem Vorwurf, Großherzog
Leopold trage Mitschuld an der Ermordung des wahren
badischen Thronfolgers, um seine Machtposition zu
erhalten und die seiner Familie zu sichern.
Verdächtigungen, Gerüchte, Untersuchungen
auf der einen Seite, sowie Verweigerung und
Schweigen auf Seiten der badischen Herrscherfamilie
dauerten an.
Obwohl sich die politischen Verhältnisse
Europas im 20. Jahrhundert grundlegend
geändert haben, und die Regentschaft des Adels
ein Ende gefunden hat, wird die ablehnende Haltung
der Nachfahren der badischen Herrscher zu Beginn
des 3. Jahrtausends aufrechterhalten. Das
Nürnberger Findelkind wird weiter für
Gesprächs- und Zündstoff sorgen. (RW)
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