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Die Beobachtungen des
Georg Friedrich Daumers

Neben seinem energischen Fürsprecher, dem Rechtsgelehrten Anselm Ritter von Feuerbach, der 1832 (also ein Jahr vor Hausers Ermordung) in einer geheimen Memoire an die Königin Karoline von Bayern (der Tante des "verstorbenen" Badischen Thronerben) als erster, dem Gedanken Ausdruck verleiht, dass es sich bei Kasper Hauser um den rechtmäßigen Badischen Thronfolger handele, war Georg Friedrich Daumer sein wichtigster und treuster Lehrer und Erzieher.

Daumer konnte an Kaspar Hauser eine Vielzahl interessanter Beobachtungen machen.

Zunächst erkrankte der vorher einem großen Ansturm verschiedenster Besucher und einer Flut von Neuem (Lesen, Schreiben, Rechnen hatte er innerhalb weniger Wochen gelernt) ausgesetzte Kaspar nach dem Einzug bei Daumer. Zwar erholte er sich rasch von seinen körperlichen Beschwerden, doch blieb er nervlich angeschlagen, was sich vor allem in starken Zuckungen im Gesicht und in den Extremitäten äußerte, sobald er nur laute Geräusche hörte, helles Licht sah oder intellektuellen Anstrengungen ausgesetzt war.

Mit einer ausgewogenen Kur aus Spaziergängen, Reiten, warmen Bädern, Ruhe und leichter Garten- oder Tischlerarbeit gelingt es Daumer rasch, Kaspars bedenklichen nervlichen Zustand weitestgehend zu heilen.

Da Kaspar während seiner langjährigen Gefangenschaft nur Wasser und Brot zu essen bekam, gewöhnt er sich nur langsam an Milchspeisen und andere leichte Kost.

Georg Friedrich Daumer

Georg Friedrich Daumer

 


Daumer schreibt:
"Von Fleischspeisen bekommt er fieberhafte Zufälle, Pflanzensäure macht empfindlichen Reiz, das Süße ist ihm widerlich, alles Gewüzhafte und Geistige bringt Erscheinungen schreckhafter Art hervor. Alle seine Sinne sind von ungeheurer Schrärfe und Freiheit. Er riecht zum Beispiel Dinge, die für gewöhnliche Organe ganz geruchslos sind, in beträchtlicher Entfernung, schmeckt einen Tropfen Fleischbrühe, die unter seine Wassersuppe gekommen ist, und unterscheidet in einer Entfernung von etwa 100 Schritten die einzelnen Beeren der Trauben eines Holunderbaumes, in mehr als der Hälfte der Entfernung erkennt er den Unterschied einer Holunderbeere von einer Schwarzbeere. Sein an die Finsternis gewöhntes Auge sieht in einer Dunkelheit, in welcher ein gewöhnliches Auge weder Farbe noch Umriß erkennt, noch ziemlich gut. (...) Er braucht in der Nacht kein Licht, um sich im Hause überall zurecht zu finden und mit Sicherheit umherzugehen; ja, er sieht in der Dämmerung besser als bei hellem Tage, da ihn das Tageslicht blendet.

Am merkwürdigsten sind die bei ihm vorkommenden Erscheinungen, die in das Gebiet des animalischen Magnetismus und des Hellsehens hinüber streifen.(...)

Wenn von hinten sich jemand auch ungesehen und ungehört ihm nähert, so weiß er es Vermöge einer ganz eigentümlichen Empfindung, welche ihm die Nähe lebendiger Wesen erregt. Wenn man eine Hand gegen ihn ausstreckt, so fühlt er eine Strömung von ihr ausgehen, die er mit dem Ausdruck "anblasen" belegt: beim Anfassen mit einer Hand befällt ihn mit wenigen Ausnahmen (bei alternden Personen) ein kalter Schauder. Die meiste Empfänglichkeit für solche Eindrücke zeigt er (...) in Beziehung auf mich. Er empfindet es, rückwärts gekehrt, wenn ich in einer Entfernung von 125 Schritten eine Hand gegen ihn richte. Eine ähnliche Empfindlichkeit äußert er gegen Metalle; er fühlt und unterscheidet durch die Stärke des Zuges Metalle, die man, ohne dass er es gesehen hat oder weiß unter Papier verborgen hat. Diese Erscheinungen vermindern sich jedoch, sowie er jetzt kräftiger und gesünder wird.

Zur Schilderung seiner geistigen Eigentümlichkeit, wie sie sich bis jetzt gezeigt hat, mögen folgende Züge dienen: Er ist von der größten Gutmütigkeit und Weichherzigkeit. Allen Menschen aber mißtraut er mehr oder weniger, was eine begreifliche Folge seiner bisherigen Erfahrungen ist. Sein Urteil ist scharf und treffend, seine Beobachtung außerordentlich fein. Autoritäten gelten nichts bei ihm; er vertraut nur eigener Anschauung, Erfahrung und Einsicht. Sein Verstand erkennt in seinen Anforderungen keine Grenzen an und will absolut befriedigt sein; sein moralisches Gefühl äußert sich rigoristisch; in Hinsicht der äußeren Ordnung und Reinheit ist er pedantisch. (...)

Die zwei größten Veränderungen, die mit seiner Sinnesweise und Ansicht der Dinge vorgingen, waren nach seiner eigenen Angabe folgende: Die erste trat ein, als ich ihm ein Buchstabenbaukästchen zum Lesen gebracht und angefangen hatte, ihn die Buchstaben kennen zu lernen. Von der Zeit an, sagte er, sei es mit dem Spielen ausgewesen, die Spielpferde (Anm.Fr.Schuh:: die einzigen Gegenstände, die Hauser im Verlies hatte. Sein Käfig war nach seinen Aussagen so beschaffen, dass sich nicht aufichten konnte und Dämmerlicht oder Dunkeln sitzen mußte. Alle pflegerischen Verrichtungen wurden an ihm vollzogen, während er von Opium betäubt war. Insofern war er von allem menschlichen Kontakt weitestgehend isoliert.), bis dahin seine größten Freude, wurde zurückgestellt, und er war von nun an aufs Lernen bedacht. Die zweite große Veränderung brachte die Wahrnehmung des Keimens und Wachsens in ihm hervor. Er glaubte nämlich früher, dass Bäume, Blätter, Blumen, Früchte von Menschenhand gemacht und geformt wären, und da ich mich bemühte, ihm eine Vorstellung vom Wachstum der Vegetabilien zu geben, verhielt er sich ganz ungläubig dagegen. Ich ließ ihn daher einige Samenkörner von verschiedenster Art in Blumentöpfe stecken und verkündigte ihm, was geschehen würde. Er wolle mir alles glauben, sagte er, wenn sich das bestätigte. Als nun die Körner wirklich aufgingen, geriet er in nicht zu beschreibende Freude und Verwunderung und sieht seit dieser Zeit die Natur mit ganz anderen Augen an."

Als seinen einzigen Fehler in der Erziehung Kaspar Hausers bezeichnet es Daumer, dass er ihn an Fleischkost zu gewöhnen versuchte. In dem Maße, in dem ihm verschiedene herkömmliche Nahrungsmittel zugeführt wurden, schwanden Kaspars oben geschilderten bemerkenswerten Fähigkeiten.

Einige Zeit nach Stattfinden des ersten Mordanschlages auf ihn verläßt Kaspar sein bisheriges Domizil und versucht auf eigenen Beinen zu stehen.

Lesen Sie auch:
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Wer möchte wohl Kaspar Hauser sein?


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