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Daumer schreibt:
"Von Fleischspeisen bekommt er fieberhafte
Zufälle, Pflanzensäure macht
empfindlichen Reiz, das Süße ist ihm
widerlich, alles Gewüzhafte und Geistige
bringt Erscheinungen schreckhafter Art hervor. Alle
seine Sinne sind von ungeheurer Schrärfe und
Freiheit. Er riecht zum Beispiel Dinge, die
für gewöhnliche Organe ganz geruchslos
sind, in beträchtlicher Entfernung, schmeckt
einen Tropfen Fleischbrühe, die unter seine
Wassersuppe gekommen ist, und unterscheidet in
einer Entfernung von etwa 100 Schritten die
einzelnen Beeren der Trauben eines Holunderbaumes,
in mehr als der Hälfte der Entfernung erkennt
er den Unterschied einer Holunderbeere von einer
Schwarzbeere. Sein an die Finsternis gewöhntes
Auge sieht in einer Dunkelheit, in welcher ein
gewöhnliches Auge weder Farbe noch Umriß
erkennt, noch ziemlich gut. (...) Er braucht in der
Nacht kein Licht, um sich im Hause überall
zurecht zu finden und mit Sicherheit umherzugehen;
ja, er sieht in der Dämmerung besser als bei
hellem Tage, da ihn das Tageslicht blendet.
Am merkwürdigsten sind die bei ihm
vorkommenden Erscheinungen, die in das Gebiet des
animalischen Magnetismus und des Hellsehens
hinüber streifen.(...)
Wenn von hinten sich jemand auch ungesehen und
ungehört ihm nähert, so weiß er es
Vermöge einer ganz eigentümlichen
Empfindung, welche ihm die Nähe lebendiger
Wesen erregt. Wenn man eine Hand gegen ihn
ausstreckt, so fühlt er eine Strömung von
ihr ausgehen, die er mit dem Ausdruck "anblasen"
belegt: beim Anfassen mit einer Hand befällt
ihn mit wenigen Ausnahmen (bei alternden Personen)
ein kalter Schauder. Die meiste
Empfänglichkeit für solche Eindrücke
zeigt er (...) in Beziehung auf mich. Er empfindet
es, rückwärts gekehrt, wenn ich in einer
Entfernung von 125 Schritten eine Hand gegen ihn
richte. Eine ähnliche Empfindlichkeit
äußert er gegen Metalle; er fühlt
und unterscheidet durch die Stärke des Zuges
Metalle, die man, ohne dass er es gesehen hat oder
weiß unter Papier verborgen hat. Diese
Erscheinungen vermindern sich jedoch, sowie er
jetzt kräftiger und gesünder wird.
Zur Schilderung seiner geistigen
Eigentümlichkeit, wie sie sich bis jetzt
gezeigt hat, mögen folgende Züge dienen:
Er ist von der größten Gutmütigkeit
und Weichherzigkeit. Allen Menschen aber
mißtraut er mehr oder weniger, was eine
begreifliche Folge seiner bisherigen Erfahrungen
ist. Sein Urteil ist scharf und treffend, seine
Beobachtung außerordentlich fein.
Autoritäten gelten nichts bei ihm; er vertraut
nur eigener Anschauung, Erfahrung und Einsicht.
Sein Verstand erkennt in seinen Anforderungen keine
Grenzen an und will absolut befriedigt sein; sein
moralisches Gefühl äußert sich
rigoristisch; in Hinsicht der äußeren
Ordnung und Reinheit ist er pedantisch. (...)
Die zwei größten Veränderungen, die
mit seiner Sinnesweise und Ansicht der Dinge
vorgingen, waren nach seiner eigenen Angabe
folgende: Die erste trat ein, als ich ihm ein
Buchstabenbaukästchen zum Lesen gebracht und
angefangen hatte, ihn die Buchstaben kennen zu
lernen. Von der Zeit an, sagte er, sei es mit dem
Spielen ausgewesen, die Spielpferde (Anm.Fr.Schuh::
die einzigen Gegenstände, die Hauser im
Verlies hatte. Sein Käfig war nach seinen
Aussagen so beschaffen, dass sich nicht aufichten
konnte und Dämmerlicht oder Dunkeln sitzen
mußte. Alle pflegerischen Verrichtungen
wurden an ihm vollzogen, während er von Opium
betäubt war. Insofern war er von allem
menschlichen Kontakt weitestgehend isoliert.), bis
dahin seine größten Freude, wurde
zurückgestellt, und er war von nun an aufs
Lernen bedacht. Die zweite große
Veränderung brachte die Wahrnehmung des
Keimens und Wachsens in ihm hervor. Er glaubte
nämlich früher, dass Bäume,
Blätter, Blumen, Früchte von Menschenhand
gemacht und geformt wären, und da ich mich
bemühte, ihm eine Vorstellung vom Wachstum der
Vegetabilien zu geben, verhielt er sich ganz
ungläubig dagegen. Ich ließ ihn daher
einige Samenkörner von verschiedenster Art in
Blumentöpfe stecken und verkündigte ihm,
was geschehen würde. Er wolle mir alles
glauben, sagte er, wenn sich das bestätigte.
Als nun die Körner wirklich aufgingen, geriet
er in nicht zu beschreibende Freude und
Verwunderung und sieht seit dieser Zeit die Natur
mit ganz anderen Augen an."
Als seinen einzigen Fehler in der Erziehung Kaspar
Hausers bezeichnet es Daumer, dass er ihn an
Fleischkost zu gewöhnen versuchte. In dem
Maße, in dem ihm verschiedene
herkömmliche Nahrungsmittel zugeführt
wurden, schwanden Kaspars oben geschilderten
bemerkenswerten Fähigkeiten.
Einige Zeit nach Stattfinden des ersten
Mordanschlages auf ihn verläßt Kaspar
sein bisheriges Domizil und versucht auf eigenen
Beinen zu stehen.
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