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 Kurt Schwitters Arbeiten wurden 1921 in der Galerie Goltz ausgestellt.


Geboren 20. Juni 1887 in Hannover. Ich besuchte das Realgymnasium in Hannover und mußte auf Wunsch meiner Eltern das Abiturientenexamen machen, denn ich sollte studieren. Für mich kam aber nur Malerei, Kneten in Ton, Dichten in Frage.

Ausbildung erlitt ich auf der Kunstgewerbeschule in Hannover ein Jahr und von 1909 bis 1914 auf der Dresdener Kunstakademie. Zwischendurch gastierte ich in Berlin auf der dortigen Kunstakademie und wurde als unheilbar unbegabt entlassen. Meine Erfolge auf Kunstschulen waren nie groß, denn ich kann ja nicht lernen, das ist mein Kummer, und was ich selbst wollte und mußte, das stand nicht auf dem Programm. Für mich bedeutet Kunst schaffen und nicht imitieren, sei es der Natur, sei es stärkerer Kollegen, wie das so üblich ist.

Im Kriege da hat es furchtbar gegoren. Was ich von der Akademie mitgebracht habe, konnte ich nicht gebrauchen, das brauchbare Neue war noch im Wachsen, und um mich da tobte ein blöder Kampf um Dinge, die mir gleichgültig sind.

Und plötzlich war die glorreiche Revolution da. Ich halte nicht viel von solchen Revolutionen, dazu muß die Menschheit reif sein. Es ist, als ob der Wind die Äpfel unreif abschüttelt, solch ein Schaden. Aber damit war der ganze Schwindel, den die Menschen Krieg nennen, zu Ende. Ich verließ meine Arbeitsstelle ohne jede Kündigung, und nun gings los. Jetzt begann das Gären erst richtig. Ich fühlte mich frei und mußte meinen Jubel hinausschreien in die Welt. Aus Sparsamkeit nahm ich dazu, was ich fand, denn wir waren ein verarmtes Land. Man kann auch mit Müllabfällen schreien, und das tat ich, indem ich sie zusammenleimte und -nagelte. Ich nannte es Merz, es war aber mein Gebet über den siegreichen Ausgang des Krieges, denn noch einmal hatte der Frieden wieder gesiegt. Kaputt war sowieso alles, und es galt aus den Scherben Neues zu bauen. Das aber ist Merz. Ich malte, nagelte, klebte, dichtete und erlebte die Welt in Berlin. Denn Berlin war die billigste Stadt der Welt, daher waren Millionen von interessanten Ausländern da. Meine Anna Blume feierte Triumphe, man verachtete mich, schrieb mir Drohbriefe und ging mir aus dem Wege. Es war wie ein Abbild der Revolution in mir, nicht wie sie war, sondern wie sie hätte sein sollen. Übrigens bin ich Künstler des Sturm und liebe Herwarth Walden wegen seines mutigen Werkes.

Und plötzlich war die Revolution wieder zu Ende. Aber in mir gärte es weiter, aber wie edler Sekt gärt, in Deutschland auf Flaschen gezogen. Ich baute auf, und es kam mir mehr auf das Bauen als auf die Scherben an. Mehr kann ich nicht über meine Kunst schreiben.

Aber der Mensch will auch leben. Und so suchte ich wieder nach dem nächstliegenden Beruf. Dieses Mal war es die Reklame und die Gestaltung von Drucksachen allgemein. Ich habe im letzten Jahre allein mehr als 400 Drucksachen gestaltet. Ich bin zur Zeit künstlerischer Beirat der Stadt Hannover, und seit 8 Tagen bin ich Mitglied des PEN-Clubs, was man so werden kann.

Mein Hauptgrundsatz bei der typographischen Gestaltung ist der, jedesmal das zum Ausdruck zu bringen, was ich im einzelnen Falle ausdrücken wollte. Genauer anzugeben, was z.B. Ziel typographischer Gestaltung sein kann, würde sehr weit führen. Es ist mir aber auch besonders wichtig, deutlich genug gesagt zu haben, daß es keine Regel gibt, etwa ein Schema, nach dem man immer wieder arbeiten könnte. Manchmal kann man für die einzelne Arbeit ein System schaffen, aber hier sind die Ausnahmen nicht selten. Man soll sich dadurch aber nicht beirren lassen, denn es ist das Wesen der Ideale, nicht erreicht werden zu können. Diese Grundsätze sind ohne Ausnahme überall anwendbar. Wichtig ist nur, daß man ihre richtige Auslegung im einzelnen Falle kennt. Dazu braucht man aber nichts weiter als mit beiden Augen zu sehen und andererseits das Gesehene mit seinem Verstande richtig zu überlegen. Übung macht den Meister, so auch hier; und so erkennt man häufig beim Arbeiten ähnlicher Dinge, daß man sich selbst und sein System korrigieren muß. Lehrreich ist aber immer die Beschäftigung mit verwandten Gebieten, denn das Gleichnis ist neben der Erfahrung der beste Lehrmeister der Menschen.
Kurt Schwitters, Hannover, Waldhausenstr. 5.

Quelle: Kurt Schwitters. 1930.
Zitiert nach Friedhelm Lach (Hg.): Kurt Schwitters. Das literarische Werk. Bände 15. Dumont Buchverlag Köln 1974-1988. Band 5, Köln 1981. Seite 335/336.


Das ist Akademie!

Ich wurde geboren am 20. Juni 1887 in Hannover. Als Kind hatte ich einen kleinen Garten mit Rosen und Erdbeeren, Nachdem ich das Realgymnasium in Hannover absolviert hatte, lernte ich bei Bantzer, Kühl und Hegenbarth in Dresden die Technik der Malerei. Das Stilleben mit Abendmahlskelch habe ich im Malsaal Bantzer gemalt. Die jetzt bei Hans Goltz, München, Briennerstraße 5 ausgestellte Auswahl meiner Arbeiten soll zeigen, wie ich von der bewußten, möglichst genauen Nachahmung der Natur durch Ölfarbe, Pinsel und Leinwand zur konsequenten Verarbeitung nur künstlerischer Mittel im Merzgebilde kam, und daß von den naturalistischen Studien bis zu den Merzabstraktionen eine stetige Entwicklung führt.

Das Abmalen der Natur ist die Übersetzung der dreidimensionalen Körperlichkeit auf eine zweidimensionale Fläche. Das kann man lernen, wenn man gesund ist und nicht farbenblind. Ölfarbe, Leinwand und Pinsel sind Material und Werkzeug. Es ist möglich, durch zweckmäßige Verteilung von Ölfarbe auf Leinewand die Wirkung von Natureindrücken zu kopieren; unter günstigen Umständen so genau, daß man das Bild nicht von dem Modell unterscheiden kann. Man beginnt zum Beispiel mit einer weißen, für Ölmalerei grundierten Leinewand und zeichnet etwa mit Kohle die am deutlichsten erkennbaren Richtungen der darzustellenden Naturform darauf. Nur die erste Richtung darf ziemlich willkürlich gezeichnet werden, alle anderen müssen zu der ersten den durch das Naturmodell vorgeschriebenen Winkel haben.

Durch ständiges Vergleichen der Darstellung mit dem Modell kann man die Richtungen so untereinander abstimmen, daß die der Darstellung denen der Erscheinung des Modells entsprechen. Man setzt Richtungen nach dem Gefühl, lotet und kontrolliert die Richtigkeit des Gefühls durch Vergleichen des abgeschätzten Winkels der Richtung mit dem Lote bei der Natur mit dem bei der Darstellung. Darauf zeichnet man entsprechend der Erscheinung des Größenverhältnisses der Modellteile unter einander das Verhältnis der Größe der Bildteile auf die Leinewand, am besten durch gedachte Linien, die diese Teile umgrenzen. Die Größe des ersten Teiles ist beliebig, falls nicht »Naturgröße« eines Teiles, etwa des Kopfes, dargestellt werden soll. In diesem Falle mißt man eine parallel zu einer entsprechend der Bildebene in der Natur gedachten Ebene gerichtete gedachte Linie mit dem Zirkel und trägt dieses Maß in die Darstellung des ersten Teiles ein. Alle übrigen Teile stimmt man zu dem ersten auf der Bildebene gefühlsmäßig entsprechend den entsprechenden Modellteilen ab und kontrolliert das Gefühl durch Messen, indem man das Bild soweit von sich stellt, daß der erste Teil gleich groß dem ersten des Modells erscheint und vergleicht. Um ein beliebiges Maß zu kontrollieren, hält man mit ausgestrecktem Arm einen Pinselstiel in der Richtung dieses Maßes in der Natur so vor dieses Maß, daß das Ende des Pinselstieles mit einem Ende des Maßes scheinbar zusammenfällt, und hält den Daumen so an den Pinselstiel, daß die Berührungsstelle des Daumennagels mit dem Stiel sich mit dem anderen Ende des Maßes deckt. Wenn man das so gewonnene Pinselstielmaß wieder mit ausgestrecktem Arm vor das entsprechende Bildmaß hält, kann man mit photographischer Genauigkeit feststellen, ob man sich gefühlsmäßig getäuscht hat. Ist die Aufzeichnung "richtig", so füllt man die Bildteile mit Farbe aus, entsprechend der Natur. Am zweckmäßigsten beginnt man mit einer deutlich erkennbaren Farbe von großer Ausdehnung, vielleicht einem etwas gebrochenen Blau, Man schätzt den Stumpfheit ab und bricht die Leuchtkraft durch die Komplementärfarbe, etwa Ultramarin durch lichten Ocker. Durch Hinzusetzen von Weiß kann man die Farbe hell, von Schwarz dunkel machen. Das alles kann man lernen.

Zum Kontrollieren der Richtigkeit setzt man am besten das Bild unmittelbar neben die gedachte Bildebene in der Natur, stellt sich auf seinen alten Platz zurück und vergleicht Bildfarbe mit Naturfarbe. Durch Brechen der zu leuchtenden Farbtöne und Hinzusetzen der noch fehlenden macht man den Bildfarbton dem entsprechenden Naturfarbton möglichst gleich. Stimmt ein Farbton, so kann man das Bild auf seinen Platz zurücknehmen und die übrigen zu dem ersten gefühlsmäßig abstimmen. Das Gefühl kann man kontrollieren, indem man jeden Farbton direkt mit der Natur vergleicht, nachdem man das Bild wieder neben das Modell gestellt hat. Hat man Geduld und stimmt sämtliche großen und kleinen Richtungen, Formen und Farbtöne entsprechend denen der Natur unter einander ab, so hat man eine genaue Wiedergabe der Natur. Das kann man lernen. Das kann man lehren. Damit man sich nun nicht allzuviel im "Gefühl" täuscht, lernt man die Natur selbst kennen durch Anatomie und Perspektive und sein Material durch Farbenlehre. Das ist Akademie!

Quelle: Kurt Schwitters. Merz.
(Veröffentlicht in "Der Ararat", 2. Jahrgang 1921,
Nr. 1, Seite 3)


Kurt Schwitters - das literarische Werk

Kurt Schwitters
Das literarische Werk
in 5 Bänden
von Friedhelm Lach

Gebundene Ausgabe, Dumont Literatur und Kunst Verlag
Neue Auflage, September 2004

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 Kurt Schitters

Kurt Schwitters
Merz - ein Gesamtweltbild

Katalogbuch Basel 2004. "Ich war total verschwittert, Schwitters war mein großer Mann" (Jean Tinguely 1987). Nach dem Ersten Weltkrieg stellte Kurt Schwitters provokativ fest, daß man auch "mit Müllabfällen schreien" könne, und verwendet fortan alltägliche Materialien und Fundobjekte für seine Collagen und Assemblagen. 1919 erfindet er mit dem aus dem Schriftzug "Commerz- und Privatbank" entnommenen Begriff "Merz" seine eigene Kunstrichtung, die alle Bereiche seiner vielfältigen künstlerischen Tätigkeiten - Malerei, Skulptur, Architektur, Dichtung, Theater, Typographie und Happening - umfaßt. Seine programmatische Idee eines "Merz-Gesamtweltbildes" sollte alle Lebens- und Kunstbereiche erfassen. Selten konnte man in einer Ausstellung und auch in diesem Katalogband "so viele zarte und doch so rebellische Werke des Universalkünstlers sehen, der seinen Blick auf den Abfallhalden des 20. Jahrhunderts weiden ließ, um die Abwehrkräfte zu stärken" (FAZ).

Text: Christof Bignens, Karin Orchard, Beat Wyss,
Format 24 x 28 cm, 264 Seiten, ca. 120 Farb- und 100 SW-Abbildungen, gebundene Ausgabe, Benteli-Verlag

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