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Münchener Neueste
Nachrichten
vom 24.
Oktober 1912
Der Herr, der die Ausstellung Goltz am Odeonsplatz
verließ, rief nach einem Auto: "Fahren sie
mich rasch", sagte er zu dem Chauffeur, "der Herr
Moosburger und seine gelbe Kuh verfolgen mich mit
der Symphonie des Schmerzes." Der Chauffeur
lächelte und verschwendete Gas die
Ludwigstraße hinab gegen Schwabing zu. Aber
der Herr Moosburger und seine gelbe Kuh blieben bei
Goltz. Herr Moosburger, der Mann mit dem
blutigroten Gesicht und dem moosgrünen Bart
hängt rechts an der Wand, die gelbe Kuh links.
Die Kuh ist wütend geworden, weil man sie mit
Eierdotter bemalte, der Herr Moosburger zeigt seine
Schamröte wegen seines stattlichen grünen
Vollbartes. Die Symphonie des Schmerzes endlich
besteht aus ausgestochenen Augen, zu Sträuben
verdrehten Nervensträngen und fliegenden
Dreiecken. So sieht der Schmerz im Bilde aus; in
der Praxis wird er zum Angstschweiß und zur
Symphonie des Schreies nach einem
Reserve-Taschentuch, nach einem Stuhl und nach
Kognak. Es hängt noch ein sehr schönes
Bild an der Wand des Herrn Moosburger: "Kaffee"
oder: Wo ist der Sacharinschmuggler? Der Zufall hat
einen Schirmständer danebengestellt,
raffinierter Gedanke: Hier einen Schirm zu stellen,
ihn aufzuspannen, mit ihm die Augen zu beschatten
und dem Ausgang zuzueilen. An der Kasse sagt man
dann: "Fräulein, verstehen Sie das?" und das
ehrliche kleine Fräulein sagt: "Nein." Es
sitzt den ganzen Tag dem Herrn Moosburger
gegenüber, und hat Nerven wie Kreuzerstricke.
Der blaue Reiter - ein Sonntagsreiter - oder ein
Reiter am Blauen Montag? Trinkt er Absinth oder
Wasser? Wodka oder Slivovitz? Jughurt oder Kumi?
Ist er schon nach dem Kriegsschauplatz abgerufen
oder nicht? Den Maler des "Schmerzes" kenne ich,
eine Woche lang war das "Stefanie" wegen baulicher
Veränderung geschlossen - da entstand das
Bild. Es klagt die Langweile der Maurer an. Der Weg
von "van Gogh" bis Kandinsky ist in einem viel
schnelleren Tempo zurückgelegt worden. Und
schon sind die Akten auf diesen blauen Reiter
geschlossen: die Futuristen rücken an! Die
Laienhaftigkeit des Publikums glaubt die
Ausstellung Goltz als Führer betrachten zu
dürfen - es gab nie einen größeren
Irrtum. Schon sind die Kandinsky-Leute zu
"Zünftlern" zu degradieren, die mit diesen
kommenden Zukunftlern gar nichts zu tun haben.
Figurenmaler, Genrebedürftige, man könnte
sogar sagen Gewerbetreibende. Um sie in dem
gebührenden Abstand zur wahren Kunst zu
zeigen, verrücken also nächstens die
Futuristen ihren Schauplatz von Berlin nach
München - soweit sie nicht der Krieg im Osten
zu erhabenen Aufgaben verlangt hat.
Münchener Neueste
Nachrichten
vom 12.
September 1917 Ausstellung der Galerie »Neue
Kunst - Hans Goltz«
Wir sind in diesem Sommer in München so reich
mit Ausstellungen gesegnet, dass es nicht
verwunderlich ist, wenn sich beim Beschauer eine
gewisse Müdigkeit einstellt, deshalb muss eine
Ausstellung um größeres Interesse zu
erwecken, irgendwelche Eigenart haben oder durch
eine überragende Persönlichkeit fesseln.
Auch die Ausstellungen der Künstler, die man
gemeinhin mit dem Namen Expressionisten
zusammenfasst, sind uns allmählich, trotz des
Für- und Widergeschreis, alltäglich
geworden. Auch die Bilderschau, die
gegenwärtig bei Goltz zu sehen ist, zeigt ein
schon gewohntes Bild, ungefähr dem der
Ausstellung der »Neuen Secession«
entsprechend. Wie dort finden wir hier Pascin,
Pellegrini, Kars, Eberz, Seewald u.a., letztere(r)
mit mehreren Ölbildern, Aquarellen und
Zeichnungen in seiner bei aller
Bilderbogenhaftigkeit so malerischer Art, die in
dem Architekturbild beispielsweise von starker
Wirkung ist.
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Die
naturalistischen Blumenbilder von M. Czapek wirken
nicht so unfertig wie des gleichen Künstlers
Landschaften, man fühlt hier nicht die
unbedingte Notwendigkeit, wie etwa in den Bildern
eines Melzer. Die kubistisch zerbrochene Mandoline
eines Herbin zeigt zu offensichtlich das bekannte
Vorbild Picassos. In Klees bunten Vierecken,
außer ihrer dekorativen Wirkung, irgendwelche
Notwendigkeit zu erkennen, ist wohl nur wenigen
möglich, seine Ausdrucksmöglichkeiten
sind vielleicht in der Mystik oder Philosophie,
nicht aber in der bildenden Kunst zu suchen.«
»Diesen Irrtum findet man auch bei dem
großen kubistischen Holzschnitt
Dülbergs, der in den relativ naturalistischen
Porträtholzschnitten entgegenkommender ist.
Überhaupt befriedigt die Graphik der
Ausstellung mehr. Zwar sind die harten, rohen
Holzschnitte von Fel. Müller gewollt primitiv,
die Zechnungen Egon Schieles sind noch unter dem
Eindruck Klimts entstanden, doch die Radierungen
Heckels sind von bewusster Eigenart. Die
Zeichnungen und Illustrationen von Goetzel treffen
mit ihren dünnen grünen Linien gut die
mystische Stimmung ihrer literarischen Vorbilder,
stark im Ausdruck und Empfinden sind seine
Steinzeichnungen zu den Nachtwachen Bonaventuras.
Die Grotesken von Sedlacek sind von grausigem
Humor, während das Grausige in den Radierungen
von Otto A. Lehmann nicht so überzeugt; gut
sind teilweise die impressionistischen
Federzeichnungen von Soldenhoff.
Der Cicerone
Halbmonatszeitschrift für
Künstler, Kunstfreunde und Sammler, Artikel
veröffentlicht in "Der Ararat", Nr. 7,
1920:
Hans Goltz, um die Pflege junger Kunst in
München hochverdient, hat unter obigem Titel
soeben eine neue Zeitschrift herausgebracht, die,
in zwangloser Folge erscheinend, Glossen, Skizzen
und Notizen zur neuen Kunst vereinigt. Im
knappgeprägten Vorwort steht der
programmatisch wichtige Satz, dass der "Ararat"
nicht erbend durch Aufrufe oder Hymne, nicht
theoretisierend durch Essay und Abhandlung, sondern
sachlich berichtend durch Darbietung eines
Tatsachen- und Anschauungsmaterials, das sich auch
auf das Kunstleben aller Völker bezieht,
für die neue Kunst wirken will. Er will die
knappesten Formen literarischer Mitteilung
bevorzugen: die Skizze, die Glosse, die Notiz.
Das erste Heft dieser neuen Reihe belegt den Satz
durch die Tat. Witz und Schärfe sind
Würze der hier mitgeteilten Dinge. Ein gut
gewähltes Hors d’oeuvre, das die Gaumen der
Feinschmecker kitzelt. Nichts ist
nebensächlich, alles bewusst auf die knappeste
Form gebracht. Und doch das ganze Programm mit
europäischem Horizont. Halten sich die
folgende Hefte auf der Höhe des ersten, wird
der "Ararat" bald zu den amüsantesten
Kunstzeitschriften der Gegenwart zählen. Die
redaktionelle Leitung hat Dr. Leopold Zahn.
Völkischer
Beobachter
vom 29.
März 1923:
"Seit zehn Jahren wütet eine eigenartige
Geistesseuche in unserer Stadt, Neue Kunst,
Expressionismus, von uns Kunstpest genannt. ...
Dabei ist erfreulich, dass diese Pest nicht zu
einer allgemeinen septischen Verseuchung
führte, sondern sich in Abszessen sammelte,
die man nur aufzuschneiden braucht. So ein Abszess
ist die Kunsthandlung »Goltz«, Herr Goltz
feiert gegenwärtig das zehnjährige
Jubiläum der Kunstpest durch eine Ausstellung.
Sie zeigt an Werten der bildenden Kunst die ganze
pestilentische Entzündung, phosphoreszierende
Fäulnis und den starren Todeskampf des
verlogenen, von der Natur abgeirrten Geistern in
allen Varianten - von der ungehemmten Tollwut bis
zur hohlen Idiotie -, von der schamlosesten
Gemeinheit bis zum religiösen Wahnsinn.
Dazwischen lallt Kubin in ekligen
Fieberträumen, wühlt G. Grosz mit dem
eifrigen Behagen einer Made in verwesenden
literarischen Gedanken, sitzt Davringhausen wie ein
Pilz wohlig im Faulen. Sein Selbstbildnis zeigt den
Juden mit seinem urbösen Natternblick, seinen
giftigen, polypenhaft leuchtenden Glotzaugen.
...hier muss einmal, mit aller Entschiedenheit
hineingehauen werden."
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Der Cicerone
17. Jg., 1925, Heft10, Leipzig/Berlin,
schreibt:
"Diese 100. Ausstellung benutze man nun aber auch,
dem vielbefehdeten Goltz ein Dankeswort zu sagen.
Man überlege doch einmal, wie das
Münchner, von Haus aus so zu Behäbigkeit
und Inzucht neigende Kunstleben aussähe, ohne
diesen »fremden« Faktor, der viel Wallung
in den trägen Blutumlauf Münchens
gebracht hat. Bai Goltz war es, wo die bewegte
Jugend, die dann doch immer Träger der
Entwicklung wurde, sich gefesselt fühlte, wo
auch Experimente gewagt wurden, wo junges
künstlerisches Leben an zentraler Stelle der
Stadt pulste, ein Leben, das uns weiterhin gerade
in München vergönnt sein möge."
Münchener
Zeitung
Nr. 123, S.
8, Dienstag, 5. Mai 1925:
"Paul Klee, derzeit Professor (für was?) am
Bauhaus in Dessau, vormals Weimar, stellt bei Hans
Goltz, Briennerstraße, sein Werk von 1920 bis
1925 aus. Jemand, der ohne Ahnung, was seiner
wartet, in diese Ausstellung gerät,
könnte zunächst auf die Vermutung
kommen, dass es sich hier um Entwürfe zu
bunten Stoffen oder Wandteppichen handelt.
Jedenfalls ist der kunstgewerbliche Eindruck dieser
infantilen Spielereien mit sehr geschmackvoll
gewählten Farben und mit Linien, Strichen,
Strichelchen, Punkten usw. vorherrschend.
Beabsichtigt ist das vermutlich nicht. Es ist
vielmehr anzunehmen, dass Klee und seine Freunde
diese graphisch dargestellten Halluzinationen,
Haschischträume und Phantasmagorien für
ebenso hohe wie tiefe Kunst halten. Nun, das
mögen sie immerhin tun. Für uns,
die wir nicht zu den Adepten gehören, hat
diese Kunst höchstens dekorativen Anreiz. Im
übrigen ist festzustellen, dass derartiges
schon deshalb in der Luft hängt, weil es gar
keine Beziehungen zu den Empfindungen in der
Allgemeinheit hat. Das Volk wird zu solchen Dingen
nie ein Verhältnis gewinnen. Das sei
höchst gleichgültig, höre ich sagen.
Auch gut. Aber die großen (und
größten) Künstler früherer
Zeiten haben anders gedacht. -vermerkt sei, dass
diese Ausstellung die 100. der Galerie für
Neue Kunst von Hans Goltz ist. Man hat selten
Gelegenheit, über eine Ausstellung dieser
Galerie erfreut zu sein, und kann aus innerster
Überzeugung nur Wenigem zustimmen, was hier
gezeigt wird. Aber es muss anerkannt werden, dass
man diesen Ausstellungen trotzdem viele, z. T. sehr
wertvolle Anregungen dankt. Und es ist deshalb zu
wünschen, dass sie als dauernde Einrichtung
bestehen bleiben mögen. Sie sind eine
Notwendigkeit für jeden, der sich über
modernste Kunst unterrichten will."
Frankfurter Zeitung
vom 26. Mai
1925
Paul Klee - Ausstellung bei Hans Goltz in
München.
Von Wilhelm Hausenstein:
"Die Galerie Goltz zeigt das Werk Klees aus der
Zeit von 1920 bis 1925. Vor fünf Jahren, im
Mai 1920, hat man ebendort zum ersten Mal vereint
gesehen, was von Klee bis dahin hervorgebracht
worden war. Die gegenwärtige Ausstellung ist
die Fortsetzung jener ersten. Möge die
Gepflogenheit entstehen, dass die Produktion Klees
von Lustrum zu Lustrum an dieser Stelle
gezeigt werde. Das Zeitmaß ist gut. Die
Stätte hat ein Vorrecht, denn von ihr aus ist
Klee in die Öffentlichkeit geschritten. Ich
selbst habe mich immer nur mit einem Teil der
Künstler, die in der Galerie Goltz ihren
Vermittler fanden, in Übereinstimmung
gefunden. Dies aber ist mir über jedem
Zweifel: mit dem Namen Klee besitzt sie ein Zentrum
der Zeit. Ist eine paradoxe Formel erlaubt: ein
exzentrisches Zentrum. So würden andere sagen;
ich sage es nicht; denn ich glaube, diese
schöne und gefährliche Spinne sitze
mitten im Netz der Zeit, und ihr Gewebe, mir
schöner als jedes andere unserer Tage, ist mir
konzentrisch wie kein anderes; das heute sonst
kunstreich gewoben würde... Mit dieser
Ausstellung von mehr als zweihundert Arbeiten
erlebt die Galerie Goltz ihre hundertste Schau
zeitgenössischer Kunst von radikaler Haltung.
Dass sie für dies Jubiläum ihren
wichtigsten Künstler lud, dies stellt auch
ihre Bedeutung in das stärkste Licht. Dem
Künstler aber gibt es eine Auszeichnung, deren
er nur zu sehr würdig ist..."
Alle
Ausstellungen der Galerie Hans
Goltz
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