
"Das Neue Bild"
herausgegeben von Otto Fischer, eine Quellenschrift
von hohem Wert, erschien 1912 als bibliophiler Band
im Münchener Delphin Verlag. Das Buch wurde in
einer limitierten Ausgabe von nur 800 Exemplaren
gedruckt und mit Pergamentrücken, bestem
Papier, gefälligem Format und
großzügigem Satzspiegel ausgestattet.
Das Buch ist fast die einzige verbale
Äußerung der "Neuen
Künstlervereinigung München". Doch das
ambitionierte Buch hatte kein Glück. Es ist,
wie es den Stimmen der ersten Stunde bisweilen
beschieden ist, echolos verhallt. Man kennt es
kaum. Nicht einmal alle Museen, die die klassische
Moderne sammeln, haben es in ihrer Bibliothek. Eine
zweite Auflage ist nie erschienen. Antiquarisch ist
es kaum zu bekommen. (Hans Wille)

Otto Fischer formulierte in diesem Buch
"Die neue Kunst"
Unser Kunstleben ist verworren. Es fehlt die
Einheit eines gemeinsamen Stils, eines gemeinsamen
Wollens, ja einer durchwirkenden Gesinnung. Die
bindende Tradition ist verloren gegangen. Dem
Leichtsinn und der Willkür des einzelnen ist
zu viel überlassen. Es mangeln auch die
sicheren Maßstäbe des Urteils. Die
Künstler scheiden sich in Richtungen, doch
ohne Gewissheit; die Menschen, für die sie
schaffen, schwanken hierhin und dorthin, ohne
Entscheidung.
Eine Kunst, die uns erfüllte, haben wir nicht.
Wir kennen wohl Spuren von ihr, aber wir haben sie
nicht. Wir sehnen uns nach ihr, und sie scheint
noch ferne.
Wir sind anders als die Generationen vor uns.
Unsere Bedürfnisse, unsere Hoffnungen sind
anders als die ihrigen. Unser Leben läuft in
anderen Bahnen. Unsere schönsten und tiefsten
Erlebnisse sind uns eigentümlich. Die Werte,
denen wir dienen, sind noch nicht ausgesprochene
Werte.
Wo aber ist die Kunst, die den heutigen Menschen
erschüttert? Eine Kunst, die sein Empfinden
und sein Verlangen endlich ausspräche? Eine
Kunst, die jenes Hohe und Unbedingte ihm sichtbar
machte, das er heimlich in sich trug? Eine Kunst,
deren Sprache schon eine neue und beglückende
Sprache sei?
Diese Kunst besitzen wir nicht. Da wir sie wollen,
so muß sie von uns geschaffen werden. Die
Aufgabe der Kunst ist es, mitzuwirken an dieser
Gestaltung. Was wir heute nicht vollenden
können, dazu soll wenigstens ein Grund durch
uns gelegt werden.
|