|
Interview mit Michael
Erasmus Goltz
Frage:
Wann haben Sie damit begonnen, sich intensiv mit
dem Nachlass Ihres Großvaters zu
beschäftigen?
MEG:
Nach dem Tode meiner Mutter, d.h. nachdem ich
über umfangreiche Dokumente verfügte
Frage:
War Ihnen bis zu jenem Zeitpunkt eigentlich
geläufig, welche Position Hans Goltz in der
deutschen Kunstgeschichte eingenommen hat?
MEG:
Dass Hans Goltz vor allem durch die 2. Ausstellung
der Redaktion "Der Blaue Reiter“ (1912) - Graphik
und Aquarelle, gehängt von Marc und Kandinsky
-, Bedeutung in der Kunstgeschichte gewonnen hat,
war mir bekannt. Der immense Umfang seiner
Leistungen als einer der zentralen Wegbereiter der
Moderne war mir unbekannt.
Frage:
1957 wurde in München als Würdigung der
Verdienste Hans Goltz’ eine Straße nach ihm
benannt. In der Begründung heißt es
unter anderem: „Er gehörte unter den deutschen
Kunsthändlern zu den ersten Vorkämpfern
für die »Moderne Kunst«. In seiner
Galerie »Neue Kunst - Hans Goltz« ebnete
er in über 161 Ausstellungen den Weg für
viele heute bekannte Künstler u.a. Nolde,
Marc, Klee, Kandinsky, Kubin, Lehmbruck, Seewald
und Kokoschka."
Sie waren damals 14 Jahre alt. Haben Sie seinerzeit
von diesem Ereignis erfahren?
MEG:
Nein! Die "Hitlerwelle" und ihre Folgen
(NS-Gewaltmaßnahmen, Krieg, Krankheit,
tradierte Vorurteile u.v.a.m.) hatten meinen Zweig
der Familie Goltz an den Strand der Verelendung
gespült. Umstellt von den Bildern der Not,
Krankheit und Ignoranz sieht man ›München
leuchtet‹ nicht. »Der Glanz der grossen Welt
ist kalt und leer, dunkle Schatten gehen neben uns
her...«
Frage:
Bedenkt man, dass sich Stadt-, Land- oder
Bundes"fürsten" gern bei öffentlichen
Anlässen mit "herausragenden"
Persönlichkeiten und/oder Kindern umgaben und
umgeben, erscheint es bemerkenswert, dass die
"Wunderblüte der Kunst", wie Ihre Mutter in
den 1920er Jahren bezeichnet worden ist, und ihre
damals 14, 9 und 5 Jahre alten Kinder zur Benennung
einer Straße nach ihrem Vater bzw.
Großvater nicht eingeladen waren. Muss dies
derart interpretiert werden, dass die Stadt
München, die vielversprechende Künstlerin
und ihre eigene Familie schlicht ignoriert hat?
MEG:
Zumindest sieht es so aus!?: Ich lebte bis 1952 mit
meiner Mutter und der am 11.11.1948 geborenen
Halbschwester Tabitha unter absolut
menschenunwürdigen Bedingungen in einem Zimmer
im Hause Kaulbachstrasse 92/III in München, wo
meine Mutter schon 1944 eingewiesen worden war.
Küchen- und Toilettenbenützung wurde der
Familie verweigert; Verrichtung der Notdurft im
Zimmer; Nebenräume, Keller- und
Speicherräume standen nicht zur
Verfügung; die Familie musste mit einem
Minimum an Lebensmitteln auskommen. Dieser
unwürdige Zustand war sehr wohl amtbekannt;
doch niemand schuf Abhilfe.
Weiter >
|
Frage:
Wer sich mit der Geschichte der Buch- und
Kunsthandlung Goltz auseinandersetzt, wird unschwer
erkennen, dass das Kunst-„Klima“ in der
Kunstmetropole des deutschen Südens bereits in
den 1920er Jahren durch nationalsozialistisches
Gedankengut ungesund geworden war. In einem
Hetzartikel des „Völkischen Beobachter“ vom
1923 heißt es wörtlich: "Seit zehn
Jahren wütet eine eigenartige Geistesseuche in
unserer Stadt, Neue Kunst, Expressionismus, von uns
Kunstpest genannt. ... Dabei ist erfreulich, dass
diese Pest nicht zu einer allgemeinen septischen
Verseuchung führte, sondern sich in Abszessen
sammelte, die man nur aufzuschneiden braucht. So
ein Abszess ist die Kunsthandlung
»Goltz«,…“
Sie und Ihre Familie haben nach dem Zweiten
Weltkrieg Schlimmstes erleiden müssen. Sehen
Sie einen Zusammenhang zwischen dem Vorhaben,
"einer allgemeinen septischen Verseuchung"
vorzubeugen und der Forderung, die "Abszesse"
"aufzuschneiden", der 1920er Jahre und dem, was
Ihnen und Ihrer Familie angetan worden ist?
MEG:
Es hat den Anschein. Die Vorgaben des
›Völkischen Beobachter‹: "...hier muss einmal,
mit aller Entschiedenheit hineingehauen werden",
hat man in München offenbar sehr ernst
genommen. Schon 21 Tage nach dem Tode des
Münchner Buch- und Kunsthändlers Hans
Goltz, nämlich ab dem 10. November 1927, um
11:30 Uhr, wurde damit begonnen, mit der
"Beschlagnahme-, Durchsuchungs- und Kontrollkeule“
in die Firma Hans Goltz "hineinzuhauen“. Ab 1937
nannte man dergleichen Säuberungsaktion. Vor
dem lang ersehnten "Tag der Machtübernahme"
konnte angeblich "unsittliches“, nach Etablierung
der NS-Herrschaft "kunstbolschewistisches“ Material
vorgefunden und beschlagnahmt werden. Die
beschlagnahmten Exponate vor 1933 wurden teilweise
zurückgegeben, das schlichtweg geraubte
"kunstbolschewistische Material“ nach 1933 wurde
nicht restituiert. Und zwar bis zum heutigen Tage
nicht.
Weiter >
Frage:
Angesichts des bisher Erfahrenen drängt sich
förmlich Folgendes auf:
Können Sie sich die Tatsache erklären,
dass einer der „ersten Vorkämpfer für die
»Moderne Kunst«“ in den letzten
Jahrzehnten so gut wie tot geschwiegen wurde und
wird?
MEG:
Warum man heute bei der aus zweiter und dritter
Hand gearbeiteten Darstellung jenes wichtigsten
Ereignisses der Münchner Kunst am Vorabend des
Ersten Weltkrieges, nämlich Entstehung und
Gedankengut des Blauen Reiters z.B. die Galerie
Thannhauser nennt, aber den Name "Goltz" offenbar
in jenes Dunkel verbannt, in dem man ihn nicht
sieht, hat mich eigenartig berührt. Meine
Recherchen haben ergeben:
Weiter >
Warum wird der "ersten
Vorkämpfer für die ›Moderne Kunst‹" in
den letzten Jahrzehnten in Deutschland so gut wie
tot geschwiegen, das ist hier die Frage. Die
Gründe sind, so denke ich, seit etwa 1998,
als in
einer Konferenz in Washington Vereinbarungen getroffen wurden,
dass „alle Anstrengungen unternommen werden,
Kunstwerke, die als durch die Nationalsozialisten
beschlagnahmt und in der Folge nicht
zurückerstattet identifiziert wurden, zu
veröffentlichen, um so die
Vorkriegseigentümer oder ihre Erben ausfindig
zu machen“, unschwer zu erkennen. Wer sie nicht
sieht, ist blind. Schlafende Hunde soll man nicht
wecken! Dies ist möglicherweise einer der
Gründe, zumindest hat es den Anschein.
|
Frage:
Kann Ihr Engagement so verstanden werden, dass Sie
sowohl die Bedeutung Ihres Großvaters
für die deutsche Kunstszene im ersten Quartal
des 20. Jahrhunderts „restituiert“ wissen wollen,
als auch den Ihrer Familie und anderen
Kunstliebhabern geraubten Schätzen auf der
Spur sind mit dem Ziel, den Geschädigten zu
ihrem Recht zu verhelfen?
MEG:
Genau so kann es verstanden werden. "Die Werke der
Alten sind der Nordstern für jedes
künstlerische oder literarische Streben: geht
der euch unter, so seid ihr verloren!"
(Schopenhauer)... "Die Galerie Goltz war für
München und für die Geschichte der
Moderne in dieser a priori eher konservativen Stadt
von größter Bedeutung. – Man braucht
hier nicht nur an den „Blauen Reiter“ oder an
Paul Klee zu denken, sondern ganz generell
liefen bei Goltz viele Fäden der Moderne
zusammen, so dass eine Ausstellung zur Rolle von
Goltz als Galerist und Förderer der
frühen Kunst des 20. Jahrhunderts einem
Panorama dieser Epoche gleichkäme. Gerade in
dieser großen Bedeutung, die sich in einer
entsprechend repräsentativen Ausstellung
spiegeln müsste, liegt jedoch der Grund
dafür, dass wir ein solches Projekt in der
derzeitigen finanziell und personell extrem
angespannten Situation leider nicht
durchführen können.", schrieb mir Frau
Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy, Kuratorin der
Pinakothek der Moderne am 22. Juni 2004. Gerade
deshalb bleibt es für mich ein "Rätsel",
warum man die Geburtshelfer- und Ammenrolle von
Hans Goltz nicht nur für die Künstler des
Blauen Reiters heute derart "skotomisiert" bzw.
ableugnet.
Ein Leben von "menschenunwürdiger" Armut war
seiner Tochter Charlotte Goltz, meiner Mutter also,
beschieden. Doch sie ließ sich von den
"Pfeilen und Schleudern des Schicksals" nicht
beugen. Sie glaubte an die Macht einer über
den kalten Buchstaben von Gesetzestexten
hinausgehenden Gerechtigkeit.
Kurz vor ihrem Tode übergab sie mir
sämtliche noch verbliebenen
Dokumentationsmittel, bis hin zur Galerie ihres
Vaters: Neue Kunst - Hans Goltz. Das ist ihr
Vermächtnis. Ich werde die geraubten und
verschwundenen Exponate aus dem
Geschäftsvermögen ihres Vaters - so Gott
will - finden, nicht zuletzt um für sie
eine postume Rehabilitation zu leisten.
Was ich kann und besitze, stelle ich gerne in den
Dienst meiner Mitmenschen. Ich bin mit
Einsatzwillen und zeitgeschichtlichen Dokumenten
aufs reichste gesegnet, so dass ich durchaus einen
„Gerechtigkeitsbeitrag“ leisten kann.
"Gerechtigkeit ist der beständige und dauernde
Wille, jedem das ihm Gebührende zuzuteilen.
Die Gebote des Rechts sind folgende: ehrenhaft
leben, den Nächsten nicht verletzen und jedem
das Seine zukommen zu lassen.“, wie der
römische Jurist Ulpian bereits in
vorchristlicher Zeit notierte.
Dieses Interview führte Rika Wettstein mit
Michael Erasmus Goltz im September 2004
Michael Erasmus Goltz ist am 12. Juli 2006 in
München gestorben.
|