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Biografie Hans Goltz

Die Jahre 1911-1927

Das Erbe von Hans Goltz

Der Blaue Reiter

Entartete Kunst

Presseecho/Ausstellungen

Interview mit Michael Goltz

Ausstellungen/Künstler

Interview mit Michael Erasmus Goltz

Frage:
Wann haben Sie damit begonnen, sich intensiv mit dem Nachlass Ihres Großvaters zu beschäftigen
?

MEG:
Nach dem Tode meiner Mutter, d.h. nachdem ich über umfangreiche Dokumente verfügte

Frage:
War Ihnen bis zu jenem Zeitpunkt eigentlich geläufig, welche Position Hans Goltz in der deutschen Kunstgeschichte eingenommen hat?

MEG:
Dass Hans Goltz vor allem durch die 2. Ausstellung der Redaktion "Der Blaue Reiter“ (1912) - Graphik und Aquarelle, gehängt von Marc und Kandinsky -, Bedeutung in der Kunstgeschichte gewonnen hat, war mir bekannt. Der immense Umfang seiner Leistungen als einer der zentralen Wegbereiter der Moderne war mir unbekannt.

Frage:
1957 wurde in München als Würdigung der Verdienste Hans Goltz’ eine Straße nach ihm benannt. In der Begründung heißt es unter anderem: „Er gehörte unter den deutschen Kunsthändlern zu den ersten Vorkämpfern für die »Moderne Kunst«. In seiner Galerie »Neue Kunst - Hans Goltz« ebnete er in über 161 Ausstellungen den Weg für viele heute bekannte Künstler u.a. Nolde, Marc, Klee, Kandinsky, Kubin, Lehmbruck, Seewald und Kokoschka."
Sie waren damals 14 Jahre alt. Haben Sie seinerzeit von diesem Ereignis erfahren?

MEG:
Nein! Die "Hitlerwelle" und ihre Folgen (NS-Gewaltmaßnahmen, Krieg, Krankheit, tradierte Vorurteile u.v.a.m.) hatten meinen Zweig der Familie Goltz an den Strand der Verelendung gespült. Umstellt von den Bildern der Not, Krankheit und Ignoranz sieht man ›München leuchtet‹ nicht. »Der Glanz der grossen Welt ist kalt und leer, dunkle Schatten gehen neben uns her...«

Frage:
Bedenkt man, dass sich Stadt-, Land- oder Bundes"fürsten" gern bei öffentlichen Anlässen mit "herausragenden" Persönlichkeiten und/oder Kindern umgaben und umgeben, erscheint es bemerkenswert, dass die "Wunderblüte der Kunst", wie Ihre Mutter in den 1920er Jahren bezeichnet worden ist, und ihre damals 14, 9 und 5 Jahre alten Kinder zur Benennung einer Straße nach ihrem Vater bzw. Großvater nicht eingeladen waren. Muss dies derart interpretiert werden, dass die Stadt München, die vielversprechende Künstlerin und ihre eigene Familie schlicht ignoriert hat?

MEG:
Zumindest sieht es so aus!?: Ich lebte bis 1952 mit meiner Mutter und der am 11.11.1948 geborenen Halbschwester Tabitha unter absolut menschenunwürdigen Bedingungen in einem Zimmer im Hause Kaulbachstrasse 92/III in München, wo meine Mutter schon 1944 eingewiesen worden war. Küchen- und Toilettenbenützung wurde der Familie verweigert; Verrichtung der Notdurft im Zimmer; Nebenräume, Keller- und Speicherräume standen nicht zur Verfügung; die Familie musste mit einem Minimum an  Lebensmitteln auskommen. Dieser unwürdige Zustand war sehr wohl amtbekannt; doch niemand schuf Abhilfe.

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Frage:
Wer sich mit der Geschichte der Buch- und Kunsthandlung Goltz auseinandersetzt, wird unschwer erkennen, dass das Kunst-„Klima“ in der Kunstmetropole des deutschen Südens bereits in den 1920er Jahren durch nationalsozialistisches Gedankengut ungesund geworden war. In einem Hetzartikel des „Völkischen Beobachter“ vom 1923 heißt es wörtlich: "Seit zehn Jahren wütet eine eigenartige Geistesseuche in unserer Stadt, Neue Kunst, Expressionismus, von uns Kunstpest genannt. ... Dabei ist erfreulich, dass diese Pest nicht zu einer allgemeinen septischen Verseuchung führte, sondern sich in Abszessen sammelte, die man nur aufzuschneiden braucht. So ein Abszess ist die Kunsthandlung »Goltz«,…“

Sie und Ihre Familie haben nach dem Zweiten Weltkrieg Schlimmstes erleiden müssen. Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen dem Vorhaben, "einer allgemeinen septischen Verseuchung" vorzubeugen und der Forderung, die "Abszesse" "aufzuschneiden", der 1920er Jahre und dem, was Ihnen und Ihrer Familie angetan worden ist?

MEG:
Es hat den Anschein. Die Vorgaben des ›Völkischen Beobachter‹: "...hier muss einmal, mit aller Entschiedenheit hineingehauen werden", hat man in München offenbar sehr ernst genommen. Schon 21 Tage nach dem Tode des Münchner Buch- und Kunsthändlers Hans Goltz, nämlich ab dem 10. November 1927, um 11:30 Uhr, wurde damit begonnen, mit der "Beschlagnahme-, Durchsuchungs- und Kontrollkeule“ in die Firma Hans Goltz "hineinzuhauen“. Ab 1937 nannte man dergleichen Säuberungsaktion. Vor dem lang ersehnten "Tag der Machtübernahme" konnte angeblich "unsittliches“, nach Etablierung der NS-Herrschaft "kunstbolschewistisches“ Material vorgefunden und beschlagnahmt werden. Die beschlagnahmten Exponate vor 1933 wurden teilweise zurückgegeben, das schlichtweg geraubte "kunstbolschewistische Material“ nach 1933 wurde nicht restituiert. Und zwar bis zum heutigen Tage nicht.

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Frage:
Angesichts des bisher Erfahrenen drängt sich förmlich Folgendes auf:
Können Sie sich die Tatsache erklären, dass einer der „ersten Vorkämpfer für die »Moderne Kunst«“ in den letzten Jahrzehnten so gut wie tot geschwiegen wurde und wird?

MEG:
Warum man heute bei der aus zweiter und dritter Hand gearbeiteten Darstellung jenes wichtigsten Ereignisses der Münchner Kunst am Vorabend des Ersten Weltkrieges, nämlich Entstehung und Gedankengut des Blauen Reiters z.B. die Galerie Thannhauser nennt, aber den Name "Goltz" offenbar in jenes Dunkel verbannt, in dem man ihn nicht sieht, hat mich eigenartig berührt. Meine Recherchen haben ergeben:

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Warum wird der "ersten Vorkämpfer für die ›Moderne Kunst‹" in den letzten Jahrzehnten in Deutschland so gut wie tot geschwiegen, das ist hier die Frage. Die Gründe sind, so denke ich, seit etwa 1998, als in einer Konferenz in Washington Vereinbarungen getroffen wurden, dass „alle Anstrengungen unternommen werden, Kunstwerke, die als durch die Nationalsozialisten beschlagnahmt und in der Folge nicht zurückerstattet identifiziert wurden, zu veröffentlichen, um so die Vorkriegseigentümer oder ihre Erben ausfindig zu machen“, unschwer zu erkennen. Wer sie nicht sieht, ist blind. Schlafende Hunde soll man nicht wecken! Dies ist möglicherweise einer der Gründe, zumindest hat es den Anschein.


Frage:
Kann Ihr Engagement so verstanden werden, dass Sie sowohl die Bedeutung Ihres Großvaters für die deutsche Kunstszene im ersten Quartal des 20. Jahrhunderts „restituiert“ wissen wollen, als auch den Ihrer Familie und anderen Kunstliebhabern geraubten Schätzen auf der Spur sind mit dem Ziel, den Geschädigten zu ihrem Recht zu verhelfen?

MEG:
Genau so kann es verstanden werden. "Die Werke der Alten sind der Nordstern für jedes künstlerische oder literarische Streben: geht der euch unter, so seid ihr verloren!" (Schopenhauer)... "Die Galerie Goltz war für München und für die Geschichte der Moderne in dieser a priori eher konservativen Stadt von größter Bedeutung. – Man braucht hier nicht nur an den „Blauen Reiter“ oder an  Paul Klee zu denken, sondern ganz generell liefen bei Goltz viele Fäden der Moderne zusammen, so dass eine Ausstellung zur Rolle von Goltz als Galerist und Förderer der frühen Kunst des 20. Jahrhunderts einem Panorama dieser Epoche gleichkäme. Gerade in dieser großen Bedeutung, die sich in einer entsprechend repräsentativen Ausstellung spiegeln müsste, liegt jedoch der Grund dafür, dass wir ein solches Projekt in der derzeitigen finanziell und personell extrem angespannten Situation leider nicht durchführen können.", schrieb mir Frau Dr. Cathrin Klingsöhr-Leroy, Kuratorin der Pinakothek der Moderne am 22. Juni 2004. Gerade deshalb bleibt es für mich ein "Rätsel", warum man die Geburtshelfer- und Ammenrolle von Hans Goltz nicht nur für die Künstler des Blauen Reiters heute derart "skotomisiert" bzw. ableugnet.

Ein Leben von "menschenunwürdiger" Armut war seiner Tochter Charlotte Goltz, meiner Mutter also, beschieden. Doch sie ließ sich von den "Pfeilen und Schleudern des Schicksals" nicht beugen. Sie glaubte an die Macht einer über den kalten Buchstaben von Gesetzestexten hinausgehenden Gerechtigkeit.

Kurz vor ihrem Tode übergab sie mir sämtliche noch verbliebenen Dokumentationsmittel, bis hin zur Galerie ihres Vaters: Neue Kunst - Hans Goltz. Das ist ihr Vermächtnis. Ich werde die geraubten und verschwundenen Exponate aus dem Geschäftsvermögen ihres Vaters - so Gott will -  finden, nicht zuletzt um für sie eine postume Rehabilitation zu leisten.

Was ich kann und besitze, stelle ich gerne in den Dienst meiner Mitmenschen. Ich bin mit Einsatzwillen und zeitgeschichtlichen Dokumenten aufs reichste gesegnet, so dass ich durchaus einen „Gerechtigkeitsbeitrag“ leisten kann.

"Gerechtigkeit ist der beständige und dauernde Wille, jedem das ihm Gebührende zuzuteilen. Die Gebote des Rechts sind folgende: ehrenhaft leben, den Nächsten nicht verletzen und jedem das Seine zukommen zu lassen.“, wie der römische Jurist Ulpian bereits in vorchristlicher Zeit notierte.

Dieses Interview führte Rika Wettstein mit Michael Erasmus Goltz im September 2004


Michael Erasmus Goltz ist am 12. Juli 2006 in München gestorben.


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