Home

Biografie Hans Goltz

Die Jahre 1911-1927

Das Erbe von Hans Goltz

Der Blaue Reiter

Entartete Kunst

Presseecho/Ausstellungen

Interview mit Michael Goltz

Ausstellungen/Künstler

Über den Infantilismus
in der neuen Kunst.

Vor gewissen (und zwar recht vielen) Bildern der neuen Kunst ist es dem Bürger ein Bedürfnis festzustellen: "Das kann mein kleiner Junge auch". Bedingt ist dieser stereotype Ausruf durch eine nicht zu leugnende (und oft schon hervorgehobene) Beziehung des so genannten Expressionismus zu infantilen Kunstäußerungen. Wenn man will, kann man drei Spielarten expressionistischen Infantilismus unterscheiden:

1. einen historisierenden, der sich der Kunstsprache primitiver Zeiten bedient;
2. einen ethnographischen, der in der Kunst primitiver Völker nach Vorbildern sucht;
3. einen reinen Infantilismus, der einer Kindlichkeit des Empfindens und Erlebens entspricht.

Der historisiernde Infantilismus, äußert sich in einer Reihe von Werken, in denen das moderne Kunstwollen seine Wahlverwandtschaft vor allem mit ägyptischer oder frühmittelalterlicher Kunst verrät. Diese Rückkehr zu primitiven Anfängen hat, wie wir noch sehen werden, einen anderen Sinn, wie die Nachahmung griechisch-archaischer Statuen im augusteischen und hadrianischen Zeitalter oder die Vorliebe der Präraphaeliten für das Quattrocento. Das römische Kopistentum entspringt "einer Ernüchterung der künstlerischen Phantasie" (Wickhoff), die präraphaelitische Schwärmerei für die italienischen Primitiven einer romantischen Zeitsentimentalität.

Der ethnographische Infantilismus hat in Gauguin seinen klassischen Vertreter. Künstlerische Absichten sind aber bei diesem Maler durch sentimentale Anwandlungen eines Kulturkatzenjammers Rousseauscher Färbung verunreinigt. Junge Bildhauer haben in der Negerplastik Antizipationen eigenen Kunstwollens entdeckt. (Archipenko,
Schmidt-Rottluff, Freundlich.) Einstein hat bekanntlich die Ästhetik der Negerplastik zu schreiben versucht. Für Niemayer ("Von Wesen und Wandlung der Plastik", Genius 19191) bewahrt die afrikanische Kunst den Ursinn der Plastik reiner als irgendeine ihrer geschichtlichen Entfaltungen.

Rührend tritt uns der reine Infantilismus im Schaffen Henri Rousseaus entgegen. Rousseau war der erste Europäer unserer Zeit, der als Künstler Mensch, Ding und Landschaft wieder mit den erstaunten Augen und der reinen Seele des Kindes sah und erlebte. Alles war ihm neu und bedeutsam. Die Erfahrungen der Vergangenheit und das Wissen der Gegenwart haben ihn gar nicht beeinflusst. Seine Seele war ganz auf sich selbst gestellt. Hinter der Realität sah er nicht das Gesetz, sondern das Wunder. Als französischer Kleinbürger malte er das Erlebnis des mexikanischen Urwaldes, den er in jungen Jahren gesehen hatte. Mystik und Dämonie einer sich selbst überlassenen unbändigen Prachtfunkelnden Natur ließ sein traumwandlerischer Pinsel auf der Leinwand entstehen. Aber auch die Landschaften, die er von Paris und der Banlieue malt, wachsen - wie schon Wilhelm Uhde hervorgehoben hat - "über alle Realitäten in einer fremdartigen und faszinierenden Weise hinaus". Rousseau ist das Phänomen einer schöpferischen Naivität.

Eine Reihe nordischer Künstler fühlt sich seinem Stil und seiner Gesinnung verbunden: vor allem Chagall,
Albert Bloch und Davringhausen. Am engsten hat sich wohl André Lothe an Rousseau angeschmiegt.

Der Infantilismus eines
George Grosz ist dagegen grundverschieden von dem Henri Rousseaus. Vor allem fehlt dem Deutschamerikaner die rührende Unabsichtlichkeit des Douaniers. Sein Infantilismus ist bewusste und gewollte Stilform, abgeleitet von Zeichnungen, wie sie die ungelenke Hand eines gamins auf Heuserwände hinkritzelt. Aus der Perspektive eines frühreifen, verderbten Straßenjungens versucht George Grosz die Großstadt zu sehen, und zwar jene trostlosen Viertel der Peripherie, wo der Mensch von Kindesbeinen an von den Bildern der Not, des Lasters und des Verbrechens umstellt ist. Herzlos und höhnisch grimassierend zeigt er auf die Gemeinheit hin, die er hinter allen Hüllen zu entdecken weiß. Unter dem Kleid der Dirne zeichnet er die geile Schwammigkeit der Beine und des Busens. Dem frechen Wissen eines Straßenjungen entspricht diese Deutlichkeit in der Angabe alles Geschlechtlichen. Wenn Oberländer die Zeichnungen des kleinen Moritz fingiert, handelt es sich um Dinge einer harmlosen Scherzhaftigkeit. Der infantile Zeichenstil George Grosz' ist Ausdrucksmittel einer fürchterlichen Satire von eminent sozialer Bedeutung.

Es wäre nun leichtfertig, den Infantilismus als Zeichen technischen Unvermögens zu diskreditieren oder auf eine mit dem Primitiven liebäugelnde Dekadenz zurückzuführen. Man kann ihn nur aus richtigen Erkenntnis des neuen Kunstwollens erklären. Dieses aber steht im innigsten Zusammenhang mit einer grundlegenden Wandlung des modernen Geisteslebens, die zu einer Depossedierung der Ratio zugunsten des Instinktes geführt hat. Dadurch, dass sich der moderne Mensch wieder dem Instinkt überantwortet, nähert er sich dem primitiven, dem infantilen Menschen, Dieser steht vor jeder Erfahrung, für ihn sind die Dinge nur seiend: ihr Dasein ist ihm Märchen, Wunder, Ungeheuerlichkeit: (Dem antiken und renaissancistischen Menschen war die Umwelt Manifestation der lex naturae, dem mittelalterlichen Menschen Offenbarung der lex dei, dem primitiven ist sie natura schlechthin: die bloße Existenz der Dinge ist für diesen von aufwühlender Bedeutung.) Für den materialistisch-rationalistischen Künstler bildet das Netzhautbild eine entscheidende Etappe im Künstlerischen Konzeptionsprozess. Für den primitiven "infantilen" Künstler ist der rein optische Vorgang nur eine physiologische Voraussetzung. Das für ihn künstlerisch in Betracht kommende Bild entsteht ausschließlich in seinem Innern, Dieses im Innern zustandegekommene Bild sucht nun der primitive Mensch im Kunstwerk zu gestalten. Dem Impuls zur Gestaltung gibt der dem Menschen innewohnende produktive Trieb. (Bekanntlich hat Aristoteles das künstlerische Erzeugen als eine Äußerung des Nachahmungstriebes erklärt. Diese Theorie, später auch nachdrücklich von Seneca vertreten, zählt heute noch zahlreiche Anhänger. Die vitalistische Kunsttheorie dagegen, wie sie besonders Alois Riegls Polemik gegen Gottfried Semper entwickelt hat, erkennt den ursprünglichen Anlass aller bildenden Kunst nicht in einem Trieb der Mimesis, sondern eben in dem dem Menschen innewohnenden Produktionstrieb.)

Löwy erklärt sich den nichtnaturgetreuen Aspekt archaischer Statuen dadurch, dass er in ihnen Gestaltungen von Erinnerungsbildern sieht. Richtiger wäre es vielleicht von Erlebnisbildern zu sprechen. Erinnerungs- oder Erlebnisbildern fehlt jede "abschreibende" Tendenz. Ihr spezifischer Charakter besteht aber nicht darin, dass sie nur das allgemeine Ungefähr der Erscheinung wiedergeben, sondern in der seelischen Bedingtheit ihrer Akzentuierungen, die im Kunstwerk als Deformationen, Übertreibungen, Verzeichnungen, mit einem Wort als Verstöße gegen die Naturwahrheit zutage treten.

L. Zahn. Aus dem ›Kunstblatt‹ März 1920 (Veröffentlicht in ›Der Ararat‹, Nr. 4, München / Januar 1920, S. 5-7)


Reclams Künstlerlexikon

Reclams Künstlerlexikon
von Robert Darmstaedter und Ulrike von Hase-Schmundt

Noch mehr Künstler, noch mehr Werke: Der zuverlässige Leitfaden - neu bearbeitet und erweitert. Aus allen Bereichen der bildenden Kunst sind weit über 5000 Künstler und Künstlerinnen verzeichnet. Damit liegt dem Kunstinteressierten ein aktuelles Nachschlagewerk vor, das mit den wichtigsten Lebensdaten und der Nennung der Hauptwerke verlässlich informiert.

Gleich bestellen


Kunstbücher suchen

Schnellsuche

Suchbegriff



Zum Thema:

  Ausstellungen der Galerie Goltz von 1912 bis 1927





Zurück


Kontakt   Impressum   Datenschutz

© 2004-2005 by Rika Wettstein, Baden-Baden. All rights reserved.