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"Gelächter
von Außen"
Der bayerische Schriftsteller Oskar Maria Graf
widmet sich in seiner Autobiografie "Gelächter
von Außen" - aus meinem Leben 1918-1933,
zuletzt im Paul List-Verlag erschienen, auf den
Seiten 42 bis 53 dem "Blauen Roß" (Blauer
Reiter).

"So war das also mit der Kunst. Ich
kicherte oft in mich hinein, wenn andere tierernst
und geschwollen darüber schwätzten, und
mir fielen dabei allerhand Späße ein,
die immer darauf hinaufliefen, die ganzen
Kunstkritiker und Snobisten zu blamieren. Ich
entsann mich der Vorkriegsjahre 1911 und 1912, als
ich über den anarchistischen Kreis um Erich
Mühsam und Gustav Landauer allmählich in
die Boheme hineinglitt. Da hatten einmal zwei Maler
in der Türkenstraße einen leeren Laden
gemietet. Der eine hing seine Riesenleinwand auf
die rechte und der andere die seine auf die linke
Wandseite. Sie fingen zu malen an und
kümmerten sich sonst um nichts. Leute, die an
dem Laden vorüberkamen, blieben neugierig
stehen und fixierten, was da gemalt wurde. Mehr und
immer mehr Leute sammelten sich an. Gelacht,
gespottet und geschimpft wurde.
"Das Fenster verhängen? Haben Sie vielleicht
schon einen Maler gesehen, der in der Dunkelheit
malt?", sagte der Pferdemaler: "Und überhaupt,
wo steht das, daß es verboten ist, einen
Laden zu mieten und da zu malen?"
Nichts zu machen. Die Schutzleute kamen aus dem
Laden und verbaten den erregten Leuten ihre ihre
unsinnige Massengafferei. Murrend und schimpfend
zersteute sich der Haufen, aber nach einer Stunde
war schon wieder ein anderer vor dem Ladenfenstern,
und so ging das, bis den ganzen Tag zwei Polizisten
davor patroullieren mußten, um solche
Aufläufe zu verhindern. Hin und Wieder sah so
ein biederer Schutzmann durchs Ladenfenster auf die
verrückten Bilder, die da drinnen
entstanden.
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Das eine zeigte sich bäumende,
plumpgemalte blaue Pferde, ein Gewirr von farbigen
Linien und Vierecken das andere. "Hm-hm, jetzt
woaß i net, bin ich verrückt oder
sind´s die da drinnen", sagte er zu seinem
Partner. Und eines Tages waren die Maler fort, zwei
Dienstmänner schlossen die Ladentür auf
und kamen mit den Bildern heraus.
"Hoho, wo aus und wohin denn? "fragte der eine
Schutzmann.
"Mir hab´n den Auftrag, dö Bilder zum
Littauer zu bringen. Die Herrn sind abgereist"
sagte der Dienstmann und schloß die
Ladentür ab. Die königliche Buch- und
Kunsthandlung Littauer befand sich am Odeonsplatz,
am Anfang der Ludwigstraße, und dort kaufte
von der königlichen Familie abwärts der
ganze bayerische Adel seine Jagd- und Genrebilder,
die alle von Malern aus der Lenbach- und
Defreggerzeit stammten.
Was bis dahin in München unvorstellbar war,
ereignete sich. Tausende empörter
Münchener, schreibend, schimpfend, drohend,
zogen mit den Dienstmännern von der
Türkenstaße bis zum Odeonplatz, und ein
großes Aufgebot von Polizisten, darunter
sogar berittene, hatten alle Mühe, einen
Ausbruch der Volkswut zu verhindern. Die
Dienstmänner trugen nämlich die
ungerahmten Riesenkunstwerke unverdeckt und mit der
Bildseite nach außen.
Was sich für ein aufregender Tumult bei ihrer
Ankunft im umfänglichen Laden bei Littauer
abspielte, läßt sich kaum beschreiben.
Die vornehmen Kunden, die gerade da waren,
erstarrten zunächst und ergriffen die Flucht.
Der Alte Herr Littauer schlug die Hände
über dem Kopf zusammen und schrie in einem
fort auf die vollkommen ungerührten
Dienstmänner ein "Was wollen Sie? Machen Sie
sofort, daß Sie aus meinem Geschäft
kommen! Wer hat Sie geschickt? Ich weiß
nichts. Marsch, fort mit Ihnen und dem Sudelzeug.
Herr Wachtmeister, helfen Sie mir doch, bitte,
schreiten Sie doch ein gegen diese Frechheit!"
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Seine zusammengelaufenen
Angestellten flitzten ratlos herum und versuchten
endlich, die Dienstmänner samt den Bildern auf
die Straße zu schieben. Die aber sagen
einfach, ihr Auftrag sei damit erledigt, die Herren
hätten bezahlt, basta. Sie wußten nicht
einmal die Namen derselben, schlugen ihre Stricke
um die Schultern und zogen ab. Zerschmettert, wie
bei einem Herzanfall nach Luft schnappend, stand
Herr Littauer da, riß sich aber auf einmal
zusammen und schrie mit befehlshaberischen Grimm
auf die verwirrten Angestellten ein: "Was stehn Sie
denn so unnütz herum? Marsch, hinaus mit dem
Zeug in den Hinterhof: Da kann´s meinetwegen
zugrunde gehen. - Ich hab´s nicht bestellt!
Marsch! Ich will nichts mehr sehn davon! "
Erschrocken griffen die Angestellten zu.
"Herr Littauer? - Goltz, mein Name, Hans Goltz"
sagte in dem Augenblick ein gutaussehender ziemlich
großgewachsener Vierziger: "Ich will Ihnen
gern aus der Verlegenheit helfen, wenn die Bilder
in meinem Laden, drüben an der Ecke vom Cafe
Luitpold gebracht werden."
Bilder nennen Sie das? - Bilder? - Oh, bitte
schön, gerne sehr gern!" warf der Herr
Littauer verächtlich hin und musterte den Mann
geschwind. Ohne weiteres ging er darauf ein und war
heilfroh darüber. Hans Goltz, der nachmals
berühmteste Pionier der neuen Kunst, hatte
einen modernen Buch- und Kunstsalon erst
kürzlich eröffnet und wagte es, die
beiden Bilder in seine großen Auslagen zu
stellen. Auch da sammelten sich noch öfter
haufenweise spottende, empörte Leute;
wahrscheinlich aber hinderte sie der
respektgebietende, elegant aufgemachte Laden daran,
rabiater zu werden. Sie verliefen sich nach einigem
Geschimpf und Genörgel wieder. Der Kunstsalon
Hans Goltz in der Brienner Straße wurde zur
vielbesprochenen provokantesten Münchner
Sensation und sehr schnell auch international
bekannt. Die Leute gewöhnten sich auch
allmählich an derartig monströs wirkende
Bilder, wie die Riesenwerke von Franz Marc und
Wassily Kandinsky, mit denen in München der
Siegeszug des Expressionismus anfing."
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