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Aufzeichnungen aus der Kinder- und
Jugendzeit von Hans Goltz
Meiner
lieben Nichte Diddy Goltz zur freundlichen
Erinnerung an ihren früh verstorbenen
Vater
von Tante Anna Freundstück geb. Goltz
Königsberg, Weihnachten 1927.
Dein Vater Hans Goltz wurde am 11. August 1873 zu
Elbing als viertes Kind seiner Eltern geboren. Sein
Vater Benjamin Goltz besaß damals eine -
schon von Generation zu Generation auf den
ältesten Sohn des Stammes Goltz
übergegangene Leinenindustrie mit Handbetrieb
und ein angesehenes Engros- und
Detailgeschäft, ein Weberhaus außerhalb
der Stadt in der Sternstrasse und ein eigenes
Wohnhaus mit großem Garten zum alleinigen
Wohnen in der Neust. Wallstrasse. Dieses ging
gleichzeitig mit dem Geschäft auch jedes Mal
auf den ältesten Goltz, der seit Generationen
immer Benjamin getauft wurde, über. In diesem
Hause spielte sich unsere Jugend ab. Es war ein
sehr altmodischer Bau, aber urgemütlich und
dadurch, dass unser Großvater schon manches
in demselben der Neuzeit entsprechend umgebaut
hatte, waren viel verzwickte, romantische
Räume, Geheimgänge und Geheimtüren
entstanden, die sich so recht zu allerlei
fantastischem Spiel eigneten und die wir Kinder
unserem Zweck nutzbar machten. Dadurch hatten wir
viel vor unsern andern Jugendbekannten voraus, und
dadurch kam es, dass sich bei uns immer eine Menge
Spielgefährten aller Geschwister einfanden,
die der genossenen Jugendgemeinschaft bis auf den
heutigen Tag die dankbarste Erinnerung bewahrt
haben. Zu unserer Zeit lebte noch mit uns zusammen
- jedoch in eigener Wohnung im Erdgeschoss - unsere
Großmutter Goltz, die uns Kindern dadurch,
dass sie alle Malzeiten mit uns gemeinsam einnahm,
überhaupt Freud und Leid in der Familie
teilte, sehr nahe stand, obgleich sie gewiss viel
unter der Unruhe und der großen Kinderschar
gelitten haben mag.
Von den anderen Geschwistern Deines Vaters waren
drei älter. Zunächst als ältester
Sohn, diesmal nicht Benjamin getauft, der Paul, im
Jahre 1868 geboren. Dann als einziges Mädchen
2 Jahre später geb. ich, Anna. Dann kam im
Jahre 1871 Walter, 1873 Hans (Dein Vater) und
danach erst 7 Jahre später im Jahre 1880 der
letzte Sprössling Willi, welcher aber unsere
wunderschöne Kinderzeit in Elbing nur bis zu
seinem 6. Lebensjahr in dieser glücklichen
Umgebung und den guten Verhältnissen verleben
konnte, weil unsere Eltern im Jahre 1886 ihren
ganzen Besitz, auch das Haus durch unverschuldetes
Unglück verloren und nach Königsberg
übersiedelten, wo alsdann auch Deines Vaters
getrübte Jugendzeit begann. Zunächst will
ich aber aus seiner glücklichen Kinderzeit und
von seinem lieblichen Wesen erzählen.
Er war ein sehr blondes, zart und sanft aussehendes
Lockenköpfchen von stiller, etwas
träumerischer Art, ein Kind, dass sich von
klein auf bei jedem Menschen Liebe erwarb.
Im Gegensatz zu seinem etwas älteren Bruder
Walter, dem wilden Hahnchen, wie ihn
Großvater nannte, der sehr lebhaft und immer
zu den verwegensten Streichen aufgelegt war, war
das sanfte Hänschen nie im Hause zu
hören. Er brauchte auch niemand, wenigstens
nicht zu seiner Unterhaltung.
Nur als ganz kleiner Bub, als er noch nicht gehen
konnte, ängstigte er sich sehr, in einem
Zimmer allein zu bleiben; und das war wohl die
einzige Veranlassung bei ihm zum Weinen, wobei er
dann so ein süßes Flunschchen zog, dass
wir alle so gerne sahen. Ich weiß mich zu
besinnen, dass ich, wenn ich ihn beaufsichtigte,
dann absichtlich für einen Moment aus dem
Zimmer ging, bis er sein Schnutchen zog, was ich
durch die Glastür beobachtete, nur um ihn
danach zu trösten und glücklich machen zu
können. Dann konnte er so dankbar
zärtlich sein und mich mit seinen dicken
Ärmchen glücklich umhalsen.
Von den großen Brüdern wurde er
eigentlich schlecht behandelt, sie fühlten
sich ihm, mit ihrem lauten lebhaften Wesen, weit
überlegen und waren es in ihrer Art auch. Paul
war es in geistiger Beziehung. Er war klug und hoch
intelligent, hatte auch sehr schöne
Charaktereigenschaften; nur war er durch und durch
Despot, wir andern mussten uns ihm unbedingt
fügen, und deshalb kam ihm leicht die
Überlegenheit. Walter wieder besaß sie
dadurch, dass er körperlich äußerst
gewandt war, immer munter und witzig, nie aber
für Ernst und Geruhsamkeit zu haben war.
Hänschen hatte dagegen ungewandte Glieder, war
auch in seinem Wesen mehr stiller Träumer in
seiner eigenen Welt, die ihn so beschäftigte,
dass Äußerliches für ihn versinken
konnte. Wenn er dann in Gedanken versunken ging,
konnte es vorkommen, dass er ohne Hindernis
über seine eigenen Beine flog, über seine
eigenen Füße fiel, was von den
Geschwistern fiel belacht wurde, weshalb sie ihn
oft scherzhaft drohten, ihn an die Leine zu legen.
Umsomehr hätten wir das kleine Kerlchen
hüten müssen und schonen, stattdessen
aber verschuldeten wir in seinem 4. Lebensjahr
durch Leichtsinn einen Unfall, der ihm beinahe das
Leben gekostet hätte.
Am Ende unseres großen Gartens floss damals
der "Holländer Graben" vorbei, vor dem unsere
Mutter immer Angst hatte und uns hütete.
Umsomehr reizte es uns, dem Verbot dorthin zu gehen
zu trotzen. Als einmal kurz vor Weihnachten der
erste Frost übernacht eingesetzt hatte und der
nächste Tag ein Sonntag war, lockte es uns die
dünne Eisdecke zu untersuchen. Das taten wir
aber nicht vorn Lande aus, sondern alle Vier gingen
wir auf die schlüpfrige kleine Brücke und
hackten mit dem Absatz Löcher ins Eis. Da -
und Plumps - und Hans lag im Wasser. Während
ich ein mörderisches Geschrei erhob, das aber
doch bis zum Hause nicht dringen konnte, hatte Paul
zum Glück die Geistesgegenwart und Fixigkeit
den kleinen Hans, als er einmal wieder hoch kam,
ins Genick zu packen und herauszuziehen. Nach
verabreichter Tracht Prügel, die Vater jedes
Mal demjenigen erteilte, der in den Graben gefallen
war (wir sind alle mehrmals hinein gefallen und
immer durch Zufall gerettet worden) wurde
Hänschen ins Bett gesteckt und mit Tee- und
Wärmflaschen gesund gemacht. Ein anderes mal,
als Großmutter ihm für ein gefundenes
Vierklee 2 Pfennige schenkte, ging er sich
dafür bei dem Krämer drüben Bonbons
kaufen, und während er im Gehen einen Bonbon
in den Mund steckte, stolperte er, fiel hin und
brach sein Ärmchen, was bei den Brüdern
nicht Mitleid, sondern Spott hervorrief. Anders
gingen alle Erwachsenen mit ihm um, die mit und um
uns lebten.
Im Dienste unserer Eltern war während unserer
ganzen Jugendzeit, also mehr als 15 Jahre, eure
Stütze, Ida Barthels mit Namen, die ein
Stück unserer Kindheit war und mit zu den
lieben Erinnerungen gehört. Eigentlich war sie
Weberin, eines der 100 Weber, die Vater in seinem
Betrieb angestellt und beschäftigt hatte,
einzige Tochter, die unsere Eltern nach dem Tode
ihrer Eltern ins Haus nahmen. Ihr lag es ob, neben
gelegentlichen Webearbeiten einer eigenen
Spezialität, uns Kinder zu betreuen. Das tat
sie mit Hingebung (Hingabe). Sie war ein lieber,
treuer Mensch, liebte uns alle sehr, besonders den
damals Jüngsten Hans. Stundenlang konnten wir
ihren sehr hübsch erzählten und manchmal
selbst erdachten Märchen und ihrem Gesang
lauschen. Das heißt, am meisten wir beide,
Hans und ich, wobei wir dann jeder von einer Seite
in ihrem Webstuhl, in ihrem eigenen traulichen
Stübchen saßen. Walter hatte nicht immer
die Ausdauer und Paul fühlte sich meistens zu
erhaben. Idas Tante, Mienchen geheißen, hatte
ebenfalls bei unserm Vater eine Anstellung; und ihr
Arbeitsstübchen war oben im Hause und ebenso
gemütliche.
Ganz besonders interessant und anziehend war eine
große Winde darin, die mitten im Zimmer von
der Decke bis zum Fußboden angebracht war,
auf der Garnketten zum Weben geschoren wurden und
dazu immer leise in die Runde gedreht wurden. Wer
von den beiden kleinen artig war, durfte ein paar
Runden Karussell auf dem Windgestell mit fahren.
Das war natürlich immer nur Hänschen,
bevor der Spätling Willi so weit war. Dann
konnte er vor Seligkeit jauchzen und das alte
Mienchen durch seine Zärtlichkeit
glücklich machen.
As drittes Faktotum - die Köchinnen waren nie
so lange da - muss ich noch den Arbeitsmann Braun
erwähnen, dessen Arbeitskraft zwar das
Geschäft erforderte, der uns Kindern aber
wegen seiner gelegentlichen Liebesdienste ebenfalls
eine liebe Erinnerung ist. Nicht nur hat er sich
verschiedentlich Rettungsmedaillen verdient, wenn
er eins von uns aus dem Graben zog, noch höher
werteten wir seine Hilfeleistungen beim Gondeln auf
dem Graben in Bottichen, die er auf Dichtheit
untersuchte, und bei allen sonstigen
Vergnügungen. Am schönsten aber waren die
Schlittenfahrten, wobei er als Pferd fungierte. Wir
besaßen einen schönen 4sitzigen
Kinderstuhlschlitten mit grünem Tuch
ausgeschlagen. Darin wurden wir- früher hatten
wir strengere und beständigere Winter - alle
Vier morgens in die Schule und nachmittags
spazieren gefahren von den alten, lieben, krummen
Braun. Auch zu den im Sommer wichtigen Geräten
für die Gartenspiele half er uns und war stets
ein treu ergebener Freund, Beichtvater und
Vermittler.
Als für Hans die Schulzeit begann, ging eine
Wandlung in ihm vor, jedenfalls schien es so, da
wir ihm Selbständigkeit und Eifer nicht
zugetraut hatten. Am meisten waren die Brüder
überrascht, als sich der stille, zarte
Träumer, den sie oft als blöd
bezeichneten und hänselten, als
Musterschüler entpuppte, in aller Stille
glänzende Fortschritte machte, ja sogar den 1
½ Jahre älteren Walter, der ganz und gar
nicht fürs Lernen und wissenschaftliche
Bildung war, überflügelte. Das ging
diesem denn doch über den Spaß und er
ließ seinen Zorn oft in hämischen
Bemerkungen aus. Er litt vielleicht selbst sehr
unter seinem Neid gegen den gutgearteten jungen
Bruder und es machte ihn oft so bitter und
gehässig, dass er sich zu hässlichen
Verdächtigungen hinreißen ließ. So
behauptete er eine Zeitlang, dass Hans, der ein
frommer Junge war und als Kind den Wunsch hatte,
Pfarrer zu werden, und mit seiner Frömmigkeit
täusche, dass er nur zum Schein abends im
Gesangbuch las, in demselben aber eine
Indianergeschichte verborgen hätte. Wenn
unsere Mutter dann Walter wegen seiner
Gehässigkeit verwarnte, fühlte er sich
zurückgesetzt und warf ihr ungerechte
Behandlung vor.
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Zum
Glück trafen aber Hans selbst diese
gelegentlichen Angriffe von Walters Seite nicht
tiefer. Er erkannte, dass sie bei Walter aus einem
gewissen geistigen Manko entsprangen,
außerdem war Hans sehr verträglich und
lebte in seiner eigenen Welt so glücklich wie
nur möglich. Wenn er nun auch Walters Neigung
zu Sport und kühnster Turnerei durchaus abhold
war, so beteiligte er sich dagegen gern an unseren
gemeinsamen Exkursionen in Elbings schöner,
waldreicher Umgebung, bei denen wir mit vielem
Proviant von Mutter ausgerüstet, unter Pauls
Führung selig unsere Freiheit genossen. Auch
unterwarf er sich gern den Ideen und Anordnungen
des ältesten Bruders, der eine große
Neigung zum Theaterspiel hatte. Dieser wusste immer
die schönsten Stücke zu beschaffen oder
selbst zu verfassen, jedem von uns die richtige
Rolle zuzuteilen und gab den prächtigsten
Theaterregisseur ab und Theatermaler in einer
Person!
Unser Haus war bald oben, bald unten, leicht
für Bühnen herzurichten, und in einer
Vorratsstube gab es einen großen,
großen Kleiderschrank mit alten
Raritäten, die uns als Garderobiere zur
Verfügung standen. War das eine Wonne, wenn
wir allerlei Gestalten darstellen konnten, die,
solange nur in unserer Phantasie als unerreichbare
Fabelwesen existierten. Das war auch Hänschens
Welt, in der er sich wohl fühlte, ohne sich
bewusst zur Geltung zu bringen. Er konnte seine
Rollen stets gut auswendig und doch sahen wir nie
etwas von seinem Büffeln. Am Sonntagnachmittag
war dann große Vorstellung. Die Billetts dazu
aber musste stets Walter verkaufen. Er war der
Praktischste und schlug am meisten Geld heraus.
Als Hans 7 Jahre alt war, kam das jüngste
Brüderchen Willi auf die Welt, über
dessen Erscheinen wir beiden Ältesten sehr
beglückt waren. Ich hatte doch nun wieder so
etwas Kleines, Liebes zu betreuen, und Paul
schwelgte schon in seiner kommenden Rolle als
Kommandeur und Erzieher. Walter verhielt sich
vollständig passiv, wusste mit solch einem
Knirps nichts anzufangen und Hänschen war in
der ersten Zeit ein klein wenig eifersüchtig,
denn nun war er nicht mehr das Nesthäkchen und
Mutters Verzug allein. Allmählich aber hatte
er selbst große Freude an dem kleinen Wicht,
der von klein auf eine fabelhafte
Selbständigkeit und Würde und so ein
liebendes Gemüt besaß, dazu von drollig
reizendem Äußern war, dass er ihm die
Zuneigung von allen, allen Menschen
gönnte.
Hans wuchs sich ja nun auch zum größeren
Knaben aus und ungefähr in seinem 10.
Lebensjahr gab´s eine schöne Episode in
seinem Dasein durch Vermittlung eines Oberlehrers
in seinem Gymnasium, der Hansens Leistungen und
sein liebes Wesen empfehlend lobte, wurde Hans von
dem Vater eines Mitschülers, Leutnant Freiherr
von Esebeck, zu täglichem Umgang mit seinem
Sohn gebeten, der darin bestand, dass Hans mit
jenem die Schularbeiten gemeinsam machte und dann
noch ein bis zwei Stunden in dessen herrlichen Park
verbrachte. Dazu kam jeden Nachmittag das
Ponyfuhrwerk vorgefahrene, um Hans abzuholen, oder
den Freund bei uns abzusetzen. Dadurch wurde nun
wieder der Neid bei Walter entfacht. Hans empfand
es selbst peinlich, dass er der Bevorzugte war, -
in seiner Bescheidenheit sagte er sich nicht, dass
es ein Verdienst seiner Persönlichkeit war. So
gern hätte er geteilt, da kam der auf eine
schöne Idee. Der Oberst hatte im Stalle ein
paar wundervolle Pferde, welche die Knaben jeden
Nachmittag bewegen sollten; da fragten sie einmal,
ob sie mit den Pferden Abrichtungsversuche machen
dürften wegen einer Zirkusvorstellung. Als sie
lachend die Erlaubnis erteilt bekamen,
erklärten sie, dass sie selbst dazu nicht
fähig seinen, da müsste ihnen ein Bruder
Goltz, der sehr kühn und verwegen sei, dazu
verhelfen. Nun erging die erste Einladung an
Walter, der überglücklich war und mit
Feuereifer die Sache in die Hand nahm, den beider
feinen Knaben ungefährliche Rollen zuteilten
selbst aber im Bajazzokostüm - meinem
Badeanzug mit roten Herzen benäht - eine ganz
schwierige unternahm, die unter den Zuschauern
großen Jubel und viel Bewunderung hervorrief.
Seitdem war der Friede unter den Geschwistern
hergestellt, aber die schöne Zeit bei Esebecks
sah ihrem Ende entgegen. Das Militär kam ganz
von Elbing weg und alle Offiziere wurden
versetzt.
Aber es gab auch bei uns daheim in unserem
schönen Garten, in dem im Sommer alle
Malzeiten eingenommen wurden, und in dem wir ein
eigenes Turngerät besäßen,
Vergnügungen und Abwechslung genug. Mit einem
großen Handwagen, auf dem wir alle Vier Platz
hatten, ließen wir uns von Paul, dem
sichreren Steurer, unter Nervenkitzel einen Abhang
bis zum Graben hinuntersausen. Auf dem Graben
fuhren wir in einer Waschwanne Kahn. Ein
früherer Schweinestall am Wasser wurde von den
Jungen als Badebude eingerichtet und in demselben
Badefeste veranstaltet, im Winter dort Eisfeste,
und dies alles unter Beteiligung der halben Schule,
die vielfach hinterher zu Bratäpfeln und
Nüssen bei Goltzens waren; dann die
Kinderbesuche im Sommer, wenn das Obst reif war,
oder auch noch nicht reif war. Die Menge
Stachelbeersträucher wurde doch stets schon
halbreif geplündert, trotzdem es danach
Leibschmerzen und Schelte gab, aber es lag sich
doch so schön im heimlichen Versteck unter
denselben.
An schönen Sommersonntagen hatten auch die
Eltern Zeit zu Erholung und Genuss. Oft wurde ein
Wagen genommen und nach Vogelsang gefahren, dem
wundervollen Waldaufenthalt, den wir zu Fuß
in circa einer Stunde erreichen konnten. Zum
Durchwandern des Waldes mit seinen Bergen und
Tälern und zauberhaften Aussichtsstellen kann
man Tage brauchen, deshalb machte man bei jedem
Aufenthalt dort eine andere Partie. Ein bis zweimal
im Jahr machten wir mit Bekannten oder Verwandten
eine Tour nach Panklau und Ladinen (?) unweit des
Haffes gelegen und hochromantisch. Dabei war die
zweistündige Wagenfahrt unter großer
Fröhlichkeit und durch wundervolle
Landschaften schon allein verlockend. Unvergesslich
war uns später noch immer, wie glücklich
unser Vater solche Ausflüge genoss, der Natur
über alles liebte und sehr stolz auf die
Umgebung seiner Heimat war. Wenn er uns in Panklau
in die "Heiligen Hallen" einen ganz aparten
Laubbaumbestand mit hoher Kronenwölbung
führte und uns Sinn und Freude für diese
Gotteswunder beibrachte, und wenn wir dann
spät am Abend schon in Dunkelheit die
Heimfahrt antraten, war es immer er, der in
Dankbarkeit und Glückseligkeit über so
viel Genießen das erste gemeinsame Lied
anstimmte, trotzdem es meistens falsch war, denn er
hatte weder Stimme, noch musikalisches Gehör.
Es sollte eben nur der Ausdruck seiner
glückseligen Stimmung sein, die so leicht
himmelhochjauchzend zu Tode betrübt sein
konnte, je nach Anlass dazu. Die Geburtstage von
Mutter, Hans und Walter, welche im Sommer waren,
wurden daheim mit Gartenfesten und bengalischer
Beleuchtung gefeiert, und die, welche in den Winter
fielen, bei herrlichster Unterhaltung im lieben,
gemütlichen Heim, wobei eine Verlosung immer
die Hauptsache war. Köstliche Bewirtung und
das liebende Verständnis unserer herrlichen
Mutter für eines jeden Verschiedenartigkeit
und Neigung machten sie auch unvergessen, auch bei
Freunden und Verwandten. Am allerschönsten
aber war das Weihnachtsfest.
In Elbing war es Sitte, am ersten Feiertag
früh die Bescherung abzuhalten. Wir fanden es
herrlich so ganz mit einem Feiertag zu beginnen um
dann im Jubel drin zu bleiben. Wochenlang vorher
waren die üblichen Vorbereitungen, die jedes
der Kinder nach seiner Art verschieden betrieb.
Paul z.B. machte ganz kunstvolle
Laubsägearbeiten oder Malereien, er war der
handgehschicklichste. Dann am Heiligen Abend
durften wir Kinder mit unserer Ida auf den
Weihnachtsmarkt und in eine Spielwarenausstellung.
Das brachte eine solche Aufregung und Vorfreude in
unser Gemüt, dass wir uns in der Vornahme
einig waren, die darauf folgende Nacht nicht
einzuschlafen, um Punkt 5 Uhr schon auf dem Posten
zu sein und das ganze Haus zu wecken. Der Einzige
aber, der es wahr machte, war der nimmermüde
Walter, und wirklich ging sein Wecken um 5 Uhr
früh los, zuerst die Brüder, dann mich,
dann die Ida, dann die Köchin, die
Großmutter und die Eltern. Er lief treppauf,
treppab, bis er alle in Bewegung wusste. Von 6 Uhr
saßen wir Kinder erwartungsvoll auf der
kleinen Treppe, die zum Weihnachtszimmer
führte, und lugten durch die Spalte nach einem
Schein. Punkt 7 Uhr ertönte die Glocke und
dann platzten wir alle zusammen wie eine Bombe ins
Zimmer, um im nächsten Augenblick ergriffen
über den Weihnachtszauber, den Mutter stets
über den ganzen Raum zu verbreiten wusste, zu
verstummen und uns auf das zu besinnen, was uns
oblag. Paul und ich machten Weihnachtsmusik, Walter
und Hans sprachen ihre Gedichte und klein Willi
zappelte selig über den Tannenbaum und den
ganzen Weihnachtszauber und Jubel. Dann erst
durften wir uns über unsere Tische hermachen.
Am Vormittag kamen dann immer die Weberkinder,
denen wir die Bescherung richteten und abends war
bei Großmutter unten im großen Saal
noch einmal Bescherung, wozu auch deren
Großkinder und sonstige Verwandte kamen, eine
große, große Gesellschaft, für
Paul und Walter als willkommene Abwechslung
empfunden, für mich und Hans aber allzu
trubolös und der Weihnachtsstimmung nicht
entsprechend. In den letzten Jahren, die wir in
Elbing verlebten, machte es sich mehr und mehr
bemerkbar, dass Hans sich lieber zu den ethischen
Unterhaltungen hielt, wenn er es nicht vorzog,
überhaupt zu verschwinden, um allein zu lesen
oder zu lernen. Damals sahen wir darin eine
Eigentümlichkeit in seiner Neigung zu stiller,
ernster Betätigung und oft tat es uns leid,
dass er wenig Jugendlust aufzubringen vermochte,
wie wir meinten. Er aber hat nichts von den
rauschenden Äußerlichkeiten entbehrt, er
fühlte sich in dem Gedanken glücklich,
die Fähigkeiten zum geistlichen Studium zu
besitzen, die er fördern wollte, auch brauchte
er die innere Sammlung für seine seelischen
Elbing. Erlebt hat er damals alles schon im
wirklichen Sinne des Wortes, ihm bedeutete alles,
was er durch seine geistigen Inhalte erlebte,
Lebenssteigerung, geistigen Gewinn.
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So wuchs
und reifte jedes der Geschwister in seiner Art
verschieden, denn nun kamen die Jahre zwischen
sorgloser Kinderglückseligkeit und
allmählich bewusster Verantwortlichkeit.
Kritik setzte ein, gegen alles was uns auffiel; sie
richtete sich sogar manchmal hart und lieblos gegen
die bestehende Weltordnung, wie man es zu
häufig bei Jugend findet. Wie nun jeder seine
Sehnsüchte trug, müsste für
Erwachsene interessant betrachtet gewesen sein. Wir
konnten unsere verschiedenen Eigenarten nur mit dem
Gefühl erfassen und erst hinterher unbewusste
Beobachtungen erklären. So ist mir in
Erinnerung, dass wir alle von Paul, dem
Hochbegabten, Talentvollen und überaus real
Denkenden das Allerbeste erwarteten und an sein
Werden die allergrößten Hoffnungen,
Ansprüche stellten, und - sie erfüllten
sich auch bis zu seinem 18. Lebensjahr. Ich wurde
von den Geschwistern für sehr dumm gehalten,
weil ich trotz meiner angeborenen Lebensfreude
jeden geringsten Kummer entsetzlich schwer und
tragisch nahm und nicht leicht über
Kränkungen hinwegkam, wie es auch heute noch
der Fall ist. Am meisten litt ich unter der
Einbildung der unverstandenen Kreatur, ich konnte
ich mich damals mit meinem inneren Erleben an
niemanden wenden und hatte doch solch großes
Anlehnungsbedürfnis. Hansens Gefühlswelt
war mir wohl verwandt, aber doch hielt mich eine
gewisse Scheu vor Austausch innerer
Seelenstimmungen zurück. Später haben wir
uns auch mit dem gesprochenen Wort gut
verständigen können. Walter blieb
derselbe lebhafte, praktische, tätige Junge
der sich rücksichtslos auslebte und der
Schrecken aller Nachbarn und der Freundinnen war;
und doch konnte er von rührender
Anhänglichkeit und Gutmütigkeit sein,
wenn man lieb mit ihm war. Wenn unsere Mutter
einmal, anstatt auf alle Klagen über ihn, ihn
in den Arm nahm und liebendes Verzeihen gab, war
für eine Weile Walter wunderbar zu lenken -
bis dann doch wieder der trieb zu
ungebändigter Freiheit überhand nahm.
Wie sich Hans, der immer Gute, Sanfte innerlich
entwickelte, blieb uns ziemlich rätselhaft.
Auch bei ihm war die Wandlung nicht offensichtlich,
und doch muss sich damals schon die ihn später
so auszeichnende Willenskraft und Tatkraft und der
Sinn für alles Große, für edles
Wirken, für Erhabenes und Schönes
entwickelt haben. Nie hätte man damals dem
sich immer gleich bleibenden, äußerlich
ruhigen Knaben solch einen Enthusiasmus, solch
Temperament zugetraut, wie er sie in Wirklichkeit
besessen hat. Willi, der Jüngste war damals am
beachtenswertesten, weil er eben im
entzückendsten Kindesalter war und mit seiner
Ehrpusslichkeit und Vernünftigkeit - wir
nannten ihn seinen eigenen Großvater - ein
goldiger, drolliger Wicht war. Da war es kein
Wunder, wenn wir Großen von andern kaum
beachtet wurden. Ihm hätten wir die,
schöne Kinderzeit in Elbing, wie wir sie
verleben durften, länger gewünscht, so
dass er, gleich uns, bleibende Eindrücke und
später die herrlichen Erinnerungen hätte
haben können, aber als er 5 Jahre alt war,
begann für unsere Eltern eine Sorgezeit,
welche die ganzen Verhältnisse
umwälzten.
Zuerst im Jahre 1884 wurde in Elbing eine
maschinelle Weberei gegründet, die den alten
Handbetrieb als überlebt erledigte. Unser
Vater aber war auf das Alte eingestellt und konnte
sich der neuen Zeit nicht anpassen. So kam es, dass
die hochangesehene, weitbekannte Leinen-Fabrikation
von Benjamin Goltz und Sohn mit Schwierigkeiten zu
kämpfen hatte. Ein hilfsbereites Einspringen
unseres Vaters für einen alten
Geschäftsfreund, wie er es oft schon
vertrauensselig getan hatte, wurde von diesem mit
Betrug belohnt, wobei Vater seine Bürgschaft
von 30 000 Talern einlösen musste und das
brachte den völligen Ruin 1886! Es blieb
nichts übrig als Haus und Hof zu verlassen und
auf die Wanderschaft zu gehen. Das war so
schmerzlich, dass ich näher nicht darauf
eingehen will. Ich weiß auch nicht, wie es
die andern Geschwister traf, nur was ich dabei
erlebte und litt, und das war so maßlos und
blieb unvergessen. Nicht allein die altvertraute
Heimatstadt, das liebe Haus, den Garten, die
Freunde mussten wir verlassen, auch die alte,
kranke Großmutter, die bald danach starb, und
- Paul - welcher dort in einer Optiklehre war, um
später Elektroniktechniker zu werden. Er
wohnte in einem entlegenen Stübchen bei
Großmutter und wurde von einer Tante
verpflegt, aber er war sich allein überlassen
und sein so viel versprechender Charakter hatte
noch nicht die Festigkeit und Reife, den weltlichen
Lockungen und schlechter Gesellschaft zu
widerstehen. Ihm fehlte weiter doch die liebevolle
Führung der Mutter, der er später viel
Sorge und Herzeleid, besonders mit seiner
frühen unglücklichen Heirat, bereitet
hat, bis sein armes, verpfuschtes Leben im 33.
Lebensjahr - fern von seiner Familie - im
Elternhause, wohin er in seiner Not Zuflucht
suchte, endete.
Mit uns andern 4 Kindern zog Mutter nach
Königsberg, ihrer Heimatstadt, während
Vater zunächst eine Anstellung in Insterberg
annahm, später dann auch in Königsberg. -
Die Verhältnisse änderten sich
gründlich, denn jetzt mussten wir uns mit
enger, kleiner Behausung begnügen,
überhaupt in allem beschränken.
Ohne jeden Beistand und Rat musste Mutter sich eine
Existenzmöglichkeit suchen, um sich und 4
Kinder kärglich zu ernähren. Walter wurde
in eine praktische Lehre gegeben, in eine
Kaufmannslehre, wozu er sich am besten eignete, er
wurde aber mehrmals krank, wodurch ein öfterer
Lehrwechsel eintrat. Auch ihm fiel der Zwang unter
Fremden sehr sauer, doch hat er sich tapfer
durchgeschlagen, später aus eigenen Mitteln
Wissenschaften studiert und sich dann eine ganz
zusagende Stellung in der Stadt Elbing gesucht, wo
er auch seine Frau fand. Aber auch sein Leben
endete dort schon in seinem 29. Lebensjahr ganz
plötzlich am Herzschlag.
Hans und Willi hatte Mutter, kaum in
Königsberg angekommen, in ein bestrenommiertes
Gymnasium angemeldet, trotz ihrer Sorge um die
Beschaffung der Mittel. Da kam bald darauf Vater
aus Insterburg, wo sein Einkommen sehr gering war,
zum Besuch und machte die Anmeldung
rückgängig, in seiner ängstlichen
Art, die es nicht über sich gewann, ohne
positive Unterlage Ausgaben zu veranschlagen. Er
handelte in gewisser Beziehung richtig, war er doch
überhaupt außerordentlich korrekt und
gewissenhaft, aber er hat dadurch den beiden
Jüngeren den Lebensweg ungeheuer erschwert,
denn als Mutter durch ihr Pensionat mit ihrer
immensen Arbeit und Entbehrung es vielleicht doch
hätte leisten können, auf längere
Jahre, als es geschah, das große Schulgeld
aufzubringen, war eine erneute Aufnahme wegen
Überfüllung nicht mehr möglich. Hans
und Willi kamen in eine lateinische höhere
Schule, die nicht zum Studium vorbereitet und das
war besonders für Hans, der in Elbing schon in
der Obertertia war und nur Neigung zum Studium
besaß, so ungeheuer schmerzlich, dass er
tatsächlich aus Kummer an Typhus erkrankte,
der ihn beinahe dahingerafft hätte.
Während er auf Leben und Tod lag, versprach
Mutter auf den Rat des Arztes hin, die
Möglichkeit zum Studium zu verschaffen, und
konnte es doch, nachdem die Rettung durch das
Versprechen erfolgt war, dasselbe nicht
erfüllen. Das zehrte ungemein an Hansens
Lebensnerv, aber er sah ja auch Mutters Sorgen und
Arbeitslast und ergab sich dann stillschweigend in
sein Schicksal. Und es hatte sein Gutes.
Seiner späteren Neigung zum
Buchhändlerberuf ist er treu geblieben. Er
erkannte bald, dass geistige Unabhängigkeit
und freie Entfaltung der Persönlichkeit in
keiner Beamtenlaufbahn zu erreichen möglich
ist, und dass gerade die Buchhändlerlaufbahn
die bildendste und ihm zusagendste sein
müsste. Auch hat ihm das frühe
Hinauskommen nichts geschadet, im Gegenteil eher zu
seiner Förderung genützt, denn der
hätte auf die Dauer die engen, trüben
Verhältnisse daheim schwer empfunden, sie
gingen ihm zu sehr gegen die Natur.
Dass er mit seinem 17. Lebensjahr schon ins Reich
kam, lag daran, dass seine Königsberger Lehre,
eine alte Buchhandlung in Konkurs ging und der
Prokurist derselben sich selbständig machte in
Bamberg, Hans in Anerkennung seiner Vorzüge
als Lehrling mit sich nahm und förderte.
Draußen lernte er Gottes schöne Natur
kennen und das Leben zu lieben. Begeisterung viel
Schönes und er lernte mit Eifer und
füllte alle Lücken mit Wissenschaft und
Erkenntnis für Lebenswerte. So sehr wir alle
nach dem trauten Sohn und Bruder Hans uns sehnten,
obgleich Willi uns blieb, die liebevolle
Stütze der Eltern, der Segen des Hauses, der
er in selbstloser Weise immer geblieben ist, so
freuten wir uns doch über Hansens Lebensweg,
den er sich ebenfalls aus eigener Kraft geschaffen
hatte, von ganzem Herzen.
Aus dem stillen, sanften Kinde und dem manchmal
kritischen Jüngling wurde schließlich
ein lebensfroher und lebenstüchtiger Mensch;
mit seinen großen Gaben des Geistes, seiner
ungeheuerlichen Tat- und Schwungkraft die Besten
noch überragend, und doch mit so
liebenswertem, kindlichen Gemüt und einer
glücklichen Empfänglichkeit! Seine
gelegentlichen Besuche im Vaterhaus füllten es
jedes Mal mit Sonne und brachten sie uns so nahe
wie früher. Nie ist die Verbindung, auch durch
weiteste räumliche Entfernung, zwischen ihm
und dem Elternhause gemindert worden. Als er dann
erst soweit war, einen eigenen Herd zu bauen und
das Glück hatte, die geliebte Ehefrau zu
finden, die ihm in liebendem Verständnis
für seine ART die treuste Gefährtin wurde
und die herrlichste Mutter seiner guten Kinder -
als er dann im eingenen selbst geschaffenen
Wirkungskreis trotz schweren Ringens und bitterer
Kämpfe große anerkannte Erfolge und
schöne Befriedigung fand, war sein Leben wohl
ein reiches, glückliches zu nennen.

Abb.: Das
Haus der Familie Goltz in Elbing Neustädtische
Wallstrasse 12 oder das Engros- und
Detailgeschäft nebst Weberhaus nach einer
Zeichnung von Anna Freundstück, geb.
Goltz.
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