|
Entartete Kunst - Raubkunst -
Verlorene Kunst
Die Ausstellung "Entartete Kunst", die am 17. Juli 1937 in
München eröffnet wurde, leitete den
"Exodus" moderner Kunst in Wort, Bild und Ton ein.
Die Ausstellung zeigte 650 Exponate von rund 16000
in deutschen Museen konfiszierten Gemälden,
Grafiken und Skulpturen. In einer Art beispiellosem
"Siegeszug" wanderte die Ausstellung bis April 1941
in ein Dutzend weitere deutsche Städte. Sie
wurde von mehr als zwei Millionen Menschen
besucht.

|
Ausstellungsführer
"Entartete Kunst"
Verlag für Kultur und
Wirtschaftswerbung
Berlin, 1937 (Abb. Archiv
WAEPART)
|
Wie bei der Inszenierung der
landesweiten Bücherverbrennung durch die
Nationalsozialisten im Mai 1933 überantwortete
man in den Jahren 1938 und 1939 in Österreich,
Frankreich und Deutschland einen Teil der
konfiszierten Bilder dem Feuer. Das Schicksal der
Mehrzahl der "verschont" gebliebenen Werke der
Bildenden Kunst ist auch zu Beginn des dritten
Jahrtausends weitestgehend ungeklärt.
Kunstgegenstände welche die
Nationalsozialisten während des am 1.
September 1939 begonnenen Zweiten Weltkriegs aus
privatem Besitz und Museumsbeständen entwendet
haben, sind mit dem Begriff Raubkunst versehen.
Adolf Hitler verfolgte unter anderem das Ziel, in
seiner Heimatstadt Linz ein gigantisches Museum der
germanischen Kunst einzurichten. Hochwertige
Kunstwerke, die der arischen Vorstellung des
Diktators entsprachen, sollten dort ausgestellt
werden.
Seine Helfershelfer waren demnach nicht nur auf der
Jagd nach "entarteten" Kunstwerken zur
Säuberung des deutschen Kulturgutes, sondern
raubten in Deutschland und in allen von Deutschen
besetzten Gebieten Unmengen von Kunstwerken, deren
möglicher Verbleib in dem geplanten Museum von
Fachleuten entschieden wurde.
Waren Kunstwerke ausgesucht, die nicht durch
Konfiszieren beschafft werden konnten, wurden sie
gekauft oder gegen Werke der modernen Kunst
getauscht. Moderne Kunst wurde auch zur
Devisenbeschaffung eingesetzt. Schweizer
Kunsthändler waren beim Verkauf der
vornehmlich aus jüdischem Besitz stammenden
Bilder, Grafiken und Plastiken behilflich.
|
Geradlinig denkende Menschen
müssen annehmen, dass nach dem Zweiten
Weltkrieg und dem Untergang des so genannten
Dritten Reiches die immense Anzahl an Exponaten aus
der "entarteten Kunst" und der "Raubkunst" den
rechtmäßigen Eigentümern wieder
zurückgegeben wurden. Dem war nicht so.
"Gemälde aus ehemaligem NS-Besitz" waren
überall verstreut. Etliche befanden sich auch
im Besitz der Bayerischen Staatsregierung. 1966
wurden zum Beispiel sieben Gemälde unter dem
Betreff: "Gemäldeverkauf aus früherem
NS-Besitz" zur einer Auktion in Bern gegeben und im
Juni des darauf folgenden Jahres versteigert.
Involviert in diese Transaktion waren neben der
Direktion der Bayerischen
Staatsgemäldesammlung, das Finanzministerium
und das Staatsministerium für Unterricht und
Kultus des Freistaates.
Spätestens nach der Gründung der
Bundesrepublik Deutschland hätte die Frage
nach dem Umgang mit dem Kunst"erbe" aus der Zeit
des Unrechtsregimes geklärt werden
müssen. Derlei
unterblieb jedoch allem Anschein
nach.
Selbst 1992 waren die vielen mittlerweile in ihrem
Marktwert teilweise in Schwindel erregende
Höhen gestiegenen Kunstwerke noch kein
politisches Thema. In jenem Jahr hatten die USA die
Ausstellung "Entartete Kunst" rekonstruiert, die
auch in Berlin zu sehen war. In dieser Ausstellung
befand sich auch Paul Klees Ölgemälde
"Sumpflegende", dessen "Geschichte" symptomatisch für den Umgang
mit dem willkürlich geraubten Eigentum
ist.
Kurz vor dem Ende des zweiten Jahrtausends, am 3.
Dezember 1998, machte man sich in Washington daran,
Grundsätze zu erarbeiten, die zur "Lösung
offener Fragen und Probleme im Zusammenhang mit den
durch die Nationalsozialisten beschlagnahmten
Kunstwerke" beitragen sollten.
Am 14. Dezember 1999 veröffentlichte die
Bundesregierung Deutschlands eine Erklärung,
die gemeinsam mit den Ländern und kommunalen
Spitzenverbänden erarbeitet worden war und die
Vorgaben zur Auffindung und Rückgabe des
NS-verfolgungsbedingt entzogenen Kulturgutes,
insbesondere aus jüdischem Besitz, zum Inhalt
hat.
1992 formulierte ein Berliner Gericht zum Antrag
Jen Lissitzkys auf einstweilige Vefügung einer
möglichen Beschlagnahme des Bildes
"Sumpflegende":
"Geht man davon aus, daß die Antragsgegnerin
(das Deutsche Historische Museum als Träger
der Ausstellung d. Red.) sich selbst und ihren
Auftrag ernst nehmen will, dann tut sie dies nicht,
um den Deutschen schöne Bilder
vorzuführen, sondern um die deutsche
Kunstgeschichte wieder ins Lot zu bringen. Es geht
nämlich nicht um entartete Kunst, sondern um
entartetes Denken in bezug auf die Kunst. Die
vorliegende Sache ist also die Nagelprobe darauf,
ob die Bundesrepublik und Berlin als
Rechtsträger gewillt sind, vor der Geschichte
zu beweisen, daß Rechtlosigkeit wieder in
Recht überführt werden kann."
Derlei Denken möge sich im dritten Jahrtausend
epidemisch ausbreiten.
|
Lesen Sie auch:
Die
Machenschaften um Klees Bild
"Sumpflegende
Ein
unbewältigtes Kapitel der
Nachkriegsgeschichte
Eine wichtige Grundlagenstudie von Thomas
Buomberger ist 1998 zum Thema Raubkunst-Kunstraub
erschienen. Weiter>
Wem stehen die kriegsbedingt verbrachten
Kulturgüter zu? untersucht Susanne Schoen in
einer bemerkenswerten Arbeit. Weiter>
Erklärung der
Bundesregierung, der Länder und der kommunalen
Spitzenverbände zur Auffindung und zur
Rückgabe NS-verfolgungsbedingt entzogenen
Kulturgutes, insbesondere aus jüdischem
Besitz. Weiter>
Grundsätze der Washingtoner
Konferenz in Bezug auf Kunstwerke, die von den
Nationalsozialisten beschlagnahmt wurden.
Weiter>
Links zum Thema:
Lost Art Internet
Database ist ein gemeinsames Projekt des
Bundes und der Länder der Bundesrepublik
Deutschland zur Erfassung von Kulturgütern,
die infolge der nationalsozialistischen
Gewaltherrschaft und der Ereignisse des Zweiten
Weltkriegs verbracht, verlagert oder, insbesondere
jüdischen Eigentümern, verfolgungsbedingt
entzogen wurden.
Die Commission for Art
Recovery sucht im Auftrag des "World Jewish
Congress" und der "World Jewish Restitution
Organization" nach Kunstwerken aus jüdischem
Besitz, welche infolge der NS-Gewaltherrschaft
beschlagnahmt wurden.
Die Commission for Looted Art in
Europe (ECLA) ist eine unabhängige
Organisation, die sich mit allen Aspekten der
Problematik NS-verfolgungsbedingt entzogener
Kulturgüter befasst. Sie bietet Institutionen
und Privatpersonen Hilfe und Unterstützung bei
der Recherche, Identifizierung und
Rückführung dieser Kulturgüter
an.
Die Research Library des Getty Research Institutes in
Los Angeles hält Archivmaterial bereit, das
Raub- und Beutekunst betrifft.
Auf der Webseite des
United States Holocaust Memorial
Museum findet man eine Zusammenstellung
von Informationen und Links zur Thematik des
NS-Kunstraubes.
Art Newspaper berichtet regelmäßig
zur Problematik der Raub- und Beutekunst. Eine
ständige Rubrik Looted Art bietet Übersichten und
weitere Links.
Die Internet-Zeitschrift
kunstrecht.de veröffentlicht
regelmäßig Artikel auch zur Problematik
Raub-und Beutekunst, vorrangig zu rechtlichen
Problemen.
|