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Nazis verschleppten sogar
15-jährige in die Kurstadt.
Mit der Genauigkeit deutschen Beamtentums belegen
mehrere Listen im Stadtarchiv, dass die
Stadtverwaltung Baden-Baden von 1941 bis 1944
Zwangsarbeiter beschäftigt hat. Sie
gehören zu einer Akte mit Lohnabrechnungen:
Rund 60 Namen, dazu die genaue Anschrift (sowie
Herkunftsland) und die Geburtsdaten der einzelnen
Zwangsarbeiter sind nachzulesen. Aus den Listen
geht hervor, dass die jüngsten Zwangsarbeiter,
die von den Nazis nach Baden-Baden verschleppt
wurden, gerade 15 Jahre alt waren. Vor allem
Ukrainer und Polen waren beschäftigt - auf
Baustellen und als Straßenfeger. Einige
Zwangsarbeiter waren laut Archivmaterial in einer
Wandererherberge (Friedhofstraße)
untergebracht. Zudem ist dokumentiert, was ein
Zwangsarbeiter verdient hat: 15 Reichsmark pro
Woche abzüglich der Kosten für Unterkunft
und Verpflegung." Es ist zweifelhaft, ob die
Zwangsarbeiter von dem Geld je etwas gesehen
haben", so Dagmar Kicherer, Leiterin des
Stadtarchivs. Aber nicht nur die Stadtverwaltung
beschäftigte Zwangsarbeiter: Aus den
Dokumenten geht hervor, dass Privatleute in
Baden-Baden Zwangsarbeiter beschäftigt haben.
Es gebe Hinweise, dass auch in Firmen
Zwangsarbeiter gearbeitet haben, so Roland Seiter,
städtischer Pressesprecher, auf BT-Anfrage.
Eindeutige Aussagen gebe es nicht. Zudem sei es
möglich, dass die Zahl der städtischen
Zwangsarbeiter höher war, sagte er weiter. Im
"Catalogue of Camps and Prisons in Germany", der
1949 vom "International Tracing Service"
veröffentlicht wurde (in: "Das
nationalsozialistische Lagersystem" von Martin
Weinmann, Verlag Zweitausendeins), sind die
Baden-Badener Zwangsarbeiterlager aufgelistet:
Danach waren 4365 Menschen in den Lagern
Baden-Baden, Steinbach und Sandweier
interniert.
© Badisches Tagblatt,
4. 8. 2000
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NS-Zwangsarbeiter in der Kurstadt
beschäftigt.
Eine Baden-Badener Firma beteilgt sich am
Fonds.
Stadt will Arbeiter nicht
entschädigen.
Die Stadt Baden-Baden wird sich
nicht an der Entschädigung von NS-
Zwangsarbeitern beteiligen. Das sagte
Bürgermeister Kurt Liebenstein auf BT-Anfrage.
Im Stadtarchiv gefundene Akten und Fotos belegen
zweifelsfrei dass die Verwaltung in der Nazi-Zeit
unter OB Hans Schwedhelm Zwangsarbeiter
beschäftigte.
Da der Bereich der öffentlichen Hand
abgegolten sei, sehe die Stadtspitze derzeit keinen
Handlungsbedarf, so Liebenstein im
BT-Gespräch. Und dabei hatte
Bürgermeister Jörg Zwosta Ende Februar
diesen Jahres auf BT-Anfrage zugesichert: "Falls
bei uns Zwangsarbeiter beschäftigt waren,
werden wir uns nicht verweigern, Hilfe zu leisten."
Und auch dass Baden-Baden eine Partnerschaft mit
Jalta (Ukraine) unterhält - das Archivmaterial
benennt unten anderem die Ukraine als Herkunftsland
der Baden-Badener-Zwangsarbeiter - scheint nicht
relevant.
Die Stadtspitze beruft sich auf die Entscheidung
der Bundesregierung, den Ländern nach deren
Zustimmung zur Steuerreform ihren geplanten Anteil
von einer Milliarde Mark zur Entschädigung der
noch lebenden Zwangsarbeiter zu erlassen. Die
Stadtspitze stellte sich bis dato hinter einen
Beschluss des deutschen Städtetages: "Eine
finanzielle Mitbeteiligung der Stadt kann nur
anknüpfend an eine Beteiligung der Länder
an der Finanzierung des Bundesanteils am
Stiftungsfond erfolgen", so OB Sigrun Lang in einem
Brief an Stadträtin Almuth Dinkelaker
(Bündnisgrüne).
"Einzelmaßnahmen sind nicht nötig", so
Bürgermeister Liebenstein. Er räumte
allerdings ein, dass sich ehemalige Zwangsarbeiter
von Zeit zu Zeit beim Stadtarchiv melden und
angeben, bei derer Stadtverwaltung gearbeitet zu
haben. Meist wollen sie laut Liebenstein einen
Nachweis für ihre geleistete Arbeit, um ihre
Ansprüche beim Komitee des
Entschädigungsfonds geltend machen zu
können. In einem Fall sei dies auch zu 75
Prozent belegbar, sagt Liebenstein. Die
Entscheidung der Stadt stehe aber fest, es sei
denn, der Städtetag fasse neue
Beschlüsse.
Zugleich kritisiert Liebenstein die regionale
Wirtschaft: "Ich bin enttäuscht, dass die
Wirtschaft ihren Anteil nicht bringt." Die
Beteiligung am Entschädigungsfonds sei zwar
freiwillig, doch seien die Unternehmen
geschichtlich gesehen moralisch verpflichtet, etwas
zu tun. Schließlich hätten die
Zwangsarbeiter Vermögenswerte geschaffen, so
der Bürgermeister.
Der Sprecher der Industrie-und Handelskammer (IHK)
Karlsruhe, Martin Schmied, bestätigte
unterdessen, dass bis jetzt nur zwölf der rund
2000 von der IHK Karlsruhe angeschriebenen
Unternehmen dem Stiftungsfonds beigetreten sind.
Einziges Baden-Badener Unternehmen: die
Arzneimittelfirma Heel.
Aus "Solidarität" beteilige man sich mit der
Muttergesellschaft Delton Holding AG zusammen an
dem Fonds, so Heel-Unternehmenssprecher Wolfgang
Kern auf BT-Anfrage. Und dies, obwohl die Firma
erst 1954 in Baden-Baden in der
Bertholdstraße eröffnet wurde. Aufgebaut
wurde die Firma von Firmengründer
Hans-Heinrich Reckeweg zwischen 1936 und 1939 als
"Einmann-Betrieb" in Berlin. Reckweg sei sogar von
den Nazis ins Arbeitslager gesteckt worden, so
Kern, weil er sich geweigert habe, seinen Betrieb
als "kriegswichtig" einstufen zu lassen.
Einen anderen Weg in Sachen
Zwangsarbeiterentschädigung geht die
bayerische Landeshauptstadt München, die
ebenfalls mit einer ukrainischen Stadt (Kiew) eine
Partnerschaft unterhält. Insgesamt stellt
München laut Alban Strobel, Büroleiter im
Sozialreferat der bayerischen Landeshauptstadt,
drei Millionen Mark zur Verfügung:
Alle 815 in Kiew noch lebenden Zwangsarbeiter, die
"irgendwo in München" zur Arbeit gezwungen
wurden, erhalten laut Strobel einmalig 1 200 Mark.
Zudem organisiert München für alle
"reisefähigen" Personen ein Besuchsprogramm.
Dazu wird ein mobiler Altenpflegedienst aufgebaut.
"Auslöser für das Programm war die
Partnerschaft mit Kiew", so Strobel. Der
Münchner Stadtrat stimmte fast einstimmig
für das Programm.
Über das Münchner Modell ist
Bürgermeister Liebenstein informiert, sagte er
auf BT-Anfrage. Einzelmaßnahmen seien aber
durch den Beschluss der Bundesregierung bereits
abgegolten, unterstrich er.
© Badisches Tagblatt, 4. 8. 2000
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