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Leo Wohleb (1888-1955)
Ein biografischer
Abriss
Von Dr. Kurt Hochstuhl, Leiter des
Staatsarchives Freiburg
Am 2. September 1888 in Freiburg im
Breisgau geboren, wuchs Leo Wohleb in
behüteten und wirtschaftlich
gesicherten Verhältnissen auf. Er war
das erste Kind aus der Ehe des Joseph
Wohleb mit der Luise Stephanie, geb.
Streicher, aus Gottenheim am Kaiserstuhl.
Der Vater, Buchhalter in einem
Rechtsanwaltsbüro und zugleich
Verrechner der Kirchensteuerkasse der
Stadtpfarrei von St. Martin, entstammte
einer alteingesessenen Freiburger
Bürgerfamilie. Leo wurde wie sein
Bruder Ludolph Joseph (8.6.1892-24.1.1960)
und seine ebenfalls nachgeborene Schwester
Amelie in kirchlich geprägter
katholischer Tradition erzogen. Sein Vater
gehörte der badischen Zentrumspartei
an und auch Leo fühlte sich, wie er
selbst einmal schrieb, aus Tradition und
Überzeugung [dem] sozialen
Flügel des Zentrums verbunden, ohne
allerdings in der Partei selbst politisch
aktiv hervorzutreten.
Im Bertholdgymnasium, dem Freiburger
humanistischen Gymnasium, erwies sich der
junge Leo als glänzender
Schüler, der zahlreiche Klassenpreise
einheimste und 1907 als Jahrgangsbester
das Abitur bestand. An der heimischen
Albert-Ludwigs-Universität schrieb er
sich zum Wintersemester 1907 in den
Fächern Archäologie,
Bibelforschung und Patrologie ein, ehe er
nach einigen Semestern zur Verbesserung
seiner Berufsaussichten für das
Lehramt an Gymnasien zur klassischen
Philologie überwechselte. Das
Semester vor dem ersten Staatsexamen, das
Wohleb ebenfalls mit Auszeichnung ablegte,
verbrachte er an der Universität in
Greifswald. Dem burschenschaftlichen Wesen
abhold, was er später auf sein
ansehnliches demokratisches
Freiheitsbedürfnis
zurückführte, widmete sich
Wohleb während seiner Studienzeit
schüchtern den sozialen Problemen,
indem er in Fabriken mit Arbeitern der
christlichen und freien Gewerkschaften
diskutierte. Einer seiner Vorbilder wurde
dabei der Berliner Studentenseelsorger Dr.
Carl Sonnenschein, der in seinem
„Sekretariat Sozialer Studentenarbeit“ das
praktische soziale Engagement als Mittel
zur Wiedergeburt des katholischen Menschen
einforderte.
Nach dem Staatsexamen im Jahre 1912
absolvierte er das Referendariat in
Freiburg, ehe der Lehramtspraktikant
Wohleb ab 1914 am Bruchsaler Gymnasium
eingesetzt war. Dort zeichnete er sich vor
allem durch sein Geschick bei der
nebenamtlichen Organisation der kommunalen
Milch- und Käseversorgung aus, was
dem kriegsuntauglichen Wohleb Sympathien
im Karlsruher Unterrichtsministerium
verschaffte. Unmittelbar vor Kriegsende
wurde er als Sekretär in das
Ministerium geholt (1918-1920), ehe er
1920 für zehn Jahre auf seine erste
feste Stelle als Gymnasiallehrer an die
Anstalt zurückkehrte, auf der er
selbst zur Schule gegangen war.
In diesem Freiburger Jahrzehnt legte er
den Grundstein für das hohe Ansehen,
das er sowohl innerhalb der
Schulverwaltung wie auch in der Welt der
Wissenschaft und Forschung bald
genießen sollte. Eine Untersuchung
zur altchristlichen Literaturgeschichte
sowie die Neubearbeitung der lateinischen
Schulgrammatik von Schmalz/Wagner
begründeten seinen Ruf als ebenso
hervorragenden Schulmann wie Gelehrten.
Zahlreiche weitere wissenschaftliche
Aufsätze sowie eine umfangreiche
wissenschaftliche Korrespondenz
folgten.
Im Jahre 1924 heiratete er Maria, geb.
Clorer (1894-1982), aus einem alten
Breisacher Bürgergeschlecht. Seine
berufliche Laufbahn erreichte im Jahre
1930 ihren ersten Höhepunkt, als er
vom badischen Kultusminister Adam Remmele
zum Direktor des Gymnasiums in
Donaueschingen ernannt wurde. Dort setzte
er neben seinen bekannt guten dienstlichen
Leistungen vor allem als politischer
Pädagoge in der Form Akzente, dass er
bei zahlreichen Gelegenheiten – so als
Festredner zur Rheinlandräumung
(1930) oder zum Verfassungstag (1931) –
seine Verbundenheit mit dem demokratischen
Weimarer Regierungssystem unterstrich und
sich werbend für demokratisches
Engagement und gegen nationalistische
Phrasen aussprach. Damit unterschied er
sich von vielen seiner Berufskollegen, die
äußerst distanziert dem
parlamentarischen System gegenüber
standen und sich bereitwillig als
intellektuelle Vorkämpfer einer
nationalsozialistischen Revolution
betätigten.
Neben seinen unbestrittenen
Qualitäten als Wissenschaftler und
Pädagoge waren seine Verfassungs- und
Systemtreue zweifelsohne die
ausschlaggebenden Kriterien, die ihn
für eine Führungstätigkeit
im badischen Kultusministerium
qualifizierten. Im September 1931 erfolgte
die Versetzung als Referent für
Gymnasien von Donaueschingen nach
Karlsruhe und die Beförderung zum
Oberregierungsrat. Dass eine solche
Persönlichkeit, wiewohl
parteipolitisch nicht aktiv, den neuen
Herren, die ab 1933 in das
Kultusministerium einzogen, zumindest
suspekt war, verwundert nicht. Wohleb
überstand allerdings den Machtwechsel
zunächst auch deswegen unbeschadet,
weil der so genannte
Gleichschaltungsprozess im
Kultusministerium in den ersten Monaten
nach der Machtergreifung nicht mit der
Konsequenz und Zielgerichtetheit voran
getrieben wurde, wie in anderen
Verwaltungszweigen.
Anfang 1934 sollte sich dies
gründlich ändern. Am 6. Februar
1934 erhielt Wohleb einen Anruf des
NSDAP-Gauleiters und Reichsstatthalters
Robert Wagner, in dem dieser von Wohleb
Rechenschaft über eine vermeintliche
Ungleichbehandlung der HJ-Jugend
gegenüber katholischen
Jugendorganisationen einforderte. Wohleb,
der seinen Gesprächspartner am
anderen Ende der Leitung nicht erkannte,
forderte seinerseits nähere
Informationen von Seiten des
Gesprächspartners ein. Heftige und
erregte Vorwürfe wegen des
ungebührlichen Verhaltens Wohlebs
gegenüber einem hohen
Repräsentanten der Partei folgten,
mit der Konsequenz, dass ein weiteres
Verbleiben des Gymnasialreferenten im
Ministerium unmöglich wurde.
Die Versetzung auf die Direktorenstelle
des Gymnasiums Hohenbaden in Baden-Baden –
Bemühungen, Wohleb wieder in
Donaueschingen unter zu bringen,
scheiterten am Widerstand der dortigen
lokalen NSDAP – bedeutete noch einen
glimpflichen Ausgang der Affäre, den
Wohleb in erster Linie seinem Vorgesetzten
im Ministerium, dem langjährigen
Parteimitglied Herbert Kraft, zu verdanken
hatte. Das Gymnasium Hohenbaden, mit
seinen 180 Schülern eine kleine
Anstalt, sollte bis 1945 dem geschassten
Ministerialreferenten Unterschlupf bieten,
immer misstrauisch beäugt von der
lokalen NSDAP, teilweise auch
überwacht von einigen wenigen
Kollegen aus dem Kollegium. In seinem
Lebenslauf für die
Besatzungsbehörde schildert Wohleb
seine Zeit in Baden-Baden wie folgt: An
eine aktive politische Tätigkeit war
demnach in den ersten Jahren in
Baden-Baden nicht zu denken, zumal ich von
der Post, wie ich vertraulich erfuhr,
überwacht wurde, bald auch (1935) in
dem Baden-Badener Beiblatt des
‚Führers‘ wegen Begünstigung von
Nichtariern und Halbariern angegriffen
wurde und immer wieder Schwierigkeiten mit
den sogenannten Hoheitsträgern hatte.
Erst allmählich gewann ich Boden
unter den Füßen, als die
Schülerzahl des Gymnasiums wuchs, da
die nicht nazistisch eingestellten Eltern
ihre Kinder mit Vorliebe unserer Anstalt
anvertrauten, und wir durch
Aufführungen antiker Tragödien
und die Leistungen der Schule auffielen.
Ich begann 1938 oder 1939 Vorträge
über Themen aus der
griechisch-römischen Kultur- und
Stadtgeschichte zu halten, die seitens der
parteigegnerischen Kreise wegen
ähnlichen, zeitgeschichtlichen
Parallelen stark besucht wurden und die
auch in den Kreisen der
Zwangsparteimitglieder Beifall fanden.
Leo Wohleb leistete keinen aktiven
Widerstand im klassischen Sinne des
Wortes. Aber er widerstand den
totalitären Verlockungen und hielt
Distanz zu einer menschenverachtenden
Politik, die sein geliebtes Vaterland in
den Abgrund führen sollte. Anfang
April 1945 waren Wohlebs Tage als
Schuldirektor und Privatmann gezählt.
Als einer der wenigen unbelasteten Beamten
des höheren Dienstes konnte er
bereits wenige Wochen nach Kriegsende da
anknüpfen, wo er 1934 hatte
aufhören müssen, als Referent
für Hochschulwesen in der neu
etablierten Kultusverwaltung in
Karlsruhe.
Die Planungen der drei alliierten
Mächte Großbritannien, USA und
Sowjetunion, sahen für den Fall der
militärischen Niederlage
Hitlerdeutschlands die Aufteilung des
Deutschen Reichs in drei etwa gleich
große Besatzungszonen vor. Dies
hatten sie noch einmal auf der Konferenz
von Jalta im Januar 1945 präzisiert.
Die provisorische französische
Regierung, im August 1944 unter General de
Gaulle gebildet, blieb nach diesen
Planungen von einem gleichrangigen
Mitspracherecht in den deutschen
Angelegenheiten ausgeschlossen. Damit
konnte und wollte sich Frankreich – in
seinem Selbstverständnis erstes Opfer
des Weltkrieges und damit neben der
Sowjetunion erster Anwärter auf die
zu erwartenden umfangreichen
Reparationslieferungen – nicht abfinden.
Schon der Name der an der Eroberung der
französischen Ostprovinzen unter
amerikanischem Oberbefehl teilnehmenden
französischen Division unter General
de Lattre de Tassigny „Rhin et Danube“ war
Programm. Anfang April überschritten
französische Truppen bei Speyer und
Philippsburg den Rhein und drangen tief
nach Baden und nach Württemberg.
Zentrale Rollen in den
militärisch-politischen Zielsetzungen
de Gaulles spielten die beiden
Landeshauptstädte Stuttgart und
Karlsruhe. Mit diesen Faustpfändern
in den Händen wollte der
französische Regierungschef den
Alliierten eine eigene Besatzungszone
abtrotzen. Er erteilte deshalb de Lattre
de Tassigny den Befehl, nach der Eroberung
Karlsruhe Anfang April 1945 sich auch der
württembergischen Landeshauptstadt
vor den Amerikanern zu bemächtigen.
Dies gelang; am 22. April übergab der
Stuttgarter Oberbürgermeister die
Stadt. Und de Gaulle schuf vollendete
Tatsachen. Er richtete trotz des Protestes
der Amerikaner in Karlsruhe und Stuttgart
Militärregierungen ein und
bemühte sich, für beide
Länder jeweils eine einheitliche
zivile Landesverwaltung ins Leben zu
rufen. Landesdirektoren für Kultus,
Justiz, Finanzen etc. wurden ernannt.
Die Amerikaner fanden sich mit der
einseitig durch Frankreich vorgenommenen
Abgrenzung der Besatzungszonen in
Südwestdeutschland, die mit
gültigen Absprachen in Widerspruch
stand, nicht gänzlich ab. Unter
Androhung massiven wirtschaftlichen Drucks
gelang es ihnen, dass sich die
französischen Truppen Anfang Juli
1945 hinter eine Linie südlich der
Autobahn Karlsruhe-Ulm zurückzogen
und ihnen damit die administrativen und
wirtschaftlichen Zentren Württembergs
und Badens, Karlsruhe und Stuttgart,
überließen. Dies änderte
jedoch nichts an der Tatsache, dass der
deutsche Südwesten von nun an nicht
mehr durch eine historische Grenze in West
und Ost, sondern entlang einer
willkürlichen Linie, die lediglich
dem verkehrstechnischen Kalkül der
US-Militärbehörden entsprach, in
Nord und Süd geteilt war. Die
Amerikaner trugen dem insofern sehr rasch
Rechnung, als sie ihre Teile der alten
südwestdeutschen Ländern
zwangsvereinigten und am 19. September
1945 das Land Württemberg-Baden
proklamierten. Damit hatten Baden und
Württemberg faktisch zu bestehen
aufgehört.
Freiburg und Tübingen wurden Sitz
französischer
Militärregierungen, in den gleichen
Städten etablierten sich unmittelbar
darauf unter französischer Kontrolle
stehende deutsche Verwaltungen. Leo Wohleb
folgte dem Umzug der Kultusverwaltung, die
sich für die französische
Besatzungszone gebildet hatte, im
September 1945 nach Freiburg. Eine
schnelle Karriere in Verwaltung und
Politik folgte. Schon im November 1945
stieß der neue Leiter des
Hochschulreferats der Kultusverwaltung zum
Christlich-Sozialen Volksbund, einer
überkonfessionellen politischen
Vereinigung. Wenige Tage darauf, am 20.
Dezember 1945, entstand aus dem Volksbund
und anderen im Lande selbständig
gegründeten Vereinigungen die
Badische Christlich-Soziale Volkspartei
(BCSV) als badische Heimat- und
Staatspartei mit Leo Wohleb als deren
Landesvorsitzenden.
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Knapp
ein Jahr später, 3. Dezember 1946,
ernannten ihn die Franzosen, nachdem die
BCSV aus den ersten Wahlen als
stärkste Kraft hervorgegangen war,
zum Staatssekretär für Kultus
und Unterricht und zum Präsidenten
des Staatssekretariats. Am 24. Juni 1947
wurde er vom badischen Landtag zum
Staatspräsidenten gewählt. Damit
übernahm er die politische
Verantwortung in einem Lande und unter
Bedingungen, die keineswegs glänzend
zu nennen waren. Vor allem die
anfänglich rigide Wirtschaftspolitik
der französischen Besatzungsmacht –
Demontagen, Nahrungsmittelentnahmen,
Holzeinschläge – stießen auf
großes Unverständnis und Kritik
in der Bevölkerung. Allerdings bot
die französische
Demokratisierungspolitik breiten Spielraum
für eine demokratische Neuordnung,
der sich Wohleb und die von ihm
geführte Verwaltung intensiv
widmeten. Bis 1952 sollte Leo Wohleb die
Geschicke (Süd)Badens entscheidend
prägen und einer breiteren
Öffentlichkeit geradezu als
Verkörperung des Landes bekannt
werden. Denn das bis knapp an die
Stadtgrenzen von Karlsruhe heranreichende
Land Baden, das als Teil stolz den Namen
des Ganzen führte, setzte nach
eigenem Selbstverständnis die
badische Geschichte fort und empfand sich
als legitimer Erbe des alten
Großherzogtums wie des Freistaats
der Weimarer Republik. Die
Wiederherstellung Gesamtbadens und dessen
Eigenstaatlichkeit zu fordern war logische
Konsequenz aus dieser Positionsbestimmung,
entsprach den föderalistischen
Überzeugungen Wohlebs und hatte mit
Separatismus, was ihm seine Gegner allzu
häufig vorhielten, nichts zu tun.
Einem größeren Publikum –
zumindest vom Namen her – bekannt
geblieben ist Leo Wohleb im Zusammenhang
mit der Badenfrage, die zwischen 1948 und
1952 politisch aktuell war und bis heute
teilweise die Gemüter erhitzt.
Die in den ersten
Nachkriegsjahren rasch anwachsende
Ost-West-Spannung vereitelte eine Einigung
der Siegermächte in der deutschen
Frage. Seit Ende 1947 gaben die Amerikaner
und Briten der Schaffung eines
westdeutschen Staates durch den
Zusammenschluss ihrer beiden Zonen mit der
der Franzosen den Vorrang gegenüber
ihren seitherigen Bemühungen um die
Errichtung eines gesamtdeutschen
demokratischen Staatswesens. Auf der
Londoner Konferenz der Außenminister
im Juni 1948 einigten sich die USA,
Großbritannien und Frankreich auf
die zukünftigen Linien einer
gemeinsamen Besatzungspolitik. Am 1. Juli
1948 setzten die drei
Militärgouverneure in Frankfurt am
Main die elf Ministerpräsidenten der
deutschen Westzonen durch die
berühmten Frankfurter Dokumente davon
in Kenntnis. Im Dokument Nr. 1 wurden sie
aufgefordert, spätestens bis zum 1.
September 1948 eine Verfassunggebende
Versammlung zur Ausarbeitung einer
Verfassung einzuberufen. Damit war die
Entscheidung für einen westdeutschen
Teilstaat unwiderruflich gefallen, auch
wenn die Ministerpräsidenten,
allesamt Anhänger einer
gesamtstaatlichen Lösung, es
zumindest erreichten, dem zu schaffenden
Staatsgebilde den Charakter des
Provisoriums zu geben. Aus diesem Grunde
trat an die Stelle der Verfassunggebenden
Versammlung ein Parlamentarischer Rat, und
die von diesem auszuarbeitende Verfassung
erhielt die Bezeichnung Grundgesetz. Weit
wichtiger in unserem Zusammenhang ist das
Dokument Nr. 2. Es erteilte den
Ministerpräsidenten den Auftrag, die
nach Kriegsende und mit der Zerschlagung
Preussens z.T. willkürlich gezogenen
Ländergrenzen einer
Überprüfung zu unterziehen und
präzise Vorstellungen darüber zu
entwickeln, welche Grenzänderungen
erforderlich waren, um nach Flächen
und Einwohnerzahlen unter sich
möglichst ausgewogene Länder zu
schaffen, die tragende Säulen des
föderativen Systems abgeben konnten.
Die Frist für die
Überprüfung war mit zwei Monaten
sehr kurz gesetzt. Schon bei den ersten
nachfolgenden Besprechungen wurde
deutlich, dass eine generelle
Überprüfung aller
Ländergrenzen innerhalb dieser Zeit
unmöglich war. Realisierbar erschien
allein eine Neuregelung der
Grenzverhältnisse im deutschen
Südwesten, auch deswegen, weil hier
ja ein von allen Regierungen im
Südwesten konstatierter
Handlungsbedarf bestand. In dem zwischen
1948 und 1952 ausbrechenden
Südweststaatkampf, in seinen
politischen Handakten wie in seinem
Schriftwechsel äußerst dicht
dokumentiert, scheiterte Leo Wohleb mit
seinem Vorhaben der Wiederherstellung und
Bewahrung der Eigenstaatlichkeit des
ehemaligen Landes Baden. Zwar hatte die
von ihm propagierte Traditionslösung
in zwei Volksabstimmungen in Baden eine
Mehrheit erhalten, was aufgrund der
Zählungsarithmetik jedoch nicht
reichte.
1952 ging das staatliche Eigenleben des
Landes (Süd)Baden zu Ende, noch im
selben Jahr ernannte Bundeskanzler
Adenauer Leo Wohleb zum Gesandten der
Bundesrepublik Deutschland in Lissabon.
Leo Wohleb erfüllte auch auf diesem
Posten seine Pflicht, auch wenn er sich
nicht wohl fühlte. Unmittelbar vor
der beabsichtigten Rekreditierung
begleitete Wohleb den portugiesischen
Wirtschaftsminister auf einem
Deutschlandbesuch, wo er am 12. März
1955 in Frankfurt am Main an den Folgen
einer Thrombose verstarb. Leo Wohleb ist
am 16. März 1955 auf dem Freiburger
Hauptfriedhof in einem
Staatsbegräbnis beigesetzt
worden.

Leo Wohleb im Staatsarchiv
Freiburg
Zu den ersten Amtshandlungen des neu
ernannten Freiburger Archivleiters Dr.
Bernd Ottnad gehörte schon im April
1973 die Kontaktaufnahme mit der in
Freiburg wohnhaften Witwe des ehemaligen
badischen Staatspräsidenten und
Gesandten der Bundesrepublik Deutschland
Leo Wohleb. Ziel seiner Bemühungen
war es, Maria Wohleb zu einer Abgabe des
gesamten Nachlasses in das Staatsarchiv
Freiburg zu bewegen, wo man zu derselben
Zeit begann, aus den Ablieferungen der
baden-württembergischen
Nachfolgebehörden die
Überlieferung der badischen
Ministerien und Zentralbehörden
heraus zu lösen und eigene
Bestände zu bilden. Trotz
anfänglicher Weigerung,
bezeichnenderweise mit dem Argument, der
Nachlass sei in sicheren (Privat-)
Händen, konnte Ottnad, dank seines
charmant-insistierenden Nachbohrens, im
Jahre 1976 den Durchbruch erzielen. In
einem Depositalvertrag stimmte Maria
Wohleb der Hinterlegung des Nachlasses
Ihres Mannes im Staatsarchiv Freiburg zu.
Laut Bestimmung des Hinterlegungsvertrags
sollte der gesamte Nachlass 1986 in das
Eigentum des Landes Baden-Württemberg
übergehen.
Die bei den Übergabeverhandlungen
eingegangene Verpflichtung, den Bestand
mittelfristig archivfachlich zu
erschließen, konnte aus mehreren
Gründen nicht eingehalten werden.
Dies hing zum einen mit der personellen
Fluktuation im Staatsarchiv Freiburg
zusammen, die immer wieder eine
Umsortierung der Geschäftsbereiche
vonnöten machte. Zum anderen waren
diese Verzögerungen jedoch vor allem
durch zahlreiche Nachlieferungen zum
Nachlass bedingt, die nach dem Tode Maria
Wohlebs im Jahre 1982 über deren
letzte Betreuerin, Frau Ilse Koch, sowie
Prof. Paul-Ludwig Weinacht bis ins Jahr
2000 dem Staatsarchiv übergeben
wurden.
Im Jahre 1988 veranstaltete das
Staatsarchiv Freiburg aus Anlass des 100.
Geburtstages von Leo Wohleb eine
vielbeachtete Ausstellung. Im zeitlich eng
bemessenen Vorfeld der
Ausstellungsvorbereitungen wurde mit der
systematischen Erschließung der
schriftlichen Nachlassteile durch
Archivoberrat Dr. Baumann begonnen, der
diese Arbeit im Jahre 1990 mit der Vorlage
eines Schreibmaschinenmanuskripts
abschloss. Vor allem die zahlreichen und
wichtigen nach Partnern geordneten
Korrespondenzakten wurden von Dr. Baumann
fast mit dokumentarischen Methoden
erschlossen, so dass zur Drucklegung neben
der Übertragung auf maschinenlesbare
Datenträger auch eine redaktionelle
Überarbeitung, die sich im
wesentlichen auf Kürzung und
Konzentration auf inhaltliche Schwerpunkte
beschränkte, erforderlich wurde.
Dieser Arbeit unterzog sich, neben seinen
laufenden Dienstgeschäften und
parallel zu den Vorbereitungen zum
50-jährigen Jubiläum des
Staatsarchivs Freiburg, 1997, dessen
damaliger Leiter Dr. Joachim Fischer.
Im Sommer 2000 begann man mit der
Überarbeitung sämtlicher bislang
vorliegender Inventarteile mit dem Ziel,
einen Nachlassbestand Leo Wohleb zu
formen, der mit all seinen Bestandteilen
in ein gedrucktes Inventar
einfließen sollte. Dabei waren neben
redaktionellen Arbeiten auch die
Erschließung der Nachlieferungen,
die Erstellung einer den gesamten Bestand
umfassenden Klassifikation, die
Ergänzung bereits erschlossener
Nachlassteile sowie die Erstellung eines
Gesamtindexes vonnöten.
Das Staatsarchiv Freiburg legt mit diesem
Inventar den Gesamtnachlass eines
bedeutenden Menschen, Pädagogen und
Politikers vor, der zu den profiliertesten
Gegnern des Südweststaats
zählte. Dass dieses Inventar nunmehr
als Beitrag der Staatlichen
Archivverwaltung zum 50. Geburtstag des
Landes Baden-Württemberg erscheint,
des Landes, das Leo Wohleb mit allen
demokratischen Mittel zu verhindern
suchte, ist nicht späte Rache und
nachträgliche Demütigung durch
überzeugte Baden-Württemberger.
Sie ist vielmehr Hommage an einen
überzeugten Demokraten, der zu jenen
Männern der ersten
(Nachkriegs-)Stunde gehörte, die
unter oftmals miserablen Bedingungen die
berühmten Ärmel aufkrempelten
und sich mit Erfolg an den moralischen,
geistigen und materiellen Wiederaufbau
eines vollkommen zerstörten
Deutschlands machten. Die vorbildhafte
Lebensleistung Leo Wohlebs erschöpft
sich nicht in der Niederlage des 25. April
1952.
Der Bestand T 1/Wohleb, Leo umfasst nach
Abschluss der
Erschließungstätigkeiten
nunmehr 737 lfd. Nummern in 11,5
lfd.m.
Literatur:
Aus dem Lebenslauf
für die Besatzungsbehörde, in:
Leo Wohleb 1888-1955, zum 10. Todestag am
12. März 1965 zusammengestellt von
seiner Frau, Karlsruhe 1965, S. 12
(=Wohleb 1888-1955). An biografischer
Literatur zu Leo Wohleb vgl.: Hans Maier,
Paul-Ludwig Weinacht (Hg.): Humanist und
Politiker. Leo Wohleb. Der letzte
Staatspräsident des Landes Baden.
Gedenkschrift zu seinem 80. Geburtstag am
2. September 1968, Heidelberg 1968;
Paul-Ludwig Weinacht: Leo Wohleb. In:
Walter Mühlhausen, Cornelia Regin
(Hg.): Treuhänder des deutschen
Volkes: die Ministerpräsidenten der
westlichen Besatzungszonen nach den ersten
freien Landtagswahlen. Politische
Porträts. Melsungen 1991, S.
35-51.
Eine verblüffende Parallele
übrigens zur Biografie des
späteren Staatspräsidenten von
Württemberg-Hohenzollern Gebhard
Müller, seinem politischen
Kontrahenten und persönlichem Freund.
Zu Müller und Sonnenschein vgl.: Kurt
Hochstuhl: Lebensziel Amtsrichter?
Anmerkungen zur Biographie Gebhard
Müllers bis 1945. In: Gerhard Taddey
(Hg.): Gebhard Müller. Ein Leben
für das Recht und die Politik.
Symposium anläßlich seines 100.
Geburtstags am 17. April 2000 in
Stuttgart. Stuttgart 2000, S. 9-17, hier
S. 12. Gebhard Müller 1900-1990.
Christ-Jurist-Politiker. Katalog zur
Wanderausstellung des Hauptstaatsarchivs
Stuttgart. Bearb. von Kurt Hochstuhl und
Peter Bohl, Stuttgart 2000.
So Hans Georg Merz: Beamtentum im
nationalsozialistischen Staat – Der Fall
Leo Wohleb (1934). In: Schau-ins-Land.
Zeitschrift des Breisgau-Geschichtsvereins
103 (1984), S. 131-148, hier S. 133.
Wohleb 1888-1955 (S. Anm.
1), S. 13.
Peter Fäßler:
Badisch, Christlich und Sozial. Zur
Geschichte der BCVS/CDU im
französisch besetzten Land Baden
(1945-1952). Frankfurt am Main 1995.
Der Weg zum Südweststaat. Hg. von der
Landeszentrale für politische Bildung
Baden-Württemberg, Stuttgart 1991 mit
weiterführenden
Literaturhinweisen.
Badens letzter Staatspräsident Leo
Wohleb 1888-1955. Ausstellung des
Staatsarchivs Freiburg vom 2. bis 30.
September 1988, bearb. von Werner Baumann,
Uwe Fahrer und Alfred Straub.
Ausstellungsverzeichnis. Staatsarchiv
Freiburg
Webseite des Staatsarchivs
Freiburg
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