|
Vom römischen Luxusbadeort zur
internationalen
Urlaubs- und Bäderstadt
Entwicklung der
Thermalwassernutzung
in zwei Jahrtausenden
Ende des Jahres 2002 erschien der
Entwurf "Leitbild und Perspektiven für die
Stadtentwicklung Baden-Baden einschließlich
der Fortschreibung des Stadt- und
Kurortentwicklungsplans 2003".
Dort findet man auf Seite 6 im Kapitel II "Ziele
und Projekte" den Punkt 1 "Internationale Urlaubs-
und Bäderstadt" und den Unterpunkt 1.1 mit der
Vorgabe
"Das Prädikat Kurort ist der Stadt mit
höchster Priorität zu sichern."
Der Deutsche Heilbäderverband formuliert:
"Die Heilbäder und Kurorte bieten mit ihren
ortsgebundenen Kurmitteln des Bodens, des Klimas
und der Landschaft schon traditionell eine breite
Palette von Mitteln, die sich in der kurtypischen
Reiz-, Reaktionsbehandlung als Mittel für ein
Funktions- und Regulationstraining seit
Jahrhunderten bewährt haben..."
Für Baden-Baden lohnt sich eine Betrachtung
des Einsatzes des seit Jahrhunderten bewährten
ortsgebundenen Kurmittels Thermalwasser.
In der Römerzeit sind im Quellgebiet des warmen
Wassers am Florentinerberg wahre Badetempel entstanden, die das
körperliche Wohlbefinden ihrer Nutzer
förderten.

Wie nach dem Niedergang der Civitas Aureliae
Aquensis die Thermalwasser genutzt wurden, ist
nicht bekannt. Urkundlich erwähnt sind die
warmen Wasser erst wieder in einer
Schenkungsurkunde des Merowingerkönigs
Dagobert von 676.
Im Mittelalter waren privat betriebene
Badeherbergen, wie beispielsweise die Herbergen
"Zum Baldreit" und "Zum Ungemach", sowie ein von den jeweiligen
Regenten unterhaltenes Freibad im Bereich der
Quellen errichtet mit einer unterschiedlichen
Anzahl an so genannten Badekästen, die von
badevergnügten Zeitgenossen und
Heilungssuchenden genutzt wurden. Luxuriös wie
zur Römerzeit waren diese Badekästen
keinesfalls, aber sie erfüllten nicht nur
ihren Säuberungszweck, sondern brachten
darüber hinaus noch die Linderung bestimmter
Leiden mit sich. Namhafte Wissenschaftler dieser
Zeit, wie beispielsweise Paracelsus, beschäftigten sich mit der
Erforschung der Besonderheit des Thermalwassers und
einer Indikationsempfehlung. Großes Interesse
an diesen Naturgaben kann den badischen Regenten
nicht nachgesagt werden, obwohl die Quellen zu
ihrem Besitz gehörten.
Erst Markgraf Christoph hat sich offenbar
stärker mit dem Badebetrieb beschäftigt
und 1507 eine Stadt- und Badeverordnung
herausgegeben.

Die Kriegswirren des Mittelalters führten
letztendlich zur Zerstörung der badischen
Residenzstadt im Jahr 1689. Das Land war verarmt. Der Aufbau
der Bäderstadt kam nur schleppend voran und
erfuhr erst eine Förderung, als unter Markgraf
Karl Friedrich im Jahre 1771 die beiden ehemals in
einen katholischen und evangelischen Landesteil
getrennten Gebiete wieder vereint wurden. Der
Hofmedicus L.W. Kölreuter setzte sich
während der Regentschaft von Karl Friedrichs
Nachfolger Karl energisch für die Nutzung des
kostbaren Wassers als therapeutisches Mittel ein.
Der Hofbaumeister Friedrich
Weinbrenner
verwirklichte Kurzwecken dienende Gebäude, die
nach den Vorgaben des Mediziners konzipiert waren.
Es entstanden ein Dampfbad und eine Trinkhalle
hinter der Stiftskirche, sowie das fürstliche Freibad
neben der Spitalkirche, das später als Hotel Friedrichsbad genutzt werden sollte.
L.W. Kölreuter und der Baden-Badener Badearzt
Anton Guggert haben im 19. Jahrhundert all ihre
Fähigkeiten aufgeboten, um die Stadt zu einem
aufblühenden Kurort werden zu lassen. Der
zunehmenden Attraktivität der späteren
Sommerhauptstadt Europas wurde von Stadt- und
Landregierung dadurch Rechnung getragen, dass
südlich der Oos, weitab von den heißen
Quellen, ein neues Kurviertel angelegt wurde mit
Kurhaus,
Trinkhalle und exquisiten Verkaufsläden, den
so genannten Kolonnaden. Ein Dampfbad konnte dort
allerdings nicht gebaut werden. Dieses wurde am
Marktplatz an Stelle des älteren, zu klein
geratenen Dampfbades und des "Museum
Paläotechnicum"
errichtet. Damit waren die vom badischen Staat und
der Stadt angebotenen Möglichkeiten der
Nutzung der ortsgebundenen Kurmittel
erschöpft. Nach dem allgemeinen
Spielbankenverbot in Deutschland erfuhr der
Kurortaspekt der Stadt eine stärkere
Aufmerksamkeit. Zwei prunkvolle Bäder wurden
innerhalb relativ kurzer Zeit am Rande des
Quellengebiets gebaut. Das heute noch bestehende
Friedrichsbad wurde 1877 eingeweiht, das
Augustabad, das 1962 wegen des Baus eines
neuen, so genannten Kurmittelhauses abgebrochen
wurde, folgte 1893. 1899 wurde in der Nähe der
beiden Bäder ein Inhalatorium in Betrieb
genommen, das 1965 abgerissen wurde.

Forscher, wie der Baden-Badener Apotheker und
Chemiker Oskar
Rößler,
trugen durch ihre überregional
veröffentlichten wissenschaftlichen Arbeiten
dazu bei, einer großen Anzahl von Medizinern
den therapeutischen Effekt des Thermalwassers bei
äußerlicher Anwendung, als Trinkkur, bei
Inhalation oder bei der Anwendung als
Thermalschlammpackungen zu verdeutlichen.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts warb man mit:
"Wahrlich Baden-Badens Glanzzeit begann erst nach
Aufhebung der Spielbank Wurzel zu fassen und das
ist etwas, was der Badischen Regierung und der
Stadtverwaltung, an deren Spitze Herr Oberbürgermeister
Fieser
steht, sowie der gesamten Bürgerschaft zu
unvergänglicher Ehre gereicht. Unentwegt
arbeitete man für die Zukunft, der Rang eines
erstklassigen Weltbades ist der uralten Aurelia
aquensis gesichert. Gesund ist ihre Entwicklung,
auf fester, solider Basis ruhend. Wie man sich bei
der taktvollen Fürsorge für das
persönliche Wohl des Einzelnen angenehm
berührt fühlt, zeigt die ständige
Wiederkehr der distinguiertesten unter den mehr als
70000 alljährlichen Kurgästen, für
deren Unterkunft auch bei stets wachsender Anzahl
Vorkehrungen getroffen sind. Sollte dieselbe selbst
über 100 000 steigen, Baden-Baden bietet jetzt
schon Raum genug. Über 50 tüchtige
Ärzte, darunter Spezialisten von Ruf für
jedes Übel, für jede Kurmethode stehen zu
Gebot. Über die Mannigfaltigkeit der
Heilmittel, Kurmethoden und Heilanstalten gibt
Seite 3-7 nähere Auskunft." (Spieß, Reiseführer
Baden-Baden, Kleine Ausgabe, Baden-Baden 1910,
Seite 42 f.)
Nach dem Zweiten Weltkrieg
formulierte der damalige Oberbürgermeister
Schlapper
in einer Sonderausgabe der Zeitschrift Baden-Baden,
12 Jahre Aufbau 1946/1958:
"Meine lieben Baden-Badener!
Ihnen, den Bewohnern dieser Stadt, sei die
vorliegende Broschüre gewidmet. In knapper
Darstellung durch Bild und Wort soll sie das
Ergebnis eines Versuchs aufzeigen, den Bürger,
Rat und Verwaltung unserer Gemeinde in engem
Zusammenwirken mit der Bäder- und
Kurverwaltung
unternahmen, um Baden-Baden aus tiefstem Niedergang
zu neuer Blüte zu führen und einen Kurort
zu schaffen, in dem es sich leben
läßt.
12 Jahre liegen hinter uns. Was in diesem
Zeitabschnitt vorausschauender Planung für
unser Gemeinwesen im einzelnen getan wurde, um
Wertvolles zu erhalten, Zerstörtes wieder
herzustellen und Neues zu gestalten, finden Sie in
diesem Heft. Es wendet sich auch an alle Freunde
unserer Stadt, die - von ihrem besonderen Reiz
angezogen - an ihrer Entwicklung Anteil nahmen.
Unser Aufbauwerk soll auch Beispiel und Zeugnis
einer gemeinsamen Arbeit sein, die trotz mancher
Kämpfe - immer in dem Bewußtsein, nicht
nur für die Gegenwart, sondern auch für
die Zukunft Verantwortung zu tragen - zur
Erreichung der gesteckten Ziele geführt
hat.
Allen, die mithalfen, die Schwierigkeiten zu
meistern - in erster Linie Landtag, Landesregierung
sowie dem Verwaltungsrat der Bäder- und
Kurverwaltung - sei an dieser Stelle herzlich
gedankt. Die Liebe zu dieser Stadt und ihrer
gesegneten Landschaft als Triebfeder allen Planens
und Handelns möge auch in Zukunft ihr
Schicksal bestimmen."
Die aktuelle Situation stellt sich
so dar:

Weltweit wird unter dem Stichwort
Kur/Gesundheit/Schönheit seitens der für
die Stadt Verantwortlichen verbreitet:
"Denn es sind ganz besondere Quellen, die in
Baden-Baden sprudeln. Ihr Thermalwasser
fördert durch seine Wärme und
Inhaltsstoffe die Durchblutung von Muskulatur und
Gelenken, lindert Verschleißerscheinungen und
sorgt für den Abtransport von
Stoffwechselschlacken. Deshalb gehört eine
klassische Kur in Baden-Baden seit Jahrhunderten zu
den Fitmachern par excellence."
Mehr ist nicht zu erfahren. Die Beschäftigung
mit den Besonderheiten des Thermalwassers und
seiner therapeutischen Einsatzmöglichkeiten
ist offenbar zum Erliegen gekommen.

Zu Beginn des 3. Jahrtausends kann ein (Kur-)Gast
die Trinkhalle, das Friedrichsbad und die Caracalla-Therme besuchen.
Knapp 2000 Jahre nach der
Besiedelung des Ortes wird trotz wissenschaftlichen
Fortschritts und badeärztlicher
Bemühungen der medizinischen Bedeutung der
heißen Quellen, den ortsgebundenen
Kurmitteln, kaum mehr Wertschätzung zuteil als
zu Zeiten der alten Römer.
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
Eine Zeitungsmeldung vom 7. Februar 2003
informiert, dass Kurärzte, die im
Badeärztlichen Verein zusammengeschlossen
sind, neue Erkenntnisse zur Wirkungsweise des
Baden-Badener Thermalwassers erlangen wollen.
Am 24. Januar 2005 berichtete das Badische Tagblatt
über das Ergebnis der Umfrage. Rund 100
Fragebögen, die während der
zweijährigen Umfrage ausgefüllt und
abgegeben worden sind, können zwar nicht als
wissenschaftlich fundierte Erhebung betrachtet
werden, sie liefern aber doch einige Erkenntnisse.
Beispielsweise jene, dass Frauen offenbar das
Thermalwasser mehr schätzen als Männer.
Die absolvierten Kuren mit Thermalwasser haben bei
einer Mehrzahl der Befragten zu einer
spürbaren Verbesserung ihres körperliches
Befindens geführt. Eine Verschlechterung des
Gesundheitszustands war in keinem Fall angegeben
worden. Letztendlich wird seitens der Initiatoren
angeregt, Stadtverwaltung und Bäderbetreiber
sollten sich mit den Erhebungsergebnissen befassen,
um gegebenenfalls zu beginnen, "bestimmte Gruppen
gezielter bewerben".
<< Zurück
|