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Hannes Tannert
(1900-1976)
Der Theatermann (Jo)Hannes Tannert
wurde am 16. November 1900 in Hamburg geboren.
Über die Theaterstationen Krefeld, Dortmund,
Bremen und Stuttgart kam er 1949 ans Baden-Badener
Theater,
nachdem dieses von der französischen
Besatzungsmacht
frei gegeben worden war, und begann eine
ausgesprochen erfolgreiche Tätigkeit als
Intendant, die als "Ära Tannert" in die
Theater- und Stadtgeschichte eingehen sollte.
Am 1. September übernahm Hannes Tannert das
Intendantenamt und präsentierte bereits neun
Tage später seine erste Inszenierung, die
deutsche Erstaufführung der Komödie
"Pfeffer und Salz" von Renato Mordo, womit er auf
Anhieb die Baden-Badener Theaterfreunde gewann.
Engagiert, ideenreich und fachmännisch sorgte
Hannes Tannert nicht nur dafür, dass dem
"kleinen Theater" überregionale Aufmerksamkeit
zuteil wurde, sondern auch für dessen
finanzielle Absicherung, indem er die Gründung
einer Patronatsgesellschaft für das Theater
und die Gründung der Volksbühne
unterstützte.
Der Spezialist für gutes Boulevard-Theater
verhalf dem Baden-Badener Theater durch deutsche
Ur- und Erstaufführungen immer wieder zu
Schlagzeilen, auch in überregionalen
Zeitungen, und ließ durch sein Gespür
für große Talente die Bühne des
Baden-Badener Theaters zum Sprungbrett für
eine große Karriere einer Vielzahl von
Schauspielerinnen und Schauspielern werden.
1953 inszenierte Hannes Tannert beispielsweise
Colettes Komödie "Gigi" als deutsche
Erstaufführung, die in der Spielzeit 1964/65
mit Inge Brück und Lil Dagover wiederholt
wurde.
1961 wurde die deutsche Erstaufführung des
Musicals "Irma la Douce" Alexandre Brefforts mit
Margit Saad und Harald Juhnke in den
Hauptrollen zu einem großen Erfolg. Für
die Bühnenausstattung war Jean-Pierre
Ponnelle
verantwortlich, der auch 1963 die
Bühnenausstattung für Alfred de Mussets Schauspiel "Les Caprices de
Marianne" gestaltete. Mit diesem Schauspiel
präsentierte sich das Theater Baden-Baden
nicht nur bei den Schwetzinger Festspielen, sondern
auch im Zweiten Deutschen Fernsehen und im Herbst
1963 bei den Berliner Festwochen.
Zu den Aufführungen in Baden-Baden und Berlin
ist zu lesen:
"Wer diesen Caprice-Abend erlebt hat, kann ihn nie
wieder vergessen. Mit der Musik von Hans Werner
Henze, mit der schönen Margit Saad in der
Titelrolle, Harald Leipnitz als Liebhaber Octavio,
mit dem wahrhaft todunglücklichen Celio
(Folker Bohnet) - ein Zauber, wie er sich wohl nur
in der Goldschatulle des alten Kurtheaters an der
Oos entfalten konnte. (…)
Als die Inszenierung im Herbst 1963 zu den Berliner
Festwochen eingeladen wurde - damals zehrte die
alte Hauptstadt noch vom welk gewordenen Ruhm der
einstigen Metropole deutschen Theaters und schaute
auf Bühnen-Bemühungen der alldeutschen
Provinz gönnerhaft hinab, rieb sich der
allmächtige Kritiker der geteilten Stadt,
Friedrich Luft, die Augen: >Ein ganz
eigenartiger Erfolg […] Aus Baden-Baden, Reverenz!,
dieses kleine Feuerwerk minuziösen Charmes. "
(Jean-Pierre Ponnelle, Berlin 2002, Seite 142).
Dies waren nicht die einzigen Gastspiele, die unter
Hannes Tannerts Führung verwirklicht wurden.
Das Ensemble spielte in der Region in Städten,
die zwischen Freiburg und Heidelberg lagen, und
darüber hinaus, wie beispielsweise in Mainz,
Wiesbaden und Frankfurt.
Hannes Tannert agierte allerdings nicht nur hinter
der Bühne, sondern war auch als Schauspieler
aktiv. So hatte er 1950 die Hauptrolle in Curt
Götz' Schauspiel "Dr. med. Hiob
Prätorius" übernommen. Seinen letzten
Auftritt hatte er im Juli 1965 mit Luise Ullrich
zusammen in Alfonso Pasos Komödie "Schöne
Geschichten mit Mama und Papa".
In jenem Monat nahm er Abschied von der aktiven
Theaterzeit in Baden-Baden, blieb aber auch nach
seiner Pensionierung der Kurstadt treu. Seinen
Lebensabend verbrachte er unter anderem als
Gastregisseur an großen Bühnen. Am 16.
März 1976 starb der leidenschaftliche
Theatermann, von dem Chronisten meinen, er sei die
Ideallösung für Baden-Baden gewesen.
In einem Beitrag zur Festschrift "100 Jahre Theater
Baden-Baden" hat Hannes Tannert eine Art
Liebeserklärung an Baden-Baden und sein
Theater formuliert:
"Auch Baden-Baden ist klein und doch Treffpunkt
einer 'großen' Welt. Aber es kann dies nur
sein, weil es sein persönliches Gesicht
bewahrt hat, kein Konglomerat zwischen moderner
Industriestadt und Kurort wurde. Genauso mußt
Du, ‚liebes, altes Haus', Dein Gesicht bewahren und
lebendige Schattenhöhle der Ideen sein. Du
hast die Pflicht, Baden-Baden zu
repräsentieren in allen spezifischen Nuancen
seiner Wesensart.
Zuweilen hast Du auch die Aufgabe, Widerspruch
herauszufordern, Mißfallen zu erregen - damit
beweist Du nur die geistige Lebendigkeit Deiner
Stadt. Auch im olympischen Himmel des
Deckengemäldes muß es manchmal
wetterleuchten, sonst würden die allegorischen
Gestalten dort oben vor Langeweile einschlafen und
ins Parkett fallen. So etwas spräche sich
herum und die Plätze blieben leer, vor allem
die Jugend würde Dich meiden, weil sie noch
die Zukunft vor sich hat. Um so schöner ist
nach einem solchen Gewitter das ‚süße
Leben'. Und - Hand auf's Herz - wer möchte ihm
nicht begegnen in Baden-Baden? Nur ‚Puritaner und
Esel' würde Shakespeare sagen. Und beide haben
in Deinen heiligen Hallen nicht viel zu suchen!
‚Rendezvous mit einem Jahrhundert' - ‚Begegnung mit
einem Jahrhundert.'
Wie mag die Welt aussehen, wenn Du das dritte
Jahrhundert beginnst? Werden Deine Thermen noch
fließen? Werden in den Rängen und im
Parkett andere Generationen sitzen und vielleicht
neidvoll an unsere ‚geruhsame' Zeit
zurückdenken? Wenn sich der Vorhang hebt, die
Snobs, die Moralisten, die
Unterhaltungsbdürftigen im Wechselchor Beifall
und Missfallen äußern, die Kritiker sich
distanzieren, die Schauspieler vor Lampenfieber
zittern, dann wirst Du - Geist des Hauses-
lächelnd feststellen: Schon wieder ein
Jahrhundert! Wie schnell doch die Zeit vergeht! Und
wenn die Menschen im Parkett und vielleicht auch
die Gestalten auf der Bühne vom ‚höheren
Leben' sprechen - (oder träumen), - wenn
gegenüber im Casino die Kugel rollt - dann ist
Baden-Baden noch Baden-Baden.
Vorhang auf - Vorhang zu - - - Vorhang auf -
Vorhang zu! Im Leben das Spiel - im Spiel das Leben
- so gesehen bist Du Hundertjähriges das
schönste Gleichnis für Deine Stadt."
Von Rika Wettstein, Baden-Baden
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