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Ein schönes neues Lied vom weltberühmten Struwwel-Putsch

  Wälzen möcht ich mich vor Trauer
Und zerraufen meinen Bart,
Weil das Schicksal mir die schauer-
liche Mähr noch aufgespart.
Ach! ich kann ja gar nicht weinen,
Todtenbleich muß ich erscheinen,
Meine kalte Stirne schwitzt -
Denn der Herr von Struwwel - sitzt!

  Ach! wohl hat er schon gesessen
Zu Säckingen in dem Loch,
Brod und Wasser nur gegessen,
Wieder frei ward er jedoch.
Freiheit, Wurzeln, wie auch Kräuter,
Er begehret ja nichts weiter,
Lebt als Turner frei und frisch,
Und ißt weder Fleisch noch Fisch.

  Und als offen ward sein Zwinger,
Floh er in das Ellensaß.
Und schrieb krumm sich alle Finger,
Bodenleer manch Dintenfaß;
Und bewies mit vielen Gründen,
Heil und Glück könn` er nur finden
In der rothen Republik;
Das bewies er Stück für Stück.

  Schrieb's, und zog voll Glut und Eifer
Seinen Damascener raus,
Und rief einen Scherenschleifer
Sammt dem Karren in das Haus;
Er that selbst am Rade drehen.
Rrrr that der Schleifstein gehen,
Bis der Sarras ganz und gar
Scharf wie ein Scheermesser war.

  Orgeln tönen ohne Rasten,
Bertrands Abschied, Polens Noth;
Putschinell in seinem Kasten
Schlägt mit Prügeln Alles todt;
Hunde tanzen, Affen springen,
Harfendamen hört man singen,
Und aus Böllern Krach auf Krach,
Denn s'ist Jahrmarkt in Lörrach.

  Horch! was schreit mit schrillem Tone
Dort aus dem Gemeindehaus?
Schau! wer steht auf dem Balkone
Und streckt beide Arme aus?
Einen Säbel in der Rechten,
Thut er durch die Lüfte fechten,
Seine Schärp` ist feuerroth,
"Freiheit, schreit er, oder Tod!"

  "Freiheit, ruft er abermalen,
Wohlstand, keine Steuern mehr,
Ihr braucht nichts mehr zu bezahlen,
Drum gebt euer Geld mir her!
Seht da: Heckers alte Garden,
Italiener, Savoyarden,
Polen und noch Allerlei
Steht mir heute treulich bei!"

  Alle Harfendamen schwiegen,
Alle Orgeln standen still;
Putschinell muß sich verkriechen,
Weil kein Mensch ihn hören will;
Alles lauscht mit neuem Jubel
Auf den Mund der Frau v. Struwwel,
Die im schwarzen Atlaskeid
Auf den Balkon tritt und schreit:

  "Hört, ihr Jungfern und ihr Frauen,
Ihr dürft auch nicht müßig seyn;
Geht an's Barrikadenbauen,
Macht Patronen drauf und drein;
Helfet uns die Freiheit retten,
Bringt mir Hemden und Servietten,
Ich verschmähe so was nie,
Das giebt treffliche Charpie."

  Damit war Madam zu Ende.
Er rief. ,,Ist kein Peter da?"
Sieh, nun recket man die Hände,
Hundert Stimmen schreien "ja!"
"Ich - auch ich - und ich, - rief Jeder,
Kann statthaltern grad wie Peter."
Also griff er blind hinein
Und setzt` die Regierung ein.

  Und man baute Barrikaden,
Holte Schuhe, Hemden, Geld.
Wurst, Patronen, Carbonaten,
Alles wurde rasch bestellt.
Lörrachs große freie Geister
Packten Amt und Bürgermeister,
Struwwel packt` die Kassen ein
Und ließ Lörrach - Lörrach seyn.

  Denn er eilte hin gen Staufen,
Weilt in Müllheim eine Stund;
Blankenhorn mußt los sich kaufen,
Tausend Gulden zahlen rund;
Mußt`, als theures Angedenken,
Ihr auch seinen Wagen schenken,
Und vier Pferde obendrein -
Und sie dankte, und stieg ein.

  Vorwärts geht es, immer weiter,
Alles muß im Sturm herbei,
Wein und Waffen, Roß und Reiter,
Kisten, Kasten, Geld wie Heu;
Feuerzeichen, Sturmgeläute,
Freies Leben, Lust und Freude;
und wenn die Begeist'rung glüht,
Singt man Schillers Räuberlied.

  Rumbumbum, die Trommeln gehen,
Und in Staufen zieht man ein.
Züge, kaum zu übersehen,
Zehentausend mögen's seyn!
Um den Hals die goldne Kette,
Vor den Augen die Lorgnette,
Liegt zur angenehmen Schau
Breit im Wagen Struwwels Frau.

  Hinterm Wagen her da kamen
General Löwenfels und Blind,
Siegel, und wie all die Namen
Dieser tapfern Struwwler sind.
Struwwel eilte, um die Kassen
Für die Freiheit abzufassen,
Aber eh` er sich's versah
Waren schon die Badner da.

  General Hoffmann, der "verthierte",
Der "entmenschte" General,
der griff an und kanonirte
Wie ein wahrer Kannibal.
Struwwel rief: "Mein Schatz, aus Staufen
Woll'n wir im Galopp jetzt laufen;
Der könnt` so barbarisch seyn,
Schöß` uns heut` noch kurz und klein."

  Von den Barrikaden schossen
Alle Struwwler scharf hinaus,
Aber die Haubitzen gossen
Ströme von Kartätschen aus;
Rauch erhebt sich, Häuser brennen,
Struwwler fallen, andre rennen,
Und vor Allen Er und Sie,
Oft im Dreck bis an die Knie.

  Aus war's mit den Barrikaden,
Alle riß und schoß man ein,
Und die stürmenden Soldaten
Drangen in die Stadt herein.
Frau v. Struwwels Hut und Mantel
Fanden sie in einem Kandel (Rinne),
Und ein Söldling war so frech,
Riß das schöne Futter weg;

  Denn der große Herwegh könnte,
Das bildt` sich der Esel ein
Unser Herwegh könnt` am Ende
Eingenäht dazwischen seyn!
Und der sitzt doch warm und trocken;
Aber Struwwel ließ sich locken,
Ging dem Oberamtmann Schey
Jetzt zum zweiten Mal in's Gäu.

  Hart und schwer durch Wald und Felder
Schleppt die rothe Republik
Ihre Wintervorrathsgelder
Nach der schönen Schweiz zurück.
Ach, wie mühsam und wie sauer
Ward's dem Struwwel, Betz und Bauer,
Und dem Dusar und dem Blind,
Und Madam dem guten Kind!

  "Polen ist noch nicht verloren"
Sang Madam zwar Anfangs noch,
Aber bald hat sie's gefroren,
Denn ihr Strumpf bekam ein Loch;
Ach vor Frost that sie erbleichen,
Ließ mit Schminck sich roth bestreichen
Und den Schminktopf nahm nachher
Amtmann Schey ihr ab in Wehr.

Ja in Wehr ward sie gefunden,
Unsre ganze Republik;
Eingefangen und gebunden
Kam sie von der Grenz zurück;
Als sie grad sich wollt erquicken,
Mußte Bürgerwehr anrücke,
Und der Oberamtmann Schey,
auch noch Dieser kam herbei!

  Ach im Mund war kaum der Löffel,
Als man sie ergreifen that!
Heiliger Sanct Zitz und Schlöffel,
Heiliger Sanct Blum schaff Rath!
Ich muß hier mein Lied beschließen,
Meine heißen Zähren fließen,
Meine kalte Stirne schwitzt,
Denn der Herr v. Struwwel - sitzt!

  Ich der Spielmann bei den Hessen,
Der das Heckerlied erdacht,
Hab nicht minder unterdessen
Diesen Putsch in Reim gebracht.
Wer dabei nicht war in Laufen;
Braucht nur dieses Lied zu kaufen,
Dann hat er es schwarz auf weiß,
So gewißlich als ich heiß
Johann Schmidt


Erleuterungen zum Text:

Lebt als Turner frei und frisch / Und ißt weder Fleisch noch Fisch: Struve war überzeugter Vegetarier und verschmähte ebenso den Alkohol. Außerdem gehörte er in Mannheim der Turnbewegung an.

Blankenhorn war eine Lörracher Familie, die sich nur durch stattliche Gelder von der Werbung zu den Freischaren loskaufen konnte.

Löwenfels war der Kommandant der Aufständischen in Staufen.

Karl Blind war ein Vertrauter Struves, der gemeinsam mit dessen Schwager Perro Düsar in Straßburg zu ihm gestoßen war.

General Hoffmann war Kriegsminister und Oberbefehlshaber der regulären Truppen und fügte Struve bei Staufen am 24. September 1848 die entscheidende Niederlage zu.

Zitz, Schlöffel und Blum waren Abgeordnete der äußersten Linken in der Frankfurter Nationalversammlung, die Verständnis für die Vorgehensweise der badischen Revolutionäre hatten.

Dieses Lied und das
"Guckkastenlied vom großen Hecker" sind vom gleichen Verfasser, und zwar von Karl Christoph Nadler. Allerdings versucht Nadler bei beiden Liedern anonym zu bleiben, denn beim Guckkastenlied bezeichnet er sich als Spielmann bei den Hessen und beim Struve-Lied zusätzlich noch als Johann Schmidt.

Dass er anonym bleiben wollte, ist verständlich, denn er machte sich damit nicht besonders beliebt. Im Sommer 1849 versuchten ihn zwei heckertreue Soldaten sogar zu ermorden.

Nadler war ein politischer Gegner Heckers in Frankfurt und nahm es wohl mit Genugtuung zur Kenntnis, dass der Heckerzug, und somit Heckers politische Laufbahn in Deutschland recht bald zerschlagen wurde.



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Ignaz Peter
Georg Herwegh
Friedrich Hecker




 

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