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Baden-Baden   Geschichte

Der Gymnasial-Professor Arthur Flehinger schildert in einem Bericht, wie er und andere Juden am 10. November das Pogrom in Baden-Baden erlebten.

"Wäre es nach mir gegangen, wärt ihr alle im Feuer verreckt"

Dem weltberühmten Kurort Baden-Baden blieben bis zum 10. November 1938 die schlimmsten Exzesse der Nazis erspart. Nicht, um den jüdischen Bürgern der Stadt einen privilegierten Status zu geben, sondern aus rein taktischen Gründen. Baden-Baden mit seinen starken internationalen Beziehungen sollte das Ausstellungsstück des Reiches sein. Jede Störung von Recht und Ordnung hätte Rückgang der ausländischen Besucherzahlen und deshalb auch Rückgang der Devisen bedeutet.

Alle nationalistischen Gesetze (...) wurden hier natürlich genauso streng beachtet wie überall, aber die ausländischen Besucher bemerkten dies nicht. Während ausländische Zeitungen in anderen deutschen Städten praktisch nicht zu erhalten waren, konnte man in Baden-Baden die "Times" eigentlich bis zuletzt lesen. (...)


Eintritt verboten für Hunde und Juden

Ab Sommer 1937 blies dann aber auch in Baden-Baden ein anderer Wind. Das Nazi-Gift befiel die Stadt, die bis dahin relativ ruhig gewesen war. Die Wiesen hinter dem Kurhaus und das Kurhaus selbst wurden für Juden gesperrt. Der Besitzer des ehemals wohlbekannten Hotels "Holländischer Hof" - Helmut Rössler - dekorierte den Eingang zu seinem Restaurant mit dem Hinweis: Eintritt verboten für Hunde und Juden.

In den jüdischen Geschäften, die bisher, noch florierten, benahmen sich Parteimitglieder zunehmend aggressiv und betrachteten es als ihre wichtigste Aufgabe, der Partei die zu nennen, die noch immer den Mut und die Anständigkeit zeigten, in jüdischen Geschäften einzukaufen.

Der 10. November zerstörte jede Illusion über das Leben der jüdischen Bürger von Baden-Baden. An diesem Morgen um 7 Uhr kam ein Polizist zu unserem Haus, Prinz Weimar-Straße 10, und bat mich, ihm zum Polizeipräsidium zu folgen. Da ich viele Jahre am Gymnasium in Baden-Baden unterrichtete, kannte mich jeder, und ich bemerkte die beträchtliche Verlegenheit des Polizisten. Es schien nutzlos, eine Unterhaltung mit ihm zu beginnen, deshalb folgte ich ihm schweigend, nachdem ich mich von meiner Frau verabschiedet hatte.

Die Stadt war zu dieser frühen Stunde noch ruhig. Die einzigen Menschen, die ich sah waren andere Juden mit ihre Polizeibegleitung. Je näher wir zum Präsidium kamen, desto mehr Juden in Begleitung konnte man auf den Straßen sehen.

Triumph der Starken über die Schwachen

Obwohl im November die Saison norrnaIerweise vorüber ist, waren noch einige jüdisch Gäste in den Hotels, die ihnen zugänglich waren. Andere hatten sich von 1933 an in Baden-Baden niedergelassen, da dort - verglichen mit ihren frühere Domizilen - das Eldorado zu sein schien. Vor der Polizeistation beanspruchte es die berüchtigte Wache (...), dass jeder Jude, der an ihr vorbei musste, seinen Hut zog. Es wäre unter den herrschenden Umständen unklug gewesen, dies zu verweigern. Etwa fünfzig Opfer waren bereits zu der Polizeistation gebracht worden und die Anzahl der Neuankömmlinge war konstant. Die Polizisten trugen alle ihre besten Uniformen, war es doch schließlich der Tag des Triumphes der Starken über die Schwachen - etwa wie eine Dramatisierung der Lafontaine-Fabel "Der Wolf und das Lamm".

Während der ganzen Zeit wurden die ankommenden Juden in gehöriger Form registriert. Gegen 10 Uhr wurden wir in den Hof gebracht und hatten uns in einer Reihe aufzustellen. Die aufgeregte Dienstfertigkeit der NS-Funktionäre ließ uns ahnen, dass ein besonderes Unternehmen drohte.

Gegen Mittag wurde das Haupttor der Polizeistation geöffnet, und eine rechts und links bewahrte Kolonne von Juden begann, sich in die Straße zu bewegen. Der Marsch wurde in die Länge gezogen, um die Leute zu amüsieren. Zur Ehrenrettung der Bürger von Baden-Baden muss aber gesagt werden, dass es die Mehrheit unterlassen hat, zuzuschauen.

Was man von den Zuschauern sehen konnte, war meist Pöbel. Zwischen dem Pöbel waren drei Lehrer. Einer von ihnen, Dr. Mampell, stand lediglich da und beobachtete die vorbeiziehenden Gefangenen. Der Rektor der Grundschule und sein Freund, Herr Schmitt, verteilten Süßigkeiten an einige Schuljungen, um sicherzustellen, dass diese laut und einheitlich "Jude verrecke" rufen.

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Ich habe es stark in Frage gestellt, ob diese Übung zur Belustigung der Zuschauer beitrug. Ich habe Leute weinen sehen, während sie hinter ihren Vorhängen zuschauten. (...) Die Kolonne näherte sich nun der Synagoge, deren Zufahrt und Eingangsstufen von Pöbel in Uniform und in Zivil gesäumt war. Dies war der schlimmste Teil des Weges. Während wir die Stufen hinauf stiegen, waren wir dauernden, niederträchtigen Flüchen und Drohungen ausgesetzt. Ich habe während des ganzen Weges geradeaus in die Menge geschaut. Als ich mich der letzten Stufe näherte, schrie jemand: "Schau' mich nicht so unverschämt an, Professor." Es war eher ein Eingeständnis von Schwäche und Furcht als eine Beschimpfung.

Meinem Freund Hauser, einem bekannten Anwalt in Baden-Baden (und dekoriert mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse im Ersten Weltkrieg), erging es schlimmer als mir. Er wurde sehr geschlagen, als er die Treppe hinaufstieg, er fiel auf ein Tallith, das die Nazis auf den Stufen ausgebreitet hatten und uns zwangen, darauf zu treten.

In der Synagoge schien sich alles verändert zu haben. Das schöne Gebäude war von gottlosen Händen entweiht worden. Das Innere war Schauplatz, fieberhafter Aktivitäten der schwarz uniformierten SS-Männer. Oben auf der Frauenempore sah ich SS-Männer das Feuer vorbereiten, das bald unsere Synagoge zerstören sollte. Diese waren nicht von Baden-Baden. Für jenen 10. November wurde SS von den Nachbargemeinden in die Stadt beordert, so dass diese ihre Arbeit ohne Gewissensbisse verrichten konnten.

Flehinger musste eine Passage aus "Mein Kampf" vorlesen

Plötzlich hörte man eine arrogante Stimme: "Ihr singt jetzt alle das Horst-Wessel-Lied", und es wurde "gesungen", wie man es erwarten konnte. Wir mussten es ein zweites Mal "singen" - genau so schlecht. Dann wurde ich zum Almemar gerufen und aufgefordert, eine bestimmte Passage aus "Mein Kampf" vorzulesen.

Eine Weigerung hätte Lebensgefahr für alle versammelten Juden bedeutet. Deshalb sagte ich: "Ich wurde aufgefordert, das Folgende zu lesen" und las die Passage leise vor, in der Tat so leise, dass der SS-Mann, der unter mir postiert war, mir wiederholt in meinen Nacken schlug. Diejenigen, die nach mir andere Abschnitte vorzulesen hatten, wurden in der gleichen Weise behandelt. Nach dieser "Lesung" war eine Pause. Die Juden, die austreten mussten, wurden gezwungen, dies gegen die Synagogenwand zu tun. Sie wurden körperlich misshandelt dabei.

Von der Synagoge wurden wir zu dem jüdischen Hotel gebracht, dem Central. Der Besitzer hatte schnellstens ein Essen für 70 Leute zu bereiten. Es war eine meisterhafte Improvisation, und es war verwunderlich, dass die Leute - obwohl unter Bewachung - überhaupt essen konnten. (...) Während wir in diesem Hotel bewacht wurden, versuchte jeder zu raten, was nun mit uns gemacht werden würde. (...) Während wir saßen und überlegten, kam der Kantor der Jüdischen Gemeinde, Grünfeld, herein - blass und schockiert - und sagte:. "Unser schönes Gotteshaus steht in Flammen." Jetzt wurde uns klar, welche Vorbereitungen am Vormittag auf der Frauenempore getroffen wurden. Als Kantor Grünfeld dies gesagt hatte, fügte einer der SS-Wachen hinzu: "Wenn es nach mir gegangen wäre, wärt ihr alle im Feuer verreckt!" Der Höhepunkt dieses tragischen Tages war erreicht. Unsere Hoffnung, wieder zu unseren Familien zurück zu können, war tiefem Pessimismus gewichen, und als schließlich etwa 60 Leute nach Hause geschickt wurden, wussten wir, dass Schlimmeres kommen würde.

Die Deportation nach Dachau war sorgfältig geplant, obwohl wir dies nicht die ganze Zeit wussten. Nun hatten wir zum Bus zu laufen; diejenigen, die nicht schnell genug waren, wurden geschlagen. Am Bahnhof warteten wir auf einen Sonderzug von Freiburg, in dem andere Juden aus dem Schwarzwaldgebiet waren. In jedem Abteil saß ein uniformierter Polizist, der während der ganzen Fahrt nicht sprach. Als der Zug Karlsruhe in Richtung Stuttgart verließ, war das einzige Wort auf unseren Lippen "Dachau".


zum Gedenken an die Opfer der Judenverfolgung

Denkmal am Willy Brandt-Platz im Bäderviertel


Weitere Links zum Thema:
Ansichtskarten der Synagoge Baden-Baden
Kurt Bürkle, Nazi-Bürgermeister
Jüdischer Friedhof in Baden-Baden
Hans Hauser: Ein "westisch-fälischer Arier"
Zwangsarbeiter in Baden-Baden
Die Gestapo in Baden
Die Geschichte der Juden in Baden
Jüdische Gemeinden in Baden
Gedenkstätten in Baden-Württemberg
Rudolf Höß, Kommandant von Auschwitz
Ausstellung NS-Justiz in Baden-Baden
Unser Hotel ist "judenfrei"
Badische Juristen im Widerstand
Ausschwitz-Ausstellung in Rastatt


 


Foto: Wolfgang Peter

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