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Michael Stolle
Die Geheime Staatspolizei in Baden. Personal, Organisation, Wirken und Nachwirken.
(Karlsruher Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus, Band 6.)
UVK Medien-Verlags-Gesellschaft, Konstanz
Taschenbuch, 432 Seiten

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Baden-Baden   Geschichte
Die Milde der badischen Nationalsozialisten war reine Erfindung.

Der Karlsruher Historiker Michael Stolle erforschte die Geschichte der Gestapo in Baden/Folterungen im Ettlinger Gefängnis.

In Spielfilmen über Nazi-Deutschland rauschen sie scharenweise in langen Ledermänteln durch finstere Hausflure. Und wenn sie ihre Angst erfüllten Opfer abführen, dann wartet draußen vor dem Haus stets eine ganze Kolonne schwarzer Limousinen. Als Allmacht mit riesigem Organisationsapparat hat sie sich in der Phantasie der Nachgeborenen festgesetzt: die Gestapo, die Geheime Staatspolizei in Hitlers Terrorregime. "Die Ledermäntel, die vielen Wagen - das sind Klischees, die so einfach nicht stimmen", sagt Michael Stolle. Der Karlsruher Historiker ist ausgewiesener Experte auf diesem Gebiet. Jahrelang hat er über die Gestapo geforscht, speziell über den Polizeiapparat im nationalsozialistischen Baden. Die Ergebnisse von Stolles Arbeit sind jetzt als Buch erschienen: "Die Geheime Staatspolizei in Baden" heißt die 432 Seiten starke Studie.

Eine der "spannenden Fragen", die der 31-jährige Geschichtswissenschaftler zu beantworten sucht: Wie funktionierten Machtapparat und Unterdrückung in der badischen Provinz, fernab von Hitlers Reichshauptstadt Berlin? Dass die Badener selbst im Nationalsozialismus etwas gemütlicher waren, ist auch so ein verbreitetes Klischee. "Es hieß oft: In Baden war alles nicht so schlimm - und die Bevölkerung war gewillt, das zu glauben", erklärt Michael Stolle. Seine akribische Spurensuche in den Archiven hat etwas anderes ergeben: "Ich habe keine Beispiele dafür gefunden, dass die Gestapo in Baden eine besondere Milde walten ließ."

Beispiele für "brutalste Verfolgungsmaßnahmen" gegen Linke, Juden und andere zur Jagd freigegebene Gruppen fand er dafür umso mehr. Grauenhafte Szenen sind auch aus dem Ettlinger Polizeigefängnis überliefert. "Die Folterstätte war unterm Dach eingerichtet", sagt Stolle, "vor allem Fremdarbeiter wurden brutalst zu Tode gequält." Überliefert ist zum Beispiel das Leiden eines russischen Fremdarbeiters von 1944: Die Folterknechte hängten ihn an den Händen auf und schlugen ihn mit Stangen. "Das Gesäß des Mannes war hinter her Brei", sagt Michael Stolle, "er starb an den Folgen der Folter."

Von Kollegen und geschichtsinteressierten Karlsruhern bekommt Stolle oft eine Frage gestellt: "Wer hat Reinhold Frank abgeführt?" Die Fragenden wollen gerne Namen hören, am liebsten Gesichter von jenen Gestapo-Männern sehen, die den Karlsruher Rechtsanwalt und Widerstandskämpfer Frank abholten und somit seiner Hinrichtung entgegenführten. Stolle muss da passen: "Die Ermittlungsprotokolle im Fall Reinhold Frank sind nicht mehr vorhanden", erklärt er. Aber es sind ohnehin "nicht die großen und spektakulären Fälle", um die es Stolle geht. Und was sein Selbstverständnis anbelangt, betont er: "Der Historiker ist kein Ankläger".

Die großen Lücken in der Forschung klafften in Bereichen, die auf den ersten Blick weniger sensationell anmuten. "Ich habe versucht, Daten über insgesamt 1 062 Gestapo-Mitarbeiter in Baden zu bekommen", sagt Stolle. Er hat Herkunft und Aufstieg der Polizisten im Dritten Reich untersucht, hat ihre Querelen, Eifersüchteleien, Machtspiele herausgefiltert. Und er förderte erstaunliche neue Zahlen zu Tage: In der Hochphase 1938 verfügte die Gestapo in ganz Baden nur über 450 Mitarbeiter. "Im Vergleich zur Bevölkerungszahl wirkt das lächerlich", meint Stolle, relativiert die Zahl jedoch: Dass Unterdrückung und Verfolgung funktionierten, dafür sorgten Helfer und Helfershelfer. Schutzpolizisten halfen badische Juden zu deportieren und streikende Zwangsarbeiter niederzuknüppeln. Die Gendarmerie musste die Radiogeräte aller Juden einziehen. Die Kripo stellte oft die berüchtigten Wagen zur Verfügung, mit denen Regimegegner abgeholt wurden. Und nicht zuletzt ermöglichten Denunzianten den Terror der Gestapo.

Wer die Menschen waren, die in Baden hinter dem Apparat der Geheimen Staatspolizei standen? Das erfahren Stolles Leser auch. Karl Berckmüller, Leiter der badischen Gestapo, zeichnete sich durch vorauseilenden Diensteifer aus: Lange bevor der Befehl aus Berlin kam, hatte er in Baden eine zentrale Judenkartei angelegt. Jüdischen Sittlichkeitsverbrechern drohte er besonders harte Strafen an. Zu den führenden Karlsruher Gestapo-Männern gehörte auch ein stadtbekannter Homosexueller - der Mörder des Sozialdemokraten Ludwig Marum.

Was aus den Männern der Geheimen Staatspolizei nach 1945 wurde, zeichnet Stolle ebenfalls nach. Berckmüller wurde zu 15 Monaten Gefängnis verurteilt und arbeitete später als Vertreter. Einige Gestapo-Führer erhielten hohe Posten bei der Badischen Gebäudeversicherungsanstalt - keine spielfilmreife Fortsetzung ihrer Biografien.

Von Elvira Weisenburger

 


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