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Lotte
Lenya erinnert sich an Baden-Baden:
Auf dem Kammermusik-Festival in Baden-Baden 1927
gab es vor und nach unserem kleinen "Mahagonny"
Aufführungen der strengsten Formen moderner,
meist atonaler Kammermusik. Das blasierte
internationale Publikum starrte aber verwirrt auf
die Bühne, als die Bühnenarbeiter dort
einen Boxring aufzubauen begannen. Der Tumult
begann, als wir den letzten Song sangen und mit
Plakaten winkten. Das gesamte Publikum stand, man
applaudierte, brach in Buh-Rufe aus und pfiff.
Brecht hatte uns vorsorglich Pfeifen mitgegeben,
kleine Trillerpfeifen, und so standen wir auf der
Bühne und pfiffen trotzig zurück.
Später ging ich dann in die Halle jenes
eleganten Hotels, das der größte Teil
des Publikums nach der Vorstellung aufgesucht
hatte, um etwas zu trinken, und stellte fest,
daß hier eine erhitzte Diskussion im Gange
war. Plötzlich erhielt ich einen Klaps auf den
Rücken, der von einem dröhnenden
Gelächter begleitet war: "Is here no
telephone?" Es war Otto Klemperer. Darauf sang der
ganze Saal den "Benares-Song", und ich wußte,
daß der Kampf gewonnen war.
Nach unserer Rückkehr nach Berlin begannen
Weill und Brecht sofort mit der Arbeit an der
abendfüllenden Oper "Mahagonny". 1928
unterbrachen sie ihre Arbeit für ein paar
Monate, um nichts Geringeres als die vom Regisseur
Ernst-Josef Aufricht in Auftrag gegebene
"Dreigroschenoper" fertigzustellen.
Kürzlich
sagte ein Freund, der sich dieser Zeit noch sehr
lebhaft erinnert, zu mir: "Ich möchte
bloß wissen, ob all die Kritiker, die solche
ernsten Abhandlungen über die Dreigroschenoper
und Mahagonny schreiben, überhaupt eine Ahnung
davon haben, was für ein Spaß das damals
alles war!"
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Die
Oper Mahagonny wurde im März 1930 in
Leipzig uraufgeführt und löste
den größten Theaterskandal der
Geschichte aus. Als die letzte Szene kam,
waren in den Gängen Schlägereien
ausgebrochen, und das ganze Theater war
von einer schreienden Menschenmenge
erfüllt. Der Krawall dehnte sich
schnell auch auf die Bühne aus, denn
von Panik ergriffene Zuschauer versuchten,
über die Bühne den Ausgang zu
gewinnen. Erst nach der Ankunft eines
starken Polizeikommandos leerte sich das
Theater. Am nächsten Tag trat der
Stadtrat der Stadt Leipzig zu einer
Sondersitzung zusammen. Man kam
schließlich überein, nicht
übereilt irgendwelche
Zensurmaßnahmen zu ergreifen, aber
bei der zweiten Vorstellung blieben die
Lichter im Zuschauerraum an, und an den
Wänden des Zuschauerraums standen
Polizisten.
Aus dem Buch "Baden-Baden, fotografiert
von Fee Schlapper, Stuttgart 1968"
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