Erich Bierhals aus Dortmund schreibt uns:

Kinderlandverschickung
oder die Reise nach Baden-Baden.

Es könnte durchaus sein, daß an einem Junimorgen des Jahres 1943 einige Baden-Badener Bürgerinnen und Bürger etwas erstaunt, um nicht zu sagen irritiert auf die vor ihren Türen stehenden 13-jährigen Jungen geblickt haben. Sie hatten sich zwar bereit erklärt, Kinder aus den am stärksten vom Bombenkrieg betroffenen Gebieten für eine gewisse Zeit (bis zum Endsieg?) bei sich aufzunehmen, aber für Baden- aden waren Mädchen avisiert, und nun waren aus Mädchen auf einmal Jungen geworden, und was für welche, und dann noch aus dem Ruhrgebiet, aus Dortmund.

Wer dafür verantwortlich war, dass die beiden Transporte, die ziemlich gleichzeitig vom Dortmunder Südbahnhof abfuhren - der eine mit Mädchen vom Goethe-Lyzeum mit Ziel Baden-Baden, der andere mit Jungen der Bismarck-Oberschule Dortmund und des Dietrich-Eckardt-Gymnasiums Dortmund-Horde mit Ziel Freiburg unterwegs umgeleitet wurden, ist wohl nicht geklärt worden. Vermutlich hat sich auch niemand mehr dafür interessiert, denn zu jener Zeit war man es gewohnt, zu gehorchen.

Zur Vorgeschichte bliebe noch zu erwähnen, dass mit der Zunahme der Bombenangriffe der Alliierten auf mittlere und größere Städte die Pläne der verantwortlichen Institutionen immer mehr Gestalt annahmen, sowohl ältere Leute in das Umland der Städte zu evakuieren, als auch die Kinder, die jüngeren teilweise mit ihren Müttern, im Rahmen der sog. Kinderlandverschickung in weniger gefährdete Gebiete umzusiedeln, damit sie dort ohne nächtliche Schlafunterbrechungen durch Luftangriffe oder Fliegeralarm mit stundenlangem Aufenthalt im Luftschutzkeller halbwegs ungestört die Schulen besuchen konnten. Für unsere Bismarck-Oberschule bestanden schon zu Beginn des Jahres 1943 Pläne, die Klassen 1 bis 5 in ein Lager in der Tschechoslowakei zu verlegen. So waren wir z.B. angehalten worden, unsere Kleidung und Wäsche mit vorgeschriebenen Buchstaben- und Zahlenkombinationen mit Wäschetinte zu versehen und darüber hinaus zu lernen, Knöpfe anzunähen und auch Strümpfe zu stopfen.

Die schweren Großangriffe auf Dortmund am 5. 5. 1943 mit 693 Toten und 40.000 Obdachlosen und am 24. 5. 1943 mit 629 Toten und erneut 40.000 Obdachlosen führten letztendlich dazu, daß die Pläne zu unserer Verschickung beschleunigt wurden, obwohl unsere Schule zu dieser Zeit noch benutzt werden konnte. Schließlich hatten wir selbst die beschädigten Fensterscheiben erneuert. Als unser Ziel wurde jetzt allerdings Freiburg genannt, und es war die Unterbringung in Privatquartieren vorgesehen.

Nun, wie schon oben erwähnt, landeten wir entgegen der Planung in Baden-Baden und schickten uns an, daraus das Beste zu machen. Abgesehen von den erheblichen Zerstörungen , die in unserer Heimatstadt durch die beiden Großangriffe verursacht worden waren, konnte man Dortmund und Baden-Baden schlecht miteinander vergleichen. Dort eine Industriestadt mit seinerzeit noch ca. 80 Zechen, 3 Stahlwerken und 10 Brauereien, hier eine Kleinstadt im Grünen mit vielen Villen und Hotels, letztere allerdings überwiegend als Lazarette genutzt. Hinzu kamen, was uns Jungen damals allerdings kaum bewusst war, die Vorstellungen in den süddeutschen Gefilden über unser Ruhrgebiet mit den angeblich tieffliegenden Briketts und den zentimeterdicken Rußschichten auf den Fensterbänken.

Ebenfalls nicht vorbereitet waren wir auf den badischen oder auch Badener Dialekt, mit dem wir in der Anfangszeit durchaus unsere Schwierigkeiten hatten. Andererseits waren wir als Oberschüler mehr oder weniger davon überzeugt, ein reines Hochdeutsch zu sprechen, so wie wir es in Diktaten und Aufsätzen zu Papier bringen mussten. Im Nachhinein und in aller Ruhe betrachtet könnte es aber doch wohl sein, daß sich in der täglichen Umgangssprache unser sogenanntes "Ruhrpottdeutsch" immer wieder Bahn gebrochen hat, was wiederum der Badener Bevölkerung und insbesondere unseren Pflegeeltern gewisse Rätsel aufgegeben haben dürfte. Immerhin ist das Ruhrgebietsdeutsch in einem Zeitraum von ca. 80 Jahren in einem durch die Industrialisierung geschaffenen Schmelztiegel entstanden, in dem sich die vorhandene westfälisch-niedersächsisch-niederfränkische deutsche Sprache mit den Sprachen und Dialekten der Zuwanderer aus dem Rheinland, aus Schlesien, Ost- und Westpreußen und aus Polen vermischte. Das Ruhrgebietsdeutsch war also bereits eine multikulturelle Sprache, lange bevor das Wort "multikulturell" von allen möglichen Leuten benutzt wurde.

Auch wenn wir nicht, wie man bei uns zu sagen pflegt, aus dem "tiefsten Norden" stammten und uns auch nicht nur in dem vorerwähnten Dialekt unterhielten, so dürften doch u.a. so schöne Worte wie "woll", "wonnich", "wat", "dat", "hasse" und "kannsse" durchaus zu unserem Wortschatz gehört haben. Oder wie wäre es mit einem einfachen Satz mit Mama und Opa? "Mama Licht an und guck mal aussem Fensta, Opa schon kommt." (In Hochdeutsch: "Schalte das Licht an und schau mal aus dem Fenster, ob er schon kommt.)

Nun, auch unsere Pflegeeitem sind wohl mit diesem Problem fertig geworden, manche mehr, manche weniger gut. Aus den verschiedensten Gründen haben einige von uns mehrfach das Quartier wechseln müssen, wenn das Zusammenleben nicht mehr klappte. Doch das waren die Ausnahmen. In den weitaus meisten Fällen wurden wir angenommen wie Kinder, die wir in gewisser Weise ja auch noch waren, und konnten uns glücklich schätzen, diese Kriegsjahre in relativer Ruhe verbringen zu können.

Die Kriegsereignisse waren, zumindest zu dieser Zeit, noch weit weg. Die Alliierten landeten in Italien, na ja, was war das schon. Bedrückender waren da schon sieben schwere Luftangriffe auf Hamburg in der Zeit vom 24. 7. bis 3. 8. 1943, weil Verwandte der Pflegeeltem in Hamburg wohnten und direkt betroffen waren. Ansonsten konnten wir uns aber zunächst über die Sommerferien des Jahres 1943 freuen, in denen wir ausgiebig Gelegenheit hatten, Stadt und Umgebung zu erkunden, wie z.B. Leisberg und Fremersberg, Merkur und Battert, Ruine Hohenbaden usw. Im Bertholdbad konnten wir schwimmen oder auch hin und wieder im Café Rumpelmeier ein Stückchen Kuchen (auf Lebensmittelmarken) vertilgen.

Dann aber hatte uns der Ernst des Lebens in Form eines geregelten Unterrichts in unserer Gastschule, dem Gymnasium Hohenbaden, wieder, denn wir hatten ja sowohl unseren Schulleiter als auch unsere älteren Lehrer (die Jüngeren waren zum Wehrdienst eingezogen) mit nach Baden-Baden gebracht. Was uns, besonders an heißen Tagen, erheblich störte, war der Umstand, daß wir 1 1/2 Jahre lang nur nachmittags Unterricht hatten. Wenn also z.B. die Badener Schülerinnen und Schüler bei entsprechenden Temperaturen um 11 Uhr hitzefrei bekamen, mussten wir um 13 Uhr zum Unterricht erscheinen und brav unsere Stunden absitzen. Dazu kam, wie seinerzeit üblich, 2-3 mal in der Woche der Dienst beim "Jungvolk", den "Pimpfen". Außerdem "durften" wir in den Wäldern Heilkräuter sammeln, die dann auf dem Dachboden des Gymnasiums Hohenbaden getrocknet wurden und zu diesem Zweck täglich gewendet werden mussten.

Von Luftangriffen blieb Baden-Baden verschont, wenn es auch mit zunehmender Kriegsdauer immer häufiger Luftalarm gab und man die Bomberschwärme der Alliierten über die Stadt hinwegfliegen sehen konnte. Aus den ersten Monaten des Jahres 1944 ist noch in Erinnerung, daß es im Kino in der Nähe des Leopoldsplatzes den Film "Die Feuerzangenbowle" mit Heinz Rühmann gab und wir aufgrund unseres "jungen Alters" teilweise Schwierigkeiten hatten, an den Kontrollen vorbei zu kommen.

Die verhältnismäßige Ruhe in Baden-Baden stand mittlerweile aber schon in erheblichem Gegensatz zu den Kriegsereignissen in Deutschland und Europa. So verzeichnete Berlin am 25. 3. 1944 bereits den 16. schweren Luftangriff, am 23. 5. 1944 erfolgte der 3. Großangriff auf unsere Heimatstadt und am 6. 6. 1944 begann die Invasion der Alliierten an der Atlantikküste.

Kurz nach Beginn der Sommerferien des Jahres 1944 am 20. 7. ereignete sich das misslungene Attentat auf Hitler. Vom 24. - 29. 7. 1944 erfolgten mehrere Großangriffe auf Stuttgart. Traurige Bilanz: 900 Tote und 100.000 Obdachlose. Alle diese Ereignisse standen zwar nicht in unmittelbarem Zusammenhang mit unserem Aufenthalt in Baden-Baden, belegen aber in letzter Konsequenz, dass unsere dort verbrachte Zeit keineswegs völlig unbelastet war.

Nach den Sommerferien, in denen in einem 14-tägigen Lager Sanddornbeeren gesammelt werden durften, aus denen angeblich Vitamin C für die U-Boot-Besatzungen gewonnen wurde, war dann aber endgültig Schluss mit lustig. Zunächst sollten wir zu Schanzarbeiten in mehrwöchige Lager im Elsass verbracht werden, doch beide geplanten Einsätze wurden in letzter Minute wieder abgesagt. Dennoch war es in der Folge mit dem geregelten Unterricht vorbei. Während jeweils eine Gruppe von uns provisorischen Unterricht erhielt, marschierte die andere Gruppe frühmorgens um 6 Uhr zum Bahnhof und fuhr mit einem Zug in die Rheinebene, um dort Schützengräben auszuheben für die Landesverteidigung. Einige Orte sind uns noch schwach in Erinnerung: z.B. Bietigheim, Ötigheim, Wintersdorf, Ottersdorf. Beim Unterricht an den Tagen zwischen den Schanzarbeiten haben wir sicher nicht mehr das meiste abgebracht, aber immerhin waren wir noch an drei Tagen in der Woche in der Schule.
Doch der Krieg kam immer näher. Am 25. 8. 1944 wurde Paris von den Alliierten erobert. Am 11. 9. 1944 war nördlich von Trier erstmals ein US-Spähtrupp auf Reichsgebiet. Am gleichen Tage wurden auf Erlass Hitlers alle 16 - 60-jährigen zum sog. Volkssturm eingezogen. Am 6. 10. 1944 erfolgte der 4. Großangriff auf Dortmund. Es wurden über 1000 Tote und über 60.000 Obdachlose registriert. Am 21. 10. 1944 fiel die Stadt Aachen.

Ende November/Anfang Dezember konnten diejenigen von uns, die Verwandte auf dem Lande angeben konnten, Heimaturlaub bekommen, der aber am folgenden Tag schon wieder gestrichen wurde, denn Lehrer und Schüler sollten gemeinsam nach Enzklösterle verlegt werden. Einige von uns fuhren trotzdem Richtung Heimat, mit LKW (Holzvergaser), überfüllten Zügen und diversen Umsteigestationen; die anderen machten sich auf den Weg nach Enzklösterle. Kurz vor Kriegsende erfolgte noch eine Verlegung ins Allgäu.

Damit endete definitiv unsere Zeit in Baden-Baden.

Was ist geblieben? Die Erinnerung und die Dankbarkeit.

Erinnerung an eine trotz der Kriegsereignisse mehr oder weniger ungestörte, immerhin 1 1/2 Jahre währende Schulzeit in Baden-Baden.

Dankbarkeit gegenüber der Baden-Badener Bevölkerung, die uns aufgenommen und betreut hat, gegenüber der Schulleitung, den Lehrern und den Jugendleitern, dass wir so ungeschoren durch diese harte Zeit kamen.

Ein inzwischen leider verstorbener Klassenkamerad hat seine damalige Freundin aus Baden-Baden nach Dortmund geholt und geheiratet. Einige andere haben ihr Herz an Baden-Baden und den Schwarzwald verloren und kommen noch jetzt jedes Jahr, mitunter mehrmals, zurück.

60 Jahre nach unserer Einschulung auf der damaligen Bismarck-Oberschule haben wir uns mit 9 Klassenkameraden zu einer Fahrt in den Schwarzwald aufgemacht und dabei auch unsere Gastschule, das Gymnasium Hohenbaden, besucht, durch das uns der heutige Schulleiter, Herr OStD. Gassert, dankenswerterweise geführt hat, so dass wir unsere Erinnerungen auffrischen konnten. Beweis dafür, dass auch wir Baden-Baden nicht vergessen haben.

Wir sagen Danke.


© Erich Bierhals, Dortmund


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