Kaspar Hauser und die Glasfenster von Eberstein

Die beiden Landesmuseen kaufen vom Haus Baden 500 Jahre alte Kunstwerke

Der Schatten von Kaspar Hauser fällt immer wieder auf die badische Landesgeschichte. Jüngstes Beispiel ist eine bevorstehende, spektakuläre Neuerwerbung des Landesmuseums: 40 Glasgemälde aus Schloss Eberstein, der ehemaligen Sommerresidenz des badischen Fürstenhauses im Murgtal. Knapp drei Millionen Mark müssen dafür aus öffentlichen Fördertöpfen an Markgraf Max von Baden nach Salem überwiesen werden. In der wechselvollen Geschichte der wertvollen und ein halbes Jahrtausend alten Kunstwerke spielt das legendenumwobene Findelkind Kaspar Hauser eine entscheidende Rolle.

Baden vor 170 Jahren: Mit dem Tod von Großherzog Ludwig ist die Linie der alten Zähringer ausgestorben, nun besteigt mit Leopold im Jahr 1830 ein Mitglied des neuen Hochberg-Zweiges den Thron in Karlsruhe. Der Urgroßvater des heutigen Markgrafen tritt jedoch kein leichtes Erbe an. Ganz Europa tuschelt über den 1828 in Nürnberg aufgetauchten und fünf Jahre später in Ansbach ermordeten Kaspar Hauser. Viele sehen in ihm den eigentlichen Thronerben und beschuldigen Leopolds Mutter, im Jahr 1812 den echten Prinzen mit dem verstorbenen Kind einer armen Familie vertauscht zu haben. Kaspar Hauser wird so zum Symbol der freiheitlich-revolutionären Kräfte, die hier eine glänzende Möglichkeit sehen, den verhassten Fürstenhäusern am Zeug zu flicken.

Der neue Großherzog Leopold wird also misstrauisch beäugt.
Er reagiert auf den Wirbel, indem er "in auffälliger Weise den Stil seiner Vorgänger kopiert", berichtet der Chef des Badischen Landesmuseums Professor Harald Siebenmorgen. Nur keine Experimente, um nicht noch mehr ins Rampenlicht zu rücken. Ganz deutlich wird diese Devise in der Architektur und Kunst. So lässt Leopold das Schloss Eberstein oberhalb von Gernsbach zwischen 1835 und 1840 - also Mitte des 19. Jahrhunderts - im spätmittelalterlichen Stil umbauen. Gleichzeitig reist er im ganzen Lande umher und sucht als Fenster für seine Sommerresidenz alte Glasmalereien. Fündig wird der Herrscher bei zwei Pfarreien in Ottersweier bei Bühl und in Dühren im heutigen Kreis Sinsheim. "Auf besonderen Wunsch", so sagt Siebenmorgen augenzwinkernd, überlassen ihm die Gemeinden die aus dem 15. Jahrhundert stammenden Kunstwerke. Die zu diesem Zeitpunkt bereits 350 Jahre alten Fenster werden demontiert und ins Murgtal geschafft.

Wiederum 150 Jahre später sorgen die etwa 80 mal 40 Zentimeter großen Glasscheiben erneut für Wirbel. Wegen der hohen Unterhaltskosten sucht das Haus Baden nach einem Käufer für Schloss Eberstein und findet ihn schließlich vor etwa einem Jahr im Kölner Versicherungsunternehmer Gerd Overlack.



Der Bürgerliche hat jedoch ein Problem. Ihm sind die Fenster im alten Rittersaal, der Kapelle und der Bibliothek viel zu wertvoll, er lehnt jede Verantwortung dafür ab. Der wohl ziemlich einmalige Kaufvertrag lautet also: ein Schloss ohne Fenster. Die dürfen allerdings auch nicht ausgebaut werden, weil sie nicht nur auf der Liste des nationalen Kulturguts stehen, sondern noch zusätzlich von den Denkmalschützern mit einem Verbringungsverbot belegt worden sind. Gegen diese strenge Auflage hatte sich der Markgraf zwar wenige Jahre zuvor juristisch zur Wehr gesetzt - seine Klagen bis vor den Verwaltungsgerichtshof hatten aber keinen Erfolg.

Nach zähen Verhandlungen hinter den Kulissen kommt es dann vor wenigen Wochen zur Einigung. Der Denkmalschutz hebt das Verbot unter der Auflage auf, dass das Haus Baden die Glasmalereien ans Land verkauft. Die Fenster aus Dühren erhält das Württembergische Landesmuseum in Stuttgart, die zwei anderen Zyklen kommen ins ehemalige Residenzschloss nach Karlsruhe. "Das ist eine kapitale Bereicherung unserer Sammlung", sagt Harald Siebenmorgen.

Weil für den Ankauf auch die Kulturstiftung der Länder eingespannt werden soll und dafür mehrere Expertisen geschrieben werden müssen, lagern die Objekte mit der abwechslungsreichen Geschichte wohl noch mehrere Monate im Magazin. So bald wie möglich plant Siebenmorgen mit den "einzigartigen Zeugnissen der spätmittelalterlichen Malerei" eine eigene Ausstellung. Ob es auch ohne Kaspar Hauser dazu gekommen wäre? Eine Antwort darauf steht bislang aus. Dagegen sind sich fast alle Historiker inzwischen einig, dass es sich bei dem berühmten Nürnberger Findelkind definitiv nicht um den legitimen Spross der Zähringer handelte.


© BNN - Juli 2001


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