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Baden-Badens Zukunft als
Kurstadt
Jeder Kurort setzt ein
leistungsfähiges Fremdengewerbe mit einer
ausreichenden Bettenzahl und die für den
Kurgebrauch notwendigen Kurmittel-Einrichtungen,
Sportanlagen und Unterhaltungsmöglichkeiten
voraus. Alle diese in Baden-Baden noch vorhandenen
Einrichtungen, für die gut 80 Millionen
Goldmark investiert wurden, können sich aber
wirtschaftlich nur tragen, wenn sie entweder
relativ hohe Preise erzielen oder eine entsprechend
höhere Frequenz erreichen, durch welche die
Preise zeitgemäß gesenkt werden
können.
Das Baden-Badener Fremdengewerbe hat es von jeher
schwer gehabt, die hohen Kapital- und Steuerlasten
und die Kosten der Betriebsführung bei der
hier üblichen Frequenz, die jedoch der anderer
Kurorte entsprach, zu decken. Die Fremdenbetten
waren vor 1914 und in den guten Nachkriegsjahren
110-130 Tage, d. h. etwa 30-50 % per Jahr besetzt,
während sie durchschnittlich 200 Tage
geöffnet waren. Die Leistungen des
Fremdengewerbes an Komfort, Küche und
Bedienung entsprachen aber denen erstklassiger
Jahresbetriebe in den Städten, die die
doppelte Frequenz erzielten und lukrative
Nebenbetriebe unterhalten konnten. Somit war unser
Fremdengewerbe im Vergleich zu dem einfacherer
Kurorte relativ teuer, obwohl das investierte
Kapital nur ungenügend verzinst wurde und
wurde in den schlechten Saisons zum Sorgenkind der
Stadt. Die Frequenz der Saisonbetriebe hängt
zwangsläufig von der Ferien- und
Urlaubsregelung ab, die wegen der allgemeinen
Schulferien in den Hochsommer fallen. Die
Frühjahrs- und Herbstsaison war in Baden-Baden
vorwiegend vom Wetter und Festtagen abhängig
und die Zwischensaison Juni bis Mitte Juli sehr
schwach. Im Winter waren die meisten Betriebe
geschlossen. Es handelt sich also darum, in den
bisher schwachen Saisonzeiten zusätzlich
Kurgäste zu finden und Baden-Baden auch
für den Winter-Kurbetrieb geeignet zu
machen.
Im freien Fremdenverkehr wird ein solcher
zusätzlicher Besucherkreis nicht zu finden
sein, er kann aber dem Kurort durch einen gelenkten
Erholungsreiseverkehr im Wege von Abmachungen mit
industriellen Unternehmungen, sozialen
Organisationen, Lebensversicherungsgesellschaften
usw. erschlossen werden. Wenn einzelne
Fremdenbetriebe für die bisher stillen Zeiten
eine volle Belegung ihres Hauses durch Urlauber der
betreffenden Organisationen erzielen, dann kann
Unterkunft und Verpflegung auf einheitlicher Basis
zu ganz anderen Preisen geboten werden, wie die
Verwendung zu Lazarettzwecken gezeigt hat. Damit
könnte die Kur in Baden-Baden auch weniger
zahlungsfähigen Kreisen, Angestellten und
Arbeitnehmern je nach Art des Betriebes,
ermöglicht werden., Voraussetzung zur Hebung
und Stabilisierung der kurörtlichen Frequenz
und zur Ausdehnung der Kurzeiten auf das ganze Jahr
sind naturgemäß neuzeitliche
Kurmitteleinrichtungen und eine erfolgreiche Kur.
Neben der Wiederinstandsetzung und Modernisierung
unserer Bäder, Wiedereröffnung der
Bädererforschungsstelle und Klimakreisstelle
wäre die Wiederaufnahurne der balneologischen
Forschung und wissenschaftlichen Arbeiten unserer
Ärzte notwendig. Hier müßten die
für Baden-Baden typischen und erfolgreichen
Behandlungsmethoden auf wissenschaftlicher
Grundlage festgelegt werden. In den medizinischen
Zeitschriften sind die Ergebnisse dieser Forschung
und gemachten Erfahrungen auszuwerten und
bekanntzugeben, damit das Vertrauen zur Heilkraft
unserer Thermen und Kurmittel und insbesondere der
Behandlungsmethoden neu gestärkt wird.
Zur Erholung vieler Menschen, die abgearbeitet
sind, oder wenig Zeit für körperliche
Bewegung haben, zählt heute ganz allgemein die
Möglichkeit zu körperlicher Bewegung
verschiedenster Art. Unsere Sportanlagen sind
größtenteils erhalten geblieben und
können mit relativ geringen Mitteln wieder
instand gesetzt werden. Zum Teil wurden sie auch
schon von der Besatzungsmacht verbessert.
Baden-Baden hat früher den sportlichen
Bedürfnissen der Gäste nicht die
genügende Beachtung geschenkt und es z. B.
versäumt, ihnen ein Sonnen-, Luft- und
Schwimmbad zum ausschließlichen Gebrauch zu
überlassen, wie dies anderswo der Fall war. Da
Baden-Baden im Sommer als zu heiß verschrien
war, würde dieser Anlage besondere Bedeutung
zukommen. Die Möglichkeiten zu Golf, Tennis,
Reiten und Jagd waren dagegen ausreichend und
stehen nach Freigabe des Kurbetriebes wieder zur
Verfügung.
Zum Kurgebrauch zählen auch die einzigartigen
Möglichkeiten zu Wanderungen und Terrainkuren,
die unser noch immer gut erhaltenes Wegnetz bieten
und, die Erschließung der nahe gelegenen
Kurorte im Hochschwarzwald. Je leichter diese
Gebiete den Baden-Badener Kurgästen
zugänglich sind, desto mehr eignet sich unser
Kurort auch in einem heißen Sommer zur Kur
und Erholung, zumal er sich bekanntlich durch
kühle Nächte auszeichnet.
Die Unterhaltung, die Baden-Baden durch seine
künstlerischen und gesellschaftlichen
Veranstaltungen im Kurhaus und Theater und das
besonders hochstehende Konzertwesen bietet, werden
auch in Zukunft ihre Anziehungskraft ausüben
und sich auch im wesentlichen wirtschaftlich
tragen, wenn es gelingt, die Frequenz zu heben und
die Saison zu verlängern.
Mitunter auftretende Bedenken, daß solche
Unterhaltungsmöglichkeiten einer ernsten Kur
im Wege stünden, sind durch die Erfahrung der
vergleichbaren Bäder widerlegt, die sich immer
mehr auf diese Ansprüche der Kurgäste
einstellen. Baden-Baden hat hierbei durch die
Verbindung des Kur- und Wohnortes mit der Stadt
einen Vorsprung unter deutschen Bädern gehabt,
der es ihm ermöglichte, auch in dieser
Beziehung mit den führenden Heilbädern im
Ausland in Wettbewerb treten.
Heinrich Berl (Hrsg.), Baden-Baden
ist wieder Kurort, Denkschrift zur künftigen
Entwicklung der Kur- und Wohnstadt Baden-Baden im
Auftrag des Oberbürgermeisters Dr. Ernst
Schlapper
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