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Baden-Baden Geschichte
Hans Hauser:
Ein "westisch-fälischer Arier"
Die Absurdität der Rassentheorie
Hans Hauser, Sohn des renommierten Baden-Badenener
Rechtsanwalts Hugo Hauser, schrieb mir in einem
seiner Briefe: "Ich bin nicht ein Prototyp eines
deutschen Juden, weil ich ein jüdischer
Deutscher bin und war - und so war das auch mit
meinem Vater. Ich kann für niemanden anderes
sprechen. Ja, ich bin - oder zumindest ich war -
anders und kein gutes Beispiel für Ihre
Nachforschungen."
Als wir uns einige Wochen später in Stuttgart
trafen, sass vor mir ein schlanker,
braungebrannter, gutaussehender Herr, in
Turnschuhen und Shorts, dem man seine 78 Jahre
nicht ansah - dem man im dritten Reich, wie er
hervorhob, seine jüdische Herkunft nicht
angesehen hatte: Hans Hauser machte in seiner
Jugend im nationalsozialistischen Deutschland immer
wieder die Erfahrung, dass er als "Arier"
eingestuft wurde.
Während seines Jurastudium in Freiburg, das er
als Sohn eines kriegsverletzten Frontkämpfers
auch nach 1933 fortsetzen durfte, wurde ihm seine
"arische Abstammung" sogar "wissenschaftlich"
bescheinigt: Im Wintersemester 1934-35 besuchte
Hans Hauser die Pflichtveranstaltung "Rassenkunde",
freitags bei Professor Packheiser. Gemäß
der nationalistischen Rassentheorie wurde in diesem
Seminar ausführlich die "arische Rasse" in
ihrer "ostischen, nordischen, fälischen und
westischen Ausprägung" behandelt.
Eingegangen wurde auf Knochenstruktur, Hautgewebe,
Kopfform, etc. Während der letzten Sitzung bot
der Professor Freiwilligen aus dem Seminar an, ihre
"arische" Abstammung zu analysieren. Im Gegensatz
zu dem Seminarleiter wussten einige befreundete
Komilitonen von Hans Hausers jüdische Herkunft
und drängten ihn, sich diesem Test zu
unterziehen. Er wurde daraufhin eingehend
untersucht und als "westisch-fälischer Arier"
eingestuft. In den folgenden Tagen wurde das
Testergebnis öffnetlich bekannt gemacht. Hans
Hauser entdeckte sein Foto am Nachrichtenbrett beim
Haupteingang, als Bespiel für den Prototyp des
"westisch-fälischen Ariers".
Für seine Freunde bedeutete der Vorfall einen
Heidenspass, er selbst empfand eine "innere
Befriedigung, offiziell als Deutscher anerkannt
worden zu sein."
Hans Hauser fühlte sich seinem deutschen
Vaterland so sehr verbunden, dass er sich
während des Studiums im Januar 1933 freiwillig
zum Arbeitsdienst meldete, das auch für einen
nichtjüdischen Sohn "aus gutem Hause" und
angehenden Juristen nicht unbedingt
selbstverständlich war. In einer Gruppe von 20
jungen Leuten, deren Aufgabe es war, Strassen zu
verbessern, fühlte er sich vollkommen
integriert. Sein Einsatz war allerdings nicht von
langer Dauer. Bald nach der Machtübernahme der
Nationalsozialisten wurde ihm mitgeteilt, dass
seine Mitarbeit aufgrund seiner jüdischen
Herkunft unerwünscht sei.
Als Jude wurde Hans Hauser 1935 nicht zum
Referendarsexamen zugelassen. Er versuchte
trotzdem, eine Ausnahme durchzusetzen, und wandte
sich direkt an den Reichjustizminister mit einem
Schreiben, in dem er seine nationale Gesinnung
unter Beweis zu stellen versuchte: In seinem Brief
vom 16.7.1935 argumentierte er folgendermassen:
"Ich bitte um ausnahmsweise Bewilligung der
Zulassung zum Examen aus folgenden
Gründen:
1. Mein Vater ist Frontkämpfer und
schwerverletzt. Meine Vorfahren wohnen seit
unvordenklicher Zeit in Deutschland; schon mein im
Jahre 1783 geborener Urgrossvater lebte in Rust
(Baden).
2. Ich selbst habe mich im Rahmen des
Möglichen bemüht, alle Bedingungen zu
erfüllen, die gestellt werden; so habe ich
mich im Januar 1933 zum freiwilligen Arbeitsdienst
gemeldet und war auch dort einige Zeit tätig,
musste aber dann nach Erlass der neuen Gesetze
zurücktreten. Meine Gesinnung kann daraus
entnommen werden, dass ich seit Jahren dem Verband
nationaldeutscher Juden angehöre. Ausserdem
besitze ich schon lange das deutsche
Reichssportabzeichen.
3. Wenn ich Gewicht darauf lege, das erste und
zweite juristische Examen zu machen, so geschieht
das ausschliesslich deshalb, weil mein Wunsch dahin
geht, meinem Vater, der 55 Jahre alt ist,
später in seinem Anwaltsberufe zu
unterstützen und zu ersetzen, da seine
Arbeitskraft auch mit Rücksicht auf die
Kriegsverwundung nur noch beschränkte Zeit
andauern kann.
Der nationalsozialisistische Staat liess sich von
einer solchen Argumentation nicht beeindrucken.
Zwar hat Hitler zunächst noch bei der
Zulassung von jüdischen Beamten und
Rechtsanwälten Ausnahmen für
Frontkämpfer gemacht - in der irrigen Annahme,
dass es sich dabei nicht um eine grosse Zahl
handeln könne. 1935 korrigierte er diese
Politik aber dahingehend, dass auch ehemalige
Frontkämpfer falls sie Beamte waren, mit einem
Berufsverbot belegt wurden.
Wie für so viele deutsche Juden, die sich mit
ihrem Vatland identifizierten, war es für Hans
Hauser unvorstellbar, dass gegen das
nationalsozialistische Konzept des "Rassejuden"
nichts auszurichten war.
Die Verherrlichung von Deutschtum und soldatischen
Tugenden durch das Nationalsozialistische hatten
bei vielen die Illussion gefördert,
jüdische Patrioten und Frontsoldaten
könnten in diese Hochschätzung
eingeschlossen sein. Aber Juden mit nationaler
Gesinnung" wurden von der NSDAP noch schärfer
abgelehnt als solche, die für das Reich
weniger Loyalität bezeugten. Der Patriotismus
der "nationaldeutschen" Juden wurde von den
Nationlsozialisten als "krankhaft anmutende und
plumpe Anbiederung" verhöhnt.
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Bezeichnenderweise wurden die
jüdischen Organisationen, die den Schwerpunkt
auf ihr Deutschtum legten, stärker
bekämpft als zionistische Vereine und
Verbände. Letztere bereiteten ihre Mitglieder
auf die Auswanderung nach Palästina vor,
welche - unter dem Druck der nationalistischen
Diktatur - zu einem konkretem Ziel geworden war und
von der NSDAP gefördert wurde. Der Verband
nationaldeutscher Juden, dem Hans Hauser
angehörte, wurde bereits im Herbst 1935
verboten.
Da Hausers Eingabe keinen Erfolg hatte, begann er
eine neue sechmonatige Ausbildung zum Sportlehrer
an der jüdischen Sportschule Bloch in
Stuttgart. Vom 1.1.1937 bis 30.7.1938 gabe er
Sportunterricht an zwei jüdischen Schulen in
Wiesbaden und Mainz und bei dem jüdischem
Sportverein "Schild" in den beiden Städten. Im
Mai 1933 waren die bestehen Sportgruppen des
Reichsbunds jüdischer Frontsoldaten zum
"Schild-Sportbund des RJF" zusammengefasst worden.
Er trat in Konkurrenz zu der zionistischen
Sportorganisation "Deutscher Makkabikreis". Hans
Hauser charakterisiert den "Schild"
folgendermassen: "Der Schild war noch richtig
deutsch, die Mitglieder waren noch stolz darauf,
deutsch zu sein".
Als der Sportverein 1938 seine Tätigkeit
einstellen musste, kehrte Hans Hauser nach
Baden-Baden zurück. Er lebte bei seinen
Eltern, sein Vater arbeitete noch als einziger
jüdischer Rechtsanwalt in Baden-Baden. Die
Arbeitslosigkeit füllte Hans Hauser mit
ehrenamtlichen Tätigkeiten aus. Für 15
jüdische Mädchen und Jungen am Ort
organisierte er Ausflüge und Sportunterricht
und mietete zeitweise eine Kegelbahn in der
Büttenstrasse.
Auch
den Novemberpogrom erlebte er in Baden-Baden. Er
wurde 10.11.1938 von zu Hause, sein Vater aus der
Praxis abgeholt. Von seiner Mutter erfuhr er
später, welche Ängste die jüdischen
Mütter und Ehefrauen an diesem Tag
ausgestanden hatten.
Sie konnten nicht wissen, ob ihre Männer und
Söhne in der brennenden Synagoge waren. Frau
Hauser hatte im Verlauf des Nachmittags in
Erfahrung bringen können, dass Sohn und
Ehemann zum Bahnhof geführt wurden. Dort
steckten sie den beiden einen Rucksack zu, deren
Inhalt - "ein Fläschle Kirschwasser,
Schwarzwälder Speck, Brot" - sie auf der
Zugfahrt ins Ungewisse nach Dachau mit Galgenhumor
zu sich nahmen. Sie sassen in vier Waggons, die den
zumeist älteren Männern beim Ein- und
Aussteigen Schwierigkeiten bereiteten. Für
Hans Hauser war es kein Problem, aus dem hohen
Wagen zu springen, doch als er den alten Leuten
behilflich war, wurde er von SS Leuten mehrfach
geschlagen.
In Dachau wurde Hans Hauser in Block 18 zusammen
mit 800 Männern untergebracht, er selbst wurde
nicht misshandelt, und die tägliche
Demütigungen - auch in Form von
unzähligen Kniebeugen in eisiger
Novemberkälte - konnten ihm als jungem
Sportllehrer nichts anhaben.
Als der Blockwart auf seine sportlichen
Fähigkeiten aufmerksam wurde, verpflichtete er
Hans Hauser an seiner Stelle, mit den
Häftlingen Sport zu treiben. Herr Hauser
nutzte diese Aufgabe, um die alten Männer zu
schonen. In einer entfernten Ecke liess er sie
langsam gehen, Lieder singen . . . nur wenn sich
ein Aufseher zeigte, schlug er einen anderen Ton an
und verschärfte das Tempo.
Erst nach Entlassung aus Dachau am 9.12.1938
beschlossen Hausers Deutschland zu verlassen -
"vorher hatten wir nie emigirieren wollen, wir
lebten in einer Traumwelt". Als Auswanderungsland
kamen die USA in Frage, wo eine Tante der Familie
lebte. Um ihr nicht zur Last zu fallen, sollte
zunächst nur der Sohn auswandern. Für
seine Eltern hatte diese Rücksichtsnahme
fatale Folgen.
Am 13.4.1939 emigirierte Hans Hauser über
England in die USA. 1940 trat er in die
amerikanische Armee ein. Seine Eltern wurden im
Oktober 1940 in das Lager Gurs in den Pyrenäen
verschleppt. Hans Hauser, der schon immer
ungewöhnliche Wege eingeschlagen hatte, wandte
sich an die Frau des Präsidenten Roosevelt mit
der Bitte um ein Einreisevisum für seine
Eltern. Zwei Wochen später erhielt er ein
Telegramm, in dem ihm zwei Visa zugesichert wurden.
Für seine Eltern war es jedoch zu spät.
Es gelang ihnen nicht mehr rechtzeitig, ein
Schiffspassage zu bekommen. Sie wurden in
Ausschwitz vergast.
Hans Hauser sollte seine Heimatstadt bereits 1945
bei Kriegsende wiedersehen. Mit der 76.
Infanteriedivision hatte er den Rhein bei
Echternach überschritten. Als sein
Divisionskommandeur von der Besetzung Baden-Badens
durch die Franzosen hörte, bekam herr Hauser
einen Jeep und zwei Wochen Urlaub, um die Lage zu
erkunden. In Baden-Baden wurde er auf der Strasse
wiedererkannt und schon am zweiten Tag seines
Aufenthalts suchte ihn eine Delegation
Baden-Badener Bürger in seinem Hotel auf.
Herren im Gehrock und Zylinder boten ihm den Posten
des Oberbürgemeisters an. Hans Hauser lehnte
ab. Er vermutet heute, dass die Baden-Badener unter
dem Eindruck der französischen Besatzung
hofften, mit einem Oberbürgermeister, der Jude
und Angehöriger der US Streitkräfte war,
sich einen gewissen Schutz sichern zu
können.
Hans Hauser lebt heute in Kalifornien. Nach seiner
Entlassung aus der Armee arbeitete er bis zu seiner
Pensionierung in der Nachrichtenabteilung des
Verteidigungsministeriums bei San Francisco.
Quelle: "Der verbrannte Traum" von Angelika
Schindler, Jüdische Bürger und Gäste
in Baden-Baden, Elster Verlag, Copyright
1992
Weitere Links zum Thema:
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der Synagoge Baden-Baden
Pogrom
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Zwangsarbeiter
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Die Geschichte der Juden in
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