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"Als auf dem Markt hinter der
Stiftskirche dicke Bäuerinnen mit Körben
voll länglicher, blauer Zwetschgen stehen,
weiß ich, daß Mutter einen Kuchen
backen wird. Auf rechteckigen Backblechen legt sie
entsteinte und halbierte Zwetschgen wie Dachziegel
in vielen Reihen nebeneinander auf den Teig, streut
Zucker und Zimt darüber und gibt dünne
Sahne dazu."
(aus: Ertrinken - Eine Kindheit im
Dritten Reich, 1987, deutsch 1993)
Gerhard Leopold Durlacher
(1928-1996)
Gerd Leopold Durlacher wurde am 10. Juli 1928 in
Baden-Baden geboren. Hier wuchs er in der
Lichtentaler Straße 56 wohlbehütet auf,
besuchte mit dem Kindermädchen Maria die
Märchenvorstellungen im Theater. Er bewunderte
den riesigen, mit silbernen Kugeln und goldenen
Sternchen geschmückten Tannenbaum auf dem
Leopoldsplatz. Doch das Kindheitsparadies war
trügerisch, denn die Durlachers waren eine
jüdische Familie. Er erlebte, wie eine
pöbelnde Menschenmenge sich vor dem
Möbelgeschäft seiner Großmutter
zusammenrottete und vom Gruppenfoto der ersten
Klasse wurde er zusammen mit einem anderen
jüdischen Kind ausgeschlossen.
Als Gerhard neun Jahre alt war, flüchtete die
Familie, beunruhigt von den Geschehnissen in
Nazideutschland, zu Verwandten in die Niederlande.
50 Jahre später schreibt er darüber:
"Mein Zuhause fort, mein Zimmer fort, mein Hund
fort, mein Spielzeug fort, fort, fort, alles
fort."
Doch auch seine neue Heimat in den Niederlanden bot
ihm und seiner Familie keine Sicherheit. Am 2.
Oktober 1942 wurde er und seine Eltern, seine Tante
und zwei jüdische Freunde ins Durchgangslager
Westerbork verschleppt. Im Januar 1944 wurde die
Familie zuerst nach Theresienstadt und danach nach
Auschwitz-Birkenau deportiert. Gerhard
überlebte als einziger. Sein Vater wurde in
Bergen-Belsen ermordet, seine Mutter in
Stutthof.
Im Juli 1945 kehrte der 17-jährige in die
Niederlande zurück. Unter großen
Schwierigkeiten fand er eine Unterkunft. Ab
September konnte er wieder den Schulunterricht
besuchen.
Von 1948-1954 studierte Durlacher Medizin in
Utrecht, anschließend Soziologie in
Amsterdam. Ab 1964 war er Dozent an der an der
Amsterdamer Universität. Das Lernen, Lehren
und Forschen half ihm, seine Jugenderlebnisse
einigermaßen zu ertragen.
1959 heiratete er Anneke Sasburg, eine Soziologin
wie er. Aus der Ehe gingen drei Töchter
hervor. Der perfekt funktionierende
Verdrängungsmechanismus hinterließ
Spuren - Durlacher war oft krank. Mehr als 30 Jahre
schwieg er über das, was mit ihm geschah. Erst
aus seinen Büchern erfuhren die Kinder vom
Schicksal ihres Vaters.
Gerhard Leopold Durlacher, der nur wenige Jahre in
Baden-Baden sein Leben unbeschwert lebte, starb am
2. Juli 1996 in Haarlem.
Auch Durlachers älteste Tochter Jessica
wurde Schriftstellerin. Sie setzt das Werk ihres
Vaters fort. In ihren Romanen schreibt sie
über das Leben von Familien, in denen die
Eltern den Holocaust überlebt haben, und wie
diese Erfahrung sie und ihre Kinder traumatisiert
und prägt.
Gerhard Leopold Durlacher beschreibt einen
späteren Besuch in seiner Geburtstadt
Baden-Baden so:
"Wir fahren an den alten gelben
Wohnkasernen der Vorstadt vorbei. Ich erkenne nur
wenig. Der Radius meiner Kindheit reichte nicht so
weit. Wo die Stadt beginnt, ist plötzlich
alles wieder da. Das Damals und Jetzt fallen
beinahe zusammen. Die Rosensträucher, die
Blumenbeete, die raunende Oos, klar wie ein
Kristall, (…). Vor meiner Schule bleibe ich stehen.
Niemals bin ich fortgewesen, nichts hat sich
verändert. (…), Frau und Tochter folgen mir
wie Pflegerinnen, die hinter einem Schlafwandler
herlaufen, besorgt um meine
Sicherheit."
(aus: Ertrinken - Eine Kindheit im Dritten Reich,
1987, deutsch 1993)
Von Wolfgang Peter, Baden-Baden
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