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13. April 2004
"Matthäuspassion" im Festspielhaus
Baden-Baden
Mitreißende
Bach-Predigt im besten Rilling-Stil
Albert
Schweitzer bekannte, dass ihm die erste Idee zu
seinem monumentalen Bach-Buch nach einer Bayreuther
Vorstellung des "Parsifal" gekommen sei. Ist es nun
blasphemisch, ausgerechnet Wagner mit Bachs
Passionen zusammenzudenken? Was wäre das
Vereinbare im Unvereinbaren? Liegt es
möglicherweise in den Grenzen missachtenden
Merkwürdigkeiten eines alexandrinischen
Zeitalters der Musik? Nicht ganz, es findet sich
wohl eher in den dramatischen und kultischen
Dimensionen, die Werken solchen Anspruches
eignet.
Sowohl Wagners Bühnenweihfestspiel als auch
die Passionen sind zuverlässige
Karfreitagsrenner. Das gilt auch für die
"Matthäus-Passion", wie sie jetzt im
Festspielhaus die Gächinger Kantorei und das
Bach-Collegium Stuttgart unter Helmuth Rilling vor
voll besetztem Haus aufführten. Es wurde, dies
vorab, ein Ereignis, jenseits der philologischen
Erörterungen und musikwissenschaftlichen
Glaubenskämpfe, die dem aufgeklärten
Musikfreund die Beschäftigung mit Bach
vielleicht interessant, am Ende aber immer
unleidlicher machen.
Klarheit statt methodischer Ambivalenz, Fülle
an Stelle modischer Magersucht,
Souveränität jenseits historistischer
Bedenklichkeiten wären die Stichworte eines
unabgelenkten, aus Erfahrung und Charakter
gleichermaßen schöpfenden
Musizierens.
Rillings selbstverständlich auswendig
dirigierte "Matthäus-Passion" hört sich
ganz einfach herrlich an. Schon der riesige e-Moll-
Eingangschor mit der Klage der Töchter Zions
erklingt ohne bräsig lastende Schwere, ist
ganz in eine vorbereitende, kontemplative Distanz
gerückt, der fünf exponiert aufgestellten
Chorsängerinnen anvertraute Cantus firmus "O
Lamm Gottes unschuldig" fügt sich im
heilsgewiss strahlenden Dur ins perfekt
durchhörbare Stimmengewebe; fast wiegend
integrieren sich die sorgfältig
durchartikulierten Dreiachtelgruppen von
Flöten und Oboen. So wie in diesen drei
Stunden Bach-Predigt musikalische Affekte,
Glaubenssätze, Übersicht und
objektivierendes Temperament in einem stringenten
musikalischen Ereignis verwoben sind.
Die souveränen Umfärbungen und
dynamischen Rückungen in den Chorälen,
Kommentar und Selbstreflexion andeutend, sind ein
Kapitel für sich, das am Kulminationspunkt
[des] Geschehens stehende "Wenn ich einmal soll
scheiden" in schlichtester Zurücknahme
erklingend, wirkt in seinem Zäsurcharakter
umso ergreifender und wuchtiger. Was also wäre
mehr zu rühmen, die überlegene
Gelassenheit, mit der Rilling die Passiongeschichte
zu Ende erzählt? Die Drastik der
Turba-Chöre, die gepflegt musizierenden
Instrumentalisten, kurzum diese ganz und gar
unroutinierte Balance von musikalischer Architektur
und zeitloser Befragung einer zentralen Botschaft
des christlichen Glaubens? Es ist wohl diese fast
schon wieder rätselhafte Dichte, die aus
Rillings vollkommen natürlich anmutender
musikalischer Exegese erwächst
Viel dazu beigetragen haben die Solisten. Marcus
Ullmann ist ein stilistisch perfekter Evangelist,
der Klarheit mit pointierter Diktion verbindet,
Sybilla Rubens gefällt mit feinlasiertem
Sopran, Ingeborg Danz mit geschmeidigem, warm
timbrierten Alt. Für Thomas Cooley bieten die
schwierigen und eher "undankbaren" Tenorarien keine
unüberwindlichen Probleme, und der Bass von
Rudolf Rosen findet immer wieder zu verhalten
expressiver Reflexion. Vor allem aber
überzeugt Michael Volle, der in die
Christusworte eine schier elektrisierende
Vielschichtigkeit aus Angst, Verzweiflung,
errungener Demut und Heilsgewissheit zu legen
versteht.
Spätestens hier wurde eine alte Erfahrung
gegenstandslos, die da besagt, dass Bachs Passionen
im liturgisch neutralen Konzertsaal immer etwas
deplatziert, also "falsch" klängen. Kein
festlich schöner Schein diesmal, dank der
Interpreten.
Badisches Tagblatt, 13.4.2004
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