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Thomas Quasthoff
Die Stimme
"Er
ließ sich nicht behindern". "Behinderter
nimmt alle Hürden!" Solche
musikjournalistischen Kurzschlüsse entringen
dem Sänger höchstens noch ein mattes
Lächeln. Seine Klassiker lauten: "Der
behinderte Zwerg Quasthoff hinkte auf die
Bühne und erleuchtete "Paulus'". Und -
jenseits aller Geschmacksgrenzen: "Er sang, als ob
Gott einen Betriebsunfall wieder gutmachen wollte".
Schon ein Wunder, wie souverän und
selbstironisch der Contergan geschädigte
Bariton Thomas Quasthoff die hilflos
unverschämten Sprachverrenkungen kommentiert,
die seine „unorthodoxe Erscheinung" hervorruft. Und
so geht es weiter. Also, keine Klassikstarre. Aus
Quasthoffs Feder tropft es oft giftig, seine
Erinnerungen sind Entertainment pur.
New York, Lincoln Center. Hier gelang mit Mahlers
"Wunderhorn"-Liedern der Durchbruch auf
amerikanischem Boden. In einer kraftvollen
Schilderung lässt der Sänger die
aufregenden Tage noch einmal vorbeiziehen. Dann
wandern die Gedanken zurück zu den Tagen
seiner Geburt. "Kopf hoch, auch an so einem Kind
kann man viel Freude haben". Mit diesem
aufmunternden Rat legte man am 9. November 1959
Brigitte Quasthoff im Hildesheimer
Bernwardskrankenhaus eines von 12000
verkrüppelten Contergankindern in den Arm.
Quasthoff findet bittere Worte zum ersten
Pharmaskandal der Bundesrepublik.
Prinzenrolle, Kulenkampff und Rudolf Schock. Das
quietschmuntere 60er-Jahre-Sittengemälde einer
intakten Familie wird aufgeblättert. Die
Behinderung wird weggelacht; einzig die Sorge,
niemals mit einem Mädchen an der Hand durch
die Stadt flanieren zu können, schafft
Pubertäts-Blues. Im heimischen Wohnzimmer
setzt sich Tommi, angeregt vom Vater, auf die
Gesangsspur. Jura-Studium, Sparkassenkarriere,
Sprecher beim NDR, schließlich findet
Quasthoff seine Welt. Der anschließende
K(r)ampf um seine Gesangsausbildung liest sich wie
eine gruselige Standortbestimmung in Sachen
Behindertenakzeptanz.
Die Grenzen zwischen E und U sprengt auch der Autor
Quasthoff mühelos. Musiktheoretische Exkurse
ins Liederfach geraten federleicht, die Kritik an
der Sangestechnik des "Scorpions"-Sängers
böse ätzend, der Wutanfall
anlässlich der niedersächsischen
Kulturpolitik unter Gabriel und Wulff bedenklich.
Nur die am Rande einer Talkshow hingeworfenen
Beleidigungen eines offensichtlich angetrunkenen
Bernhard Brink, Sangeskollege aus dem Tiefparterre
der schönen Künste, machen den Riesen von
132 Zentimetern Körpergröße immer
noch sprachlos. (Ravi Unger)
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