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The Harlem Gospel Singers 2005 in
Baden-Baden:
Höllenlärm
zum Lobe Gottes
Es ist
ein verdammt hartes Brot den Menschen in diesen
säkularen Zeiten den Glauben näher zu
bringen. Leere Gotteshäuser, massenhafte
Kirchenaustritte und resignierende Religionslehrer
scheinen Nietzsches Behauptung "Gott ist tot"
deutlich zu unterstreichen.
Aber dann kommen die Harlem Gospel Singers - auch
dieses Jahr wieder im Festspielhaus - und zeigen
mit höllischem Spektakel und einem Sound,
gegen den die Trompeten von Jericho Pfeifen waren,
dass Gott lebt - und wie! "Ich will ja nicht, dass
sich die Leute nur wohlfühlen, sondern sie
sollen gewisse Dinge verstehen lernen. Nicht nur
die Liebe zu Gott, sondern auch das, was Gott uns
lehrt: gütig zu sein und anderen zu geben",
bekennt Queen Esther Marrow, die Gründerin und
Star der Harlem Gospel Singers.
Und das gelingt ihr: Wenn der grellbunte,
phonstarke Trubel verrauscht ist, den die zehn
Akteure mit prächtigen Stimmen und
atemberaubender Choreografie unter den
einpeitschenden Klängen der
fünfköpfigen Band veranstalten, dann eint
der Song "Oh Happy Day" die auf der Bühne und
die im ausverkauften Saal wie eine Gemeinde.
"Say yes" ist Ermutigung und Forderung des
aktuellen Programms, das in 70 deutschen
Städten die Zuhörer aus Lethargie und
Resignation aufrütteln soll, und mit dem
beschwörenden "Yes you can", insistiert Queen
Esther, deren Timbre kaum dem ihrer Mentorin
Mahalia Jackson nachsteht, bis das Publikum
ausflippt.
Das musikalische Prinzip, das hinter diesen
stimmgewaltigen, gestenreichen und intensiven
Gesängen steht, nennt sich "Call and
Response", und soll das vertraute Verhältnis
wiedergeben, das entsteht, wenn sich Freunde
über ihr Innerstes austauschen.
An der Seite von Queen Esther spielt der
hochmusikalisch aufspielende Reverend Charles R.
Lyles eine gewichtige Rolle. Er ist Künstler
und Mann Gottes, dessen presbyterianische
Auferweckungskirche zu Hause in Atlantic City nicht
zuletzt durch seine gesanglichen und instrumentalen
Qualitäten regen Zulauf zu verzeichnen
hat.
Dieses immer freundlich lächelnde Herrchen mit
einer weißen Locke in seinem wolligen Haar,
wirbelt wie ein Derwisch über die Bühne,
schlägt atemberaubende Rhythmen aus dem Piano,
um gleich darauf als kongenialer Partner mit Queen
Esther die "Gemeinde" im Gesang auf Gott "That's
all you need" einzustimmen.
Den beiden zur Seite steht ein Ensemble, in dem
jede Sängerin, jeder Sänger solistische
Qualitäten aufweist. In orangefarbenen Talaren
wirbeln sie unter dem geradezu dämonisch
wirkenden Dirigat von Dennis M. Hinson in
ekstatischer Verzückung über die
Bühne und formieren sich zu menschlichen
Heilsskulpturen, die sich gen Himmel recken. Bei
allem Lob, das der Band aus fünf Musikern zu
spenden ist, denn ihr Können ist
atemberaubend, technisch furios, musikantisch
hinreißend, gehörte die a
cappella-Sequenz, bei der nun wirklich reine
Gospels zu hören waren. zu den intensivsten
Momenten des Abends.
In Memoriam Ray Charles huldigte die Gruppe dem
kürzlich verstorbenen großen
Entertainer. Auch Mahalia Jacksons Geist wurde in
einem Classic-Revival beschworen, das Queen Esther
mit anrührender Stimme geradezu aus den Tiefen
heraus zelebrierte.
Ob nun tatsächlich jeder Besucher
geläutert im Bewusstsein einer neuen
Spiritualität aus diesem Konzert hervorging,
muss dahin gestellt werden. Kalt gelassen haben die
Harlem Gospel Singers aber garantiert
niemanden.
Badisches Tagblatt, 11.1.2005
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