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Claudio
Monteverdis "Orfeo" unter Thomas Hengelbrock im
Festspielhaus
Sänger
Orpheus darf nicht sterben
Nach
vielen Brucknerschen Orchestergewittern und
massiger Hochromantlk in Oper und Sinfonik wirkt
die Rückkehr zu den Wurzeln der Opern, die
sich das Baden-Badener Festspielhaus für ein
Wochenende verordnete, geradezu wie ein
Erfrischungsbad. Thomas
Hengelbrock hat
dabei nun bewiesen, wie viel mit Konzentration
erreicht werden kann.
Philipp Hirnmelmann, dessen Monteverdi-Inszenierung
("Il Combattimento") Adam Fischer vor zwei Jahren
die Grundlage für seinen furiosen Einstand in
Mannheim geliefert hatte, macht aus den mangelnden
technischen Möglichkeiten in Baden-Baden eine
Tugend und entwarf eine Inszenierung so vorsichtig
und untertreibend wie ein bebildertes Konzert. Bei
aller Lockerheit, mit der die
Konzertaufführung nach und nach in ein
szenisches Spiel übergeht, wird man den
Eindruck nicht los, Himmelmann und Hengelbrock
präsentieren uns viel eher eine Vorlesung
über die Geburt der Oper als dass sie an deren
theatralische Magie zu glauben scheinen. Ein
solches Unternehmen war der "Orfeo" zuerst, der
folgenschwere Versuch einer Gruppe von
Kunstliebhabern, an die griechische Tragödie
anzuknüpfen. Andererseits spielen Regisseur
und Dirigent auch ganz kokett und bewusst mit den
beschränkten szenischen Mitteln, die im
Festspielhaus genauso wie bei der Uraufführung
in Mantua herrschen.
Also keine Maschinerie, keine
Göttererscheinung am Schluss, sondern ein
Konzert, bei dem die 17 Sänger des
Balthasar-Neumann-Chors nicht nur die Rollen der
Hirten, Nymphen und Geister der Unterwelt singen,
sondern in ihrer Konzertgarderobe auf den Boden
sinken und sich in mancherlei amouröse
Schäfereien hineinziehen lassen, Entsetzen und
Freude spielen und dabei so virtuos singen, wie es
nur vorstellbar ist. Das wirkt ein bisschen
neckisch, doch die vorzüglichen Sänger
entwickeln einen derart subtilen Spieltrieb, dass
die Vorbehalte bald dahinschmelzen. Sobald der
Darsteller des Orpheus seinen ersten Hymnus auf die
Sonne anstimmt, versinkt das Orchester in den
Graben, scheint der sich perspektivisch verengende
Raum aus Wolken- und Strahlenprospekten, der die
Sonnensymbolik eindringlich illustriert, zu
dominieren. Neben diesen wunderhübschen
Prospekten (Johannes Leiacker), bedarf es kaum mehr
an szenischem Spektakel. Das Drama ereignet sich
zunächst in der Musik. Die Szene ist nur ihr
Spiegel dazu. Hengelbrock weist auf die Ruppigkeit
und die Ecken der Musik hin, schabt an deren
Oberfläche, so dass weniger ein
wohlgefälliger denn ein ungemein intensiver,
herb-klangsinnlicher Ton entsteht, mit dem
Monteverdi die Situationen knapp und
musikdramaturgisch prägnant umreißt. Die
22 Musiker des Balthasar-Neumann-Ensembles setzen
das mit vibrierender Intensität um, lassen
auch im großen Saal keine Klangdefizite
erkennen.
Mit dem Auftritt der Botin, die von Euridikes Tod
berichtet, bricht das Drama an. Gloria Banditelli
macht aus diesem zentralen Bericht, der Urgestalt
aller Verkündigungen und Prophezeiungen, eine
beherrschte, packende Darstellung, bei der jede
Note vom Schorf der Jahrhunderte befreit ist. Eine
derart eloquente und vertraute Umsetzung von
Monteverdis Vorgaben fand man kaum bei Furio
Zanasis nicht sehr phantasievoll gesungenem
Orpheus, auch nicht bei der leuchtkräftigen
Euridike Camilla
Nylunds, sondern
bei den Chorsolisten, bei den fabelhaften Knut
Schoch und Hans Jörg Mammel, welche die
Hirtengesänge in pure tenorale Sinnlichkeit
verwandelten, im kurzen Auftritt der Proserpina
(Constanze Backes) und vor allem in den Szenen des
Caronte und Pluto, dessen Bassrollen Marek Rzepka
genüsslich und gekonnt ausformte.
Als Orchesterwart, der wieder Ordnung ins Geschehen
bringt und die Konzertbestuhlung zurechtrückt,
erscheint am Ende Albrecht Pöhl (Apoll) und
holt den verwirrten Orpheus dorthin zurück, wo
er hingehört - auf die Konzertbühne, wo
er inmitten des Chores in Frack und mit Taschentuch
à la Pavarotti als ewiges Symbol des
Sängers steht: eine dürftige Pointe
für einen instruktiven Abend, der nach einer
Fortsetzung verlangt.
Rolf Fath
© BNN 7.10. 2002
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