|
|
|
Heute wie
damals ein Spiegel der Gesellschaft
Sie
begegnen einem überall in der Stadt: elegante
Damen mit breitkrempigen Gebilden auf dem Kopf. Es
ist Rennwoche in Iffezheim. Über die
Straßen gespannte Spruchbänder weisen
jedoch darauf hin, dass Baden-Baden zu Pfingsten
auch mit einem ebenso attraktiven kulturellen
Highlight aufwarten kann: den
Herbert-von-Karajan-Pfingstfestspielen. Sie wurden
wie in den Vorjahren mit einer glanzvollen
Opern-Neuinszenierung eröffnet. Im
Festspielhaus gingen (als Koproduktion mit dem
Staatstheater Mainz und den Wuppertaler
Bühnen) zwei Aufführungen von Giuseppe
Verdis "Rigoletto" über die Bühne.
Das Besondere an dieser Neuproduktion der bekannten
Verdi-Oper ist die Hinwendung zur historischen
Aufführungspraxis. Thomas Hengelbrock und sein
Balthasar-Neumann-Ensemble wollten die Musik so
rekonstruieren, wie sie um 1850 geklungen hat. Sie
hielten sich dazu genau an die
Besetzungsvorschriften der Uraufführung und
das damals übliche Instrumentarium (Streicher
mit Darmsaiten etc.). Der Klang wird dadurch etwas
dunkler und weicher. Er erreicht nicht die heute
erstrebte Brillanz, dafür aber Feinheiten, die
sonst verloren gehen. Dazu bedarf es in der
historischen Aufführungspraxis geschulter,
erstklassiger Musiker und eines Dirigenten, der
sich in Verdis Krimi-Musik einzufühlen
weiß.
Thomas Hengelbrock und sein Orchester ließen
es an mitreißender Italianità nicht
fehlen: Die Spannung riss von der ersten bis zur
letzten Note nicht ab. Auch die Sänger kamen
blendend zurecht. Vielleicht überzog Paolo
Gavanelli in der Titelpartie darstellerisch etwas.
Musikalisch war er ein Bariton mit nuanciertem
Ausdrucksvermögen in allen Stimmlagen. Mit
lyrisch gefärbtem, höhensicherem Tenor
sang Raúl Hernandez den Herzog von Mantua:
ein Belcantist hohen Grades. Die in Köln zum
Star gereifte Iride Martinez war eine wundervolle,
wenn auch stimmlich schon etwas zu reif wirkende
Gilda.
Aus dem vorzüglichen Ensemble der übrigen
Sänger verdient noch der Prachtbass von Guido
Jentjens als Sparafucile Erwähnung. Verdi
hält im "Rigoletto" der Spaßgesellschaft
seiner Zeit gnadenlos den Spiegel vor.
Parallelen zur Gegenwart sind handgreiflich.
Philippe Arlauds Inszenierung erzählt die
Geschichte mit guter Personenführung und
Charakterzeichnung - in eigenem Bühnenbild aus
geometrischen Versatzstücken, die in
mühelosen Veränderungen das jeweilige
szenische Ambiente schufen. Das Publikum war
begeistert.
Kölnische Rundschau, 31. Mai 2004
Zurück
zum Archiv
|
|
|
|