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Die Kunst
feiner Nuancen
Klaviermatinee
mit Yundi Li
bei den Pfingstfestspielen
Chopin und Liszt waren die großen
Klaviervirtuosen ihrer Zeit, ihre Kompositionen
für das Instrument gehören zum
unverzichtbaren Repertoire jedes Pianisten. Man
kann Stücke von Chopin und Liszt zu einem
publikumswirksamen Programm kombinieren, wie es der
junge chinesische Pianist Yundi Li in der
Pfingstmontagsmatinee im Festspielhaus Baden-Baden
tat. Die vier eigenständigen Scherzi von
Chopin waren sozusagen der Aperitif, die
monumentale einsätzige h-moll-Sonate von Liszt
stellte den Hauptgang dar.
Yundi Li hat nicht umsonst vor vier Jahren den
Chopin-Wettbewerb in Warschau gewonnen, Er spielte
die Scherzi schnörkellos mit trockener
Artikulation, hielt das Klangbild transparent und
verlieh jedem der Stücke einen eigenen,
beseelten Ausdruck. Im frühen h-Moll-Scherzo
stellte der Pianist dem rasant gespielten,
aufgewühlten Beginn nachdenkliche Töne
gegenüber. Eingebettet in den kontrastreichen
musikalischen Rahmen erklang im Mittelteil ein
polnisches Weihnachtslied, von Yundi Li mit
gesanglicher Empfindung, weichem Anschlag und
warmen Farben schön zur Geltung gebracht.
Eine geradezu sprechende Phrasierung verlieh der
Pianist dem Scherzo in b-moll. Dabei brachte er das
leicht intonierte, flüssig musizierte Thema in
spannenden Kontrast zu dramatischen
Akkordschlägen, überhaupt war seine
Interpretation von einem intelligenten Spiel mit
dynamischen Gegensätzen geprägt. Im
cis-moll-Scherzo zeigte sich Yundi Li als
souveräner Virtuose, der die Arpeggien in
leuchtenden Klangfarben locker dahinperlen
ließ. Brillante Virtuosität
demonstrierte Li auch im E-Dur-Scherzo. Zart und
mit romantischer Ausdruckstiefe musizierte er das
sanft melancholische Trio.
Die Kunst feiner Nuancen zelebrierte Yundi Li auch
in seiner Wiedergabe der h-moll-Sonate von Liszt.
Zwar kann der junge chinesische Pianist bei Bedarf
durchaus kraftvoll donnernde Akkordschläge
setzen, aber er gehört nicht zu den
Tastenlöwen, deren Ziel darin besteht, den
Flügel im Dauerfortissimo zu zerlegen. Neben
markanten Akkorden und deutlichen Steigerungen
beherrscht der Pianist ein weites Spektrum an
dynamischen Abstufungen bis hin zu einem silbernen
Pianissimo. Lis Interpretation zeichnete sich durch
einen durchdachten Aufbau aus, in dem jeder
Abschnitt des einsätzigen Werks erkennbar war.
Das aus trockenen Tonrepetitionen und einer
absteigenden Linie bestehende Kernmotiv der Sonate
taucht in wechselnder Gestalt immer wieder auf, Li
verlieh ihm jedes Mal einen eigenen Charakter, von
seelenvoll bis dämonisch reichte die
Ausdruckspalette. Fein gezeichnet spielte er das
innige letzte Thema der Sonate im Andante
sostenuto.
Bereits mit den Scherzi von Chopin hatte sich Yundi
Li in die Herzen der Zuhörer gespielt, die
gebannt seiner Wiedergabe der halbstündigen
h-moll-Sonate lauschten. Er hat eindeutig das
Potenzial, ein großer Künstler zu
werden, der - abgesehen von technischer Brillanz -
auch etwas zu sagen hat. Und der die Zugaben
passend zum Programm wählt: ein Nocturne von
Chopin und die Rigoletto-Paraphrase von Liszt.
Badische Neueste Nachrichten, 2. Juni 2004
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