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Der
entrückte Tanz als Ausdruck tiefer
religiöser Überzeugungen
Im
kommenden Jahr kann John Neumeier auf eine
30-jährige Arbeit mit dem Hamburg Ballett
zurückblicken. Das ist eine längere Zeit
als die Ära John Cranko währte, des
anderen Ausländers, der das deutsche
Nachkriegsballett auf Weltniveau hob und dem in
Stuttgart nur zwölf Jahre blieben. Neumeier
übertrifft damit auch Diaghilew, dessen
Ballets Russes 20 Jahre existierten. Wenige andere
Choreografen des 20. Jahrhunderts haben ihren
Kompanien einen derart unverkennbaren Stempel
aufgedrückt wie Neumeier, der die Reihe von
Fokine über Balanchine bis Béjart
möglicherweise durch die breite Palette seiner
Ausdrucksmöglichkeiten gar
übertrifft.
Kaum ein anderes Ballett ist derart intensiv mit
dem Hamburg Ballett verknüpft wie Neumeiers
1981 entstandene "Matthäuspassion". Sie gilt
immer noch als Visitenkarte seiner Kompanie und sie
ist ein Ausdruck von Neumeiers tiefsten
religiösen Überzeugungen. Nicht selten
sind gerade die Werke, an denen ihre Schöpfer
mit Herzblut hingen, nicht ihre besten. Bei der
"Matthäuspassion" ist es anders: Selbst wenn
man nicht alle Teile dieser Übertragung der
umfangreichen Partitur auf den Tanz schätzt,
wird man sich durchgehend vor Neumeiers Arbeit
verbeugen. Die 20 Jahre seit seiner Entstehung
haben das Werk zu einem Klassiker werden lassen und
möglicherweise haben damals der Umgang und die
Auseinandersetzung der Kompanie etwas spontaner
gewirkt als jetzt in dieser Wiederaufnahme nach
vierjähriger Pause im Baden-Badener
Festspielhaus. Die entrückte, klassische Aura
kommt auch in John Neumeiers Interpretation des
Jesus zum Ausdruck. Inmitten seines Ensembles,
bestehend aus je 20 Tänzerinnen und
Tänzern, gestaltet der 60-jährige
Tänzerchoreograf den Jesus als geistige
Leitfigur, anfangs noch ein bisschen zu
prätentiös und nicht ohne Manierismen,
doch zunehmend natürlich und schließlich
geradezu überwältigend schlicht und
berührend.
Neumeier hat von der "Matthäuspassion" als
einer "choreografischen Meditation" gesprochen. Auf
der schwarzen Bühne, auf der nur wenige
Bänke stehen, die vielfältige Verwendung
als Requisiten finden, sitzt das komplette Ensemble
während des ganzen Abends. Die in weiße
Gewänder gekleideten Tänzer tanzen
barfuß, in Turnschuhen wie auch in
Spitzenschuhen, schlüpfen in die historischen
Rollen und geben Reflexe auf das Geschehen ab.
Zusammen mit zwei grauen Begleitern bildet Jesus
die Dreifaltigkeit. Aktionen finden während
der Rezitative statt, tänzerische Vertiefung
in den Arien. Es ist erstaunlich, mit welch munter
vertracktem Bewegungsvokabular Neumeier, der
diesbezüglich nicht unbedingt zu den
großen Neuerem gehört, hier
arbeitet.
Wie stets sind Neumeiers durchgehend flüssige
Erzählweise, der konzentrierte und bruchlos
logische Bewegungsablauf des großen
Geschehens zu bewundern, der sichere Geschmack, mit
dem er abstrakten Tanz mit der prall realistischen
Illustration des Passionsgeschehens verbindet und
sich weitgehend verführerischer Weihebilder
enthält. Gefangen nimmt der große
rituelle Ernst, mit dem Bachs Passion dargestellt
wird und der im zweiten Teil zunehmend auch zu
großen, das ganze Ensemble herausfordernden
Tanzszenen findet.
"Matthäuspassion" ist das Stück des
Hamburg Balletts, weil es eine große
Ensembleleistung ist, was nicht heißt, dass
sich in den Soloszenen neben dem Meister der
Kompanie nicht auch andere Tänzer behaupten
können, immerhin ragen aus der starken Truppe
die ersten Solistinnen Silvia Azzoni (in dem
Rezitativ "Wiewohl mein Herz in Tränen
schwimmt"), Laura Cazzaniga (im Altrezitativ "Ach,
Golgatha"), Heather Jurgensen, Anna Polikarpova und
das bezwingend tanzende Brüderpaar Jiri und
Otto Bubenicek heraus, dazu die Solisten Peter
Dingle und der kraftstrotzende, wild tobende
Carsten Jung.
Als musikalische Basis führt das Hamburg
Ballett die Aufnahme Günter Jenas mit sich,
des Kirchenmusikdirektors des Hamburger Michels,
mit dem Neumeier seine Matthäuspassion
ursprünglich erarbeitete, und die vor allem in
den Männerpartien mit Bernd Weikl, Franz
Grundheber und Peter Schreier als dem stilbildenden
Evangelisten seiner Generation ihre Vorzüge
hat.
Rolf Fath
BNN 17.10.2002
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