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Orchester sind wie Menschen. Es gibt unter ihnen
viele Ähnlichkeiten, aber auch viele
Unterschiede.
Interview
mit Mariss Jansons
Am 17.
November 2001, gab das Berliner Philharmonische
Orchester sein Debüt im Festspielhaus
Baden-Baden. Am Pult stand Mariss Jansons, der
schon zahlreiche Programme mit diesem deutschen
Spitzenorchester interpretierte.
Festspielhaus-Dramaturg Christian Kipper sprach mit
Jansons während der Proben zum Baden-Badener
Konzert in Berlin:
Welche
Vorbilder hatten Sie und was haben Sie von ihnen
gelernt?
Jansons: Ich bin in einer Musikerfamilie
aufgewachsen. Mein erstes Vorbild war eigentlich
mein Vater, der auch als Dirigent arbeitete. So
verbrachte ich fast jeden Tag im Opernhaus, oft
begleitete ich ihn bei Proben. Seit meinem dritten
Lebensjahr war ich praktisch ununterbrochen mit
Musik umgeben. Ich bin damit aufgewachsen. Dann
studierte ich an der Wiener Musikakademie und
lernte dort Hans Swarowsky kennen – und bewundern.
1969/1970 war ich Assistent bei Herbert von Karajan
in Salzburg und hatte somit gleich ein neues
Vorbild. Ich schätzte insbesondere seine
Konzentrationsfähigkeit und seine Energie. Er
war eine ungeheure Persönlichkeit, wie ein
Vogel, der über allem am Himmel schwebt,
während wir immer nur auf der Erde blieben. In
St. Petersburg wiederum traf ich auf Jevgeny
Mavrinsky, den ich für einen der bedeutendsten
Orchestererzieher halte.
Was
zeichnet insbesondere die Arbeit mit den
„Berlinern" aus?
Jansons:
Die Berliner Philharmoniker sind ganz besondere,
intelligente Musiker, die auch mitdenken und
mitgestalten. Sie geben mir interessante
Interpretationsideen und spielen mit Herz und
Spontaneität.
Wo sehen
Sie Ihren eigenen Repertoireschwerpunkt?
Jansons:
Im Allgemeinen versuche ich, ein möglichst
breites Repertoire zu erarbeiten und mich nicht nur
auf einen Punkt zu konzentrieren. Dennoch gibt es
immer wieder Perioden, in denen mich einzelne
Komponisten besonders interessieren. Vor Kurzem
waren das Mahler und Strauss – Strauss ist im
Moment eigentlich immer noch mein Favorit.
Ansonsten beschäftige ich mich zur Zeit
verstärkt mit der Klassik, mit Beethoven und
Haydn. Bruckner, glaube ich, wird dann mein
nächster Schwerpunkt werden. Der Komponist
interessiert mich immer mehr. Natürlich muss
jeder Dirigent auch über den Rand des
klassisch-romantischen Repertoires blicken. Die
Alte Musik allerdings bleibt außen vor, weil
sie mittlerweile von darauf spezialisierten
Ensembles interpretiert wird und nicht mehr von
großen Sinfonieorchestern aufgeführt
werden sollte. Die Moderne Musik wiederum ist auch
Bestandteil meines Repertoires. Ich dirigiere
Sinfonieorchester in Oslo und Pittsburgh, da
möchte ich natürlich auch
zeitgenössische Kompositionen aus jenen
Ländern spielen. Jeder Künstler muss mit
der Zeit gehen und sich auch um das kümmern,
was um ihn herum vorgeht.
Wie
unterscheiden sich Ihre Orchestererfahrungen?
Petersburg, Pittsburgh, Oslo,
Berlin,München?
Jansons:
Orchester sind wie Menschen. Es gibt unter ihnen
viele Ähnlichkeiten, aber auch viele
Unterschiede. Die Berliner Philharmoniker sind
natürlich etwas ganz besonderes in ihrer Art,
das Symphonieorchester des Bayerischen Rundfunks
auch – vielleicht überhaupt die deutschen
Orchester. Obwohl – das Royal Concertgebouw
Orchestra schätze ich auch sehr. Sie alle
spielen auf einem sehr hohen Reflexionsniveau und
verstehen es, sich ganz einzubringen. Sie denken
mit. Die amerikanischen Orchester wiederum sind
überaus virtuos, technisch brillant. Mein Ziel
in Pittsburgh ist es vor allem, diesem
amerikanischen Ensemble die europäische
Musiktradition nahezubringen. Unsere letzten beiden
gemeinsamen Tourneen haben, denke ich, den Erfolg
meiner Arbeit gezeigt. Das Blech ist geschmeidig,
nicht zu laut, und die Musiker spielen mit viel
Spontaneität.
Von
welchen Projekten träumen Sie, die Sie bisher
noch nicht realisieren konnten?
Mein Traum wäre es, mehr Opern zu dirigieren.
Ich bin mit Oper aufgewachsen und würde mich
jetzt natürlich gerne selbst damit
beschäftigen. Leider fehlt mir dazu immer die
Zeit. Aber ich liebe Oper – und zwar die ganze
Palette – und möchte das unbedingt einmal
machen.
Womit
verbringen Sie am liebsten Ihre Zeit, wenn Sie
einmal nicht am Dirigentenpult stehen?
Jansons:
Ich lese sehr gerne, vor allem Bücher
über Musik. Ich bereite mich auf diese Weise
auch auf meine Konzertverpflichtungen vor. Daneben
besitze ich eine große Sammlung an CDs und
Videos, die aber auch wiederum viel mit Musik zu
tun haben. Meine ganz große Liebe gilt aber
auch dem Sprechtheater. Ich gehe wahnsinnig gerne
dorthin, doch fehlt mir leider immer die Zeit, mich
um diese Dinge zu kümmern.
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