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Tanzabend
Deborah Colker im Festspielhaus Baden-Baden
Companhia,
allein zu Haus
Jeder
Ballettchef sucht nach einer eigenen
choreografischen Handschrift. Ist diese gefunden,
besteht die Gefahr, dass die Stücke einander
stark ähneln. Nicht so bei Deborah Colker.
Seit 1994 tritt die Brasilianerin mit dem von ihr
gegründeten Ensemble Companhia de Danza
Deborah Colker international in Erscheinung. Im
Festspielhaus Baden-Baden zeigte sie drei Tage lang
ihre neueste Kreation, "4 por 4". "Vier mal vier",
das lässt sich umrechnen auf ihre
16-köpfige Companhia, die Deborah Colker in
den Ensemblestücken "Einige Menschen" und
"Vasen" gern zu optisch reizvollen, bewegten
Gruppenbildern arrangiert.
Wie in anderen brasilianischen Kompanien, etwa der
Grupo Corpo, spielt akrobatisches Können auch
für Colker eine prägende Rolle. Das wird
schon in dem starken Eröffnungsstück
"Ecken" des "4 por 4"-Abends deutlich. In, an und
auf diesen Ecken tanzen und turnen die Mitglieder
der Companhia. Zu Beginn stehen sechs
Tänzerinnen, starr wie Schaufensterpuppen, in
dem aus sechs wandhohen Ecken bestehenden
Bühnenbild. Zur rhythmisch vibrierenden,
elektronischen Musik, die fast jedes Stück von
Colker begleitet, erkunden die Tänzerinnen die
Flächen und Winkel der Ecken. Sie bleiben
dabei nicht allein. Katzenhaft springen ihre
Tanzpartner von den Ecken herunter und an ihnen
hinauf, scheinbar schwerelos lassen sie die
Tänzerinnen am ausgestreckten Arm hoch
über dem Bühnenboden schweben.
Wesentlich unspektakulärer geht es im Pas de
trois "Tisch" zu. Es wird an und auf einem Tisch
getanzt, der gemächlich von links nach rechts
über die Bühne rollt, während die
Tänzer in Zeitlupe ihre Posen entfalten.
Gepflegte Langeweile hat dennoch keine Chance, denn
schon geht der Zwischenvorhang auf für "Einige
Menschen". Fröhlich hüpft die ganze
Companhia im Kleinmädchen- bzw. Jungs-Outfit
über ein quietschbuntes, aber keineswegs
harmloses Bühnenbild. Die Erkundung des
eigenen Geschlechts soll dargestellt werden, und
zwar so unschuldig unbefangen wie bei Kindern. Im
Ergebnis gleicht das Ballett einem heiter
überdrehten Kindergarten, den die Erzieherin
leichtsinnigerweise für eine Stunde allein
gelassen hat.
Deborah Colker kann aber auch ganz anders. Tadellos
spielt sie am Flügel den ersten Satz mit
sämtlichen Variationen von Mozarts
Klaviersonate KV 331, zwei Tänzerinnen
schweben dazu auf Spitze, wobei sie
übermütig die klassischen Bewegungsmuster
durch Elemente des Modern Dance aufbrechen. "Die
Mädchen" heißt dieses zauberhafte kleine
Stück, das zugleich als Überbrückung
für einen neuen Aufbau dient. 90 große
bunte Vasen sind das Bühnenbild für
"Vasen", in dem sich die Kompanie traumwandlerisch
sicher als Ensemble und doppelte Pas de deux
hindurchtanzen. Die Choreografie bleibt spannend,
denn Colker verarbeitet geschickt alle Varianten
von horizontalen, vertikalen und diagonalen Linien.
Am Ende haben Tänzer und Vasen die Plätze
getauscht, die Tänzer bleiben auf dem Boden
zurück, während die Vasen einen
spektakulären Höhenflug antreten. "4 por
4" ist ein leichter Tanzabend voller Esprit.
Getanzte Sinnsuche überlässt Deborah
Colker anderen.
Nike Luber, Stuttgarter Nachrichten, 22.7.2004
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