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Herbert
Blomstedt und das Gewandhausorchester Leipzig
am 13. Oktober 2003 im Festspielhaus
Eine Sternstunde mit Bruckner
Es gibt
musikalische Ereignisse, nach deren Ende man
sprachlos und überwältigt den Konzertsaal
verlässt. Die den Hörer mit einer
beispiellosen Kraft mitten aus dem Alltag
reißen: Verbeugen muss man sich vor Herbert
Blomstedt und den Musikern des Leipziger
Gewandhausorchester, die dem Festspielhaus mit
Bruckners selten aufgeführter sechster
Sinfonie eine wahre Sternstunde bescherten.
Schon in den Haydn-Variationen von Brahms
kündigt es sich an: Da steht ein Dirigent am
Pult, der alle Aussagen behutsam und mit stoischer
Gelassenheit auf den Punkt bringt. Der alles
durchleuchtet - energetisch, analytisch und dennoch
mit Leidenschaft; diszipliniert und üppig
zugleich. Kein Ton, der nicht in Beziehung zum
anderen stünde; in jedem Takt pulsiert und
vibriert das Ganze mit.
Dass Blomstedt ein wunderbarer Architekt ist, zeigt
sich vor allem bei Bruckner: In den schweren,
dunklen Streichem bahnt sich gleich zu Beginn der
Konflikt an - ein ständiges Schwanken zwischen
Triumph und Zusammenbruch, aus dem die Musik jedes
Mal wieder umso gestärkter hervorgeht.
Mahnende Flöten scheinen ein Zeichen des
Wiedererwachens zu geben, die Violinen
erblühen geradezu; ganz behutsam wird das
Gewandhausorchester allmählich zu
Größe und Prachtentfaltung geführt,
und diese ist überwältigend: Ein
üppiger, und dennoch transparenter und
kristallklarer Klang, überglänzt von
hervorragend disponierten Blechbläsern.
Blomstedt besitzt diesen langen epischen Atem, der
ein solches Werk zum großen Ereignis macht.
Man erlebt als Hörer jeden Takt, man atmet mit
der Musik, verfolgt mit Spannung den Verlauf einer
dramatischen Handlung, die allmählich ihrem
Höhepunkt entgegen strebt.
Im Adagio scheint die Zeit stillzustehen, und
dennoch fließt die Musik in einem ruhigen
Gleichmaß dahin, alles wächst
auseinander heraus - grazile, erhellende Linien aus
dem düsteren, von schwerer Melancholie
gezeichneten Beginn, den die Oboe zart umspielt:
Ein leises Klagen, wohldosiert und sehr
zurückhaltend, ohne vordergründige
Sentimentalität.
Auch der Trauermarsch wirkt nicht allzu düster
- zwar zieht sich die Musik hier völlig in
sich zurück, klammert sich aber dennoch
nachdrücklich ans Leben; erst zum Schluss hin
löst sich alles auf, scheint nach und nach in
die Ferne zu entschwinden.
Der dritte Satz holt den Hörer in die
Wirklichkeit zurück. Zwar klingt er spukhaft
in seinem flirrenden Gewisper, hat jedoch ungemein
viel Charme trotz der dunklen Färbung und der
gewaltigen Ausbrüche, und setzt sich mit
seinen sprunghaften Launen von der Ordnung und
Disziplin der übrigen Sätze ab.
Das Finale ist schließlich ein einziger
Energieschub, alle Leidenschaft entfesselt sich in
den monumentalen Schlusstakten, und man realisiert
nach und nach, dass dieses Klangerlebnis nun
tatsächlich zu Ende ist. Im Saal herrscht erst
einmal ergriffene Stille nach dem letzten
verklungenen Ton - dann bricht ein Jubelsturm
los.
Badisches Tagblatt 15.10.2003
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