Hier finden Sie Beiträge von Dr. Franz Alt
zu wichtigen ökologischen Themen, die uns alle angehen sollten.

Der ökologische Jesus

Seit 25 Jahren gibt es eine starke Umweltbewegung. Doch ihre Erfolge sind eher bescheiden. Die globale Zerstörung beschleunigt sich noch immer - Tag für Tag. Auch heute, so müsste uns eine ökologisch realistische Tagesschau berichten, haben wir wieder
- 150 Tier- und Pflanzenarten für immer ausgerottet;
- 30.000 Hektar Wüste zusätzlich produziert;
- 86 Millionen Tonnen fruchtbaren Boden durch Erosion zerstört und
- 100 Millionen Tonnen Treibhausgase produziert.

Das machen wir heute, morgen, jeden Tag der nächsten Woche und jeden Tag der nächsten Jahre. Im 20. Jahrhundert haben wir mehr zerstört als in 50 Jahrhunderten zuvor. Wer heute noch - wie die meisten Politiker - "Weiter so" predigt, hat eher einen Platz in einer psychiatrischen Anstalt als an einem Vorstands- oder Kabinettstisch verdient. Sind wir noch zu retten? Gibt es noch einen Ausweg aus der ökologischen Katastrophe?

Die bisherige Umweltpolitik und die heutige Umwelttechnik werden uns nicht retten. Woher aber sollen Rettung und Heilung kommen?

Wer im Angesicht der ökologischen Krise mit wachem Geist und offenem Herzen die Geschichte und die Geschichten Jesu im Neuen Testament liest, wird den ökologischen Jesus, eine jesuanische Öko-Ethik und die Jesus-Strategie zur Überwindung der ökologischen Krise entdecken. Eine globale ökologische Ethik als Überlebensprogramm der Menschheit finden wir in allen Schriften der Menschheit. Ich nenne Jesus auch deshalb ökologisch, weil er ein großer Naturbeobachter und ein noch größerer Naturpoet ist. Die Evangelien sind voll von ökologischen Jesus-Worten, voll von ökologischen Jesus-Bildern und voll von ökologischen Jesus-Geschichten.

Die meisten Christen und Theologen haben aber offensichtlich vergessen, was Jesus über das Säen und Ernten, das Essen und Trinken, über Nahrung und Natur, über Wurm und Wolf, über die Vögel des Himmels und die Lilien des Feldes und über die Perlen, die man nicht vor die Säue werfen soll, gesagt hat. Der ökologische Jesus bringt neue Bilder in die Welt. Seine Theologie ist Vita-logie und Öko-logie im besten Sinne des Wortes. Jesu "Vater" ist verliebt in die gesamte Schöpfung - auch in Tiere und Pflanzen, in Wasser, Luft und Erde.

Bei Jesus finden wir, wenn wir nur genau und sensibilisiert durch die heutige Öko-Krise hinschauen, die ethische Begründung für das Solarzeitalter. "Unser himmlischer Vater lässt seine Sonne scheinen auf böse wie auf gute Menschen", das heißt für alle, sagt Jesus mitten in der Bergpredigt. Für alle: Das bedeutet, dass es keine RWE- oder Preußen-Elektra-Sonne gibt, sondern nur unser aller Sonne. Die "Sonne des Vaters" schickt uns jeden Tag 15.000 mal soviel Energie auf die Erde wie alle Menschen zur Zeit verbrauchen. Das macht sie voraussichtlich noch rund viereinhalb Milliarden Jahre, während das Erdöl in vierzig oder fünfzig Jahren zu Ende geht. Die Lösung aller Energieprobleme steht am Himmel. Und 70 Prozent aller Umweltprobleme sind Energieprobleme. Mit seinem ewig gültigen Bild von der Sonne des Vaters und dem Vater als der Sonne hinter der Sonne legt Jesus den ethischen Grundstein für das Solarzeitalter.

Franz Alt und seine Solaranlage

Wir müssen lernen, Jesu Anliegen heutig zu machen, seine Bilder zu übertragen mitten in die Probleme und Bedrängnisse unserer Zeit und ihn heimholen in unsere Wirklichkeit am Beginn des 21. Jahrhunderts. Die äußere Energiekrise spiegelt unsere innere Energiekrise. Heilung und Rettung kann nur von innen kommen, meint Jesus: "Das Reich Gottes ist inwendig in euch."

Vor 2000 Jahren hat der junge Mann aus Nazareth gelehrt: Wer staunen, lieben und lernen kann, gehört zu den Gesegneten dieser Erde. Er lehrte uns, dass es dank der Schöpfung des "Vaters" auf dieser Erde für jedermanns Bedürfnisse reicht, nicht aber für jedermanns Habgier. Nicht anders ist seine "wunderbare Brotvermehrung" zu verstehen. Die Basis und Tiefe jesuanischer Öko-Ethik ist sein Vertrauen in die gute Schöpfung des guten Vaters für alle.

Die Kirche hat uns gelehrt, dass wir alle mit der "Erbsünde" auf diese Welt kommen. Jesus aber hat unentwegt davon gesprochen, dass wir Geliebte und Gesegnete seien. Wer die ökologischen Bilder in den Geschichten und Gleichnissen Jesu tief in seinem Innern bedenkt, lernt Lebenslust und Lebensfreude und wird viel Energie und Vertrauen in die Schöpfung und ihre Zukunft entwickeln.

Jesus hat vor 2000 Jahren in seinen Geschichten vom Sämann und Acker, vom "Wasser des Lebens" und vom "Wunder des Wachsens" eine spirituelle Ökologie entwickelt und gelebt. In dieser Jesus-Strategie sehe ich das Überlebensprogramm für das neue Jahrtausend. Jesus war so sehr Ökologe wie Theologe - seine Ökologie ist eine Tiefenökologie, die heute endlich die vielen technischen Umweltfortschritte mit einer zeitgemäßen Überlebensethik verbinden und einzig dadurch den Durchbruch zu einer ökologischen Wirtschaft schaffen könnte. Die Umweltbewegung und Umweltpolitik bedürfen einer ökologischen Ethik und die Ethik muss endlich ökologisch werden.

Die bisherige christliche Theologie hat 2000 Jahre darauf geachtet, dass ihr nie ein Huhn durch die Wissenschaft trippelt oder auch nur ein einziger Baum darin herumsteht. Im Zeitalter der ökologischen Krise wird aber jede Religion ohne ökologische Ethik so langweilig wie die Ökologie-Bewegung ohne ethische Dimension letztlich erfolglos bleiben muss und über Modelle nicht hinaus kommt. Gelebte Spiritualität und erfolgreiche Umweltpolitik bedingen einander.

Wir sind heute wohl die erste Generation, die keinen Brutinstinkt mehr hat. Wir leben auf Kosten künftiger Generationen. Wir verbrennen die Zukunft unserer Kinder und zerstören die Seele unseres Planeten. Wir verbrennen heute an einem Tag soviel Kohle, Gas und Erdöl wie in 500.000 Tagen "gewachsen" sind. Wir benehmen uns energetisch 1:500.000 mal gegen die Gesetze der Natur.

Die Jesus-Strategie aber sieht Auswege selbst in scheinbar ausweglosen Situationen. Der verlorene Sohn wird von seinem Vater voller Freude aufgenommen. Das heißt: Umkehr und Wandel sind immer und grundsätzlich möglich. In der größten Krise liegt immer und zugleich die größte Chance, lehrt der ökologische Jesus: "Wer Gott vertraut, dem ist alles möglich" (Markus 9, 23). Nach Jesus verbirgt sich hinter jedem Schleier der Nacht ein strahlender Morgen. Welch ein Hoffnungspotential für eine bessere Zukunft. Hoffnung, so kann man lernen vom ökologischen Jesus, ist die wichtigste Zukunftsressource. Allerdings: Jesu "Vater" hat nur unsere Hände.

Jesu Hinweise, dass wir immer nur ernten können, was wir säen, heißt für die heutige Landwirtschaftspolitik: Wer Chemie sät, erntet das Gift in seinen Produkten. Wer aber ökologische Landwirtschaft betreibt, dem gehört die Zukunft. Oder auch: Wer Atomkraftwerke baut, wird Atomunfälle ernten. Wer aber Sonne, Wind, Wasser und nachwachsende Rohstoffe als Energieträger nutzt, wird sichere, preiswerte, umweltfreundliche und klimaverträgliche Energie ernten.

Jesus spricht von Blumen und Brot, vom Backen und Bauen, von der Erde und den Engeln, von Frucht und Frieden, von Geburt und Geld, von Gott und Gras und Geist, von Hecken und den Herden, von Leben und Licht, von Nahrung und Nattern, von Sonne, Sand und Senfkorn, von Regen, Reben und Reifen, vom Sämann, von Samen und vom Sauerteig, vom Schaf und Säugling, vom Sterben und von den Strömen lebendigen Wassers, von der Umkehr, vom Verstehen und Versöhnen, vom Verwüsten und von den Vögeln, vom Wachsen und Wundern, von Wein und Weiden, von der Weisheit und vom Weizen, von der Wurzel und von der Wüste.

Und dieser Jesus, der in diesen Bildern sprach, soll nicht ökologisch sein? Das können bis heute nur eine total von der Natur und dem Leben entfremdete und verkopfte Theologie und eine fast belanglos gewordene Kirche behaupten. Kirchen als Folklore-Vereine sind überflüssig!

Der ökologische Jesus macht deutlich: Gott spiegelt sich in seiner Schöpfung. Die Natur ist die wahre Offenbarung seines schöpferischen Vaters. Die Natur wird denen treu sein, die dem ökologischen Jesus und seinem Vater vertrauen. Jesus macht uns auf materielle, psychische und geistige Naturgesetze aufmerksam, die heute zu Überlebensgesetzen geworden sind.

Religion im Sinne des ökologischen Jesus ist kein Buchstabenglaube und keine Gesetzestreue, sondern hochgradig empfänglich gewordenes Bewusstsein des Göttlichen in uns und Offenheit für das Göttliche um uns.

Von Jesus und von Buddha können wir lernen: Eine neue Epoche, ein Jahrtausend der Ökologie beginnt, wenn wir die Metaphysik der Religionen verbinden mit den neuen Technologien für eine bessere Umwelt. Es geht um die Integration von Ethik und Technik.

Der pazifistische Jesus der Bergpredigt ist ein ökologischer Jesus. In einer Zeit, in der wir Krieg gegen die Natur führen, gilt es die doppelte Botschaft der jesuanischen Ökologie zu erkennen: Kein Frieden mit der Natur ohne Frieden unter den Menschen; aber auch: Kein Frieden unter den Menschen ohne Frieden mit der Natur. Spätestens jetzt im Zeitalter der globalen ökologischen Krise, im Zeitalter der Klimazerstörung, des Artensterbens und des Waldsterbens, des Ozonlochs, der Ausbreitung der Wüsten und des weltweiten Korallensterbens, wird deutlich: Frieden ist mehr als das Schweigen der Waffen und das Verschrotten von Waffen. Es gibt keinen Frieden ohne Frieden mit der Natur. Die Jesus-Strategie ist eine Natur-Strategie. Wer von dieser Erkenntnis tief in seiner Seele erfasst wird und nach dieser Analyse eine Therapie in der Bergpredigt sucht, wird eine be-geist-ernde Wirkung und Erfahrung erleben. Und diese Be-geist-erung wird sich auswirken auf Mitwelt und Umwelt. Die Politik der Bergpredigt ist wegweisend für eine sozialökologische, friedliche und gerechte Politik im 21. Jahrhundert. Erst eine konsequente Umweltpolitik schafft die Voraussetzung für eine Welt ohne Armut.

Ein tiefes Verstehen des ökologischen Jesus wird revolutionäre Folgen haben. Seine Lehre und sein Leben handeln von der Heiligkeit der Schöpfung, das heißt von Heil-Sein und Wieder-Heil-Werden der Natur. Die heilige, das heißt unbeschädigte Schöpfung: das sind Schweine ohne Schweinepest, Rinder ohne Rinderwahn, Menschen ohne umweltbedingte Allergien und ohne Hautkrebs durch das Ozonloch. Heilige Schöpfung: Das ist reines Wasser und saubere Luft, gesunde Wale und wirklicher Wald.

Jesus redet und handelt in der Überzeugung: Wer Menschen Vertrauen zu sich selbst schenkt, verzehnfacht ihre Kraft und ihren Mut, ihre persönliche, gesellschaftliche, aber auch ihre politische Kraft. In der Spur des ökologischen Jesus lernen wir zu fragen: Wer soll denn überhaupt etwas ändern, wenn nicht ich? Wann, wenn nicht jetzt? Und wo, wenn nicht hier?

In Markus-Evangelium sagt Jesus: "Mit der neuen Welt Gottes ist es wie mit der Saat und dem Bauern: Hat der Bauer gesät, legt er sich nachts schlafen, steht morgens wieder auf - und das viele Tage lang. Inzwischen geht die Saat auf und wächst; wie, das versteht der Bauer selber nicht. Ganz von selbst lässt der Boden die Pflanzen wachsen und Frucht bringen. Zuerst kommen die Halme, dann bilden sich die Ähren, und schließlich füllen sie sich mit Körnern. Sobald das Korn reif ist, fängt der Bauer an zu mähen; dann ist Erntezeit" (Markus 4, 26-29).

Das hier so selbstverständlich gesprochene "von selbst" ist der entscheidende Beweger aller Naturvorgänge. Dieses schöpferische Geschehen ist das Gegenteil des menschlichen Machens und Müssens. Hier herrscht göttliche Souveränität und nicht menschlicher Wille oder menschliches Wollen. Die Sonne scheint "von selbst", der Wind weht "von selbst", das Wasser fließt "von selbst" und reinigt sich "von selbst" und Bäume und Pflanzen wachsen "von selbst" - wir müssen nur empfangen lernen, was die Natur uns weitgehend kostenlos zur Verfügung stellt. Sonne, Wasser und Wind schicken uns keine Rechnung.

Diese eher weibliche Tugend des Empfangens fällt uns Männern besonders schwer. Und Männer bestimmen noch immer die Entwicklung der Industriegesellschaften. Wir Männer aber wollen eher machen, machen, machen! Aber die kostenlosen Energieträger Sonne, Wind und Wasser, die wir wie "von selbst" empfangen können, liefern uns Energie von einer ganz neuen Qualität - nämlich ohne Folgeprobleme wie nicht entsorgbarer Atommüll, verpestete Luft, vergiftetes Wasser, sterbende Wälder und saure Böden.

Diese neue und ganz andere "jesuanische Energiepolitik" sorgt "wie von selbst" für eine ökologische Wirtschaft, für Millionen zukunftsfähige neue Arbeitsplätze und für eine gesunde Umwelt. Jesus war kein Verzichtsapostel. Er postuliert im Gegenteil die "Fülle des Lebens" und ein "Leben im Überfluss" (Johannes 10, 10). Sein ganzes Wollen lässt sich so zusammenfassen: Liebe das Leben und lebe die Liebe, dann erfährst du die Fülle des Lebens. Wenn bisher galt: Macht euch die Erde untertan, so soll jetzt gelten: Macht euch der Erde untertan!

Das Mitfühlen mit allem Leben ist der Kern der jesuanischen Botschaft. Sein "seid barmherzig" heißt: Fühlt mit dem Leben - selbstverständlich auch mit Tieren und Pflanzen. Alle Kultur ist für Jesus Erweiterung und Vertiefung des Bewusstseins für alles Leben. Ohne innere Transformation wird technischer Fortschritt nicht viel nützen. Erst wenn wir die ökologische Krise von innen verstehen, werden Umwelttechnik und Umweltethik zwei Seiten derselben Medaille.

Und nur dann kommt auch rasch
- die solare Energiewende
- die ökologische Verkehrswende
- der biologische Landbau
- die artgerechte Tierhaltung
- ökologisches Bauen
- die ökologische Steuerreform und
- nachhaltiges, an Naturgesetzen orientiertes Wirtschaften.

Der ökologische Jesus begründet die Hoffnung auf ein weltweites ökologisches Wirtschaftswunder im Gleichgewicht mit der Natur. Wenn wir heute von Weltpolitik und Weltwirtschaft sprechen, von Weltreligionen und von weltweitem Klimaschutz, dann wird auch die Moral global werden müssen. Vor allem Jesus und Buddha sind Wegweiser einer globalen ökologischen Ethik, ohne die sich nichts wesentlich ändern wird. Im Sinne des ökologischen Jesus müssen freilich nicht alle Umweltschützer Christen, wohl aber alle Christen Umweltschützer sein.

Der ökologische Jesus lädt ein zu einem Quantensprung in ein "neues Leben". Er ist eine große Vision, eine große Idee, ein großes Feuer und eine große Arbeit für das 21. Jahrhundert.



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