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Marc Chagall
Mein Leben
200 Seiten, 20 Abbildungen, Fadenheftung,
broschiert, Verlag Gerd Hatje
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Marc Chagall - mein Leben
Marc Chagall war 35 Jahre alt, als
er in Moskau den Schlusssatz seiner Autobiografie
zu Papier brachte:
"Und vielleicht wird mich Europa lieben und mit ihm
auch mein Russland."
Wie es Marc Chagall in seinem Russland ergangen
ist, erzählt er in einem Stil, der vorstellbar
macht, mit ihm an einem warmen Ofen zu sitzen, den
Samowar zischen zu hören und ab und zu an
einer Tasse Tee zu nippen, gespannt den
Schilderungen seiner Geburt, seiner großen
Verwandtschaft und der Atmosphäre in seiner
Heimatstadt Witebsk lauschend.
Vieles lässt er nachempfindbar werden, was
bestimmend für sein Leben gewesen ist. Die
kargen Lebensverhältnisse, das Eingebundensein
in jüdisches Brauchtum und die
Schulausbildung, was seinen Drang, Künstler -
"so ein phantastisches literarisches Wort wie aus
einer anderen Welt", das in seiner Stadt noch
keiner je ausgesprochen hat - zu werden, mit
zunehmenden Jahren verstärkte und ihn 1910
gegenüber dem französischen Dichter und
Kunstkritiker Guillaume Apollinaire die Auffassung
äußern ließ: "Kunst scheint mir
vor allem ein Seelenzustand zu sein."
Seinen jeweiligen Seelenzustand hat er auf
unnachahmliche Art in Worte überführt,
die den kleinen, aufgeweckten, sensiblen,
rosawangigen Jungen ebenso dauerhaft "am Leben"
erhalten wie den Kunstschüler in Sankt
Petersburg, der unter teilweise erbärmlichen
Verhältnissen sein Ziel, (an)erkannter Maler
zu werden, verfolgte, oder den Familienvater, der
mit Frau und Kind nach dem Ersten Weltkrieg in
Russland bittere Not litt.
Zweifelsfrei ist es ihm dabei gelungen, seinen
Sätzen den Atem einzuhauchen, den er seinen
Bildern einhauchen wollte.
Kurz vor seinem Weggang nach Sankt Petersburg, war
er überzeugt:
"Das Wesentliche ist die Kunst, die Malerei, eine
Malerei, die ganz anders ist, als alle Welt sie
macht."
Allerdings stellte er sich selbst die bange
Frage:
"Aber welche? Wird mit Gott oder sonst jemand die
Kraft geben, daß ich den Bildern meinen Atem
einhauchen kann, den Atem des Gebets und der
Trauer, des Gebets um Erlösung und
Wiedergeburt?"
Um Marc Chagalls Seele ging es auch, als er sich
zum endgültigen Verlassen seines geliebten
Russlands entschieden hatte. Er hatte genug von der
Russischen Revolution, während welcher unter
anderem betont worden war: "Ich pfeife auf eure
Seelen."
Der 35jährige zog für sich den
Schluss:
"Genug! Ich will meine Seele behalten.
Und ich denke, die Revolution könnte eine
große Sache werden, wenn sie die Achtung vor
dem anderen bewahrte."
Marc Chagall ist es in dieser poetisch anmutenden
Bestandsaufnahme des ungefähr ersten Drittels
seines Lebens gelungen, diese Achtung zu bewahren
und darüber hinaus ein anrührendes,
liebenswertes Wortkunstwerk zu schaffen, das auch
im dritten Jahrtausend durchaus kaum etwas an
Zeitnähe eingebüßt hat.
Rezension: Rika Wettstein, Baden-Baden
Der Hatje Cantz Verlag hat das Buch als Sonderausgabe
aufgelegt.
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