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Max Beckmann. Spektakel des Lebens.
Schon seit einigen Jahren gibt es die bemerkenswerte
Tendenz, Max Beckmann nicht mehr ausschließlich als
Maler, sondern auch als Zeichner, Grafiker und Aquarelllist
wahrzunehmen. Schließlich umfasst sein Oeuvre neben
den Ölgemälden auch rund 3.000 Zeichnungen, 373
Grafiken und um die 100 farbigen Pastelle. Der Kunstband Max
Beckmann. Spektakel des Lebens. Arbeiten auf Papier
gewährt Einblick in eine bislang weniger bekannte
Sparte seines Gesamtwerks.
"Habe ich mich nicht seit Jahren um die Sichtbarmachung des
Scheins und der Unwirklichkeit bemüht, als dass ich
Angst vor dem Aufwachen haben sollte?", äußerte
Max Beckmann 1940, der als durchgängiges Thema seines
Gesamtwerkes immer wieder das Ausgeliefertsein des Menschen
formulierte, die Katastrophe, die den Einzelnen wie die
Gesamtheit bedroht. Ist es da ein Zufall, dass sich seine
zeichnerischen Arbeiten ausgerechnet auf die 30er- und
40er-Jahre konzentrieren? Sicherlich nicht, denn als
entarteter Künstler von den Nationalsozialisten
gebrandmarkt, lebte er von 1937 bis 1946 in Amsterdam, bevor
er 1947 in die USA emigrierte. Der ständige Umgang mit
Zeichenstift und Skizzenbuch war ihm in jenen schier
unerträglichen Zeiten ein lebenswichtigeres
Bedürfnis denn je.
Der hervorragende Kunstband der beiden Herausgeberinnen
Andrea Firmenich und Martina Padberg leistet
Außergewöhnliches. Er vermittelt uns einen in der
Vergangenheit viel zu sehr vernachlässigten Einblick in
die private künstlerische Arbeit Beckmanns. Kaum etwas
kann das Innenleben eines Malers intimer widerspiegeln als
der skizzenhafte Entwurf, der in seiner unmittelbaren
Flüchtigkeit und Spontaneität stets auch ein hohes
Maß an Selbstreflexion beinhaltet. Die hier gezeigten
Blätter zeigen Porträts aus dem engsten
persönlichen Umfeld, Aktzeichnungen, Reiseskizzen,
Träume und auch die schrecklichen Eindrücke
während des Ersten Weltkrieges. Ähnlich wie bei
Otto Dix wetterleuchtet auch bei Max Beckmann das
heraufziehende Unheil des verheerenden Zweiten Weltkrieges
in den Werken jener Zeit, wie beispielsweise in der 1919
entstandenen Zeichnung "Die Letzten", eine apokalyptische
Vision, die zum alltäglichen Wahnsinn werden
sollte.
Die Zeichnungen Beckmanns bilden das Destillat seiner
künstlerischen Grundhaltung. Sein scharfer und
nüchterner Realismus, der in grotesken Figuren die
Fragwürdigkeit des modernen Daseins versinnbildlicht,
kommt hier kompromisslos zum Ausdruck. Die Zeichnung "Das
Redaktionszimmer" von 1924, verblüfft durch die
Reduzierung jeglicher künstlerischen Raffinesse: In
ihrer zweckmäßigen Darstellung erinnert sie eher
an einen Wohnungsplan oder die Skizze eines
Bühnenbildners. Das Spektakel des Lebens dokumentarisch
festzuhalten, im Sinne von Wahrhaftigkeit und
Aufrichtigkeit, in einer Zeit des drohenden Zusammenbruchs,
das war eines der großen Anliegen Beckmanns.
Der Kunstband Max Beckmann. Spektakel des Lebens. Arbeiten
auf Papier ist auch der Katalog zur gleichnamigen
Ausstellung in Bad Homburg, Essen und Ulm und zeichnet sich,
neben gelungener Bildauswahl und hervorragenden
Reproduktionen, durch ebenso informative wie anregende
Essays aus. Die Beiträge beschränken sich nicht
auf das Abarbeiten biografischer Eckdaten, sondern
untersuchen kunsthistorisch die Stellung der Papierarbeiten
Beckmanns in dessen Gesamtwerk und beleuchten sie in ihrem
Kontext. Besonders aufschlussreich ist der Denkansatz von
Siegfried Gohr. In seinem Essay "Selbstgespräche"
führt er die wachsende Verwendung von Aquarellfarbe auf
die unklare persönliche Lage des drohenden Exils
Beckmanns zurück: Aquarellmalerei als adäquates
Ausdrucksmittel in einer jederzeit veränderlichen
Situation, zur schnellen Realisierung von Bildgedanken eines
Künstlers, dem die Zeit der Weltgeschichte unaufhaltsam
unter den Nägeln brannte. Mit dem Wissen darum wird man
die Bildwelt Beckmanns künftig mit anderen Augen
betrachten.
Andreas
Schultz
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