Die versunkene Stadt

Titel und Überschrift des ersten Kapitels des nach 1912 entstandenen Romans, der 1924 erstmals erschienen ist, machen neugierig, wenn der Text auf der Buchrückseite und die Informationen zum Autor ignoriert worden sind.

Mit "Dingsdahausen" ist das erste Kapitel überschrieben. Bereits in der Mitte der ersten Seite kommt man Dingsdahausen näher, jener "mittleren Residenzstadt im südwestlichen Deutschland", die "sich gemäß dem Willen des Gründers zur Form einer in der Mitte auseinandergeschnittenen Geburtstagstorte" entwickelt hat. Bleibt nur die Frage zu klären, warum Albert Geiger diese Geburtstagstorte als versunkene Stadt erkannt haben will.

Vorder- und Hintergründe dieser, seiner Einschätzung formuliert er zuhauf, einerseits aus der Warte des Bildungsbeflissenen und Gebildeten, andrerseits aus dem persönlichen Empfinden der Hauptperson, des Schriftstellers, heraus, der allmählich vom anerkannten und gefeierten Initiator allerlei anspruchsvoller Kulturereignisse an den Rand des Kunstgeschehens in der badischen Residenzstadt gedrückt wird.

Es fällt auch ohne Kenntnis des Geigerschen Lebenslaufes oder des erläuternden Nachworts nicht schwer sich vorzustellen, dass dieser Schriftsteller Albert Geiger selbst sein muss, der sich vornehmlich in einer Herbstnacht des Jahres 1911 dem Erinnern an sein bisheriges Leben und dem Bewerten seiner Position in der Karlsruher Gesellschaft hingibt.

Exzellente Formulierungen, von sanftem Spott bis zum bitteren Sarkasmus reichend, verdeutlichen die Kluft, die sich zwischen ihm, seiner Familie, seinen Freunden, Bekannten und gar auch Künstlerkollegen aufgetan hat. Die Oberflächlichkeit der feinen städtischen Gesellschaft, in welcher der "Geldteufel", der "Genussteufel" und der "Ehrfurchtsteufel" "Hand in Hand" schreiten, scheinen dem Schriftsteller in "einer muffigen, von Stickluft der Zurückgebliebenheit erfüllten Lebensatmosphäre wie die Dingsdahausens" besonders gut zu gedeihen.

Er, der in dieser Muffigkeit zu ersticken Drohende, findet in der "Stadt der lauen Mittelmäßigkeit" in einer wesentlich jüngeren Schauspielerin eine ebenbürtige Geistespartnerin, welche sich wie er in dieser Stadt mit dem Mangel jeglichen Temperaments eben solches bewahrt hat.

Sie teilen Gedanken, Empfindungen und Zeit, während die Entfremdung gegenüber allem den Schriftsteller gewöhnlich Umgebenden zunimmt und ungefähr ein Jahr nach der Erinnerungsnacht seines Lebens in einem "Leb wohl für immer" gipfelt, das er am Romanende nicht nur gegenüber seiner Frau, sondern auch gegenüber der Stadt ausspricht, welche er tief im Wald stehend "lautlos und pfadlos" im "feuchten Gewalle des Nebels" verschwinden sieht.

Mit der versunkenen Stadt hat Albert Geiger nicht nur ein auseinandersetzungswürdiges Auflebenlassen der Verhältnisse in Karlsruhe in sich überlebt habender Zeit des Fürsten- und Großbürgertums zu Papier gebracht, sondern er offeriert einer interessierten Nachwelt auch heute noch trefflich zu diskutierende Gedanken zu Kunst, Kultur und Bildung.

Das Buch ist in der Reihe Kleine Karlsruher Bibliothek des
Info-Verlags erschienen.

Rezension:
Rika Wettstein, Baden-Baden

Die versunkene Stadt

Die versunkene Stadt
Von Albert Geiger
mit einem Nachwort von Hansgeorg Schmidt-Bergmann
288 Seiten, broschiert, Kleine Karlsruher Bibliothek, Info-Verlag

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