Silberrücken

Ein leicht verschneiter Silvestertag, an dem Johannes Theuer, Erster Hauptkommissar der Heidelberger Polizei, seine Lebensgefährtin Bahar Yildirim und deren Mündel Babett Schönthaler in ihrer neuen Wohnung gemeinsam mit Theuers "Jungs", zu denen mittlerweile der aus Karlsruhe strafversetzte Dieter Senf zählt, den Jahreswechsel begehen, lässt allerhöchstens ahnen, dass die kränkelnde Babett die Gestaltung der kommenden Tage bestimmen wird.

Allerdings erzählt Carlo Schäfer auch von einer Cornelia König, die am Silvestertag beginnt, ihre Sachen für eine Klassenfahrt, die Tage später beginnen soll, zu packen. Allmählich ist zu erfahren, dass diese groß gewachsene, mutterlose Lehrerstochter die Klasse 8 b der Gorch-Fock-Schule in Eckernförde besucht. Am 5. Januar startet diese Klasse mit Lehrer Fredersen zu einem mehrtägigen Aufenthalt nach Heidelberg. Gegen Abend treffen sie in der Jugendherberge direkt neben dem Heidelberger Zoo ein.

Zwei Tage später ist Anatoli Schmidt, tierliebender Mitschüler und wie Cornelia ebenfalls Außenseiter in der Klasse, tot. Gefunden wird er im Graben vor dem Gorilla-Gehege. Für Theuer und sein Ermittlerteam stellt sich eine Unmenge an Fragen, die der Leser bereits zumindest teilweise beantworten könnte. Denn der Auslöser der Tat und deren Hergang sind minutiös geschildert. Insofern würde man den eigenwilligen Polizisten schon gerne weiterhelfen. Zumal Silberrücken Bohumil, das alte Gorilla-Männchen des Zoos, für den Tod des Deutsch-Russen verantwortlich gemacht wird.

Andrerseits bergen deren Gedankenspiele und Vernehmungstechniken doch wieder jenen Reiz in sich, der von Missbilligung bis zu Lachanfällen reichen kann. Mitten in diesen Vernehmungen taucht der vom Dienst suspendierte Dr. Ralf Seltmann wieder auf, begleitet vom dunkelhäutigen Dr. Magenreuter vom Innenministerium, der im Rahmen der beamtenrechtlichen Fürsorgepflicht als Berater den Widereinstieg Dr. Seltmanns in sein Aufgabenfeld als Polizeidrektor ermöglichen soll.

Er hat sich diese Aufgabe wohl einfacher vorgestellt, sonst sonderte er nicht Wochen nach dem eigentlich ungeklärten Tod des Jungen folgende Worte ab:
"Sie haben es alle gesagt. Sie haben gesagt, lass die Finger von Heidelberg. Die schaffen dich. Seltmann ist innerhalb von drei Jahren zum Kretin degeneriert, Schildknecht hat sich nach ein paar Monaten aufgegeben. Da gibt es einen, der heißt Theuer, und der arbeitet mit dreien zusammen - gegen diese vier hilft nur der finale Rettungsschuss. Glaub bloß nicht, dass die sich an irgendwas halten…"

Das komplette Team wird von ihm in Urlaub geschickt und landet wie Yildirim und die erholungsbedürftige Babett an der Ostsee, in Eckernförde. Nicht ganz zufällig, wie sich bald herausstellt, und auf Dieter Senfs Initiative hin, der den Klassenlehrer Fredersen als Täter im Visier hat.

Auch ein zweiter Toter, der während Theuers & Co. Abwesenheit im Graben vor dem Affengehege gefunden wird, bringt ihn nicht von dieser Idee ab, zumal das zurückbeorderte Team dieses Verbrechen bald aufgeklärt hat. Zum guten oder schlechten Ende, je nach Sichtweise, tragen dann Johannes Theuer und Dieter Senf im Doppel bei, nachdem unglaublich viel Dreck über Pädophilie und in der zivilisierten Gesellschaft "verlorene Kinder" in das Leserbewusstsein hat dringen müssen. Dem Autor ist jedoch kein Vorwurf zu machen, da er nur Geschichten über die Welt, "so wie sie ist", schreibt.

Wobei schon zu hinterfragen bleibt, ob der Silberrücken nicht auch als Sinnbild zu verstehen ist. Denn einschlägige Nachschlagewerke lassen wissen, dass eine Gorilla-Gruppe aus einem Silberrücken-Männchen, ein bis zwei untergeordneten Männchen, sowie einigen Weibchen und Jungtieren bestehe. Zum Einsiedler abseits der Herde wird ein altes Männchen, wenn es von einem Herausforderer besiegt wird.

Auch wenn es Freunden von Geschichten mit Tiefgang, die dennoch durchaus auch zum Lachen verleiten, schwer fallen wird zu akzeptieren, dass Silberrücken vermutlich der vorletzte Theuer-Krimi sein wird, darf dennoch gespannt abgewartet werden, erstens ob Johannes Theuer tatsächlich in den vorgezogenen Ruhestand geht und zweitens, wer wohl als siegreicher "Herausforderer" auszumachen sein wird.

Nachsatz:
Wer sich fragen mag, wen Dr. Seltmann in seiner "Grenzdebilität" neben Theuer und seinen Leuten auch zu den besten Polizisten Heidelbergs zählt, nämlich "Gerlach", der sollte sich mit dem
Heidelberger Requiem oder den Heidelberger Lügen beschäftigen, um dies beurteilen zu können.

Das Buch ist im
Rowohlt Verlag erschienen.

Rezension:
Rika Wettstein, Baden-Baden


Silberrücken von Carlo Schäfer

Silberrücken
Von Carlo Schäfer
251 Seiten, rororo-Taschenbuch, Rowohlt Verlag

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Im falschen Licht
Der Keltenkreis
Das Opferlamm

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