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Der "Plus Forderer"
Der badische Staatsmann Sigismund
von Reitzenstein und seine Zeit
Der "Plus-Forderer", diese Wortschöpfung mag
im ersten Moment irritieren und zu der Frage Anlass
geben: Was wollte dieser Sigismund
von Reitzenstein an Mehr? Mehr Ämter, mehr
Macht, mehr Geld?
Schlägt man jedoch das Buch auf und betrachtet
sich die Karten im Vorsatz und im Nachsatz, wird
anhand dieser, welche einmal die Markgrafschaft
Baden um 1800 und zum anderen das
Großherzogtum Baden um 1815 zeigen, bereits
deutlich, dass sich das "Plus" auf die enorme
Gebietserweiterung beziehen muss, die sich in Baden
innerhalb weniger Jahre vollzogen hat.
Ja - und wer war dieser Sigismund von Reitzenstein?
Hat er gar etwas mit der in Stuttgart zu findenden
Villa Reitzenstein, dem Sitz der
baden-württembergischen Regierung zu tun?
Nein. Diese wurde von der Baronin Helene von
Reitzenstein zum Andenken an ihren verstorbenen
Mann, der Kammerherr bei der letzten
württembergischen Königin gewesen ist,
von 1910 bis 1913 gebaut.
Der "badische" Reitzenstein war da bereits
gestorben, wie eine Zeittafel im umfangreichen
Anhang des Buches mit Quellennachweis, Stammtafel
und Personenregister vermittelt.
Wer war er dann, dieser Staatsmann, der von seinen
Zeitgenossen der "Plus-Forderer" genannt wurde, wie
die Kurzbeschreibung auf dem rückwärtigen
Buchdeckel wissen lässt?
Im Badischen
Kalendarium findet sich ein kurzer Lebenslauf
des gebürtigen Franken, der dort als der
"Begründer des Badischen Staates"
gewürdigt wird. Verwunderung schleicht sich
schon ein, warum dieser "Begründer des
badischen Staates" weitgehend unbekannt ist.
Hans Merkle ist es zu verdanken, dass der seit
seinem 23. Lebensjahr eigentlich ununterbrochen
für das Wohl des Landes Baden sich
einsetzende, sich gesundheitlich aufopfernde,
brilliante gelernte Jurist 80 Jahre nach der ersten
Biografie, die ihm gewidmet war, wieder Beachtung
findet oder finden kann. Er hat den Lebensweg
Sigismund von Reitzensteins intensiv und offenbar
akribisch genau verfolgt und daraus ein
anspruchsvolles und komplexes Werk werden lassen,
das von Atemlosigkeit über ungläubiges
Kopfschütteln bis zum Zorn eine Vielzahl an
Gefühlswallungen provozieren kann - aber auch
Dankbarkeit dafür, dass Mitteleuropa von
Feudalherren befreit ist, welche je nach
Einstellung weniger für das Wohl des Volkes
als mehr für die Befriedigung von
Eigeninteressen sorgten.
Die bereits bekannte Ironie des Schicksals, dass
ausgerechnet die Französische Revolution,
welche die Abschaffung der Feudalsysteme und
Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit
einforderte, ein französisches Kaiserreich
zeitigte, das Tod und Verderben über Europa
brachte, wird ebenso herausgearbeitet wie die
selbstsüchtigen Vorgehensweisen aller anderen
deutschen und europäischen
Großmächte im Kampf gegen die
französischen Revolutionäre und
später gegen Napoléon.
Gefordert, gefeilscht, intrigiert, geschasst,
verhaftet, ermordet - alles war in dieser
aufgewühlten Zeit aktuell, besagen die
aufgearbeiteten Quellen. Und mitten drin im Strudel
des Geschehens: eine kleine, unbedeutende,
zerstückelte Markgrafschaft, der es wegen
ihrer strategisch wichtigen Lage an den
Existenzkragen zu gehen drohte, unabhängig
davon welche der kriegführenden Staaten oder
Allianzen eine Schlacht oder Auseinandersetzung
gerade für sich gewonnen hatte.
Als kluger, verhandlungszäher und staatstreuer
Unterhändler bei den kaum zählbaren
Konferenzen versuchte Sigismund von Reitzenstein
sein Bestes, um Baden vor dem Untergang zu
bewahren. Es erweckt den Eindruck, als habe er
hierbei der Erkenntnis Hermann Hesses "Man muss das
Unmögliche versuchen, um das Mögliche zu
erreichen." vorgegriffen. Neben seinen
diplomatischen Aktivitäten mit internationalem
Belang war er nicht nur mit Landesproblemen wie
Überschuldung und Einfügen der neu
gewonnenen Gebiete in den badischen Staat befasst,
sondern sah sich auch etlichen Problemen des
großherzoglichen Hauses gegenüber,
angefangen bei immensen persönlichen Schulden
bis hin zur Regelung der Erbnachfolge, die
Mutmaßungen um Kaspar Hausers Herkunft eingeschlossen.
Am Ende der Lektüre bleibt auf jeden Fall ein
Fazit zu ziehen: Hans Merkle ist es vorzüglich
gelungen, erkennbar zu machen, dass Sigismund von
Reitzenstein größten Respekt für
seine Lebensleistung verdient hat. Auch wenn er am
Ende seines politischen Wirkens nur
Unverständnis für die liberalen
Bewegungen in Baden aufbrachte und sie
bekämpfte, da seine Staatsvorstellung von
einem souveränen Regenten, dem die
Förderung des Gemeinwohls oberste
Priorität ist, sein Handeln für Baden
bestimmte.
Übrigens:
All denjenigen Badnern, die - wie im Jahr 2006
anlässlich des 200. Jahrestags
Großherzogtum Baden besonders viele -
verbittert oder aufgebracht meinen, die
Württemberger hätten verhindert, dass
Baden Königreich wird, sei das
sorgfältige Studium des Buches, vor allem aber
der Seite 155 und ihrer nachfolgenden Seiten, sehr
empfohlen.
Das Buch ist im G. Braun Buchverlag Karlsruhe erschienen.
Rezension:
Rika Wettstein, Baden-Baden
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Der "Plus-Forderer"
Der badische Staatsmann Sigismund von
Reitzenstein und seine Zeit
Von Hans Merkle
384 Seiten, 9 Abbildungen, 1 Stammtafel
und 2 Karten, G. Braun Buchverlag
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