Im falschen Licht

Neue Besen kehren gut. Dieses aus dem Mittelhochdeutschen bis ins dritte Jahrtausend gerettete Sprichwort drängt sich förmlich in die Gedanken bei der Beschreibung der Vorgehensweise des seit Jahresbeginn im Amt seienden Heidelberger Polizeidirektors Dr. Ralf Seltmann, der seinen Organisationsentwurf, kleine reaktionsschnelle Einheiten à vier Mann bei der Polizei zu bilden, nach Personalaktenanalyse umgesetzt hat. Als Überbleibsel dieses Unterfangens ist das Theuer-Team entstanden, bestehend aus dem kauzig anmutenden Ersten Hauptkommissar Johannes Theuer, dem kettenrauchenden mit Alkoholproblemen behafteten Thomas Haffner, dem gewissenhaften Werner Stern und dem im mütterlichen Nest verbliebenen Simon Leidig. Die Vier tun sich schwer beim Zusammenraufen. Ähnlich schwer tut sich der Leser mit den Figuren und dem Schreibstil im ersten Fünftel des Buches bis zum Dienstag nach Aschermittwoch, als der Frust der vier Polizisten sich läuternd entlädt und in der Feststellung mündet: "Wir sind ein gutes Team, finde ich eigentlich."

Dieser Frust hat sich auch wegen der Anweisung des Polizeidirektors, eine am Donnerstag nach Aschermittwoch aus dem Neckar gefischte männliche Leiche nicht zum Fall für den von ihm als inkompetent eingestuften Vierertrupp werden zu lassen, sondern ihm die Aufgabe aufzudonnern, einen noch unbekannten Hundekiller zu finden, hochgeschaukelt.

Den Vier kommt die nicht identifizierbare Wasserleiche allerdings weder als, wie vom Chef vermutet, Selbstmörder noch als Verunfallter vor, weswegen sie sich entgegen der Dienstanweisung, aber außerhalb der Dienstzeit, auf Spurensuche machen. Man könnte meinen, frei nach dem Ergänzungssatz zu "Neue Besen kehren gut.": "Die alten kennen die Winkel." Viele Winkel Heidelbergs kennen Theuer & Co., vor allem der noch acht Dienstjahre zu schieben habende Theuer, Liebhaber seiner als romantischste Stadt Deutschlands eingestuften Heimatstadt.

Ebenfalls in Heidelberg geboren ist die junge türkischstämmige Staatsanwältin Bahar Yildirim, die abzuwägen hat, ob die Wasserleiche ein Fall für die Staatsanwaltschaft ist oder nicht. Auch sie ist "geschlagen" mit einem ignoranten Ersten Oberstaatsanwalt und kommt darüber hinaus mit der Theuer-Truppe nur sehr mühsam zurecht. Im Laufe des Geschehens bringt sie sich jedoch mehr und mehr zugunsten des eigenartigen und eigenwilligen Teams ein, was am Gründonnerstag in einem feucht-fröhlichen Beisammensein mit Theuer und "seinen Jungs" in dessen Wohnung gipfelt.

Grund zum Feiern haben die Fünf zu diesem Zeitpunkt allemal. Bis es allerdings so weit ist, ist gegen alle Widerstände aus den Chefetagen eine fast unglaublich anmutende Geschichte aufzudecken, um letztendlich den Anfangsverdacht, die Wasserleiche sei doch durch Gewalt zu Tode gekommen, zu beweisen.

Liebhaber von in Hochglanzprospekten erfolgreich vermarktbaren Protagonisten werden sich mit diesem Ermittlerquartett weniger anfreunden können als solche, welche die Persiflierung kleinbürgerlicher Vorurteile oder die satte Selbstzufriedenheit von Funktionsträgern goutieren können und sich keineswegs an sowohl deftigen, zynischen, sarkastischen als auch gesellschaftskritischen Formulierungen stoßen.

Ach ja, und Heidelberg, "Alt-Heidelberg du feine, du Stadt an Ehren reich", kommt auch nicht zu kurz. Heidelberg-Fans können anhand vieler eingearbeiteter Angaben Straßen, Gassen, Häuser, Lokale und vieles mehr erkunden.

Das Buch ist im
Rowohlt Verlag erschienen.

Rezension:
Rika Wettstein, Baden-Baden


Im falschem Licht

Im falschen Licht
Von Carlo Schäfer
320 Seiten, rororo-Taschenbuch, Rowohlt Verlag

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Silberrücken

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