Der Befreiungsminister

Gottlob Kamm und die Entnazifizierung in Württemberg-Baden

Das Jahr 2005 steht in Deutschland im Zeichen des Endes des Zweiten Weltkriegs 60 Jahre zuvor. Ob Gedenkfeiern und mahnende Worte bei der breiten Bevölkerung eine konstruktiv-kritische Auseinandersetzung mit der zwölfjährigen Terrorherrschaft der Nationalsozialisten und allen ihren Folgen auslösen, kann nicht beurteilt werden.

Auseinandersetzungswürdig erschien und erscheint das Wirken des Württemberg-badischen Staatsministers für politische Befreiung Gottlob Kamm, das von Bertold Kamm und Wolfgang Mayer niedergeschrieben wurde. Beide sind der Auffassung, Geschichte werde am besten über handelnde Personen vermittelt und haben sich in ihrer Eigenschaft als Sohn und Zeitzeuge, sowie Historiker und Journalist mit dem Werdegang des gestandenen Sozialdemokraten beschäftigt.

Sie erzählen von einem Leben, das in ausgesprochen ärmlichen Verhältnissen in einer 14köpfigen Familie begann, in welcher die Mutter politisch ambitioniert gewesen ist, was nicht ohne Wirkung auf ihren jüngsten Sohn blieb. Der gelernte Feinmechaniker, der im Ersten Weltkrieg sein rechtes Bein verloren hat, setzte sich engagiert für eine soziale Gestaltung des Gemeinschaftslebens ein, was ihm letztendlich eine mehrmonatige "Schutzhaft" in einem Konzentrationslager der Nationalsozialisten einbrachte. Weder er noch seine ebenfalls politisch ausgerichtete Frau ließen sich durch Willkürmaßnahmen der Machthaber einschüchtern, weswegen Gottlob Kamm nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs als "Unbelasteter" Bürgermeister von Schorndorf wurde, das Amt eines Staatssekretärs in der neuen Landesregierung übertragen bekam und letztendlich von August 1946 bis Februar 1948 als Staatsminister für politische Befreiung tätig war.

Diese Tätigkeit als "Befreiungsminister" ist zentrales Thema der Ausführungen der beiden Autoren, rückte sie den damals 49jährigen doch in ein recht zwiespältiges Licht. Anhand von Fakten und Äußerungen Gottlob Kamms, sowie anhand von Schilderungen einzelner Schicksale wird die Problematik dieser eigentlich keiner Seite gerecht werden könnenden Tätigkeit herausgearbeitet. Personalmangel und Mangel an Arbeitsmitteln, wie beispielsweise Schreibmaschinen, waren ebensolche Hinderungsgründe wie eine nicht hinreichende Gesetzgebung oder die Blockadehaltung der US-amerikanischen Besatzungsmacht und etliches mehr.

Demgegenüber standen Not und Elend der heimischen Bevölkerung und der Flüchtlinge, zerbombte Städte und Dörfer, brachliegende Landwirtschaft, sowie eine zerstörte Industrie und die Notwendigkeit des Wiederaufbaus, um den darbenden Menschen eine Zukunftsperspektive zu geben.

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Es mutet regelrecht als "unverdrossen" an, wie Gottlob Kamm sich der Herausforderung stellte und höchst pragmatisch die Problemlösung in Angriff nahm, geleitet von der Überzeugung: "Wer eine neue Welt aufbauen will, darf nicht mit den gleichen Grundsätzen arbeiten, wie dies in den letzten zwölf Jahren geschehen ist." Er musste aber auch erkennen, dass das Interesse des deutschen Volkes an Entnazifizierung mit zunehmender durch die Not hervorgerufener Lethargie im Schwinden begriffen war. Sich daraus ergebende Konflikte waren unvermeidlich.

Auch Jahrzehnte später scheint eine "Patentlösung" dieser überaus anspruchsvollen Aufgabe nicht erarbeitbar. Was sich jeder einzelne Leser bei der Lektüre dieses informationsreichen Buches erarbeiten kann, ist die Erkenntnis, besonders wachsam alle Aktivitäten jener Unverbesserlichen am rechten Rand des bundesrepublikanischen Parteienspektrums zu verfolgen und diesen gegebenenfalls Einhalt zu gebieten, um einer Wiederholung der katastrophalen Entwicklung der 1930/1940er Jahre keinerlei Verwirklichungsmöglichkeiten einzuräumen.

Das Buch ist im
Silberburg Verlag erschienen.

Rezension:
Rika Wettstein, Baden-Baden


Gottlob Kamm

Der Befreiungsminister
Gottlob Kamm und die Entnazifizierung in Württemberg-Baden

von Bertold Kamm und Wolfgang Mayer
250 Seiten, 8 Abbildungen, kartoniert, Silberburg Verlag

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