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"Alte Weiber fliegen durch die Stadt" Der Baldreit-Stipendiat 2002/2003, Alexej Schipenko, hatte ein ganz besonderes Abschiedsgeschenk für die Baden-Badener parat. Für die Baldreit-Edition hatte sich der Russe als Abschlussarbeit für sein im November ausgelaufenes Stipendium von der Kurstadt inspirieren lassen. Das Ergebnis: Zwei Texte, die die ganz persönlichen Ansichten und Eindrücke des Russen widerspiegeln. Natürlich sind die für Schipenko typischen Emotionen, ständig wechselnde Schauplätze und wilde Zeitsprünge auch bei den Baden-Badener Texten zu finden. Die beiden Schauspieler Dörte Lyssewki und Ernst Stötzner schafften es bei der szenischen Lesung im Theater im Kulissenhaus spielend die Texte "Baden-Baden - Am Bahnhof" und "Römisch-irisch im Friedrichsbad" so zu präsentieren, dass sie zu einem hintersinnigen und teils sehr betroffen machenden Ganzem wurden. Und das Publikum lauschte gespannt - und lauerte auf jedes kleine Detail. An der Tatsache, dass Schipenko nicht gerade zimperlich mit der Kurstadt umging, störte sich niemand. So schildert er seine ersten Eindrücke: "Alte Weiber fliegen durch die Stadt, es ist ihr Nest". In Baden-Baden, das Schipenko nur liebevoll BB nennt, scheint die Zeit rückwärts zu laufen, behauptet Schipenko. Er erzählt vom Casino, in dem "thailändische Nutten" und Gäste "mit geliehenen Krawatten" sitzen. Zum Kurhaus fällt Schipenko ein: "Alles, was auf der Terrasse sitzt, ist tot." Noch tiefer ins Detail. geht er durch die Nachempfindung eines Interviews mit der Kulturjournalistin einer örtlichen Lokalzeitung. "Ja, ja, das Tal ist wunderschön. Großvater wurde von Stalin zu Tode geprügelt", fällt dem russischen Schriftsteller ein. Er mokiert sich über die Büsten in der Lichtentaler Allee. "Irgendwann kriegen sie dich, wenn du berühmt bist", so der Schriftsteller. "Die Ägypter haben wenigstens Augen auf die Sarkophage gemalt", behauptet er. Erinnerungen an den Krieg klingen durch. Schipenko beschreibt russische Auftragskiller, geht auf Drogenkonsum und auf seine toten Verwandten - die "fabulous four" - ein. "Eigentlich wollte ich etwas Lustiges schreiben, aber dann ist da immer die Trauer", erklärt der Schriftsteller. Doch sogleich holt er die Zuhörer wieder auf den Boden der Tatsachen zurück - mit einem einzigen Satz: "Danke für das Interview." Auch im Text "Römisch-irisch im Friedrichsbad" nahm der Baldreit-Stipendiat kein Blatt vor den Mund. Anhand der verschiedenen Stationen hat er Assoziationen der abstrusesten Art. Zum Warmluftbad mit 54 Grad fällt ihm ein: "Was ihm entströmt, ist die Sintflut." Und diese Sintflut vergleicht er mit "Fröschen unter dem Druck einer Feuerwehrspritze". Zum Heißluftbad mit 68 Grad denkt Schipenko: "Die Sahara ist überall." Schipenko, der in den 80er Jahren auch Musiker gewesen ist, erzielte einen ganz besonderen Gänsehaut-Effekt, indem er die szenische Lesung im dunklen Theater im Kulissenhaus mit Gitarren-Musik selbst untermalte. Alexej Schipenko hat an die Tradition angeknüpft, dass russische Künstler in der Kurstadt ein Refugium für ihre künstlerischen Leistungen finden, freute sich Bürgermeister Kurt Liebenstein anlässlich der Präsentation der neuen Baldreit-Edition 2003. "Alexej ist ein besessener Arbeiter. Er hat sich mit Baden-Baden auseinander gesetzt", zeigt sich der Bürgermeister beeindruckt von der Schaffenskraft des Stipendiaten. Sonny Adam Badische Neueste Nachrichten 26.1.2004 Lesen Sie dazu auch Was wäre Baden-Baden ohne seine Baldreit-Stipendiaten? Zurück Zurück zur Übersicht "Baldreit-Stipendium" |
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