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"Quo vadis" Baden-Baden Finanziell mit dem Rücken zur Wand steht die Kur- und Bäderstadt. Die Stadtkasse ist leer, nichts geht mehr, obwohl finanzielle und zukunftswichtige Kraftakte genügend anstehen. Genannt seien zum Beispiel nur die Konversion der Cité und die Erschließung des Gewerbegebietes auf dem ehemaligen Ooser Flugplatz. Die rückläufige Entwicklung der Gewerbesteuereinnahmen, langfristige hohe Belastungen wie durch das Festspielhaus, dazu Naturkatastrophen wie das Jahrhunderthochwasser 1999 und Orkan "Lothar" Ende 2000, sind einige der gravierenden Gründe, warum in der Stadtkasse Ebbe herrscht und die Finanzreserven restlos verbraucht sind. Doch es wäre zu einfach, den "Notstand" nur auf diese Gegebenheiten zurückzuführen. Das Dilemma wurde schon weit vorher eingeleitet und zuletzt lediglich beschleunigt. Baden-Baden ist eine Stadt, die seit jeher vom Fremdenverkehr geprägt ist und von diesem lebt. Rund um die Quellen und die Bäder hat sich die Stadt im Laufe der Jahrhunderte zum Kur- und Badeort entwickelt. Sie stieg auf zur "Sommerhauptstadt Europas", zum Modebad der mondänen Welt. Nicht zuletzt durch die Spielbank und die bisher wohl besten PR-Manager und Sponsoren der Stadtgeschichte, die Benazets, die Einrichtungen schufen, von denen die Stadt heute noch profitiert. Die Schließung der Spielbank im Jahre 1872 brachte einen gravierenden Einschnitt. Das Land zog sich auf seine Bäder zurück und überließ den gesamten kurörtlichen Betrieb samt Kosten der Stadt. So entstand eine fast ähnliche Situation wie heute: Die Stadtkasse war auch damals leer und die landeseigenen Bäder führten ihr Eigenleben. Bei der Stadt wuchs das Bedürfnis und beim Land die Einsicht zum gemeinsamen Handeln und so wurde 1934, als öffentlich-rechtliche Anstalt, das gemeinsame „Kind“, die Bäder- und Kurverwaltung, geboren, als Motor für den Fremdenverkehr. Der wurde finanziell durch die gleichzeitig wiedereröffnete Spielbank gespeist, nachdem die Stadt die ihr erteilte Spielbankkonzession dieser Bäder- und Kurverwaltung übertragen hatte. Das Konzept funktionierte prächtig. Nach dem Zweiten Weltkrieg setzte durch die enge Zusammenarbeit von Stadt und BKV der Aufschwung im Fremdenverkehr schnell wieder ein. 1950 wurden schon 206 840 Übernachtungen registriert, 1954 waren es bereits 524 177. Die Erfolgskurve erreichte 1966 ihren bisher absoluten Höhepunkt mit 944 445 Übernachtungen, bis 1971 stand die "Neun“ vor jedem Jahresergebnis. Baden-Baden "boomte" und so konnte sich die Stadt weiter leisten, auf jegliche Industrieansiedlungen zugunsten des Kurorts zu verzichten. Sie konzentrierte sich mit ihren Mitteln auf ihre kommunalen Aufgaben, während die Bäder- und Kurverwaltung mit Geldern aus der Spielbankabgabe und Einnahmen aus ihren Betrieben den Lebensnerv der Stadt, den Fremdenverkehr, weiter erfolgreich betreute. Die Arbeitsteilung war klar und effektiv. 1993 wurden noch 877 394 Übernachtungen registriert, doch dann ging es, entgegen allen Trends, steil bergab, und 1997 wurde mit nur noch 703 158 Übernachtungen ein historischer Tiefststand erreicht. Was war da passiert? Mit zweierlei Bestrebungen waren zu Beginn des letzten Jahrzehnts die Verantwortlichen ans Werk gegangen: Das Land wollte mehr Geld aus der Spielbankabgabe einbehalten (also weniger Geld an die BKV zurückgeben) und die Stadt "reformerisch" das Heft des Gesamthandelns selbst übernehmen. Stadt und Land erreichten ihr jeweiliges Ziel durch die gemeinsam betriebene Auflösung (manche sprechen von "Zerschlagung") der Bäder- und Kurverwaltung. Doch dieser massive Eingriff in die bis dahin funktionierende Struktur der Kur- und Bäderstadt zeigte schnell seine negativen Folgen. Die Einzelteile der früheren BKV wie die Baden-Baden Marketing, die Festival Baden-Baden oder das Kongresshaus führen ein mühsames Einzelleben und das Theater entzieht der Stadt jährlich millionenschwere Zuschüsse. Die Einnahmen in den Bädern, die früher bei der BKV und damit in Baden-Baden blieben, teilen sich nun das Land und der private Betreiber. Auch das landeseigene Kurhaus wurde zum Einzelgänger. Dem heutigen Wirtschaftstreben, durch Zusammenschluss erfolgreicher zu sein, wurde hier entgegengesetzt gehandelt und dann auch noch jahrelang einfach versäumt, das nach wie vor vorhandene Potenzial der Fremdenverkehrsstadt Baden-Baden zu vermarkten. Der einzige Gewinner des letzten Jahrzehnts ist eindeutig das Land, das nach der BKV-Auflösung eine "Rückerstattungen" aus der Spielbankabgabe um gut ein Drittel senken konnte, nun als „Zuschüsse“ deklariert, und seit 1933 wieder die Einnahmen aus den Bädern und Kurhaus direkt kassiert. Innenstadt benötigt neues Konzept Baden-Baden ist eine Stadt, die sich in ihrer Geschichte und Entwicklung allein auf den Fremdenverkehr und das Dienstleistungsgewerbe ausgerichtet hat. Dieses Geschäft florierte immer dann zum Wohle der Stadt und ihrer Bürger, wenn es gelang, im Rahmen des Vorhandenen ein Angebot für in- und ausländische Gäste präsentieren zu können, ein Paket, das in seiner Gesamtheit Baden-Baden als etwas Besonderes dokumentierte und besuchenswert machte. Da reichte der Bogen von der Landschaft, von Parks und Alleen, über die alte Kernstadt mit ihren atmosphärischen Winkeln, die Bäder, Spielbank, Kurhaus, Trinkhalle, Theater und Kunsthalle bis hin zum vielfältigen Geschäftsleben, zur breiten, Palette des Hotellerie- und Gastronomieangebots. Der Veranstaltungskalender bot alljährlich zahlreiche Höhepunkte und das alles wurde einst von der Bäder- und Kurverwaltung begleitet, unterstützt oder selbst initiiert und vor allem im In- und Ausland professionell vermarktet. Die Baden-Badener folgten der Losung des ersten Nachkriegs-Oberbürgermeisters Dr. Ernst Schlapper die da hieß „eine ganze Stadt im Dienste des Gastes“, und dessen Nachfolger, Dr. Walter Carlein, setzte dieses Bemühen zeitangepasst erfolgreich fort. Die Übernachtungszahlen jener Zeiten belegen die Richtigkeit des einst eingeschlagenen Weges der auch dem Wohl der Bürger diente. Viele Gäste bedeuteten entsprechende Einnahmen für den Einzelhandel, für Gewerbe, Hotellerie und Gastronomie. Das wiederum bewirkte entsprechende Steuereinnahmen bei der Stadt, die mit diesen Geldern für ihre Bürger tätig werden konnte. Der Kreislauf stimmte also, da im Gegensatz zu heute alle, auch die politischen Kräfte, an einem Strang zogen. Das alles änderte sich maßgeblich, als mit Beginn der 90er Jahre die BKV „Reform“ betrieben wurde, der Fremdenverkehrsmotor erheblich zu stottern begann und die Gästezahlen drastisch zurückgingen. Beschleunigt wurde damit ein Prozess, der bis dahin nur schleichend an der Substanz der Stadt geknabbert hatte: Mit dem Ausbau und der Aufwertung der Innenstadt hatten die Hausbesitzer die Ladenmieten angezogen, und als dann noch die Gäste und Besucher in immer größerer Zahl die Stadt mieden, die Umsätze fielen, begann das Problem des Einzelhandels. Immer größer wurde die Fluktuation, die der einst niveauvollen Vielfalt des Angebots ein Ende bereitete. Alteingesessene Geschäfte und Betriebe mit geringer Gewinnspanne konnten und können nicht mehr mithalten. Die Folge: überproportional viele leerstehende Geschäftsräume in der Innenstadt. Doch nicht nur der Einzelhandel ist Symbol für die Fehlentwicklung. Der Abzug von Institutionen, die Umnutzung von Wohnungen in Büroräume und Kanzleien führten zu einer Einwohnerabwanderung aus der Innenstadt und die beschleunigte noch das seit 1990 vorhandene Verkehrssystem mit dem Poller. Autobesitzende Innenstadtbewohner sind nicht nur zu weiten Umwegen gezwungen, sondern stehen auch vor dem Problem des Parkplatzmangels. So siedelte so mancher um, zum Beispiel nach Haueneberstein, Sandweier oder Sinzheim. Damit ging und geht der Innenstadt aber Kaufkraft verloren, denn diese Bürger orientieren sich eher nach Bühl, Rastatt, oder greifen nach den Angeboten auf der "grünen Wiese". Der Einwohnerrückgang hat noch weitere Folgen: Weniger Bewohner bedeuten weniger Leben. Das wird Abend für Abend nach Geschäftsschluss deutlich, wenn die Innenstadt bis auf die gastronomischen "Brennpunkte" förmlich ausstirbt, dunkle Fensterhöhlen die verlassenen Büros dokumentieren und lichtlose Altstadtwinkel abschrecken. Das führt auch zur Sicherheitsfrage. Zurück zum Verkehrssystem. Das ist nicht nur ein Problem der Baden-Badener, sondern vor allem für die auswärtigen Besucher, Kunden und Gäste und damit wieder für das gesamte Gewerbe in der durch den Poller zweigeteilten Innenstadt. Bis zur „Sperre" vor dem Kurhaus findet der Auswärtige und Ortsunkundige noch seinen Weg, doch wenn er auf die "andere" Seite muss, beginnt das Chaos. Das gilt gleichermaßen aus Richtung Oos oder Lichtental. Ortsfremden den (Um)Weg durch den Tunnel zu erklären, ist fast unmöglich und so rufen die unvermeidlichen Suchfahrten erheblichen imageschädlichen Ärger hervor. Die auswärtige, einkaufswillige Kundschaft reagiert anders. Wer trotz des Mangels an gebührenfreien Parkplätzen oder preiswerter Parkhäuser in die Innenstadt fährt, besucht nur den Stadtteil "vor" dem Poller. Der Einzelhandel "hinter" dem Poller ist abgeschnitten. Der kommunalpolitische Denkfehler, Gäste und Kunden in die Busse der Baden-Baden-Linie locken zu können und die Innenstadt autofrei zu halten, bedarf einer deutlichen Korrektur. Das gilt auch für die gemeinderätliche Ablehnung, ein neues Innenstadtkonzept zu erstellen, das in der aktuellen Situation mehr als erforderlich ist. Schließlich hat sich nicht nur die Innenstadtsituation erheblich verändert, sondern auch das Kaufverhalten der Bürger, Gäste und Kunden. Koordinierung Zukunftsaufgabe Baden-Baden hat nach wie vor seine gewachsenen Potenziale, doch im letzten Jahrzehnt wurde vergessen, diese ins rechte Licht zu rücken und auszuspielen. Ohne Werbung geht im Fremdenverkehrsbereich nichts. Das hat Baden-Baden drastisch vorgeführt, wie die Übernachtungszahlen seit 1990 beweisen, die sich jetzt erst wieder im Aufwind befinden. Die Einleitung der BKV "Reform", die in der Auflösung dieser Anstalt endete (ein Prozess, der von 1990 bis 1994 dauerte), hatte Auswirkungen, die den Baden-Badener Fremdenverkehr in den Keller stürzen ließen. Der Versuch, in kurzer Zeit ein neues Baden-Baden zu schaffen, einen Bankenplatz, Festspielstadt, Gewerbestandort, eine Stadt für alle und alles, musste scheitern, da die Grundstrukturen verändert und von den maßgeblich Beteiligten zu wenige mit ins Boot und damit auf den Weg genommen wurden. Der Kahn begann allmählich aus dem Ruder zu laufen. Vor der BKV-"Reform" hatte die Stadtverwaltung mit dem Fremdenverkehr, mit Kurhaus, Kongresshaus, den Bädern, dem Spielbetrieb des Theaters und dem Orchester, Veranstaltungen und Marketing nichts zu tun, musste sich nur um ihre kommunalen Belange kümmern und konnte die BKV regelmäßig zur Kasse bitten, wenn sie finanzielle Hilfe benötigte. Jetzt hat die Stadt trotz der festgeschriebenen Landeszuschüsse für Theater und Orchester finanzielle Probleme mit dem Kulturbereich, ist eigenverantwortlich für das Kongressgeschäft und darf als Mitgesellschafter bei der Baden-Baden Marketing und der Festival Baden-Baden mitreden, hat aber nicht die geringste Einflussmöglichkeit auf die landeseigenen Bäder, das Kurhaus und das stiftungsgestützte Festspielhaus. Mit der BKV-"Reform" hat die Stadt die Gesamtverantwortung übernommen und sich damit einen Brocken aufgeladen, den sie nur schwer schultern kann. Während die einstige Bäder- und Kurverwaltung alljährlich zur Finanzierung ihrer Aufgaben einen Festbetrag aus der Spielbankabgabe zurückerstattet bekam und auch die Erträge und Einnahmen aus allen ihren Tätigkeitsbereichen in ihrer Kasse blieben, in die die Stadt auch noch die von ihr erhobene Kurtaxe einbrachte, "leben" die nun privatisierten und kommunalisierten Bereiche von zweckgebundenen Landeszuschüssen, die das Land auch noch jährlich um die Höhe der stadteigenen Kurtaxeeinnahmen kürzt. Neben dem zusätzlichen Verwaltungsaufwand, den die BKV-Reform" der Stadt bescherte, ging aber ein unersetzlicher und wesentlicher Faktor gänzlich verloren: Die Koordinierungsmöglichkeit aller Einrichtungen und Maßnahmen, die Steuerung aus einer Hand. Es war ein Riesenlapsus, die "Klammer" zu vergessen, die nun die privaten Gesellschaften und die der Stadt unterstellten Bereiche zusammenhalten sollte. Mit "Bündelung aller Kräfte" und einem Bewirken von "Synergieeffekten" hatte die "Entflechtung" der BKV, wie Gerhard Mayer-Vorfelder die Reform bezeichnete, nichts zu tun. Es ist müßig, den Gründen für die Auflösung der BKV und damit dem Ende dieses Steuerungs- und Koordinierungsinstruments weiter nachzugehen. Nur eins steht fest: Das Land wollte sich schon lange vom gemeinsamen "Kind" Bäder- und Kurverwaltung trennen, schob politisch bereits Mitte der 80er Jahre BKV "Missstände" vor und kürzte immer massiver die Rückerstattung aus der Spielbankabgabe. Doch ohne die Zustimmung der Stadt Baden-Baden war die Auflösung dieser Anstalt zu keinem Zeitpunkt möglich. Das Ende der BKV war also auch der politische Willen der Stadt, die nun die Folgen zu tragen hat. Ein ganz wichtiger Schritt in Sachen "Schadensregulierung" ist, in irgendeiner Form wieder eine Koordinierung der Aufgaben und Ziele zwischen den Privatgesellschaften (zu denen auch das Festspielhaus zählt) und den städtischen Bereichen herzustellen. Die einst vergessene "Klammer" muss in irgendeiner Form wieder neu geschaffen werden. Viel hängt dabei vom persönlichen Willen und Wollen der "Privaten" ab, doch alle müssten sich darüber im Klaren sein, dass sie gemeinsam in einem Boot sitzen. Das gilt auch für die Baden-Badener selbst, die sich wieder zu ihrer Stadt bekennen müssen. Wie flott dieser "Kahn" in Zukunft sein kann hängt von jedem Einzelnen ab, egoistisches Denken und Verhalten muss ein Ende haben. Es macht auch keinen Sinn mehr, Fehlerforschung zu betreiben. Das Ziel für alle muss es sein, anhand der Gegebenheiten und im Wissen um die Vergangenheit den Weg nach vorn anzutreten, gemeinsam ein Gesamtprodukt Baden-Baden zu schaffen das auch gemeinsam "verkauft" werden muss. Wenn dieses Gesamtprodukt dann noch erfolgreich ist, kann der Kreislauf wieder funktionieren, stimmt es auch wieder im Einzelnen. Gewerbe wichtig, Fremdenverkehr wichtiger. Einst wurde Baden-Baden das Flaggschiff des deutschen Bäderwesens genannt, doch diese Zeiten sind schon lange vorbei. Als Kur- und Bäderstadt hat sie keine Vorbildfunktion mehr, gilt es eher als warnendes Beispiel dafür, dass die Änderung gewachsener Strukturen als Anpassung an die Entwicklung zwar sinnvoll sein kann, aber behutsam und mit viel Fingerspitzengefühl durchgeführt werden muss. Nach dem Desaster im Fremdenverkehrsbereich ist der Aufbau des zweiten Standbeins "Gewerbestandort", auf den zugunsten der Kurstadt bis in die 80er Jahre verzichtet wurde, heute absolut richtig und wichtig. Der reformbedingte Strukturwandel, der jetzt der Stadt zusätzliche Aufgaben und Ausgaben beschert, verlangt neue, zusätzliche Einnahmequellen, doch so schnell sind diese nicht zu erschließen. Mit dem künftigen Gewerbegebiet in Baden-Oos und der Cité erhält die Stadt zwar entsprechende Flächen, doch so schnell werden diese, trotz aller guten Ansätze, nicht zu füllen sein. Landauf und landab haben die Kommunen das gleiche Bestreben, Gewerbe anzusiedeln und das oft zu besseren Konditionen als in Baden-Baden. Gefährlich ist es also, jetzt politisch allein auf die Karte "Gewerbeansiedlung" zu setzen und dabei die Fremdenverkehrsstadt Baden-Baden zu vergessen, denn so schnell zahlt auch neues Gewerbe keine Gewerbesteuer. Bis da die erste Steuermark fließt, dürften wohl zehn Jahre ins Land gehen und so lange kann Baden-Baden nicht mehr warten. Umso wichtiger ist es, das traditionelle Standbein Fremdenverkehr zu reaktivieren. Die politische Aussage, "alle Kraft in die Gewerbeansiedlung", kann so nicht stehen bleiben, wenn zur gleichen Zeit das "Herz" Baden-Badens, das Zentrum, dem Infarkt entgegensteuert. Viele Jahre lang gab es in Baden-Baden keine klare Marschrichtung mehr. Das Kongresswesen liegt sei dem Umbau des Hauses (1994) weit hinter den Erwartungen. Der privatisierte Bäderbereich (Besitzer Land) führt sein Eigenleben, ebenso wie das staatliche Kurhaus. Theater, Philharmonie, die Festival Baden-Baden und das Festspielhaus befinden sich in einer Konkurrenzsituation und die Baden-Baden Marketing, das wohl wichtigste Instrument der Stadt, leidet unter chronischem Geldmangel. Was ist Baden-Baden heute? Weder Heilbad, noch Kurort, Kongress-, Kultur- oder Sportstadt. Ebensowenig Einkaufsstadt und schon gar nicht Festspielstadt, denn was sollen die "Festspiele" sein? Festspiele à la Bayreuth oder Salzburg sind in vielen Jahrzehnten gewachsen. Da hat Baden-Baden viel zu tun, um seine entsprechende attraktive "Nische" zu finden. Weit hinter den versprochenen und hochgesteckten Erwartungen liegt das Festspielhaus als "Wirtschaftsförderungsinstrument" für Baden-Baden, die das noch bis zum Jahr 2020 andauernde erhebliche finanzielle Engagement der Stadt (über 150 Millionen Mark sind noch zu zahlen) begründet haben. Richtig ist, wie sich positiv zeigt, das Engagement für die Europäische Medien- und Eventakademie. Die beschert der Stadt nicht nur junge Gäste, sondern bildet auch, wie sich aktuell zeigt, einen Anziehungspunkt für Firmen aus der Medienbranche, die nicht nur Interesse zeigen sondern sich ansiedeln wollen. Baden-Baden benötigt dringend die Fertigstellung des politisch zurückgestellten Leitbildes, damit wieder eine klare Vorgabe vorhanden ist, wie diese Stadt "verkauft" werden kann. Allein mit der Vorgabe "Gewerbestandort" sind keine Gäste zu locken, kurzfristig die Übernachtungszahlen zu steigern und ein stabiler, neuer Aufschwung einzuleiten. Mehr Besucher und Gäste in der Stadt bedeuten mehr Einnahmen für Handel und Gewerbe. Kongressgäste geben durchschnittlich pro Tag bis zu 400 Mark für Unterkunft, Verpflegung, Einkäufe und anderes aus. Die anderen Übernachtungsgäste, die die Betten von Nobelherbergen bis hin zu den Klein-Pensionen füllen, dürften im Schnitt auf tägliche Ausgaben von rund 200 Mark einzuschätzen sein. Eine Steigerung der Übernachtungen um 10.000 bedeutet ganz einfach, dass mindestens 2 Millionen Mark mehr in der Stadt bleiben. Im Jahr 2000 waren es nach dieser Berechnung rund neun Millionen Mark, die der Anstieg um 45 299 Übernachtungen bewirkte. Auf die Gesamtzahl von 780 100 Übernachtungen gesehen, hinterließ der Fremdenverkehr im Jahr 2000 mindestens 160 Millionen Mark in Baden-Baden, die Tagesbesucher, vom Tagungs- und Seminarteilnehmer bis hin zu den Bustouristen noch nicht einmal mitberücksichtigt, die auch noch einige Mark in der Stadt lassen. Entsprechende Einnahmen durch neues Gewerbe dürften nur ein utopischer Traum sein. Dies muss sich jedervor Augen halten, dem die Zukunft Baden-Badens am Herzen liegt. Wieder "Wir"-Gefühl entwickeln. Was kann Baden-Baden heute tun, um seine Situation deutlich zu verbessern, die Innenstadt zu attraktivieren und wieder zu einem Anziehungspunkt zu machen, der Gäste und Kunden gleichermaßen lockt? Nun, der Ansatzpunkte gibt es viele. Der wichtigste ist zunächst, dass alle die Bereitschaft aufbringen, an der Wiederbelebung mitzuarbeiten, angefangen bei den politischen Kräften der Stadt, der Verwaltung, über Handel und Gewerbe bis hin zu den Hausbesitzern und Einwohnern. Das muss mit Strukturverbesserungen beginnen und da sei zuerst die Verkehrssituation genannt. Der einstige kommunalpolitische Traum von der autofreien Innenstadt funktioniert nicht. Die topografische Lage, die über 41 000 allein im Stadtkreis angemeldeten Fahrzeuge, machen dies schon ohne Kunden und Gäste unmöglich. Der Poller und teures Parken bewegen nicht zum Umsteigen auf die Busse der Baden-Baden-Linie, sondern zum Fortbleiben. Der Kaufkraftschwund und die Geschäftsauflösungen machen das deutlich. Eine "sanfte" Öffnung der Innenstadt, eine gewisse Durchlässigkeit, ist erforderlich. Die Frage ist nur das Wie. Ein nicht veränderbares Straßennetz, kaum eine Möglichkeit einer baulichen Lösung sind die Vorgaben und so kann eine eventuelle Neuordnung der Verkehrssituation nur im Bestand erfolgen. Das erfordert Umdenken, den Mut, auch «Tabus" wie Leopoldsplatz, Poller oder Allee zu überdenken. Die optimale Lösung kann es nicht geben und so gilt es, den besten Kompromiss zu finden, und dazu sind alle aufgerufen. Es müsste möglich sein, neue Verkehrsvarianten anzudenken, in Testläufen zu prüfen, statt sie von vornherein abzulehnen. Zum Autoverkehr gehört das Parken. Nun, Parkhäuser gibt es in der Innenstadt ohne Zweifel reichlich, doch die Akzeptanz hat verschiedene Mängel. Das beginnt schon mit dem Parkleitsystem. Statt "frei" oder "belegt" müsste auf den Leitschildern die Anzahl der freien Stellplätze angezeigt werden und auch der Weghinweis ist verbesserungsbedürftig. Das nächste wären die Parkgebühren, die zum Teil zu hoch sind. Hier ist aber nicht nur die Parkgaragengesellschaft gefragt, sondern auch der Handel. Erstattung der Gebühren ab einem gewissen Kaufbetrag wäre schon ein Ansatz und was mit kostenlosen Parken an bestimmten Tagen erreicht werden kann, beweisen erfolgreich in der Nachbarschaft Bühl und Rastatt. Zu den Rahmenbedingungen gehört auch der Rahmen, doch der hat einige Mängel. Da wäre zum Beispiel die "Achse" Bäder-Kurhaus, die Sophienstraße. Ende der siebziger Jahre mit Finanzhilfe der BKV zum „Boulevard" ausgebaut, wurde diese "Achse" ihrer Rolle nie gerecht. Die seit fast zwei Jahrzehnten leerstehende Alte Polizeidirektion, der Abriss des Altstadtviertels samt dem Gerichtsgebäude, um Platz zu schaffen für die Thermenpläne, führten zum langsamen Absterben der oberen Sophienstraße, wie bis vor Kurzem die Vielzahl leerstehender und umgenutzter Geschäftsräume zeigte. Dazu kommt noch das anonyme Leben, das die Bäder inzwischen selbst führen. Es wird höchste Zeit, dass sich um und in der Alten Polizeidirektion neues Leben regt, und das bezieht sich auch auf die Verkehrsanbindung dieses Innenstadtbereichs. Ein weiterer Mangel der Altstadt sind die brachliegenden kleinen Nebenstraßen wie Küfer- und Büttenstraße oder Baldreitgasse, denen "Lockvögel" fehlen, belebende Elemente, wie zum Beispiel eine attraktive abendliche Beleuchtung. Damit wäre schon ein weiterer Punkt angesprochen: Die Motivation des Handels, selbst für "Lockvögel" zu sorgen. Ein Bücherflohmarkt allein ist zu wenig und da sind eben Ideen gefragt, aber auch das Mitwirken der Verwaltung, wenn es zum Beispiel um entsprechende Genehmigungen geht. Wie das vorliegende Einzelhandelsgutachten ausweist ist es um das Miteinander des Einzelhandels, um die Kooperationsbereitschaft, auch nicht gerade zum Besten bestellt. Hier liegen wesentliche Ansatzpunkte und Potenziale zur Verbesserung der Situation, denn mit branchenübergreifenden Gemeinschaftsaktionen zum Beispiel, die zusammen mit der BBM und der Stadt realisiert werden können, wäre einiges auf die Beine zu stellen. Baden-Baden muss wieder zum Besuchen reizen, zum Anschauen, und wenn Gäste und Kunden einmal da sind, dann lassen sie auch das hier, um das sich alles dreht: Geld. Heute aber ist der Kunde kritischer und nur bereit, sein Geld auszugeben, wenn das Produkt stimmt und man ihm deutlich macht, dass er willkommen ist. Doch nicht nur Handel und Gewerbe, die politischen Kräfte und die Stadt, sondern auch die Bevölkerung ist dazu aufgerufen, wieder nach innen und außen ein "Wir"-Gefühl zu entwickeln und gemeinsam die großen und kleinen Probleme positiv anzugehen. Wieder aufzugreifen ist die Devise des einstigen Oberbürgermeisters Dr. Ernst Schlapper "eine ganze Stadt im Dienst des Gastes", und jedem Kunden, Besucher und Gast muss wieder das Gefühl vermittelt werden, dass er in Baden-Baden "König" ist. Baden-Badens Zukunft Angesichts der katastrophalen finanziellen Haushaltslage steht die Stadt vor noch schwierigeren Jahren als bisher. Nur noch über Kreditaufnahmen ist es möglich, die notwendigsten Maßnahmen zu finanzieren, gibt es keine Spielräume mehr. Sparen an allen Ecken und Enden ist angesagt, doch der Lage entsprechende Investitionen, zum Beispiel im Marketingbereich und der Wirtschaftsförderung, sind sozusagen ein Muss. Der kaufmännische Grundsatz, geht es dir schlecht, dann musst du werben, hat nach wie vor seine unabdingbare Gültigkeit. Das mag vielen Bürgern, aber auch so manchem Kommunalpolitiker nicht einleuchten, dass einerseits für (manch berechtigte) Forderungen kein Geld mehr da ist, andererseits in Werbemaßnahmen und Geländeerschließungen zu recht viel Geld gepumpt wird. Es ist schwer, den Bürgern plausibel zu machen, dass einerseits für die eine oder andere Maßnahme die erforderlichen 10 000 Mark fehlen, andererseits für rund 30 Millionen Mark das Gewerbegebiet in Oos erschlossen werden soll. Nun, die Stadt könnte hingehen und allein den Bürgerforderungen gerecht werden. Das wäre bequem und würde ihr viel Kritik ersparen, doch diese Verwaltung ist auch der Zukunft Baden-Badens und den nächsten Generationen verpflichtet. Sie kann nicht sagen "nach uns die Sintflut", doch das mögen so manche Bürger und Kommunalpolitiker nicht begreifen, dass gerade jetzt die Weichenstellung für die Zukunft und damit den Fortbestand dieser Stadt oberste Priorität haben muss. Die Zukunft Baden-Badens liegt weiterhin im Fremdenverkehr, auf den die Stadt seit mehr als 150 Jahren ausgerichtet ist. Allein hier sind kurzfristig zusätzliche Einnahmen zu erzielen, doch da dürfen nicht, wie geschehen, die ohnehin mageren finanziellen Möglichkeiten der Baden-Baden Marketing noch beschnitten werden. Zur Steigerung der Übernachtungszahlen und damit einer kurzfristig zu aktivierenden Einnahmequelle, darf nicht der finanzielle Einsatz gedrosselt werden. Um diese traditionelle Lebensader neu zu beleben müssen alle an einem Strang ziehen, ob Bürger oder Kommunalpolitiker. Es gibt keine andere Möglichkeit, um wieder aus dem selbst geschaffenen Tal herauszukommen und die Stadt wieder in die Lage zu versetzen, auch ihre Bürger entsprechend versorgen zu können. Die Vergangenheit im Fremdenverkehr ist weiterhin auch die Zukunft, doch an einen künftigen zweitem Bein, dem Gewerbe, muss genauso intensiv gearbeitet werden. Die Erschließung des ehemaligen Ooser Flugplatzplatzes als Gewerbegebiet verlangt noch erhebliche finanzielle Kraftakte, der Kauf des ehemaligen Kasernenareals durch die Stadt und der jetzt erfolgte Erwerb der Cité durch die Entwicklungsgesellschaft schluckten und schlucken weitere Millionen. Es wird Jahre dauern, bis sich diese Investitionen in Form von Gewerbesteuereinnahmen auszahlen, und so ist es umso wichtiger, die Nutzung dieser Gewerbeflächen nicht unter einen politischen Zeitdruck zu setzen, sondern mit Fingerspitzengefühl, Augenmaß und dem richtigen Blick für das aktuell Machbare behutsam anzugehen und diese einmalige Chance zur Entwicklung eines reuen Stadtteils optimal zu nutzen. Baden-Badens Zukunft heißt Fremdenverkehr und Gewerbestandort, doch damit diese Zukunft gesichert und ausgebaut werden kann, müssen zunächst Opfer gebracht werden. Die Hotellerie ist dafür ein gutes Beispiel. Zunächst war der Widerstand gegen den Neubau des Dorint Hotels nicht nur aus den Reihen der Beherbergungsbetriebe groß. Doch nachdem die Fünf-Sterne-Herberge nicht zu verhindern war, investierten viele der entsprechenden Innenstadt-Hotels Millionenbeträge, um der vermeintlichen Konkurrenz Paroli bieten zu können. Dieser Effekt kann auch in allen anderen Bereichen eintreten, wenn wieder, wie früher schon gehabt, alle an einem Strang ziehen, mit dem einen Ziel, Baden-Baden für seine Gäste und Besucher wieder attraktiv zu machen. Davon profitieren letztendlich nicht nur die Gewerbetreibenden, sondern auch die Stadt und damit ihre Bürger. der IHK Karlsruhe, April 2002 Lesen Sie dazu auch unseren Beitrag: Quo vadis Baden-Baden Zurück zu den News Zurück zum Archiv |
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