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Baden-Baden
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Zur Nicht-Verlängerung des Baden-Badener Intendanten

Auftakt zum steten Aushöhlen?

Peter Lüdi war wirtschaftlich und künstlerisch erfolgreich

Ernüchterung am Theater Baden-Baden: Der Gemeinderat hat beschlossen, den Vertrag des Intendanten Peter Lüdi nach dem Ablauf im Jahr 2004 nicht zu verlängern. Lüdi, der nach eigenem Bekunden gerne bis 2007 weitergemacht hätte, stünde bei Vertragsende 2004 kurz vor seinem 64. Geburtstag, doch dies spielte keine Rolle bei der Entscheidung gegen den Intendanten. Auch von der Stadtspitze für notwendig erachtete "Strukturreformen" sollen nach BNN-Informationen nicht ausschlaggebend gewesen sein, sondern persönliche Gründe. Mit anderen Worten: Der Intendant war Oberbürgermeisterin Sigrun Lang und zumindest Teilen der Stadtverwaltung offenbar nicht pflegeleicht genug.

Lüdi, der die Theaterleitung 1996 übernahm und seitdem einmal seinen Vertrag verlängert bekam, gilt nicht gerade als diplomatisch. Überlegungen der Stadt, an der Unterstützung für das Theater zu sparen - etwa bei der Bereitstellung von Räumen für den Theaterfundus -beantwortete er schon mal mit scharf formulierten Protestbriefen. Als getrübt gilt auch das Verhältnis zwischen Lüdi und der Philharmonie Baden-Baden, die früher mitunter an Theaterproduktionen beteiligt war - von der "Zauberflöte" bis zu "My Fair Lady". Lüdi wird von der Stadtverwaltung auch hier mangelnde Kooperationsbereitschaft vorgeworfen, während aus dem Theater zu hören ist, dass es bei Terminabsprachen mit der Philharmonie immer wieder Probleme gegeben habe, die eine langfristige Planung erschwerten.

Unbestreitbar ist hingegen Lüdis Besucherbilanz: Nach einem starken Absacker in der Anfangsphase hat der gebürtige Schweizer das Stadttheater kontinuierlich nach oben gebracht, um in der vergangenen Saison die Marke von 71 904 Besuchern zu erreichen, was dem Haus in den vergangenen 20 Jahren nur zweimal gelungen war. Dadurch konnte das Theater durch Eigeneinnahmen von 773 613 Euro sogar den Teil des städtischen Zuschusses, der in den tatsächlichen Spielbetrieb fließt (746 700 Euro) überbieten.

Das ist umso bemerkenswerter, da Lüdi nicht auf pures Gefälligkeitstheater setzte. Neben eher bedächtigen Klassikerinszenierungen, zum Teil von ihm selbst betreut, machte er sein Publikum mit zeitgenössischen Stücken und Sichtweisen vertraut. Glücksgriffe wie die "Antigone" des heutigen Karlsruher Oberspielleiters Donald Berkenhoff oder Kai Festersens grandiose "Hamlet" -Inszenierung bewiesen, dass ambitioniertes Theater und Publikumserfolg keine zwei Welten sein müssen.

Solche Theaterabende zeigten auch immer wieder den Wert eines eigenen Theaterensembles, dessen Fortbestand in Baden-Baden durch die neue Personalentscheidung wieder unsicherer wird - auch wenn die Verwaltung oft beteuert, daran nicht rütteln zu wollen. Denn zwar hat das Land im Zuge der Reform der Bäder- und Kurverwaltung langfristige Zuschüsse für den Betrieb des eigenen Ensembles zugesagt. Doch Beobachter der Lage fürchten, dass ein stetes Aushöhlen und vorzeitiges Auflösen des Ensembles diese Zuschüsse "unnötig", also einsparbar machen könnte. Angesichts der prekären Haushaltslage der Stadt hat Lüdi bereits in den Verzicht auf zwei künstlerische Stellen (eine in dieser, eine in der kommenden Spielzeit) eingewilligt. Falls sich diese Entwicklung fortsetzt, könnte das Ensemble tatsächlich an einen Punkt gebracht werden, an dem unverhohlen sein Erhalt in Frage gestellt wird. (Andreas Jüttner BNN 23.10.2002 Kulturteil)


Diskussion um den Theaterintendanten hält an

Hat Lüdi den Schwarzen Peter?

"Bin manchen ein Dorn im Auge"
Rückenstärkung durch die SPD

Während OB Sigrun Lang den Baden-Badener Gemeinderat davon hat überzeugen können, dass das Verhältnis zwischen Peter Lüdi und dem Rathaus unheilbar zerrüttet ist und das Gremium folglich einen neuen Vertrag mit dem gebürtigen Schweizer ablehnte, sieht der betroffene Theaterintendant "überhaupt kein Zerwürfnis". Dennoch sei der Grund für seine erzwungene Demission im Jahr 2004 "rein im Persönlichen" angesiedelt, wie er im Gespräch mit den BNN erklärte. Unterdessen hat sich die SPD-Fraktion öffentlich hinter den Theatermann gestellt und "möchte eindeutig klarstellen", wie es in einer Presseerklärung von Lore Naber heißt, "dass wir die erfolgreiche Arbeit des Intendanten fortgesetzt sehen wollen".

Der teilte seinerseits gestern aus: "Ich bin manchen ein Dorn im Auge" sagte Lüdi und ließ kaum Zweifel daran, wen er damit im Besonderen meinte - Baden-Badens Generalmusikdirektor Werner Stiefel. Zwar habe es jedes Jahr eine Produktion zusammen mit der Philharmonie gegeben, doch das Tischtuch zwischen den Spitzen der beiden Kulturinstitutionen ist offenkundig zerschnitten.

"Stiefel verweigert sich", wirft Lüdi dem obersten Musikus der Stadt vor, "und ich bekomme den Schwarzen Peter". Hintergrund ist die Produktion des Musicals "My fair Lady", für das zeitweise "Leihmusiker" aus Pforzheim engagiert werden mussten, weil das Baden-Badener Orchester nicht zur Verfügung stand. Wie Lüdi bestätigte, findet auch die geplante "Anatevka" ohne Baden-Badener Philharmonie statt. Werner Stiefel war gestern für eine Stellungnahme nicht zu erreichen.

Ansonsten räumt der Theaterintendant ein, dass er kein pflegeleichter Angestellter der Stadt ist. Will er wohl auch gar nicht sein:

"Ein Intendant liegt immer im Clinch mit der Verwaltung, dazu sind die Interessengegensätze zu groß."

Clinch? "Ich habe mich nur gewehrt, wenn ich ungerecht behandelt wurde", beschreibt Peter Lüdi seinen Umgang mit der Rathausspitze, die sein Verhalten des Öfteren als unbotmäßig eingestuft und mit Abmahnungen geahndet hat, die allerdings (wie berichtet drei an der Zahl) alle zurückgenommen werden mussten. ,"Jedenfalls", so der Spielleiter des Theaters, das unter seiner Führung beträchtlich an Format und damit auch an Zuschauern gewonnen hat, "ist mein Rückgrat noch intakt". Uberhaupt habe man es als Theatermann schwerer als ein Musiker (gemeint ist Stiefel): "Die (heißt: Philharmonie) spielen nach dem Motto ,allzeit bereit' bei jedem Geburtstag zum Lobe der Mächtigen - das kann das Theater nicht leisten."

Um seine Zukunft nach Ablauf des Vertrages mit der Stadt im Jahr 2004 macht sich Lüdi keine Sorgen. Er könne überall als Gastregisseur arbeiten, seine Hobbys Pferde und Malerei pflegen und hätte im Jahr 2006 "sowieso aufgehört" (Lutz Stein BNN 23.10.2002 Lokalteil)


OB: Um den Intendanten, nicht um die Struktur geht es

Erstmals hat OB Sigrun Lang jetzt zu ihrem Vorschlag, den Vertrag des Theaterintendanten nicht zu verlängern, Stellung genommen: "Es geht um den Intendanten, nicht um die Struktur", sagte sie im BT-Gespräch. Die Gründe seien "rein personenbezogen". Unterdessen erteilte die CDU-Fraktion "Spekulationen über ein Bespiel-Theater" ein Absage.

Die Oberbürgermeisterin betonte, dass das von ihr gewünschte Ende, des Lüdi-Engagements Mitte 2004 "mit der Struktur nichts ursächlich zu tun" habe. Dass in der Sitzungsvorlage von "strukturellen Veränderungen" die Rede sei, bedeute lediglich, "dass so etwas kommen könnte". Überall in der Verwaltung werde geprüft, wo organisatorische Veränderungen möglich seien. dabei gebe es "kein Tabu".

Auf den Hinweis, dass Intendant Peter Lüdi in der vergangenen Spielzeit auf einen deutlichen Zuwachs bei den Besuchern verweisen könne und zahlreiche Bürger deshalb nicht verstünden, dass der Vertrag nicht verlängert werden solle, sagte Lang wörtlich: "Das Problem ist, dass ich wohl die einzige bin, die sich daran hält, zu dem was Personen angeht, nur in nicht öffentlichen Sitzungen etwas zu sagen." Auf nochmaliges Nachfragen fügte sie hinzu: "Für mich ist es eine auf die Person bezogene Entscheidung." Über die Gründe öffentlich zu reden, "das wäre nicht Recht".

Unterdessen stellte die CDU-Fraktion in einer Mitteilung fest: "Das Theater wird auch in Zukunft mit einem eigenen Ensemble das Kulturangebot dieser Stadt bereichern." Dafür werde die CDU kämpfen. Es mache keinen Sinn und sei "auch völlig abwegig", das Ensemble-Theater in Frage zu stellen, heißt es in der Mitteilung weiter. Die Fraktionsvorsitzende Ursula Lazarus verweist darin auf die "erfolgreichen Verhandlungen" mit dem Land, wodurch die Zuschüsse für das Theater seit dem vergangenen Jahr für weitere zehn Jahre gesichert worden seien.

Allerdings sei es vor dem Hintergrund der "angespannten Finanzlage" nicht nur sinnvoll, "sondern längst notwendig, über Einsparmöglichkeiten auch beim Theater nachzudenken" und damit die städtischen Zuschüsse zu reduzieren - zum Beispiel im Bereich der Verwaltung, aber auch durch eine "bessere Kooperation" mit der Festival Baden-Baden GmbH und der Baden-Badener Philharmonie, heißt es in der Mitteilung.

Im Hinblick auf die Diskussion um Lüdis Zukunft erwarte Lazarus von OB Lang "klare Antworten auf bisher offene Fragen", heißt es weiter. Und: "Wenn es am 21. Oktober im Gemeinderat um die Vertragsverlängerung des Intendanten geht, wird uns die Verwaltung einiges sagen müssen." (BT 10.10.2002)


Peter Lüdis Vertrag ist nicht verlängert worden. Ein/e Nachfolger/in für die Spielzeit 2004/2005 war im Mai 2003 noch nicht bestimmt. Bei der Vorstellung des Programms für die Spielzeit 2003/2004 am 12. Mai 2003 titelte Peter Lüdi seinen letzten Spielplan für das Baden-Badener Theater mit den Worten "Das Leben ist eine Rutschbahn." und teilte unter anderem mit, dass der Schauspieler Bernd-Michael Baier das Ensemble verlasse. Nachzulesen war dies im BT vom 13. Mai 2003. Zu den Vorgängen um Peter Lüdi und den Weggang Bernd-Michael Baiers war am 20. Mai 2003 folgender Leserbrief im BT abgedruckt:

Das Wunder blieb leider aus

Ein BT-Leser aus Baden-Baden, schreibt zum Bericht "Aufstieg und Fall des Theaterhelden" (BT vom 13. Mai):

"Schade, es war zu erwarten, das Wunder blieb aus, der großartige Schauspieler Herr Baier war wohl an unserem Theater nicht zu halten. Keine enthusiastische Schlagzeile mehr. Eine ganz andere Schlagzeile der besonderen Art ist Lüdis letzter Spielplan. Sein Motto für diesen Spielplan greift voll ins Leben, und das Rutschen ruiniert so manchen Hosenboden.
Sein persönlicher Rutsch inklusive ruiniertem Hosenboden auf der Rutschbahn des Lebens, sprich sein Rausschmiss durch die Verantwortliche(n) der Stadt Baden-Baden, ein Rausschmiss gegenüber einem, der mehr für diese Stadt getan hat als unsere in Schlafzustand verharrende Stadtvögtin es wohl jemals tun kann, steckt mir noch im Hals. Die OB war fürwahr keine Gönnerin von Herrn Lüdi. Wer wie Lüdi sich an vielen Fronten des Bühnenalltags bewährte, die strukturellen Veränderungen und Flexibilisierungen des Theaters einerseits gut bewältigt, andererseits die künstlerische Reputation des Theaters sicht- und zählbar gesteigert und deutlich verbessert hat, der hat sich zweifellos um unsere Stadt verdient gemacht, dem wäre ein schönerer Abgang mit der entsprechenden Anerkennung seitens der Stadt zu gönnen gewesen. Soviel positive Feuilletonliteratur in Fachzeitschriften und Zeitungen (auch überregional) über unser Theater kommt so schnell nicht wieder.

Exekutiert ist der alte König, es lebe (bald) der (die) neue König (Königin). Rein spekulativ empfehle ich schon mal allen gemeinderätlichen Brüdern und Schwestern: Was guckt Ihr so missmutig und so verdrießlich? Versteckt eure langklingigen Messer unter euren Mänteln und schärft sie aufs Neue und tut, was man euch sagt, wenn Sie euch wieder mal bei individuellen Chefsachen zu dero eigenen Wohle und Glanz und nicht zu dem dieser Stadt klapperig pfeift."


Ende einer Dienstzeit:

Befreiend - ohne die da oben

Peter Lüdis tränenloser Blick zurück zum städtischen Theater

"In Regensburg habe ich jetzt gerade ein Stuck als Gastregisseur erarbeitet, und Sie können sich gar nicht vorstellen, wie befreiend das war - einmal einfach Theater machen ohne all die Belastungen und den Ärger mit denen da oben", sagt der scheidende Baden-Badener Theater-Intendant Peter Lüdi in einem Gespräch mit den BNN im Anschluss an die letzte Theater-Matinee seiner Amtszeit, an der er ausnahmsweise mitwirkte. "Die da oben", das ist das Rathaus, das ihm aus seiner Sicht die Arbeit fürs und am Theater so schwer gemacht habe.

Dabei kann sich seine Bilanz sehen lassen. Angesichts der durchaus nicht leichten Aufgabe, das Theater gegen die Konkurrenz des Festspielhauses behaupten zu müssen, kann er bemerkenswerte Erfolge vorweisen. Seine Konzeption, in modern, leichtfüßig und unterhaltsam daher kommenden Stücken Tiefgang und anspruchsvolles Theater zu verpacken, ging auf: Die Zuschauerzahlen stiegen, der Anteil der Gesamtkosten, die durch Einnahmen aus dem Kartenverkauf zu verbuchen war, stieg. Dazu trug auch die Art und Weise bei, wie er - mit großem Erfolg - die früher üblichen jährlichen Opernproduktionen durch"Theater mit Musik" ersetzte. Erinnert sei an die "Comedian Harmonists", an "Mütter" oder auch an "Anatevka". Das ist wesentlich kostengünstiger als eine Oper, deshalb aber keineswegs weniger attraktiv.

Warum gab es trotzdem so viel Ärger mit dem Rathaus? Irgend etwas hat der Rathausspitze an Lüdis Arbeit offenbar missfallen. Er weiß: "Ich war nicht pflegeleicht." Er habe dafür gekämpft, dass das Theater seine ureigene Arbeit machen könne und nicht dauernd mit Dingen belastet werde, die mit dem Theater eigentlich nichts zu tun haben, die aber Voraussetzung für gute Theaterarbeit seien. Für ihn aber seien die Auseinandersetzungen mit dem Rathaus zermürbend gewesen.

Noch vor Jahresfrist hatte es der erfolgreiche Theater-Intendant sehr bedauert, seine Arbeit in Baden-Baden nicht fortsetzen zu können - es wäre vor seiner Pensionierung ohnehin die letzte Vertragsperiode gewesen. Heute weint er der Arbeit am TBB keine Träne mehr nach.

Er hat die Zusammenarbeit mit seinen Mitarbeitern und der Erfolg beim Publikum in guter Erinnerung und freut sich auf die vor ihm liegende Arbeit als freier Regisseur - auf eine Arbeit "ohne all den unnötigen Ärger mit der Stadtverwaltung". Das Resümee eines erfolgreichen Theatermannes am Ende seiner Intendanz scheint auch ein Licht auf seinen Dienstherrn im Rathaus zu werfen:
"Ich bin froh, dass ich das alles jetzt hinter mir habe", meint Peter Lüdi und wendet sich seinen kommenden Regieaufgaben auf anderen Bühnen im deutschsprachigen Raum zu.

Badische Neueste Nachrichten, 7. Juni 2004


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